Die Träumer
Roman

von Peter Truschner

€ 20,50
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.03.2007

Rezension aus FALTER 12/2007

Ein Traum von Schaum
Peter Truschners Roman "Die Träumer" riskieren viel – ein erstaunliches Stück Literatur.

Statt Tinte abzusondern, verleibt der Protagonist sie sich ein, indem er sie trinkt. Warum tut er das? Damit Worte nicht Worte bleiben, sondern Körper werden? Der alte Ekel Hamlets vor den "words, words, words"? Oder handelt es sich um eine (Selbst-)Bestrafung ähnlich dem Vorgang in Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie", wo eine Maschine einem Gefangenen das Gesetz buchstäblich auf den Leib schreibt? Oder ist es bloß eine von vielen Episoden, die der Autor bunt zusammengewürfelt hat, vielleicht nur, um den Leser zu verblüffen?
Der Tintentrinker springt auf den Schreibtisch, erschreckt einen Universitätsprofessor, greift ihm ans Hosentürl. Er macht Seitensprünge, während der Autor ihn und seine Ehe auf das Genaueste analysiert, nicht im Sinn der Psychoanalyse, sondern im Geist der Charakterologie, die nach antikem Vorbild Laster und Tugenden abwägt und auch deren Inversion in Betracht zieht. Stückchenweise erfährt man, wie der Tintentrinker in einen anderen Zustand, in andere Gegenden vorgedrungen ist, auf einen Platz an der großstädtischen Peripherie zunächst, wo verschiedene Gruppen die abgehalfterte Demokratie einer multikulturellen Gesellschaft repräsentieren, dann zu Wohnblocks mit einem Wildwuchs gewalttätiger Kinder, schließlich im letzten Kapitel zu einer Wehrsportgruppe, deren "Kameraden" ihn ... Nein, das Ende sei nicht verraten. "Die Träumer", Peter Truschners zweiter Roman, ist in seiner Rätselhaftigkeit nicht nur ein komplexer, sondern auch ein spannender Roman.
Mit Tinte aufgeschrieben hat der Held Verse des Hohelieds aus dem Alten Testament, womit uns womöglich signalisiert werden soll, dass er verzweifelt nach Liebe trachtet. Die Verse rinnen ihm nun als Schaum von den Lippen, auch das ist symbolisch, fast im trivialen Sinn: Träume sind Schäume, und Tinte ist bitter. Wenige Seiten nach der Tintenschaumszene bringt Truschner ein Traktat über die Schaumproduktion für den perfekten Cappuccino – ein aufschlussreiches Stück Gebrauchsliteratur. Wer mit den Truschner'schen Manierismen seine liebe Mühe hat, könnte auch versucht sein, die Schaummetaphorik auf das vorliegende Werk zu beziehen; denn unter den verbalen Feuerwerkskörpern sind nicht wenige Rohrkrepierer, etwa wenn der Autor die Vorstadtkinder "nach Essen hungern" lässt.
Irgendwann, schon ein gutes Stück nach der Mitte, scheint der Roman in seinen halb fantastischen, halb soziologischen Beschreibungen von Versuchen, sich gegen das individuelle wie das soziale Elend zu wehren, zu sich gefunden zu haben. Viele Abschnitte führen zwar in Sackgassen, die sich allerdings – genauso wie in der Wirklichkeit – oft genug als erkundenswert erweisen. Der Ausweg aus ihnen führt freilich nur über den Rückzug.
Der Blick des Erzählers in diesen Abschnitten ist abwechselnd charakterologisch, soziologisch, physiologisch, also quasiwissenschaftlich mit dem Anspruch, eine Analyse der Gegenwart und der nahen Zukunft vorzulegen. Wenn Truschner einen Bürgermeister die unglückseligen Bewohner "seiner" banlieue als "Abschaum" bezeichnen lässt, so wählt er genau das Wort, das Nicolas Sarkozy, inzwischen französischer Präsidentschaftskandidat, zur Zeit der großen Unruhen in den Pariser Vororten gebrauchte: "racaille".

Während zu Beginn des immer wieder wild abschweifenden, rückblickenden, vorgreifenden Romans eine coole Erzählhaltung vorherrscht und der Autor spürbar um originelle Wendungen bemüht ist, stellt sich später ein, wenn auch verhaltenes, Mitleidswerben ein: Mitleid mit der sich innerlich schindenden Kreatur, die auch ein Universitätsdozent sein kann, Mitleid mit der Gesellschaft der Ausgeschlossenen, die kaum Aussicht auf Befreiung haben. Die Unentschiedenheit mag bewusst inszeniert oder ein erzähltechnischer Mangel sein, letztlich ist es egal. Durch seine Unruhe appelliert der Roman an die Leser, sich für oder gegen ihn zu entscheiden. Und dass er in all seiner Zerrissenheit doch irgendwie funktioniert und nicht nur verblüfft, sondern in einem tieferen Sinn staunen macht, ist ein kleines Wunder.

Leopold Federmair in FALTER 12/2007 vom 23.03.2007 (S. 24)


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