Anklage Vatermord
Der Fall Philipp Halsmann

von Martin Pollack

€ 22,10
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 328 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.07.2002

Er zählt zu den besten Fotografen der Welt, seine Porträts der Reichen und Schönen hängen in den wichtigsten Sammlungen. Ein Ereignis lastete jedoch als Trauma auf seinem Leben: Am 10. September 1928 war sein Vater während einer gemeinsamen Bergtour im Tiroler Zillertal tödlich verunglückt, noch am selben Tag wurde Philipp Halsmann wegen Verdachts auf Vatermord verhaftet. In dem politisch aufgeheizten Klima der Zwischenkriegszeit entwickelte sich aus dem Kriminalfall eine internationale Affäre. Martin Pollack ist den Spuren des Falles Halsmann gefolgt und hat sie "mit der Genauigkeit eines leidenschaftlichen Historikers und der Vorstellungskraft eines Erzählers" (Christoph Ransmayr) in einem packenden dokumentarischen Roman aufgezeichnet. Martin Pollack, 1944 in Bad Hall, Oberösterreich, geboren. Studierte Slawistik und osteuropäische Geschichte. Bis 1998 Redakteur des "Spiegel", seither freier Autor und Übersetzer. Bücher: u.a. "Galizien. Reise durch eine verschwundene Welt" (2001).

Rezension aus FALTER 32/2002

Martin Pollack hat den Vatermord-Prozess gegen den berühmten Fotografen Philipp Halsmann neu aufgerollt und ein verstörend aktuelles Buch über die österreichische Justiz der Zwanzigerjahre geschrieben.

Nichts ist in Österreich verkommener als der Justizjournalismus. Im besten Falle kommt er als heiteres Bezirksgericht oder als skurrile Alltagsgeschichte daher. Normalerweise jedoch beschränkt er sich auf die Wiedergabe des Urteils und der Miene des Angeklagten bei der Urteilsverkündung. Mit der Rekonstruktion der Wahrheitsfindung oder dem politischen Einfluss auf "unabhängige richterliche Urteile" befassen sich österreichische Journalisten weniger gern. Schon gar nicht in Büchern.

Der ehemalige Spiegel-Reporter Martin Pollack hat in Deutschland gelernt und zeigt, wies geht. Im August 1991 war er auf eine kleine Zeitungsmeldung über ein ziemlich merkwürdiges Begräbnis am Innsbrucker Westfriedhof gestoßen. Der eingeschlagene Schädel eines litauischen Juden, der seit über siebzig Jahren zunächst als Beweismittel, dann wohl als Schaustück in einem Konservierungsbad an der Innsbrucker Gerichtsmedizin aufbewahrt wurde, sollte bestattet werden. Kaum war der Kopf unter der Erde, erschien der Leiter der Gerichtsmedizin und befahl, diesen noch einmal auszugraben, um ihn amtlich "identifizieren" zu können.

Pollack begann, die Geschichte des Kopfes zu recherchieren, begab sich in Archive, sprach mit Richtern, Zeitzeugen und Historikern. Herausgekommen ist mit "Anklage Vatermord" nicht nur die packende Chronik eines längst in Vergessenheit geratenen Prozesses gegen einen später zu Weltruhm gekommenen Star-Fotografen, sondern ein immer noch aktuelles Sittenbild, das zeigt, wie (Laien-)Richter in politisch aufgeladenen Zeiten zu ihren Urteilen kommen.

Der in Innsbruck konservierte Kopf gehörte Morduch Max Halsmann, einem jüdischen Zahnarzt aus Litauen, der mit seinem Sohn Philipp im Zillertal zu einer Gebirgstour aufgebrochen war. Aus bis heute nicht geklärtem Grund stürzte Morduch Halsmann in einen Graben und landete kopfüber in einem Fluss. Am Tatort wurden tiefe Schleifspuren gefunden und ein blutiger Felsbrocken sichergestellt. War es Mord? Oder doch nur ein Unfall? Hatte einer jener 150.000 "Wandervögel", die zu dieser Zeit Tirols Berge unsicher machten, einen abgestürzten Mann ausgeraubt und erschlagen, während sein Sohn zur nächsten Berghütte lief, um Hilfe zu holen? Halsmanns Sohn, ein sensibler Junge, der stets seine Unschuld beteuerte, kam jedenfalls in Untersuchungshaft und vor das Geschworenengericht.

Minutiös illustriert Pollack das politische Milieu, in dem die Tiroler Justiz ihr Verfahren gegen einen jüdischen Intellektuellen führte, vermittelt Einblicke ins Tirol der Zwanzigerjahre, in dem der "Tiroler Antisemiten-Bund" herrschte und "plattfüßigen Libanontirolern" den "Zugang in unser Land mit allen Mitteln verwehren", "Juden, hinaus aus Tirol" verbannen wollte. Es war aber auch die Zeit des anbrechenden Fremdenverkehrs: Zeitungen nahmen Morde in Bergen stets zum Anlass, um vor den Gefahren zu warnen, die nichts ahnenden Sommerfrischlern in den Alpen drohten. Ein Mörder musste also gefunden werden. War er Jude, umso besser.



Der "Fall Halsmann" wurde zur internationalen Affäre. Gutachter, Experten und Intellektuelle wie Sigmund Freud und Albert Einstein nahmen Stellung. Aufgeschlossene Anwälte und einflussreiche Juden aus dem "Roten Wien" versuchten, Tiroler Landgendarmen im Prozess Schlampereien nachzuweisen, und brachten damit nicht nur die Tiroler Provinzblätter, sondern letztlich auch die Geschworenen gegen sich auf. Kurz: Es spielte - und hier wird das Buch gespenstisch aktuell - eine entscheidende Rolle, ob "Andersartige" gegen "Hiesige" vor Gericht traten. Nur eines kann einem die Lektüre dieses historischen Justiz-Thrillers wirklich verleiden: der Klappentext, der das Ende des Falles einfach vorwegnimmt.

Florian Klenk in FALTER 32/2002 vom 09.08.2002 (S. 53)


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