Luna Park
Vergnügungsgedichte

von Franzobel

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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.08.2003

Rezension aus FALTER 45/2003

Franzobels jüngstes Stück, "Mozarts Vision", wird uraufgeführt, sein erster Lyrikband "Luna Park" ist vor kurzem erschienen. Der "Falter" sprach mit dem produktiven Autor über Mozart, das Herausschwitzen von Gedichten und über die Inspiration, die von Gebühreneintreiberinnen ausgeht.

Es lässt sich nicht behaupten, dass der Mann unter Schreibhemmung litte. Als er im Sommer 2002 dem Falter Rede über Literatur und Fußball stand, hatte er gerade drei Bücher herausgebracht. Diesmal sind es "nur" ein Stück und ein Lyrikband, mit dem denen der 36-jährige aus Vöcklabruck stammende Franzobel aufwartet.

Falter: Am 12. November wird im Volkstheater ihr Stück "Mozarts Vision" uraufgeführt, warum Mozart, was bedeutet der für Sie?

Franzobel: Mozart ist ein Derivat des Österreichischen, eine Verkörperung der Sehnsucht nach der unbefleckten Heimat. Er ist omnipräsent, neben den Kugeln gibt es Äpfel, Tomaten, Brotschneidmaschinen oder Sparbücher, die Mozart oder Amadeus heißen. Ein Platzhalter österreichischer Sehnsucht. Und dann natürlich die Musik. Musik ist die einzige Kunst, wo wir Österreicher Schönheit ungebrochen akzeptieren können. Alles andere muss beschädigt sein.

Falter: Auch Literatur arbeitet mit musikalischen Techniken. Wie ist das bei Ihnen? Und beziehen Sie sich in "Mozarts Vision" konkret auf Mozarts Musik?

Franzobel: Schreiben ist wie Komponieren. Ich fühle mich Komponisten und Filmcuttern sehr verwandt. "Mozarts Vision" versucht vielleicht, ohne dass das inhaltlich irgendwo auch nur anklingen würde, eine neue "Zauberflöte" zu sein.

Falter: Im Volkstheater steht derzeit auch "Amadeus" auf dem Spielplan. Halten Sie das für eine sinnvolle Ergänzung?

Franzobel: Auf den Spielplan habe ich keinen Einfluss, aber vielleicht ist es eine ganz brauchbare Kombination, weil der Amadeus-Film doch ein völlig neues Mozart-Bild geschaffen hat. Plötzlich war er der verrückte, durchgeknallte Genius und nicht mehr das verarmte, langnasige Pummelchen. Mich hat neben dem Familiären und Sexuellen vielleicht der Erfolg interessiert, der Umstand, dass ein Leben erst dann sinnvoll ist, wenn man erfolgreich Karriere gemacht hat. Mein Stück ist historisch richtig und doch sehr heutig, auch ein bisschen magisch. Die spätere Geliebte Magdalena Hofdemel kommt schon im ersten Akt als seelenvorgewanderter, sprechender Hund Pimperl vor, die Schwester Nannerl ist eine Transgender Person, möchte also Mann werden, der Vater hat seine ganzen Hoffnungen auf den Sohn projiziert, der wiederum an die Hohlwelt glaubt, daran, dass irgendwann die auf der anderen Seite des Himmels lebenden Japaner runterfallen ...

Falter: Bei Ihren Lesungen treten Sie oft gemeinsam mit dem Posaunisten Bertl Mütter auf. Spielen Sie selbst auch ein Instrument?

Franzobel: Nein, ich kann ja leider keine Noten lesen, würde mich aber trotzdem nicht als unmusikalisch bezeichnen.

Falter: Gedichte schreiben überkomme Sie wie Fieberschübe, habe ich gelesen. Was spielt sich da bei Ihnen ab?

Franzobel: Ich habe einmal behauptet, Lyriker hätten alle Verstopfung und Romanschreiber alle Durchfall. Tatsächlich hat mein Gedichteschreiben etwas mit "Herausschwitzen" zu tun. Wenn ich krank bin, verkrieche ich mich in die letzte Höhle meines Bewusstseins und deliriere. Aus diesen nur von Tee und Zwieback unterbrochenen Trancezuständen bringe ich dann immer Sätze mit wie Souvenirs, rette diese von den Wänden des Bewusstseins gekratzten Sprachpartikel, spiele damit rum, trag sie wieder in die Krankheitsbewusstseinshöhle, pflanze sie an. So wachsen diese Texte, wuchern.

Falter: Ist das immer mit einer Krankheit verbunden?

Franzobel: Es geht auch ohne, aber das Einfleischen, das Wahrwerden, hat viel mit fieberhaften Zuständen zu tun. In meinen Texten geht es darum, das Unbegreifliche der Existenz sichtbar zu machen, poetische Löcher in die dichten Maschen der Logik zu reißen.

Falter: Man sagt ja oft, Lesen sei die Hauptmotivation für Dichter, Gedichte zu schreiben. Trifft das auch auf Sie zu?

Franzobel: Es stellt sich überhaupt die Frage, wie weit man mit Lyrik einer komplexeren Wirklichkeit überhaupt noch gerecht werden kann. So gesehen schreckt mich die momentan publizierte Lyrik großteils eher ab, weil mir vor gefälligen, in ihren Geleisen sitzenden Metaphern graust. Der so genannte, immer wieder postulierte Lyrikboom besteht ja noch immer hauptsächlich darin, dass viele Leute Lyrik schreiben, die dann kaum einer liest, geschweige denn kauft. Und irgendetwas, behaupte ich, muss in der deutschsprachigen Lyrik seit '45 ziemlich falsch gelaufen sein. Sie ist nicht mehr populär, und wenn, dann auf eine anbiedernd ungute Art. Da bringt einen nichts mehr in ein innerliches Schleudern. Anregend ist das Leben, Alltag, der nach Pathos lechzt. Ich bin jetzt zum Beispiel von einer GIS-Dame erwischt worden, von dieser, wie heißt das, Fernsehgebühreneintreibstelle des österreichischen Rundfunks. Das ist ein Thema für ein längeres Gedicht.

Falter: Als Schwarzseher erwischt natürlich, auf frischer Tat.

Franzobel: Ja. Weil ich mich fürs Internet bei einem Kabelnetz angemeldet habe, haben die sofort übernasert, dass man dann auch ORF empfängt. Und so was lässt sich gut mit der Angst vorm Tod der Eltern kombinieren, den man immer fürchtet, wie man als Schwarzseher die Gebühreneintreibstelle fürchtet, bis es soweit ist, man erwischt wird vom Tod der Eltern oder der Gebühreneintreibstelle, und man trotzdem irgendwie darüber froh ist, weil man sich jetzt zumindest nicht mehr fürchten muss.

Falter: Und was ist dann geschehen? Sofortige Einzahlung mit schuldbefreiender Wirkung?

Franzobel: Pranger und Karzer. (Lacht.) Naja, die war relativ nett, die Dame. Das Böse ist ja meistens nett.

Falter: Ich hab gedacht, im Zweifelsfall kommt der Fernseher weg.

Franzobel: So schlimm wars nicht. Ich hatte mir in jahrelanger Schwarzseher-Prophylaxe Sätze zurechtgelegt, sie abzuwimmeln. Aber blöderweise war meine Frau an der Tür, die aus Argentinien stammt, sie sofort reingelassen hat ...

Falter: ... und ihr was zu trinken angeboten hat.

Franzobel: Ja, klar. Aber so ist das. Vielleicht ist es mit der Muse oder der Inspiration ganz ähnlich. Man überlegt sich ständig was, sie nicht hereinzulassen, und wird dann kalt erwischt - schon steckt man mitten in einem Text, der einen in Beschlag nimmt, nicht mehr loslässt.

Falter: Ein Thema gibt es in Ihrem Buch, das viel mit Angst zu tun hat: das Erwischtwerden beim Onanieren. Überhaupt sind in dem Buch viele Sexgedichte.

Franzobel: Sex ist ja immer auch Beziehung, Kommunikationsversuch. Ich komme ja aus einer Gegend, wo den Leuten jedes Wort im Hals stecken bleibt, wo alle nur hinunterschlucken und in sich hineinfressen. Vielleicht ist das mein Motor: den Alltag erotisch und poetisch aufzuladen. In Österreich fehlt ja jede Lebenserotik, ist alles Geile, alle Lebensfreude, alles Heitere verkniffen, verbissen und verklemmt, dabei könnte jede noch so alltägliche Verrichtung eine unglaublich erotische Geschichte sein.

Falter: Auf dem Buchcover steht, Sie seien Jandls Vollendung und Vollstreckung.

Franzobel: Vollstreckung ist schön.

Falter: Aber Vollendung wohl unmöglich.

Franzobel: Das wäre eine Anmaßung. Obwohl mich am meisten bei Jandl die "beschädigte Sprache" fasziniert - und eine Vollendung der Beschädigung ist auch nicht ohne Reiz.

Falter: Sind es bewusste Anspielungen auf Vorhandenes, oder kommt das Material, mit dem Sie spielen, unwillkürlich hoch?

Franzobel: Das ist meine Wirklichkeit, in der alles gleichermaßen nebeneinander liegt, Lyrikbücher, Sätze meiner Frau, meines Sohnes, Zeitungsfeuilletons, Sätze auf vorbeifahrenden Autos, Musik vom Nachbarn - das ist alles meine Sprachwelt. Es gibt Lyrikkollegen, die Anspielungen machen, indem sie etwa mit dem Versmaß arbeiten und sagen, wenn der dritte Trochäus hinter dem Jambus nach der Zäsur eine falsche Hebung hat, spielt das auf den frühen Eichendorff an in der Phase, wo er Brentano und Arnim imitiert. So weit bin ich nicht. Bei mir ist es ein Rekurs auf einen für mich gültigen Kanon, den ich weiterschreibe. Ein Kritiker hat über "Luna Park" geschrieben, es ist, als hätten sich ein schimpfender Bernhard, ein altersgeiler Jandl und eine Heine liebende Sisi auf einer Berghütte einen angetrunken und dann losgelegt. Das triffts vielleicht.

Falter: Es gibt in Ihrem Buch mehr als ein gereimtes Gedicht. Ist das Ironie oder hat sich das einfach ergeben?

Franzobel: Die Chance der Lyrik ist es, der dauernden Sprachvernutzung etwas entgegenzusetzen. Meine Gedichte sind alle rhythmisch, vertonbar, nützen Binnen- und Stabreim. Ich habe zwar auch die anderen Versmaße und Strophenformen mal gelernt, sie aber kaum noch intus. Heute ist das ohnehin vom Rap verdrängt, der mir aber zu verhackt ist. Da bin ich mehr fürs Leiern und fürs Runterdrehen.

Falter: Man schreibt ja ein Gedicht nicht einfach nur so hin - oder doch? Welchen Gesetzen folgt das?

Franzobel: Mein Schreiben ist immer ein Anrennen gegen die Verzweiflung, gegen den Stillstand, die Einsamkeit. Eine Sehnsucht nach Ordnung, nach momentaner Gültigkeit - bei Gedichten vielleicht nach filigraner Gültigkeit, diesem einen Moment, wo ein Kartenhaus gerade noch steht, bevor es zusammenkracht. Entscheidend dabei ist der erste Satz, der ist der Kuss der Muse - diese Inspiration wird einem geschenkt, steht irgendwann wie die Gebührenfrau vor der Tür. Das heißt, manchmal wird einem natürlich nichts geschenkt, dann muss man locken, ködern, nachzahlen. Ich bin relativ schicksalsgläubig, hoffe auf den Zufall.

Falter: Wie lang brauchen Sie für ein Gedicht?

Franzobel: Ich arbeite mit Reifepausen, lasse liegen, überarbeite, lege weg, schreibe weiter. Schreiben ist irgendwie teigig, zäh, auf einmal fällt wieder ein Stück herunter.

Falter: Aber fertig wirds vermutlich nie?

Franzobel: Fertig werd nur ich. Ich hab ja eine Angst vorm Fertigen. Das Perfekte ist unheimlich, daher ist man froh, wenn Real Madrid verliert, die amerikanische Armee danebenschießt, sich ein Fernsehansager verspricht. Das Perfekte hieße ja Unsterblichkeit - das ist beängstigend.

Falter: Können Sie Ihre Gedichte auswendig?

Franzobel: Das einzige, das ich auswendig kenne, ist das "Gedicht im Wiener Dialekt". Es heißt "Heast". "Zusatz: Hiatz is z'spat." Das ist aber nicht im Buch.

Falter: Gedichte von anderen Lyrikern?

Franzobel: Nichts. Von Jandl oder Priessnitz ein paar Zeilen. Aber ich bin ein Vergesser, durch mich fließt alles durch, ich bin nur auf Gegenwarten aus, merke mir nichts, muss immer wieder von vorn anfangen, was schön ist, weil ich mich wiederholen kann.

Falter: Zuerst dachte ich, das Gemälde auf dem Cover von "Luna Park" von Otto Muehl sei eine frühe "Schinkensünde" des ehemaligen Malers Franzobel. Aber ich habe mich dann doch eines Besseren belehren lassen. Selbst ausgesucht?

Franzobel: Das spielt auf ein Gedicht an, das ich jetzt doch auswendig kann: "De dicken Titten, de taten wie die Fritaten und net wie die Toten, Tätää tatants tun de Titten, de dicken, de hängan in Tee und net in de Suppen ..." und so weiter. Ich habe das als neues Martinshorn für Rettungen vorgeschlagen. Ich habe mich kaum getraut, diese volltittige Mona Lisa als Cover zu nehmen. Es war der dritte Vorschlag. Die ersten zwei waren rechtlich verzwickt. Dann war nur noch wenig Zeit, und meine Frau hat gesagt: "Nimms, ist eh ein schönes Bild." Außerdem mag ich den Muehl, ihm ist Unrecht getan worden.

Falter: Inwiefern? Als Künstler?

Franzobel: In fünfzig Jahren wird Muehl so wichtig wie Schiele sein, während die Attersees und Konsorten im Keller vergammeln.

Falter: Und als Kinderverzahrer?

Franzobel: Dass er sieben Jahre absitzen musste, die Höchststrafe ausgefasst hat, nicht vorzeitig raus durfte, weil man ihm den Aktionismus der Sechzigerjahre als Ersttat ausgelegt hat und das andere als Wiederholungstat, ist eine Schweinerei. Da hat er für die KronenZeitungs-Leser-Meinung büßen müssen. Aber, ich glaube, ihm als Künstler hat das Gefängnis - so blöd das jetzt klingt - gut getan. Diese Malphase ist beeindruckend. Vielleicht ist Kunst generell kräftiger, wenn sie etwas hat, woran sie sich reibt.

Falter: Regt Sie Kunst auch zu Gedichten an, ist es mehr Literatur-Literatur, was Sie schreiben, oder doch eher Lebensliteratur?

Franzobel: Argentinien, wo ich die letzten Jahre immer zwei, drei Monate gelebt habe, ist natürlich anregender als Österreich. Vielleicht ist es das Fremde, aber auch das Improvisierte, eine ungeheure Offenheit, die es in unserem mit Schallschutzwänden und Wärmedämmstoffen verhüttelten Österreich längst schon nicht mehr gibt, was inspiriert. Irgendwo war jetzt zu lesen, dass ich mit falschem Pathos und falscher Feierlichkeit aufräumte, aber das stimmt gar nicht, genau das Gegenteil ist der Fall, mir gehts ja um das Feiern des Alltags, des Lebens, da bin ich absolut schöpfungsgläubig.

Falter: Die Erotik in Ihren Gedichten unterscheidet sich ja auch von jener Erotik, die man am Kiosk oder in den Pornokanälen kauft.

Franzobel: Da ist alles glatt, entleibt und Stellungsspiel. Das ist wie das Durchblättern eines Autokatalogs. Alles Schablone, sogar die ärgsten SM-Sachen wirken glatt und seltsam unkörperlich. Es verliert das Verbotene, das Schmutzige.

Falter: Sind Ihre Gedichte erotische Rettungsversuche?

Franzobel: Wahrscheinlich schon. Es sind Rettungsanker, Schwimmreifen, die einen über Wasser halten.

Falter: Schwimmreifen aus Fleisch? Fleischreifen?

Franzobel: Fleischlöcher. Sklavenlieder des Triebs.

Falter: Was wäre, abgesehen von den vielen Austriazismen, das Österreichische an Ihrer Lyrik?

Franzobel: Keine Ahnung, hoffentlich nicht zu viel. Der Rhythmus, das Hügelige der Voralpenlandschaft, aus der ich komme, ist vielleicht auch im Klang abgebildet. Dazu dieses Lavieren im Religiösen vielleicht.

Falter: Das gern blasphemisch wird, wie im Gedicht "Das Brot des Herrn".

Franzobel: Ja. Das Brrrrot.

Falter: Das knurprige Brot. Zuerst habe ich mich einmal ordentlich verlesen.

Franzobel: Tippfehler sind wunderbar. Es ist vielleicht nur in der Lyrik möglich, dass man mit Tippfehlern arbeiten kann. Sie werden sowieso in diesen ganzen Redigierungsvorgängen immer wieder rausgestrichen, der Verleger hats rausgestrichen, die Lektorin hats rausgestrichen, und ich immer wieder rein, rein, rein. Fehler sind herrlich. Die ganze Poesie besteht ja nur aus Fehlern, wahrscheinlich ist sie das sogar: Anbetung des Missgeschicks, des Beschädigten. Aber "knurprig" ist einfach besser als "knusprig".

Armin Thurnher in FALTER 45/2003 vom 07.11.2003 (S. 24)


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