einschlafgeschichten

von Friedrich Achleitner

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Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

In seinen "einschlafgeschichten" verarbeitet Friedrich Achleitner Tagesreste zu wunderbaren kurzen Texten, die Traum und Witz verbinden.

Ein halb aufgeschlagenes Bett, quer drüber: "friedrich achleitner - einschlafgeschichten". Ein mild gestimmtes Alterswerk? Schreibt er jetzt Märchen? Der Schriftsteller und Architekturhistoriker als Softpornograph, wie es das weiße Cover mit der kaum benützten Bettstatt nahe legen könnte? Oder doch einer, der aufgestanden ist, weil er keinen Schlaf findet?

Um es vorwegzunehmen: Das Buch ist genial, auch wenn nicht alle Geschichten gleich gut sind und die Groteske mitunter von geschmackvollem Humor gezähmt wird. Unspektakulär in den Mitteln, entfalten die fast hundert Prosastücke mit einem Umfang von höchstens zwei Seiten maximalen Effekt und erbringen den Beweis, dass "in der konkreten Dichtung noch immer was geht", wie Achleitner einmal sagte.

Vordergründig begann die Dichterexistenz des 1930 geborenen Friedrich Achleitner anders, spektakulär: Neben dem Studium der Architektur Aufbegehren gegen den austriakischen Mief der Fünfzigerjahre im literarischen Kabarett der "Wiener Gruppe" um Gerhard Rühm, Konrad Bayer, Oswald Wiener und H.C. Artmann. Auf einem Foto aus dieser Zeit sieht man einen verhalten selbstbewussten jungen Mann in Lederhosen, der auf einem Roller in den Vortragssaal einfährt oder auf der Bühne neben einem Klavier steht, das gerade zertrümmert wird. Achleitner schuf damals Experimentelles, Texte wurden "gemacht" und nicht gedichtet; die "Gute Suppe" oder die Montage einer k. u. k. Strafverordnung gehören ebenso zu Klassikern der zeitgenössischen Literatur wie die Dialektgedichte aus "hosn rosn baa".

Achleitners "eigentliche", auf die Literatur folgende Tätigkeit als Architekturkritiker für die Presse und seine Lehrtätigkeit als Architekturtheoretiker haben höchst lesbare Essaysammlungen wie "Nieder mit Fischer von Erlach" und zahlreiche Schüler hervorgebracht, die Weckung eines kritischen Bewusstseins im Umgang mit Architektur (und Bausünden) gehört wesentlich zu Achleitners Leistungen. Sein "Architekturführer Österreichs", eine flächendeckende Dokumentation österreichischer Bautätigkeit im 20. Jahrhundert zwischen Vorarlberg und Wien (bis auf zwei Bände abgeschlossen), würde als Lebenswerk alleine schon reichen. Aber das sind auch noch der "Quadratroman" (ein Versuch, das literarische Experiment der konkreten Poesie zu Ende zu bringen), die diversen Essaybände zur Architektur der Moderne oder zum Regionalismus oder "Die Plotteggs kommen", ein "narrativer Essay" über moderne Landschaftswahrnehmung. Ziemlich viel für jemand, der Minimalismus in sämtlichen Spielarten über alles schätzt. Achleitners Prosa ist immer lehrreich, aufklärend, diszipliniert. Obwohl seinen architekturkritischen Texten literarische Qualitäten zu Recht zugesprochen werden, will Achleitner davon nichts wissen und spricht lieber vom "Nachgehen". Nun folgt nach längerer Zeit wieder ein "Primärtext" - Literatur eben.

Die "einschlafgeschichten" sind in gewisser Weise ein Ergebnis von Achleitners "Nachgehen" der Architektur: Jemand bewegt sich als aufmerksamer Beobachter großer und kleiner Dinge durch das Land, reist mit Flugzeug oder Zug, wohnt in Hotels, Alltagsgegenstände und -situationen kippen immer wieder ins Irreale. "ich schau mir gern beim machen von geschichten zu" lautet das Motto. Da ist der merkwürdige Pinkler, der Spuren der Toilettenbesucher vor ihm beseitigt, oder einer, der in jedem Hotel zwischen Salzkammergut und Moskau für den Notfall Servietten sammelt und ein Chaos der Weltorte (oder Aborte) erzeugt. Da findet sich ein Dialog zwischen Filzstift und dessen großem Bruder, dem Marker; man liest von den vergeblichen Flugversuchen des südsteirischen Bauern Klapotetz, einer vom Brenner bis in die Halle des Innsbrucker Hauptbahnhofes bellend hustenden Dame oder jenem ominösen Fluggast, gegen dessen Anblick nur noch die Beschreibung hilft: "die ohrmuscheln - fladen unstrukturiert wuchernder knorpel".

Barock mochte Achleitner noch nie. Die "einschlafgeschichten" stellen - psychologisch gefasst - die Verarbeitung von Tagesresten nicht zu Traum oder Witz dar, sondern zu Texten, die beides verbinden. Nicht: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen; sondern: Wer nicht schlafen kann, muss Einschlafgeschichten erfinden.

Der Gegenstand kann dabei absolut nichtig sein: "am besten ist ein popel zwischen zeigefinger und daumen, in langsamer drehbewegung verdichtet, der die wenigen meditativen glücksmomente auslöst, wo körper und welt, geist und universum durch ein milligramm selbstproduzierter materie, geknetet in harmonie versinken." Eine bösere österreichische Schöpfungsgeschichte als "bekennender nasenbohrer" wurde nicht geschrieben.

Oder: ein dialog zwischen Frage- und Rufzeichen: "ich erfülle meine pflicht, wie es vielleicht deine ist zu fragen: was heißt hier pflicht, sagte das fragezeichen, krümmte den rücken und zeigte wie eine schwangere den bauch: was du betonst, ist vergangenheit, ist bestenfalls gegenwart, ich aber trage die zukunft in mir." Das ist nicht nur ein Spiel mit Formen und eine überzeugende Apotheose des Skeptizismus. Wie von selbst rollt hier die Sprache ab, Form und Inhalt fallen zusammen. Zwei Kulturen, die des Erfindens und jene des Entdeckens, Natur und Geist sind im Text aufgehoben.

Friedrich Achleitner wären solche Vokabel viel zu großsprecherisch; wer von Natur, Geist oder Gott spricht, den hält er für einen Dilettanten. Freiheit beginnt bei ihm so: "freiheit beginnt mit f und endet mit t."

Erich Klein in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 13)


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