Peter Lorre - Ein Fremder im Paradies

von Brigitte Mayr, Elisabeth Streit, Michael Omasta

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.2004

Rezension aus FALTER 22/2004

Der gebürtige Österreich-Ungar Peter Lorre bereicherte Klassiker wie "M" oder "Casablanca" mit seinem markanten Gesicht. Eine Filmschau, ein Buch und ein Symposion würdigen den hundertsten Geburtstag des Jahrhundertschauspielers.

Der kleine, dickliche Mann im Wollanzug steht an der Reling eines Schiffes und knetet die Krempe seines Herrenhutes. Mit verschwitztem Gesicht, ein verlegenes Lächeln auf den Lippen, fragt er - in europäisch gefärbtem Englisch - einen Steward nach Feuer: "Äckskjuhs mi, kudt ei ähsk ju vor äh mätsch?" Als der Angesprochene reagiert, bricht der kleine Mann in ein strahlendes, stolzes Lächeln aus: "Danke, ich rauche nicht, ich übe nur mein Englisch. Denn wissen Sie, ich bin nach Amerika gekommen, um hier zu arbeiten!"

Die Eröffnungsszene eines kleinen Gangsterdramas aus dem Jahre 1941: "The Face Behind the Mask" (inszeniert von Robert Florey, selbst Europäer in Hollywood) erzählt die Geschichte des ungarischen Uhrmachers und Feinmechanikers Janos, der ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten reist - "zu einer Zeit", erklärt der Vorspann, "als eine Reise nach Amerika Abenteuer, nicht Flucht bedeutete". Janos wird von Peter Lorre gespielt -, als Kind jüdischer Eltern im mährisch-slowakischen k. u. k. Hinterland als László Löwenstein geboren und 1914, im Alter von zehn Jahren, vor den Zerfallskriegen des Kaiserreichs, nach Wien geflohen. Der nächste große Einschnitt rückt den damals dreißigjährigen, viel versprechenden Schauspieler in biografische Nähe zu seiner Figur: Im Sommer 1934 setzt Lorre (wie er sich schon auf den Bühnen in Wien, Zürich und Berlin genannt hatte) über in die USA. Zu Hause haben die Mörder das Ruder in die Hand bekommen; "Für zwei Mörder wie Hitler und mich ist in Deutschland kein Platz", soll Lorre auf ein Jobangebot von Goebbels geantwortet haben. Denn die Maske des Monsters, die Rolle des "Totmachers", sollte der Wiener Mime seit seinem Auftritt als Serienmörder in Fritz Langs "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) nie wieder loswerden.

1904 (das Geburtsjahr), 1914, 1934, 1964 schließlich der Tod in Hollywood: Stationen eines Künstlerlebens im Jahrhundert der großen Kriege. "Peter Lorre. Ein Fremder im Paradies" nennt sich die Würdigung, die der Verein Synema (Brigitte Mayr, Falter-Kritiker Michael Omasta und Elisabeth Streit) gemeinsam mit Filmmuseum und Theatermuseum dem "Mann mit den tieftraurigen Karpfenaugen" (Hans Tasiencka, 1931) zum hundertsten Geburtstag ausrichten; ein Buch, ein Symposion und eine Retrospektive ausgewählter Lorre-Filme ermöglichen einen lebendigen Einblick in Themen wie Exil, das Theater und Kino der Weimarer Zeit, das Genrekino der amerikanischen Vierzigerjahre - und den Schatten der Naziherrschaft, der sich wie das Phantom des Kindermörders in "M" über eine ganze Epoche gelegt hat.

Sowohl das Buch (mit Beiträgen von Ilse Aichinger, Elfriede Jelinek oder Georg Seeßlen sowie historischen Texten unter anderem von Bertolt Brecht und Lorre selbst) als auch die Filmschau vermitteln ein lebendiges Bild über eine Zeit der radikalen Umschwünge - die multikulturellen Stegreif- und Kabarettbühnen Wiens nach 1918, die Theaterrevolution Brechts im Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre, die wirkmächtige Allianz aus rechts-totalitären Fantasien und modernistischem Naturalismus, die das Paar Thea von Harbou (Buch) und Fritz Lang (Regie) mit "M" einen zwiespältigen, großen Film über die moderne Stadt und die Organisationskraft der Medien und des Mob schaffen ließ. Mittendrin ein "fetter, mürrischer junger Mann" (Tasiencka), dessen an Brechts Schauspielpraxis geschulte Mimik und Gestik von einem Moment zum anderen vom Monströsen ins Armselige kippen konnte. Emblematisch geworden ist sie mit "M" und Lorres Kindermörder Hans Beckert, der spielerisch vor dem Spiegel die Maske des Kleinbürgers mit der des grotesken Clowns vertauscht.

Die Maske sollte Lorre auch im US-Exil bleiben: Ab der zwölften Minute des oben erwähnten Films "The Face Behind the Mask" trägt Janos (den ein Feuer grässlich verunstaltet hat) tatsächlich eine Gummimaske mit den Zügen Peter Lorres. Abgesehen von der Symbolkraft dieses Bildes - viele jüdische Emigranten, und vor allem Lorre, wurden Zeit ihres Lebens als "Typ" besetzt - ist Robert Floreys Film zweifellos einer der unbekannten Höhepunkte der Filmschau: ein billiger Film von herzzerreißender Tragik über die Hoffnung auf das gute Leben und die Schattenseiten jenes "Paradieses", in dem halt nicht jeder vom Tellerwäscher zum gemachten Mann aufzusteigen vermag. Gerade der amerikanische Film Noir aus Emigrantenhänden (dazu kann man auch Fritz Langs US-Filme zählen) war voller Andeutungen über die entfremdende Kraft des Kapitalismus und bevölkert von Profiteuren und Opfern des Elends.

Viele davon hat Peter Lorre gespielt; schleimige Hehler, Erpresser und Schlepper in so berühmten Filmen wie "The Maltese Falcon" (John Huston, 1941) und "Casablanca" (Michael Curtiz, 1943) oder so peripheren wie dem grimmigen "Quicksand" (Irving Pichel, 1950). Lorre selbst war - obwohl er zum Teil wahllos in Dutzendware für Film und Rundfunk mitwirkte - immer ein Star, eine Ikone: der flinke, untersetzte Gang, das runde, glatte Gesicht mit den hervorquellenden Augen, das helle, wienerisch gefärbte Idiom.

Der Tribute "Ein Fremder im Paradies" macht die Widersprüche und zwiespältigen kulturellen Fantasien rund um den Darsteller sichtbar: eine Zurückweisung des Bildes vom braven, "armen" Emigranten (Lorre war wohl ein rechter Hallodri, ein womanizer und lebenslanger Morphinist), die Dämonologie und den Appeal des jüdischen "Exoten" (zwischen Goebbels' niederträchtiger, antisemitischer Verwendung von "M" in dem NS-Propagandafilm "Der ewige Jude" zu Lorres japanischem Detektiv in "Mr. Moto" gibt es eine bizarre Kontinuität), das Überleben "klassischer" Lorre-Routinen und -Bilder in der Popkultur. Ein "Jahrhundertschauspieler" also, der sich selbst ohne falsche Bescheidenheit als "Facemaker" bezeichnet hat. Wohl nicht die schlechteste Berufswahl!

Michael Loebenstein in FALTER 22/2004 vom 28.05.2004 (S. 65)


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