Mann im Schatten
Der Filmemacher Edgar G. Ulmer

von Stefan Grissemann

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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.02.2003

Rezension aus FALTER 9/2003

Eine Filmschau und eine Biografie präsentieren Leben und Werk des in Wien aufgewachsenen und in die USA emigrierten B-Movie-Regisseurs Edgar G. Ulmer.

Ein junger Mann, Al Roberts heißt er, sitzt in einem Schnellimbiss nahe Las Vegas am Tresen. Abgetragener Anzug, halb geöffneter Kragen, Krawatte, Hut, vor sich eine Tasse Kaffee; völlig teilnahmslos stiert er vor sich hin, unendlich müde, sein Blick so schwer wie die Nacht, aus der er gekommen ist. Jemand wirft eine Münze in die Jukebox und das Lied setzt ein: "Can't believe that you're in love with me". - "Warum immer diese Melodie?", hören wir seine Stimme aus dem Off sagen: "Sie kennen das sicher auch, dass man etwas vergessen will und es einfach nicht gelingt ..."

So beginnt, nach dem Umweg über die Gegenwart, eine Rückblende, der Blick in die Vergangenheit, die schuld daran ist, dass es Al schließlich an diesen trostlosen Ort verschlagen hat. "Detour", der Titel von Edgar Georg Ulmers wohl berühmtestem Film, ist Programm: Er steht nicht allein für die unabsehbaren Wendungen, wie sie für das klassische Kino der Nacht, den Film noir der Vierzigerjahre, typisch sind, sondern auch für jene Fügungen des Schicksals - sozusagen: Umleitungen privater und professioneller Natur -, die den Regisseur hierher, an die Westküste der Vereinigten Staaten, nach Hollywood, gebracht haben.

Edgar G. Ulmer - geboren 1904 in Olomouc (Olmütz, Mähren), gestorben 1972 in Woodland Hills, Kalifornien - war Emigrant, ein Freund der Frauen, universell gebildeter Künstler, begnadeter Lügenbold, selbstbewusster Stilist und zudem leidenschaftlicher Moralist; ein wahrer King of the B's, soll heißen, einer, der aus nichts, blitzschnell und effizient, noch brauchbare, mitunter sogar grandiose Filme machte: "The Black Cat" (1934), "Grine Felder" (1937), "Bluebeard" (1944), "Strange Illusion" (1944/45), "Detour" (1945), "Her Sister's Secret" (1946), "Ruthless" (1947), "The Naked Dawn" (1954/55).

Bewunderern und Biografen hat es Ulmer zeit seines Lebens nicht gerade einfach gemacht. Als seinen Geburtsort pflegte er Wien anzugeben, das ihm passender als die k.u.k. Provinz schien (immerhin verbrachte er, Sohn eines säkularisierten Juden, hier seine Jugend und soll die Jesuitenschule besucht haben). Seine eigentliche Karriere begann, Ulmers äußerst dubioser eigener Darstellung zufolge, bereits um 1920 und vermittelt den absurden Eindruck, kaum ein (bedeutender) Film in Österreich, Deutschland oder den USA sei damals ohne sein Zutun entstanden. Dabei ist selbst bei denjenigen Filmen, in deren Vorspann sein Name erstmals auftaucht, Ulmers tatsächliche Funktion durchaus strittig: die Credits von F.W. Murnaus "Sunrise" (1927) weisen ihn als einen der Assistenten des Architekten, die von Robert Siodmaks "Menschen am Sonntag" (1930) als Co-Regisseur aus ("best boy" bzw. "Mitarbeiter des Kollektivs Filmstudio 29" kämen der Sache vermutlich näher).

Freilich, so ganz genau scheints Edgar Ulmer schon zu dieser Zeit nicht genommen zu haben. Ernst Chaparral, Redakteur des Film-Kurier, berichtet im Februar 1927 aus Übersee von den Dreharbeiten zu "Sunrise": "Geführt werden wir (...) durch den rabenlockigen, jugendlich-enthusiastischen Assistenten von Gliese, Herrn Ullmer (sic!), einem Schüler Max Reinhardts, der uns, dem Himmel sei's geklagt, die Ente von den 400.000 Dollars (gemeint sind die Ausstattungskosten des Films, M.O.) aufzubinden versucht. Wir werden schlecht geführt, wie plötzliche Hilferufe erkennen lassen. Der scheinbar feste und trockene, lehmige Rand des Weges ist ein fliegenleimartiger Sumpf, aus dem die B.Z. und der Film-Kurier das Berliner Tageblatt herausziehen müssen."

Die Dreißigerjahre, während deren Ulmer unstet zwischen Hollywood und New York hin- und her wechselt, werden zu einer der reichsten, jedenfalls aber vielfältigsten Dekade seines Schaffens. Der junge Filmemacher bewährt sich in den unterschiedlichsten Genres und Tätigkeiten (Synchronregisseur, Drehbuchautor, Dokumentarist), landet als Regisseur mit "The Black Cat", einem gleichsam austrifizierten Horrorstück in Art déco, seinen ersten (und einzigen) regulären Studioerfolg und dreht in New York eine ganze Reihe "ethnischer" Filme; darunter vier musikalisch inspirierte Produktionen in jiddischer Sprache, deren zunächst heitere, aus der Tradition des Schtetls gespeiste Idylle, mit jedem weiteren Film brüchiger und dunkler wird.

Von der Ökonomie, die Ulmers spätere Erzählungen prägen, ist in diesen außergewöhnlichen "Dokumenten" jüdischen Selbstbewusstseins nicht viel zu spüren. Landschaftsmalerei, Gesangsszenen, das mitunter im Theatralischen erstarrte Schauspiel verlangen dem Zuschauer einiges an Geduld ab. Ähnlich wie "The Black Cat", in dem ein von Boris Karloff in die Falle gelockter (und schauspielerisch allein gelassener) Bela Lugosi zu seinem Entsetzen feststellen muss: "Even the phone is dead!"

Überhaupt, die Schauspieler! Wie viele wandeln durch Ulmers Filme wie Cesare, der Somnambule aus "Das Cabinet des Dr. Caligari", mit leerem, nein, vielmehr entleertem Gesichtsausdruck, als würde sie eine unbekannte, fremde Macht vorwärtstreiben! Tom Neal, der in "Detour" einsam durch die Nacht reist. Jimmy Lydon, der Junge aus "Strange Illusion", der an einem schlimmen Vaterkomplex leidet. Hedy Lamarr, an deren völlig unnahbarer, zeitloser Schönheit in "The Strange Woman" gleich drei Männer zugrunde gehen. Wunderbar ist das, und manchmal auch zum Schreien.

1942 heuert Ulmer bei PRC an, einem der besseren unter den verächtlich "Poverty Row" genannten Studios, bei denen Kunst nichts und Tempo alles zählt. Binnen drei Jahren inszeniert er nicht weniger als elf Filme: Musicals, Exploitation- und Abenteuerfilme, Melodramen, Films noir. Üblicherweise beträgt die Drehzeit ein, zwei Wochen und das Budget 20.000 Dollar plus. Unter seinen Mitarbeitern befinden sich Freunde und Bekannte, die, wie er selbst, durch den Krieg zu Exilanten wurden: darunter Komponisten (Paul Dessau, Leo Erdody), Schauspieler (Fritz Kortner, Friedrich Feher, Martin Kosleck) und - als wichtigster Mitverschworener bei insgesamt fünf seiner Filme - Eugen Schüfftan, aus Breslau gebürtig und einst - in Deutschland - eine wahre Legende unter den Kameraoperateuren.

Mitte der Fünfzigerjahre, als die jungen Cinéasten in Frankreich (Truffaut, Moullet, Tavernier) in Edgar Ulmer einen der ihren entdecken, ist seine beste Zeit schon vorüber. Mit "Ruthless", einem Melodram noir (wie es manchmal heißt: sein "Citizen Kane"), hat sich Ulmer anno 1947 mehr oder weniger aus Hollywood verabschiedet. Danach arbeitet er des Öfteren in Europa, dreht mal hier, mal dort, wo immer sich eine Gelegenheit bietet, einen Piraten- oder halb verhungerten Monumentalfilm. Seine letzte Regiearbeit, "The Cavern", datiert von 1963: ein pseudoexistenzialistisches Kammerspiel, in dem GIs und Briten, Italiener und Deutsche, die gegen Ende des Weltkrieges verschüttet und in einer Höhle eingeschlossen werden, einander den Garaus machen.

Soweit es die offizielle Filmhistoriografie betrifft, hat es damit bis heute sein Bewenden. Noch immer steht die "Entdeckung" seines Werks aus, und noch immer darf Edgar G. Ulmer als "Mann im Schatten" gelten, wie schon der Titel von Stefan Grissemanns soeben erschienener, übrigens weltweit ersten Ulmer-Biografie eingesteht. - Und eben diesem Umstand, die verschiedenen Karrieren und Handschriften des Filmemachers in Form einer großen, rund 400 Seiten umfassenden Erzählung zusammendenkend, sogleich Abhilfe schafft.

Michael Omasta in FALTER 9/2003 vom 28.02.2003 (S. 62)


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