Singen und Tanzen im Film

von Andrea Pollach, Isabella Reicher, Tanja Widmann

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Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.2003


Rezension aus FALTER 18/2003

Mit rund fünfzig Werken liefert die Retrospektive "Singen und Tanzen im Film" den beschwingten Nachweis, dass das Musical kein Hollywoodmonopol ist.

Am Anfang setzt es ein Donnerwetter. Regen prasselt an diesem heißen Sommermorgen hernieder, verwandelt eine verdorrte russische Landschaft in dampfendes Grün. Zwei junge Leute, blond und entrückt, schwören einander Treue und ewige Liebe. Dann greift der Junge zu seiner Gitarre und singt ein Lied; die Musik begleitet den Heimweg der beiden, eine rasante Fahrt auf dem Moped zurück in die Stadt. - Inmitten einer Schlacht, der junge Mann ist zur Armee abkommandiert worden, tauchen die Erinnerungen an diesen Morgen wieder auf: zwischen Granatfeuer und aufsteigenden Rauchschwaden - noch einmal jener Liebestaumel.

"Romans o wljublennych" heißt dieser merkwürdige, verstörende Film, den Andrej Kontschalowski anno 1974 in 70-mm-Sovscope realisiert hat: "Romanze für Verliebte", ein Werk, das sogleich einiges über die Programmatik der von Andrea Pollach, Isabella Reicher und Tanja Widmann kuratierten Retrospektive übers "Singen und Tanzen im Film" verrät. Zuallererst vielleicht zeigt es, dass es sich beim Musical keineswegs um eine Erfindung der amerikanischen Filmindustrie handelt. Dass man, ganz im Gegenteil, das Musical durchaus auch dort antrifft, wo man es nicht unbedingt vermutet hätte. Oder dass man, ähnlich wie im Fall des Film noir oder des Melodrams, sehr gut darüber streiten kann, ob das Musical tatsächlich ein Genre oder nicht doch vielmehr eine, wenn man so will, spezifische Form des Erzählens, Ausdruck einer bestimmten Haltung zur Welt ist.

Kino - schon Méliès, sein erster großer Zauberer, hat daran gearbeitet - kann Unmögliches "möglich" machen. Und vermutlich legt es keine andere Form so sehr darauf an wie das Musical. Ganz bewusst, meint der Filmtheoretiker Martin Rubin, sät es "Zwietracht unter den dominanten Werten Realismus, Konsistenz und Narrativität", überwindet es die Schwerkraft, verwandelt den Alltag, setzt Unterhaltung und Utopie in eins.

Ein frühes, rares Beispiel dafür ist "Veselye rebjata" (zu deutsch: "Lustige Burschen", 1934) von Grigorij V. Aleksandrov, eine, wie der Regisseur es nennt, "exzentrische Komödie" und Hommage an Hollywood, die allerdings weniger Busby Berkeley als Buster Keaton huldigt. Erzählt wird die russische Variation einer amerikanischen success story: vom Kolchosbauer zum Musicalstar in anderthalb Stunden.

Aleksandrov, vormals Mitarbeiter von Eisenstein, erprobte in diesem Film eine ganze Reihe technischer Mittel, die bislang in den sowjetischen Studios nicht gebräuchlich waren (Kamerafahrten, Rückprojektionen, Modellbauten et cetera); wesentliches Ingredienz aber ist der Jazzscore von Isaak Dunajewski, vorgetragen vom Musikerkollektiv Freundschaft, das den langen Weg der Protagonisten aus der ländlichen Idylle in die glitzernde Metropole begleitet. Die meisten Dialoge werden gesungen, die Kühe, Schafe und Ziegen beim Durchzählen namentlich aufgerufen. Der ganze Film, bemerkte ein Kritiker, "agitiert für Freude, Heiterkeit und gute Musik", ehe sich, kurz vorm Finale, plötzlich die Schleusen des Himmels öffnen, das Ensemble bei der Premiere statt Wohlklang mit seinen Instrumenten bloß Wasserfontänen produziert und das reichlich mitgenommene Pärchen des Films schließlich doch noch glücklich vereint wird.

Ein solches Tohuwabohu sucht man im Hollywoodmusical, das von Anfang an auf Perfektion getrimmt war, vergebens. "Niemand", so Siegfried Kracauer, "wird behaupten wollen, dass ein Musical sinnvoll sei." Ja, mal abgesehen von den Filmfabriken selbst, die mit ihrer Hilfe nicht zuletzt ihre eigene technische Überlegenheit und finanziellen Möglichkeiten demonstrieren konnten. So etwa mit "A Star Is Born", einem Backstage Musical von George Cukor (1954), mit Judy Garland, dem im Alkohol verglühenden Star, in der Titelrolle. Der berühmteste Song daraus, und zudem eine der aufwendigsten Produktionsnummern in der Geschichte des US-Musicals, ist "Born in a Trunk" ("in einem Koffer geboren" - zu deutsch: aus ärmsten Verhältnissen stammend). Das galt mitnichten für den Film, die zum damaligen Zeitpunkt (nach "Duel in the Sun") teuerste Hollywoodproduktion überhaupt.

Freilich, der Exzess ist ebenso sehr ein Paradigma des Filmmusicals wie, sagen wir, des Melodrams. Und was wäre exzessiver als die Klischees, die Stereotypen, mit welchen da wie dort so virtuos hantiert wird? "Wir sind bereit, den Verstand zu verlieren", singen Delphine und Solange, die "Demoiselles de Rochefort" von Jacques Demy (1967), derweil sie hinter zartrosa Fensterläden auf die Liebe ihres Lebens warten. Schon die ersten paar Bilder dieses Films, eine Fahrt mit einer Schwebefähre, auf der ein paar Schausteller in der Stadt ankommen, führen einen hinüber in eine "Gegenwelt", in der schlicht alles, selbst das Alltäglichste noch, seine ganz eigene, von einer geheimnisvollen Melodik durchtränkte Qualität und Melodramatik hat.

Ein gelbes Haus, ein blauer Hydrant, das Promenadencafé mit seinem Dach aus Milchglas; ein Musikalienhändler, der Monsieur Dame und ein Schulbub, der Boubou heißt und Bonbons mag; ein stiller, ältlicher Stammgast, der seine Geliebte zersägt hat; ein Amerikaner, unterwegs nach Paris, der wie Gene Kelly ausschaut; zu alledem noch die schon erwähnten Demyselles, Catherine Deneuve und Françoise Dorleac, die Geschwister sind, im Leben wie auch in diesem Film, und "das Leben besingen"- "den Tag und die Nacht, die Sonne und den Regen".

Michael Omasta in FALTER 18/2003 vom 02.05.2003 (S. 62)


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