Gustav Mahler. Der fremde Vertraute.

von Jens Malte Fischer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Der Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer hat auf den tausend Seiten seiner Biografie Gustav Mahlers sehr viel Erhellendes, aber auch einiges Unnötige über den Komponisten und Direktor der Staatsoper zusammengetragen.

Manchmal wünscht man sich, über Mahlers Person wäre so wenig bekannt wie über Shakespeare", meinte einmal ein Mahler-Fachmann. "Dann würden jene, die sich aus irgendeinem Missverständnis heraus zu Mahler hingezogen fühlen, vielleicht gezwungen sein, die Partituren zu studieren, anstatt Alma Maria zu lesen und Seelenforschung zu betreiben."

In der Tat: Der ungenaue Umgang mit der Vielzahl an Briefen, Lebenserinnerungen und sonstigen Dokumenten, die von und über Gustav Mahler überliefert sind, hat ein höchst eigentümliches Bild des Komponisten entstehen lassen: Mahler, der tragische Held, den das Sterben des Kindes und die Untreue der Gattin in den Tod treiben. Mahler, der Wurzellose, der ein Leben lang bemüht ist, sich zu finden. Mahler, der dunkel Brütende. Und so weiter.

Sehr schlimm wird es freilich dann, wenn diese Klischees eins zu eins auf die Musik Mahlers übertragen werden. Störende Details wie etwa, dass die "Kindertotenlieder" vor dem Tod der Tochter fertig komponiert sind, werden gern übersehen, wenn es darum geht, Mahlers Werk aus dem Schicksalhaften der biografischen Umstände zu erklären. Nun ist selbstverständlich der rigide Rückzug aufs Lesen der Partituren nicht der einzig legitime Weg, sich mit Mahler auseinander zu setzen. Man kann ja durchaus auch gängige Bilder auf ihre Triftigkeit hin überprüfen und korrigieren.

Der Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer ist nicht der Erste, der diesen Anspruch erhebt, er geht allerdings auf etwa tausend Seiten oft mehr ins Detail als andere. Das ist dort vonnöten, wo Falsches zu widerlegen ist. So zum Beispiel Alma Mahlers etwas freie Darstellung der gemeinsamen Ehejahre. Gerade die sorgfältig recherchierte Krankengeschichte Mahlers, die dessen Herzkrankheit schlüssig beschreibt und entmythisiert, ist dafür ein gutes Beispiel.

Ebenso erfreulich ist Fischers Zögern, wenn es um eindeutige Bewertungen und Urteile geht. Mahlers Verhältnis zum Judentum etwa wird von vielen Seiten beleuchtet, ohne dass falsche Zuschreibungen erfolgen. Von der simplifizierenden Einrechnung der Kompositionen Mahlers in eine wie auch immer definierte "jüdische" Musik ist Fischer meilenweit entfernt. Sehr vorsichtig beschreibt er weiters die Vorgänge rund um das Ende von Mahlers zehnjähriger Direktionszeit an der Wiener Oper. Weder der sich immer offener gerierende Antisemitismus, der auch dem mittlerweile getauften Mahler begegnet, noch dessen Versäumnisse in der Amtsführung werden unterschlagen.

Freilich: Der Detailreichtum treibt auch seltsame Blüten. Es ist schon verständlich, dass ein Autor seine mehrjährige Arbeit im Produkt dokumentiert sehen will. Aber will man zum Beispiel wirklich wissen, wie die Herren heißen, die Mahlers Beschneidung miterleben? Einige Straffungen wären hier ebenso angebracht gewesen wie bei den vielen Redundanzen, die sich aus dem an sich nicht unklugen Strukturprinzip des Buches ergeben. Fischer referiert nämlich Mahlers Leben chronologisch, unterbricht aber diesen Verlauf mit bündigen Abschnitten zu den einzelnen Kompositionen sowie mit Kapiteln zu Querschnittsthemen, etwa zu Mahlers lebenslanger Kränklichkeit oder zu seinem gebrochenen Verhältnis zum Judentum.

Schwerer wiegt aber, dass es auch diesem Buch - vielleicht gerade weil es oft ausufert - nicht gelingt, die komplexe Relation zwischen sozialem Kontext, individueller Biografie und künstlerischer Manifestation erkennbar zu machen. Meist stehen sie unvermittelt nebeneinander, oder aber Fischer stellt just jene kruden Bezüge her, die er ansonsten erfolgreich bekämpft. Im Anschluss an eine ausführliche Beschreibung der Gründerzeit etwa wird deren Charakteristik unmittelbar auf Mahlers Musik projiziert: "Wer wollte bestreiten, dass Mahlers Musik von dem Nebeneinander triumphalen Auftrumpfens und zutiefst erschütterter Selbstgewissheit geprägt ist, vor allem in den frühen Symphonien, deren Keim in jenen Jahren gelegt wurde?"

So rekurriert denn Fischer letztlich doch wieder auf das "Genie" Mahler, noch dazu ein sehr reinliches: "Bis auf die abgebissenen Fingernägel und die strubbeligen, weil ungekämmten Haare hat niemand ihn je ungepflegt, gar schmuddelig gesehen und erlebt." Der Musik hätte solches wohl kaum Abbruch getan.

Apropos Musik. Die Kapitel zu Mahlers einzelnen Werken sind kenntnisreich geschrieben, reflektieren Entstehungs- und Interpretationsgeschichte und sind auch für den interessierten Laien in der Regel gut nachvollziehbar. Man mag eine strengere Analyse der formalen Charakteristika präferieren, eine solche hat aber wohl im Kontext einer Biografie nicht wirklich ihren passenden Ort.

Den Band beschließt ein etwas kursorischer Überblick über die Wirkung und Rezeption Mahlers sowie eine knappe Diskographie. Fischer bevorzugt interpretatorisch hochwertige, dafür auch manchmal nicht ganz perfekt klingende Einspielungen. Das ist in Ordnung, zumal Fischers Empfehlungen in die Richtung eines entschlackten, keineswegs sentimentalen Mahler-Spiels gehen. Die differenzierte Kommentierung der von Leonard Bernstein vorgelegten Zyklen legt davon Zeugnis ab.

Warum Fischer aus diesem Blickwinkel aber weder die mittlerweile weit fortgeschrittene Gesamtaufnahme unter Pierre Boulez erwähnt, die jedenfalls eine vorzügliche sechste Symphonie mit den Wiener Philharmonikern einschließt, noch die nach wie vor maßgäblichen Aufnahmen der Vierten und Sechsten unter George Szell, bleibt mir rätselhaft. Platzgründe können es nicht sein, dafür werden zu viele weniger wichtige Dirigenten und Orchester abgekanzelt. Besonders erfreulich hingegen ist die Erwähnung des exzellenten, aber leider weitgehend vergessenen Dirigenten Wyn Morris. Seine Einspielung der vervollständigten zehnten Symphonie ist übrigens seit kurzem auf dem etwas abseits liegenden Label Scribendum wieder greifbar.

Solche Aufnahmen lassen - gerade in ihrer Sprödigkeit - erahnen, was Adorno als das Besondere an Mahlers Werk ausmacht: "Mahler hat die Folgerung aus etwas gezogen, was heute erst ganz offenbar ward: dass die abendländische Idee einheitlicher, in sich geschlossener, gewissermaßen systematischer Musik, deren Zusammenschluss zur Einheit identisch sein soll mit dem Sinn, nicht mehr trägt. (...) Seine Welt ist wie die seines Landsmanns Kafka eine mit unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns."

Karl A. Duffek in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 37)


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