Von nah, von fern
Ein Jahresbuch

von Karl-Markus Gauß

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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 264 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.08.2003

Rezension aus FALTER 47/2003

Der Schriftsteller Karl-Markus Gauß verknüpft in seinem jüngsten Buch "Von nah, von fern" überzeugend politische und kulturelle Polemik mit persönlichen Betrachtungen und Erinnerungen. Mit dem "Falter" sprach er über linken Patriotismus, das Ende des Neoliberalismus, den Tod und den Papst.

Bekannt geworden ist der 1954 in Salzburg geborene und lebende Karl-Markus Gauß mit literarischen Porträts und Reisebüchern, die sich mit Vorliebe dem Vergessenen, Verschwiegenen, an den Rand Gedrängten widmen (zuletzt: "Die sterbenden Europäer", 2001). In seinen beiden jüngsten Büchern "Mit mir, ohne mich" und "Von nah, von fern", die als "Journal" respektive "Jahrbuch" ausgewiesen sind, lässt er die Ereignisse eines Jahres Revue passieren, kommentiert Politik, Medien und Kulturbetrieb, erzählt aber auch von Reisen, persönlichen Erinnerungen und Begegnungen. Auf diese Weise gelingt es ihm vor allem in seinem jüngsten Buch, den Leser auf geistreiche, unterhaltsame und auch berührende Weise an der eigenen Zeitgenossenschaft teilhaben zu lassen.

Falter: Sie haben in Ihrem jüngsten Buch "Von nah, von fern" einige Passagen auch Ihren Erfahrungen als Bahnfahrer gewidmet. Momentan streiken die ÖBB, die Bevölkerung scheint einiges Verständnis zu haben - durchaus mit Grund, denn so schlecht funktioniert unsere Bahn ja nicht?

Karl-Markus Gauß: Natürlich. Und wenn man sich ein bisschen in Europa umsieht, bemerkt man ohnedies, dass wahnsinnig viel von dem, was wir als "typisch österreichische Scheiße" empfinden, anderswo genauso existiert. Da frag ich mich immer, ob etwa Elfriede Jelinek je außerhalb von Österreich war - weil sie alle Unbill dieser Welt auf uns fokussiert. Die müsste eigentlich nur einmal in Italien gewesen sein und versucht haben, in einer Bank Geld abzuheben.

Falter: Sie reisen aber doch selbst auch, um weg aus Österreich zu kommen?

Karl-Markus Gauß: Ja, schon. Obwohl ich wirklich lange ein Stubenhocker und ortsansässiger Österreicher gewesen bin - noch dazu verschärft: in dem klerikal-stumpfsinnigen Revier.

Falter: Leiden Sie denn unter Salzburg?

Karl-Markus Gauß: Nein, eigentlich nicht. Das werde ich in Interviews oft gleich zu Beginn gefragt: Warum leben Sie immer noch in Salzburg? Damit wird mir sozusagen noch einmal eine Chance gegeben, mich dafür recht zu fertigen, dass ich in diesem Kaff hängen geblieben bin.

Falter: Gibts denn nichts auszusetzen an Salzburg?

Karl-Markus Gauß: Doch. Kulinarisch zum Beispiel ist Salzburg sehr beschränkt. Die Innenstadtgastronomie ist durch den Tagestourismus völlig zerstört worden: Die Hunderttausenden Reisebustouristen essen ja nur einmal in dem jeweiligen Lokal, denen kann man also eh alles vorsetzen.

Falter: Aber der Bosna-Stand im Getreidegassen-Durchgang?!

Karl-Markus Gauß: Ja, der bleibt natürlich mit Abstand der beste von ganz Österreich.

Falter: Salzburg ist doch eindeutig die Bosna-Metropole Österreichs, wenn nicht Mitteleuropas?

Karl-Markus Gauß: Und das verdanken wir donauschwäbischen Heimatvertriebenen. Wohingegen die Bulgaren das Gemüse gebracht haben: Es wird mir immer wieder bestätigt, dass es bis 1947 am Grünmarkt keine vernünftigen Bohnen, Paradeiser und Paprika gegeben hat.

Falter: Wie sind Sie dann letztendlich doch noch zum Reisen gekommen?

Karl-Markus Gauß: Ich habe ein bisschen den Ruf gehabt, zwar über Europa zu schreiben, aber mein Arbeitszimmer nicht zu verlassen. Das hat mich etwas gewurmt. Mit vierzig ist dann einfach eine Neugierde dazu gekommen, auch mal was anders zu machen.

Falter: Sind Ihre Reisen immer mit Arbeitsaufträgen verbunden?

Karl-Markus Gauß: Nicht alle. Im Sommer fahren wir seit Jahren in ein mittelitalienisches Kaff - das hat dann nur mit Urlaub und der Heilung von Stirnhöhlenkatarrhen zu tun. Ansonsten aber sind es schon sehr gezielte Reisen, die ich meistens mit dem Fotografen Kurt Kaindl unternehme. Bruce Chatwin, der zwar ein Kaliber war, den ich aber nicht so schätze, hat einmal etwas sehr Kluges gesagt: Wer aus literarischen Gründen eine Reise macht, muss auch eine Vorstellung von dem haben, was er sehen will. Der typische deutsche Reiseschriftsteller jüngerer Generation fliegt im Sommer nach Bangkok, fährt mit dem Taxi ins Hotel, sieht sich die Klimaanlage an und überlegt, ob er gleich onanieren oder lieber erst einmal einen Whisky trinken soll. Es ist aberwitzig, wie wenig diese jungen deutschen Schriftsteller von Christian Kracht abwärts im jeweiligen Land sehen - weil sie nur ihre eigenen Vorurteile und Schmerzen spazieren führen. Wenn ich ein Reisebuch schreibe, gehe ich genau umgekehrt vor: Ich lese viel, suche Bibliotheken auf, recherchiere im Internet und habe meistens auch schon amtliche Kontakte zur jeweiligen Gegend, wobei wir uns von denen dann möglichst schnell wieder lösen, sobald wir angekommen sind.

Falter: Sie suchen dabei vorzugsweise die "Ränder" Europas auf und Volksgruppen, die vom Aussterben bedroht sind.

Karl-Markus Gauß: Bei den "Sterbenden Europäern" haben wir uns von Anfang an dazu entschlossen, Minderheiten zu besuchen, die es schwer haben, sich kulturell zu behaupten. Das jetzige Reiseprojekt heißt "Die versprengten Deutschen", wo wir überall in der Welt deutsche Volksgruppen besuchen, was zu sehr skurrilen Dingen führt, weil die vielfach gar nicht mehr Deutsch können und auf die Frage nach der deutschen Identität erklären, dass sie Oktoberfest feiern oder ihre Würste irgendwie anders zubereiten. Am wildesten sind die Amerikadeutschen, die kein Wort Deutsch sprechen, aber im Internet die Gemeinden, aus denen die Urururgroßeltern ausgewandert sind, virtuell wieder errichtet haben und genau wissen, in welcher Gasse wer gewohnt hat.

Falter: Bizarr.

Karl-Markus Gauß: Ja, das hat schon belächelnswerte Aspekte, aber auch Züge von Widerständigkeit. Ich hege zum Beispiel eine gewisse Sympathie dafür, dass die Arbëreshe, also die Albaner in Kalabrien, dort seit fünfhundert Jahren leben, völlig in die italienische Gesellschaft integriert sind, aber gleichzeitig ihre Sprache behalten und sich eben auch noch als Albaner fühlen. Diejenigen, die schwarzeneggermäßig auswandern, weil sie ganz gezielt Karriere machen wollen, sind auch die, die ihre ursprüngliche Heimat schnell vergessen und auch ihre ehemalige Sprache bald verlieren.

Falter: Was man ja gerade von Arnold Schwarzenegger nicht behaupten kann.

Karl-Markus Gauß: Stimmt. Offensichtlicher war es bei Toni Fritsch, dem Wembley-Toni, der nach drei Jahren als Fußballer in England sagte: "Zweimal in der Woche ring ich my Mottr an". Er war sprachlich drüben noch nicht angekommen und hier herüben schon weg.

Falter: Ihr Interesse an versprengten und aussterbenden Völkern hat vermutlich auch biografische Hintergründe?

Karl-Markus Gauß: Sicher. Dabei habe ich dieses Interesse sehr lange nicht gehabt. Die Familie meines Vaters stammt aus der Wojwodina, mein Vater war Chefredakteur einer nichtrevanchistischen Heimatvertriebenenzeitung, und von der Familie meiner Eltern gibt es zwei österreichische Zweige, andere sind in Ungarn, in Deutschland, Frankreich, in Kanada und den USA.

Falter: Ist die ursprüngliche Herkunft wirklich so entscheidend? Kann man nicht überall beheimatet sein?

Karl-Markus Gauß: Wenn ich kein Patriot wäre, dann könnte ich sagen, dass es relativ wurscht ist, wo einer lebt: Er braucht seine Infrastruktur, seine Freunde und Beisln - das kann man natürlich überall haben.

Falter: Und was hat es nun mit Ihrem Patriotismus auf sich?

Karl-Markus Gauß: Ich habe zum Beispiel versucht, literarische Porträts von Vertriebenen und Vergessenen zu präsentieren, habe diese aber nicht nur als Zeugnis dafür genommen, wie schlimm man mit ihnen umgegangen ist - was schon der Fall war -, sondern sie auch für ein anderes, für mein Österreich reklamiert. Ich habe es immer als nachträglichen Sieg der Nazis empfunden, dass man die Vertreibung akzeptiert, indem man sagt: Ja, die sind schon großartig, haben aber mit uns nichts zu tun, außer, dass wir Schweine sie vertrieben haben. Es hat also immer einen Mangel an dem gegeben, was man plakativ "linken Patriotismus" nennen könnte. Wenn jemand bei uns sagt, "das ist typisch österreichisch", ist damit automatisch das Mieseste verbunden, was es gibt. Ein Franzose wird mit der Berufung auf das "typisch Französische" auch den Kampf gegen Le Pen führen, sich auf die Werte der Französischen Revolution berufen. Für mich kann ich sagen: Österreich bleibt mein Land. Auch kann die Lösung nicht darin bestehen, dass wir alles, was bei uns beschissen ist, der EU überantworten. Man muss damit selber zurande kommen - danach kann man "europäisch" werden, und nicht, um sich diese Auseinandersetzungen zu ersparen.

Falter: Dieser Patriotismus ist auch in Ihren jüngsten beiden Büchern zu spüren: "Mit mir, ohne mich" vom letzten Jahr und das vor wenigen Wochen erschienene "Von nah, von fern". Wie ist es zu diesem neuen Schreibprojekt überhaupt gekommen?

Karl-Markus Gauß: Ich wollte wissen, ob ich es schaffe, ein Jahr lang mein geistiges Logbuch zu schreiben. Ohne meine Absicht sind dabei nicht nur politische und kulturelle, sondern auch persönliche Dinge eingeflossen. Im zweiten Band habe ich diesen subjektiven Zugang noch verstärkt. Es geht mir einfach darum, dieser objektiven, widersprüchlichen und unglaublich vielfältigen Welt, die auf mich einstürmt, als Subjekt irgendwie standzuhalten.

Falter: Mir war der zweite Band wesentlich sympathischer. Haben Sie einen Verdacht, warum?

Karl-Markus Gauß: Ich glaube, dass der erste noch stärker mit sehr apodiktischen Urteilen gearbeitet hat. Sagen wir so: Die schlechten Passagen waren Meinungsprosa.

Falter: Oder, um es in Ihrer eigenen Terminologie zu formulieren: In "Mit mir, ohne mich" sind Sie öfter "Denksteller" als "Schriftsteller".

Karl-Markus Gauß: Ja. Das stimmt. "Von nah, von fern" ist viel stärker erzählend und überlässt die Conclusio dem Leser.

Falter: Im ersten Band hat man mitunter das Gefühl, dass Sie alles Revue passieren lassen und jeder seine Tetsch'n kriegt.

Karl-Markus Gauß: Ja, im zweiten kriegen nur ganz wenige Tetsch'n, wobei die Zärtlichkeit und Lebensfreundlichkeit, für die ich bislang nicht unbedingt berühmt war, die mir nun aber für "Von nah, von fern" attestiert wurde, nur durchsetzbar ist, wenn ich dafür auch Hiebe austeilen kann.

Falter: Wie wichtig ist es denn, Feinde zu haben? Die Auseinandersetzungen, durch die Sie berühmt geworden sind, waren die Beschimpfung von Ö3-Moderatoren als "größte Deppen ihres Maturajahrganges" und eine Polemik gegen den Regisseur und Festwochenintendanten Luc Bondy, in der sie diesen mit einem kropferten Vogel verglichen haben.

Karl-Markus Gauß: Diese Feinde sind eigentlich völlig unwichtig, weil das fast zufällig entstanden ist. Ich empfinde es außerdem als lähmend, sich in Feindschaften zu verausgaben.

Falter: Haben Sie die Auseinandersetzung mit Bondy eigentlich später bedauert? Ich fand ja, dass er zu Recht gekränkt war.

Karl-Markus Gauß: Ich habe das insofern als sehr peinlich erlebt, als ich zwar gerne überall gut besprochen und gelobt werden möchte, aber es nicht wahnsinnig liebe, im Lichte der Öffentlichkeit zu stehen. Die Sache ist auch etwas hochgespielt worden und wäre sicher viel leichter beigelegt worden, wenn Bondy und andere nicht den Antisemitismusvorwurf erhoben hätten. Mir wurde später bekannt, dass er seit Kindheit unter Vorwürfen, die sein Aussehen betreffen, besonders leidet. Hätte ich das gewusst, hätte ich die angesprochene Passage gestrichen. Wenn ich mir Bondy ansehe, kann ich nur sagen: Wir rangieren optisch in der gleichen Klasse und verdanken unseren Erfolg nicht unserem Aussehen. Die ganze Sache war keine Auseinandersetzung, die sich ausgezahlt hat.

Falter: In "Von nah, von fern" gehen Sie nun auch nicht mehr immer "auf den Mann", sondern stellen unter dem Stichwort "Die Charaktere" anonymisierte Personenbeschreibungen vor.

Karl-Markus Gauß: "Die Charaktere" sind ein Projekt, mit dem ich mich schon lange befasse. Sie haben ein bisschen mit den Charakteren Canettis zu tun, der diese meiner Meinung nach allerdings so weit abstrahiert, dass sie schon philosophische Idealtypen sind. Ich hingegen nehme konkrete Menschen, die ich ganz genau beschreibe, und treffe dauernd Leute, die sagen: Köstlich, das ist der Soundso! Es ist aber immer ganz wer anderer. Das lässt darauf schließen, dass man nicht möglichst abstrakt schreiben muss, um einen Wiedererkennungseffekt zu erzielen.

Falter: Wie reagieren die Charaktere selbst?

Karl-Markus Gauß: Kein einziger hat sich erkannt!

Falter: Werden Sie "Die Charaktere" fortsetzen?

Karl-Markus Gauß: Ja, ich habe auch schon mindestens zwanzig weitere Charaktere gesammelt.

Falter: Ein Thema, das einen großen Bogen in Ihrem jüngsten Buch ausmacht, ist der Tod. Sie stemmen sich gegen die Ästhetisierung des Todes im Sinne der "Körperwelten"-Ausstellungen Gunther von Hagens, die sie als "Eventschächtungen" bezeichnen, und gegen die mediale Entwertung des Todes.

Karl-Markus Gauß: Das war schon Thema eines Buches, das mir lange mein liebstes und zugleich mein erfolglosestes war: "Der Mann, der ins Gefrierfach wollte". In der Neuen Zürcher werde ich ja gerne in die Nähe Canettis gerückt, aber was den Tod anbelangt, bin ich ein absoluter Gegenspieler. Canetti möchte den Tod abschaffen, und für mich ist diese Vorstellung ein Wahnwitz, Teil eines Prozesses der Dehumanisierung. Canetti hat den Tod als den einzigen ihm ebenbürtigen Feind betrachtet, während ich in den Todesabschaffern und -verwertern eine Bedrohung des Humanismus sehe. Das Leben hat schließlich nur einen Sinn, weil es endlich ist. Wenn der Tod schon vor ein paar Hundert Jahren abgeschafft worden wäre, würde man die Welt heute lieber nicht anschauen.

Falter: Welchen Humanismus wollten Sie denn verteidigen?

Karl-Markus Gauß: Ein Seitenthema von "So nah, so fern" ist ja die Auseinandersetzung mit der Religion, und als nichtreligiöser Mensch habe ich in den letzten Jahren seltsamerweise Bündnispartner im Bereich der Kirchen entdeckt. Ich bin aus der Kirche nicht aus politischen Gründen ausgetreten, sondern weil ich leider den Kernglauben der christlichen Lehre nicht mehr teilen kann. Ich habe aber schon fast wieder Lust, als ungläubiger Mensch einzutreten, um die humanistische Kraft der Kirche anzuerkennen.

Falter: Sie sympathisieren ja sogar mit dem Papst.

Karl-Markus Gauß: Stellenweise. Meine Sympathien für ihn wurzeln in einer gewissen Starrsinnigkeit in Hinblick auf die humanistischen Dogmen der Religion. Die Religionen müssen schon noch den Anspruch erheben, im Besitz der Wahrheit zu sein.

Falter: Eine weitere nicht sehr populäre Einschätzung, die Sie in Ihrem Buch artikulieren, betrifft die Sozialdemokratie. Die wird heute ja eher für ihren Verlust an Gesinnung und Grundwerten gegeißelt, während Sie vor allem ihre Erfolge sehen, die so groß seien, dass sie schließlich zu einer Art Selbstabschaffung der Sozialdemokratie geführt hätten.

Karl-Markus Gauß: Meine Conclusio des doch recht überrraschenden Ausganges der letzten Wahlen war, dass die FPÖ ihre Schuldigkeit getan hat. Die bestand darin, einerseits eine gewisse Verrohung in der Parteienlandschaft zu bewerkstelligen, andererseits den Transfer von der SPÖ zur ÖVP zu ermöglichen: Ein Arbeitersohn, der es dank sozialdemokratischer Bildungspolitik zum Generaldirektor gebracht hat, bleibt logischerweise nicht ewig Sozialdemokrat. Andererseits geht ein Arbeitersohn eben nicht direkt zur ÖVP. Via FPÖ ist es nun manchem gelungen.

Falter: Und was bleibt der Sozialdemokratie?

Karl-Markus Gauß: Das müssen Sie Robert Menasse fragen, der weiß das. Ihre Lage ist meiner Meinung nach jedenfalls objektiv sehr schwierig. Die historische Klientel hat sich dank erfolgreicher sozialdemokratischer Politik aufgelöst. Und als Modernisierungspartei - wie noch unter Kreisky - kann sie sich jetzt auch nicht mehr verkaufen, weil die Modernisierung unter ganz anderen Vorzeichen stattfindet.

Falter: Unter denen des Neoliberalismus?

Karl-Markus Gauß: Nicht unbedingt. Ich glaube nämlich, dass der Neoliberalismus langsam in den Neofeudalismus kippt. Entscheidungen, die früher populistisch verhindert worden wären, weil die Kronen Zeitung bei der Bevölkerung nachgefragt hat, werden jetzt einfach durchgezogen.

Falter: Es bleiben also eher die Prinzhorns übrig und nicht die Grassers.

Karl-Markus Gauß: Das kann man wohl so sagen.

Falter: Wird Grasser verschwinden?

Karl-Markus Gauß: Der Typus Grasser wird sich schon noch eine Zeit halten können - wenn vielleicht auch nicht in der Politik, sondern eher in der Wirtschaft und der Kulturindustrie. Insgesamt gehört die Zukunft aber eher nicht den geschmeidigen Anpassern.

Falter: Wer wären die Repräsentanten dieser neuen Ära?

Karl-Markus Gauß: Also Schüssel grinst oder schweigt alles aus. Das ist eine rühmenswerte Tugend, wenn man daran denkt, dass ihm die Kronen Zeitung egal ist, ansonsten aber ein Zeichen von Kaltschnäuzigkeit und -herzigkeit.

Klaus Nüchtern in FALTER 47/2003 vom 21.11.2003 (S. 22)


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