Fast ein Jahrhundert
Erinnerungen

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Verlag: Zsolnay, Paul
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Erscheinungsdatum: 11.07.2003

Rezension aus FALTER 46/2014

Ein Sir tritt für immer ab

Der Bankier Heinrich Treichl ist am 2. November im Alter von 102 Jahren gestorben. Obwohl er also knapp 15 Jahre im 21. Jahrhundert lebte, war er in seinem Denken ein Mann vergangener Epochen. Das zeigt sich in seinem 2003 erschienenen Buch, in dem er jovial vom großbürgerlichen Leben, seiner Karriere und seiner Weltsicht erzählt.
Hayek-Anhänger Treichl war langjähriger Generaldirektor der Creditanstalt; eine Position, in der er sich offenbar leidenschaftlich mit den Sozialdemokraten stritt. Seine vehemente Marktgläubigkeit und seine Abneigung gegen alles Sozialistische wirken in Zeiten von "Too Big to Fail"-Banken zwar grotesk, aber ein Staatseingriff war für Treichl auch im besten Fall nur eine Etappe auf dem Weg in die Knechtschaft.
Der Journalist Peter Michael Lingens schrieb im Profil in seiner Treichl-Abschiedskolumne, dass Treichl ihn jüngst noch "lachend einen Kommunisten" nannte, weil Lingens für staatlich verordnete Arbeitszeitverkürzungen eintrat. Lingens' Nachsatz: "Ich fürchte, er meinte es ernst."

Wolfgang Zwander in FALTER 46/2014 vom 14.11.2014 (S. 20)


Rezension aus FALTER 29/2003

Heinrich Treichl, langjähriger Generaldirektor der Creditanstalt, veröffentlichte seine Memoiren - und rechnet darin mit Sozialdemokraten ab.

Heinrich Treichl, viele Jahre Generaldirektor der Creditanstalt, erinnert sich an "Fast ein Jahrhundert". Ein "Liberaler im klassischen Sinn" (Selbsteinschätzung) schreibt sich Nostalgie nach einer Gesellschaft, gemischt mit Nachrichten aus Finanz, Wirtschaft und Politik, als "Stück Psychohygiene" von der Seele. Der Leser wird schon im ersten Satz in den Salon des Justizministers Julius Freiherr von Glaser eingeführt, denn just dort haben sich die Eltern Heinrich Treichls kennen gelernt. Und diese Umgebung verlässt der Autor nicht so bald. Da wimmelt es von Berühmten (Männern) und Schönen (Frauen), einmal ist eine Frau "berühmt schön", dafür "aber nicht besonders gescheit". Der Autor bemerkt vorbeugend, dass er sich dem Vorwurf des "name dropping" aussetzt, dem er mit der Buntheit des Bildes der beschriebenen Gesellschaft begegnet. Manchmal wird es aber doch zu bunt, etwa wenn er uns seine Tante Anni "mit sehr viel Rouge auf den wohlgeformten Wangen ihres weiß gepuderten hübschen Gesichts, das an ein Kriehuber-Aquarell erinnerte" vorstellt, um im selben Satz auf Klettertouren des Vaters mit Wagner-Jauregg überzugehen. Wahrlich, ein kühner Übergang.

Schwer erträglich wird es dort, wo der diskrete Charme der Bourgeoisie voll zuschlägt. Da gibt es eine "Frau Nedwid, die berühmte (!) Köchin bei den Großeltern, der man lange nachweinte". Doch: "Sie lebt in einem Soufflérezept fort, das immer wieder unsere Freunde erquickt." Glückliche Frau Nedwid, der es gelungen ist, sich in einem "Man nehme ..." der Nachwelt zu erhalten.

Das Übel in die Welt kommt durch die Sozialdemokratie. Die missgünstige Arbeiterzeitung (Gott hab sie selig) kommentiert einen Karrieresprung des Vaters negativ, sozialdemokratische Abgeordnete verlangen 1925 eine parlamentarische Untersuchung gegen die Biedermann-Bank, weil sie einerseits Begünstigungen der Bank durch das Finanzministerium und anderseits Begünstigungen des christlich-sozialen Außenministers Mataja bei einer Neu-Emission von Aktien der Bank vermuten. Geschäftsführender Verwaltungsrat der Bank ist der Vater des Autors, der die nachfolgenden Schwierigkeiten und die Liquidation der Bank auf unbegründete Verdächtigungen zurückführt. Dazu soll nur angemerkt werden, dass es auch andere Lesarten dieses Falles gibt - nicht Treichls Vater, wohl aber andere Funktionäre der Biedermann-Bank betreffend.

Das Gespenst der "Roten" lässt Heinrich Treichl bis heute nicht los. Der Brand des Justizpalastes enthüllt für ihn "die Gefährlichkeit der Sozialdemokratie", ein eigenartiges Geschichtsbild für einen Menschen, der dem Faschismus der Heimwehr nichts abgewinnen kann und der die Reaktion seiner Verwandten und Freunde nach Schuschniggs Abschiedsworten so beschreibt: "Wir schluchzten, weinten hemmungslos, lange, verzweifelt." Wer da gefährlich für die Österreicher war, führt uns der Autor selbst vor Augen, wenn er über den Tod seines Bruders Wolfgang berichtet, den dieser als Fallschirmspringer im Dienst der britischen Armee bei der Mission, den Widerstand in Österreich zu unterstützen, findet.

Nun soll es ja mehr Leute geben, die eine ausgesprochene Phobie gegen die Sozis haben, und viele werden dieses Gefühl für sich auch mit rationalen Argumenten untermauern. Nur wenige haben aber das Pech, in ihrem Leben so lange mit Genossen zu tun zu haben, denen "die Partei (...) wichtiger als das Land" war.

Zunächst lässt es sich ganz anders an. Nach Kriegsdienst in der Wehrmacht und Gefangenschaft in den USA folgen für den Autor zehn Jahre bei Waldheim-Eberle beziehungsweise bei Ullstein in Wien. 1956 kommt die Wende, Heinrich Treichl tritt in die neugebildete Holding für die verstaatlichte Industrie, in die IBV ein. Frage: Was macht ein "klassischer Liberaler" in der verstaatlichten Industrie? Antwort: Er fühlt sich wie ein Montague, der die Privatstiftung der Capulet verwalten soll (oder umgekehrt). Und das wird auch in einer verstaatlichten Bank, der Creditanstalt-Bankverein, nicht besser, in deren Kreditabteilung Heinrich Treichl zwei Jahre später eintritt. Er wird Vorstandsdirektor und - unter Finanzminister Androsch - Generaldirektor der Creditanstalt. Doch das Unbehagen, auf dem "Weg in die Knechtschaft" zu sein, bleibt. Noch dazu, wenn führende ÖVP-Politiker versagen, Klaus traut sich nicht über die Privatisierung, und Schüssel sind die Banken überhaupt unheimlich.

Treichl gibt niemals vor, ein objektives Bild zeichnen zu wollen, er charakterisiert sich als einen, der keinen Streit vermeiden will. Was das bedeuten kann, wird einem klar, wenn man folgendes Urteil über seinen Nachfolger in der Creditanstalt liest: "Schmidt-Chiari ist kein Mann der japanischen Höflichkeit bei Meinungsverschiedenheiten, sodass ich ihn gelegentlich bitten musste, mich seine geistige Überlegenheit nicht so deutlich fühlen zu lassen: Das wirkte prompt. Wir sind noch immer Freunde." Viel eleganter können auch die Samurais kleine Meinungsverschiedenheiten unter Freunden nicht ausgefochten haben.

Was haben da erst Gegner zu erwarten? Ihnen werden ganze Kapitel gewidmet, Kreisky der Versuch eines Psychogramms, Androsch die Beschreibung einer Bilderbuchkarriere. Neben mehr oder weniger unterhaltsamen Anekdoten erfährt der Leser einiges aus der Creditanstalt und ihren Industriebeteiligungen. Manchmal geht es ein bisschen zu einfach her in der Argumentation. Seit vielen Jahren forschen Wirtschaftshistoriker nach den Ursachen der industriellen Rückständigkeit Österreichs und vergraben sich dabei bis ins 18. Jahrhundert. Dabei liegt die Lösung auf der Hand - die Verstaatlichung war es, die politischen Parteien. So ist es nur folgerichtig, dass im Nekrolog auf die Creditanstalt einiges unerwähnt bleibt, etwa die Begründung für immer wieder gescheiterte Versuche, eine "bürgerliche" Lösung für die Privatisierung dieses Instituts zu finden. Zumindest wäre anzumerken gewesen, dass der letzten Endes bezahlte Kaufpreis um viele Milliarden Schilling über dem Bestgebot des "bürgerlichen Konsortiums" gelegen war, das überdies nur unverbindlich abgegeben worden war.

"In den Augen vieler, der Medien zumal, war ich ein mächtiger Mann. Ich bin gegen Macht in der Wirtschaft." Sagt Heinrich Treichl. Das nährt in mir den Verdacht, dass ich gar nicht die Memoiren eines klassischen Liberalen gelesen habe. Aber ich bin auch kein schweigender Bürger, und denen ist dieses Buch gewidmet.

Ferdinand Lacina war von 1986 bis 1995 Finanzminister im Kabinett von Franz Vranitzky. Seit 2001 ist er Konsulent des Vorstandes der Bank Austria Creditanstalt AG, zuvor war er Vorstandsvorsitzender der Giro-Credit und Konsulent der Ersten Bank.

Ferdinand Lacina in FALTER 29/2003 vom 18.07.2003 (S. 13)


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