Der Übergänger
Roman

von Armin Thurnher

€ 20,50
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.08.2009

Rezension aus FALTER 51-52/2010

Ein überösterreichischer Charakter

Am 5. Jänner 2011 feiert der Pianist und Schriftsteller Alfred Brendel seinen 80. Geburtstag

Der Pianist Alfred Brendel ist sozusagen ein idealtypischer Wiener, denn er ist nicht hier geboren und wohnt auch nicht mehr hier. Er hat aber lange genug hier gelebt, mehr als 20 Jahre. Das Wien der 50er- und 60er-Jahre sei, so Brendel, eine gute Stadt gewesen, um im Protest darin zu leben.
Er ist auch ein idealtypischer Österreicher, nämlich einer, der sein Österreichischsein auf übernationale oder besser noch, auf un-nationale Weise darstellt. Die Nation bedeutet ihm nichts, der Nationalismus ist ihm fremd, ja zuwider. Er kann Österreicher also höchstens auf eine gewissermaßen dadaistische Weise sein, zugleich involviert und distanziert.

Moderne und klassisches Repertoire
Das gern beschworene größere Österreich war bekanntlich nie eine Nation, vielleicht nicht einmal eine Idee, sondern ein durch die Dynastie zusammengewürfeltes Vielvölkergemisch. Aber in seinen besten Repräsentanten zeigte es sich als ein Vorschein von vereinten europäischen Nationen, eben als die Über-, Un- oder Antination.
Daran ließe sich anknüpfen. Zumindest zeigt uns ein durch und durch kosmopolitisch gesinnter überösterreichischer Charakter wie Alfred Brendel, dass Charakter eben nicht bedeutet, sich bloß in sein oder aus seinem Schicksal zu ergeben.
Die Voraussetzungen, also das, was man Schicksal nennt, ließen sich als jene einer typisch altösterreichischen Biografie lesen: geboren in Nordmähren, aufgewachsen in Kroatien, Studium in Graz und Wien. Das könnte nach Nostalgie klingen, nach einem Himmel voller Geigen und böhmischer Knödel. Nichts wäre weniger angebracht, obwohl Alfred Brendel Knödel durchaus schätzt.
Brendel aber hat aus seiner Biografie etwas ganz anderes gemacht. Er hat nicht nur eine künstlerische Weltkarriere geschafft. Das wäre auf dem dichtbesetzten Feld klassischer Pianisten schon Leistung genug. Nein, er hat nie aufgehört, sich weiterzuentwickeln, er hat all seine Anlagen und Fähigkeiten bewundernswert stetig gesteigert und intensiviert und er tut das erfreulicherweise weiterhin.
Während er sich scheinbar auf den historischen Kern des klassischen pianistischen Repertoires beschränkte, holte er dank seiner skeptischen Genauigkeit und seiner zugleich die Komponisten und deren Absicht verehrenden Haltung sozusagen die Moderne – an der er stets interessiert teilhatte – in die Klassik herein. Nämlich als reflektierende, geschichtsbewusste und Werke ergründende Verfahrensweise.
Ohne jede Äußerlichkeit, ohne aufgepfropfte, von außen an die Komposition herangetragene Attitüde wuchs so ein Werk, das Maßstäbe setzte. Als Erster hat Brendel das ganze Klavierwerk Beethovens aufgenommen, er hat Liszt rehabilitiert, Schuberts Werk als Erster umfassend bekannt gemacht, er hat Mozart nicht nur tief, sondern auch verständig interpretiert, er hat Haydn von dessen falschem Image befreit, er hat Schönbergs Klavierkonzert als Erster auf Platte aufgenommen und es auf drei Kontinenten erstaufgeführt. Dazu war und ist er Herausgeber, Forscher, Essayist, Lehrer, Sammler, Kunst- und Filmkenner, seit Jahren Dichter und nun auch Vortragskünstler. Er rezitiert seine Gedichte und hält glänzende Vorträge über Musik, wobei er sich für Musikbeispiele noch einmal ans Klavier setzt (am 25. Februar 2011 ist er im Musikverein zu Gast).

Skepsis und die Liebe zum Absurden
Wir leben in einem Zeitalter zunehmenden Wissens, globalisierter, also auch quantitativ wachsender Formen von Kultur, ja, in gewisser Weise der Kulturalisierung aller Dinge; wir leben aber auch in einem Zeitalter abnehmender Urteilskraft. Im grassierenden Relativismus gelten ein Vers von Hölderlin und eine Komposition von Bach so viel wie ein Zeitungstext oder ein Popsong. Das zu beklagen ist müßig, eine solche Klage hinterließe im Säurebad des allgemeinen Skeptizismus nicht einmal ein Bläschen. Dieser Skeptizismus mag aus berechtigter Abneigung gegenüber verbrauchten Pathosformeln entstanden sein, seine Wirkung ist dennoch unheilvoll.
Damit soll nicht gesagt sein, einer Lebensleistung wie jener Brendels fehle im Einzelnen oder im Ganzen die Schärfe. Freilich waltet hier keine ätzende Schärfe des Skeptizismus, sondern eine strenge Skepsis, die durch Witz und Liebe zum Absurden keineswegs gemildert wird. Die Dinge erscheinen und erklingen klar und hell, wenn Brendel sie nicht beleuchtet, sondern vielmehr von innen her zum Leuchten bringt. Das gilt im Übrigen nicht nur für den Pianisten, das gilt auch für den Musikschriftsteller Brendel.
Es gibt Menschen, die unser Dasein verätzen, und es gibt Menschen, die unsere Existenz bereichern, erhellen und, ja, verbessern. Zu dieser sehr seltenen Spezies gehört Alfred Brendel. Dafür liebt und verehrt man ihn auf der ganzen Welt. Über die Schwierigkeit, jemanden zu verehren, habe ich ein ganzes Buch geschrieben, das sich um Alfred Brendel dreht. Er hat es nicht nur freundlich aufgenommen, sondern das Manuskript innerhalb zweier Tage gelesen, durchkorrigiert und mir eine Menge peinlicher Fehler erspart.

Weise Kunst der Selbstbeschränkung
Wegen seines liebevollen und respektvollen Umgangs mit Menschen und Werken steht Alfred Brendel als stilbildende Instanz und Vorbild vor uns. Nicht einsam, wie es dem Vorbild oft nachgesagt wird. Es hat sich längst schon so etwas wie eine pianistische Brendel-Schule herausgebildet. Ich selbst habe aus meinem kurzen Umgang mit ihm zumindest gelernt, meine – wie er sagt – "habituelle Bosheit" weniger habituell als vielmehr gezielt zu gebrauchen.
Nicht zuletzt hat uns Brendel auf schmerzhafte, aber bewundernswerte Weise gezeigt, wie man richtig, also rechtzeitig aufhört. Am 18. Dezember 2008 hat er im Wiener Musikverein unter Anteilnahme der Weltöffentlichkeit in einem denkwürdigen Konzert seine Karriere als Pianist beendet. Am 5. Jänner 2011 wird Alfred Brendel 80 Jahre alt. Als Vortragskünstler, Lehrer und Autor bleibt er hoffentlich noch lange unter uns.

Armin Thurnher in FALTER 51-52/2010 vom 24.12.2010 (S. 42)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

FAREWELL CONCERTS, THE (Alfred Brendel, Diverse Klassik)
BRENDEL SPIELT SCHUBERT (Alfred Brendel, Franz Schubert)
Spiegelbild und schwarzer Spuk (Alfred Brendel, Max Neumann, Luis Murschetz, Oskar Pastior)
Nach dem Schlussakkord (Alfred Brendel)
Über Musik (Alfred Brendel)

Rezension aus FALTER 32/2009

Das Buffet dampft. Die Hufe stampfen

Der Verleger war ohne Zweifel trotz seiner 65 Jahre ein schöner Mann. Stattlich, hoch aufgerichtet, von hoher Stirn, hohem Sinn, unverlegen, mit einer lockeren Beugung in der Haltung, die nicht nur davon herrührte, dass er sich meist zu anderen beugen musste, wenn er ihnen sein Ohr lieh, denn er war größer als der Durchschnitt, von Natur über diesen erhoben, eine Höhe, die er aber um Gottes willen niemanden je spüren lassen mochte, deshalb diese leichte Beugung, in der Sprache der Skilehrer, ich sagte es schon, gab es einst das Wort Hüftknick, aber der Verleger machte keinen Hüftknick, es war eher ein Kreuzknick, ein leichter Buckel, ein leichter Katzbuckel, der umso reizender wirkt, wenn ihn ein Größerer buckelt, einer, der sich gern zu denen beugt, mit denen er zu tun hat, auch nicht liebedienerisch oder übergnädig oder gar herablassend, vielmehr einladend, aufmerksam und vielleicht sogar zuvorkommend, und zuvorkommend war er, hatte ein offenes Ohr für jeden, lieh allen oft und gern sein Ohr, denn sein Beruf bestand ja darin, jemandem zuzuhören und dann auch zu beurteilen, was ihm, dem Ohrenverleiher, da zugeflüstert, zugetragen wurde, und dann zu entscheiden, ob es ihm zusagte, und schließlich abzusagen.
Der Beruf des Verlegers bestand, wenn man es recht bedachte, hauptsächlich im Absagen, das musste einer können, ohne dabei in Verlegenheit zu geraten. Die Petenten gaben dem Verleger ihre Eingebungen als Pfand, und er lieh ihnen dafür sein Ohr für dehnbare Frist, aber am Ende der Frist forderte er ein Werk. Unselig die Beliehenen, denn sie besaßen auf kurze Zeit sein Ohr, ihr Werk aber gehörte für immer ihm. Selig die, denen er absagen musste, denn sie brauchten nichts zu liefern. Seine Absage war für sie eine Gnade, die sie weder verstanden noch zu schätzen wussten. (…)

Was soll man so einem sagen, wenn man nichts schreiben kann oder will? Habe Kopfweh? Bin nicht in Stimmung? Unpässlich? Auf so was hat der nur gewartet. Mit so was kann er umgehen. So einer hat nie Gesprächscoaching gebraucht. Der wittert das. Wie einem freundlichen, aber nicht ganz berechenbaren wilden Tier möchte man ihm etwas Gesprächsstoff verfüttern. Das können nur Geschichten sein. Man weiß nicht, wie, schon ist man dabei, ihm Geschichten vorzuwerfen, dabei könnte man ihm alles Mögliche vorwerfen, den Abend, die Gäste, die Reden, die Lesung, das Verlagsprogramm. Fangen Sie damit nicht an! Er ist nimmersatt, man hat ihm schon Ideen für drei Romane erzählt, er hat alle hervorragend gefunden, die Anekdoten und Schnurren zwischendurch sowieso, aber er bleibt einem auch nichts schuldig: ich eine Geschichte, er eine Geschichte, wenn's sein muss, zwei oder drei. Er ist nicht gierig, nur anspruchsvoll. Wenn kein Futter da ist, streut er selber welches aus.
Besser, man füttert ihn mit Geschichten ab. Man muss ihm Geschichten vorplaudern, dann bleibt er friedlich, man muss Zeug erfinden, während man so dahinredet, um mit dem Druck fertig zu werden, der sich, man weiß nicht, wie, während der Verführung auf den zu Verführenden aufbaut, ein sanfter Druck, den man nicht loswerden wollen soll und nicht einmal loswerden will. Man soll verführt werden wollen, und man will ja auch verführt werden. Irgendwas muss man jedem Verführer geben, irgendwie muss man ihm nachgeben, das weiß er, dann wird niemand ungeleitet nach Hause gehen, und sei er noch so wenig schön.
Vor Wut aufeinander schnaubend, umkreisen die Gäste mittlerweile das Buffet. Das Buffet dampft. Die Hufe stampfen. Die Stimmung auf diesem Autorenfest, das nicht zu Unrecht Jour fixe heißt, fester Tag, ist gewaltig. Ein festes Fest! Die besten Schädel der Stadt geraten hier fest aneinander, krachen beinahe zusammen, ein gerade noch sublimierter Schädelbasiskampf, auf der Karte stehen eingelegte Schädel, verführt und abgefüttert.
Der örtliche Banker, ein Jägermeister, ist nie bei diesem Jour fixe zu sehen. Obwohl der Verlag durchaus schreibende Banker im Programm führt, hat der Banker, im Übrigen ein kluger und nicht unkultivierter Bursche, seinen eigenen festen Tag, Festtag des Festgelds, er bittet seine Zunftgenossen jährlich zu einem Sauschädelessen, wo sie sich gebackene und gekochte Sauschädel, panierte Schweinsohren, gesulzte Schweinsschwänze, gesottene Schweinshaxen, fetteste Schweinswürste, Blut- und Leberwürste, glänzende Schweinsschmalzpyramiden, Saumeisen, Saumägen, bergeweise Schweinsgrammeln, schneeweißen Schweinespeck, braunweißes Bratlfett und überhaupt Schweinereien aller Art von einem unvorstellbar schweinischen Buffet hineinstopfen. Dieses Sauschädelessen hat die hiesige Bankenwirtschaft über die Jahre krisenfest gemacht und zusammenwachsen lassen, weswegen man das bodenständige durchwachsene Bankensystem auch das Schweinesystem nannte. Die Haltung, die es sich bei dieser Sauschädelei einzunehmen empfiehlt, ist die bodennahe Haltung.
Der Jour fixe war das literarische Pendant zu diesem Sauschädelessen, der Jour fixe war sozusagen das Sauschädeltreffen, bodennahe Haltung war hier allerdings das Letzte, das gefragt gewesen wäre. Hier stapfte man durchs Zitronengras, mampfte am Koriander und mümmelte den Kreuzkümmel. (…)

Bereits im Vorzimmer hatten die Gäste einander belauert, die Hand am Stielglas, lässig gehässig grinsend. Keiner mochte hier den anderen leiden. Ich habe alles Verständnis für die Einsiedler in der Literatur, es gibt ja nur solche, aber warum zwingt man sie in Gesellschaften zusammen, das kann nicht gutgehen. Die Sitzordnung beim Vortrag des Fixabendsterns will eingehalten sein, dem Vortrag hören jedoch nur die Braven zu, die Lamperln unter den Schädeln. Die großen, schlauen Schädel erscheinen erst nach der Lesung, sie schützen wichtige Verpflichtungen vor und kommen gerade zum Buffet zurecht. Die bösen Schädel sind schon da, schwänzen aber im Vorraum draußen die Lesung, der Verführer mitten unter ihnen, als wäre nicht er hier der Fixstern, er, der große Hirsch, das große Ohr! Sein örtlicher Stellvertreter, der kleinere Stern, das kleine Ohr, begrüßt derweil die Gäste und stellt den Abendstern vor.
Es ist Ferdinand, der eines seiner sprachwitzigen und kunstvollen Bücher präsentiert, mit dem er sich wieder einmal allen Ansprüchen und Erwartungen auf unerwartet geistreiche Weise entwunden hat. Ferdinand schreibt Entwindungswerke, jedes Mal schafft er ein großes Werk, indem er sich dem Anspruch des großen Werks entwindet. Sein Vater war Ringer gewesen, aber er erst: Egal ob Griechisch-Römisch oder Freistil, geölt und geschürzt ringt er mit seinen Werkansprüchen, die Werke entschlüpfen ihm, eins nach dem anderen neu geformt, scheinbar anspruchslos, zugleich jedoch den höchsten Ansprüchen genügend. Höre ich da einen Unterton von Neid? Ja, ich höre richtig, gibt es Bewunderung ohne Neid?
Ferdinand muss im Sitzen lesen, hier haben wir für einmal einen Mann ohne Schräglage, denn Ferdinand kann nicht lange stehen, Ferdinand sitzt also, er sitzt kerzengerade. Ferdinand hat marode Knie, wahrscheinlich eine Folge seiner vielen Kuraufenthalte, ich habe ihn immer vor den Folgen dieser Kuraufenthalte für seine Knie gewarnt, er aber winkte nur müde ab, winkte meine Kuraufenthaltswarnungen mit einer seiner kleinen, umso tödlicheren resignierten Abwinkbewegungen weg. Kuren gehen auf die Knorpel, hatte ich gesagt, aber Ferdinand hatte, statt auf mich zu hören, wie immer nur milde gelächelt und war auf Kur gegangen, zu irgendwelchen Franziskanern im Innviertel. Die Franziskaner sind die schlimmsten Knorpelkiller, hatte ich ihm gesagt, er hatte es besser gewusst. Jetzt saß er da. Ich habe noch Fußball gespielt mit Ferdinand, bisweilen spricht er mit Wärme über meine Ballbehandlung, er schätzte, glaube ich, auch meine Übersicht auf dem Feld, deswegen ist er mir wichtig als Zeitzeuge, man muss sich um eine kritische Nachrede beizeiten bemühen, und wenige haben mich als Fußballspieler in so guter persönlicher Erinnerung wie Ferdinand, der übrigens schon damals an Knieschmerzen litt, eine Knorpelsache, wie ich mich zu erinnern meine.
So verschwenden wir unsere Knorpel sinnlos ans Leben. Man kann sie nicht mitnehmen, pflegte mein Großvater zu sagen, ein großer Freund des schweinernen Knorpels, noch mehr des Kalbsknorpels, man kann sagen des Knorpels insgesamt, er mochte Knorpel in jeglicher Gestalt, Korporal im Ersten Weltkrieg, Korporal Knorpel, das war noch eine andere Generation, die nicht Kalbsknorpel aus dem Bratenfleisch lutschte und angeekelt an den Tellerrand schob, das waren Leute, die sie mit Gusto und im hohen Alter mit den eigenen, zweiten Zähnen knackten. Kruspel nannte der Großvater diese Knorpel. Um genau zu sein, sagte er Krüschpele, wir reden vom Kernland des Diminutivs, wenn er einen gekochten Schweinsschwanz knackte, ein Bild, das ich als Kind mit einiger Skepsis betrachtete, obwohl das gallertige Rosa des Schweinskringels sich gut von der grauen Gerstensuppe abhob, in der außerdem orange Würfel von Karotten sichtbar waren.

Draußen häuften sie Basmatireis mit diversen Thaicurrys auf die Teller, schlabbrige vietnamesische Reisteigröllchen, Krabben am Zitronengrasspieß und dergleichen, es war ein knapp noch nicht exquisites, ein mehr erdig globalistisches, ein geradezu weltensammlerisches Buffet, das fein tariert die Waage zwischen großzügig und doch nicht verschwenderisch hielt. Das große und das kleine Ohr klagten über von Jahr zu Jahr schlechter werdende Geschäfte, da wären Hummer, Chablis und Bordeaux in der Tat unangebracht gewesen, obwohl keiner der das Buffet draußen wütend umschnaubenden Schädel auf die Idee gekommen wäre, dass er es war, der das Ganze hier mitfinanzierte.
Ich saß mit dem Ohrengestirn drinnen. Es gab nämlich draußen drei größere Räume, aus denen man die Büromöbel völlig entfernt hatte, und neuerdings auch einen Raum drinnen, auf der anderen Seite der Garderobe, wo man auf Sesseln inmitten von Schreibtischen saß, etwas abgesondert von der Menge, deren entferntes Schnauben und Stampfen man deutlich hörte. Dem kleinen Ohr hatte ich schon vor sechs Jahren einen Verlagsvertrag unterschrieben, wofür ich mir nicht zu blöd war, einen Vorschuss zu kassieren, allerdings einen kläglichen, aber er reichte, um mich in ein Schuldverhältnis zum kleinen und zum großen Ohr zu bringen.
Kleinohr und Großohr, ihre Mischung aus Mahnung und Ermunterung hatte sich wirklich gewaschen! So geschickt gingen die beiden ihrem Geschäft nach, Verführer der eine, Mahner der andere, dass ich mich nach sechs Jahren noch zu ihrem Jour fixe traute, mich willkommen geheißen und zugleich in ihrer Schuld stehend fühlte. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Nach all den Österreichbüchern, die ich geschrieben hatte, konnte und wollte ich nicht noch eines schreiben, was man ja jedes Jahr tun könnte, im Grunde war mein Lebenswerk so etwas wie der österreichische Almanach, der in wöchentlichen Lieferungen erschien, warum sollte ich da auch noch Bücher daraus machen. Ferdinand hatte mit seiner Kritik Recht, die Österreichkritik taugt nichts, die Österreichkritiker bestätigen in ihrer monothematischen Vernagelung nur ihre eigene moralische Schlichtheit, die Österreichkritik ist eine Branche geworden, sagte Ferdinand, wobei auch Ferdinand von Zeit zu Zeit der Versuchung nicht widerstehen konnte, als Österreichkritiker hervorzutreten, man kann ja nicht in Österreich leben und schreiben und nicht Österreichkritiker sein, wobei er, wenn er den Österreichkritiker gab, Österreich aufs Großartigste kritisierte und sich zugleich seiner Aufgabe selbstkritisch entwand, indem er in Form seiner Österreichkritik zugleich die Unmöglichkeit von Österreichkritik dartat. Ein echter Österreicher!
Ich wollte kein Österreichbuch mehr schreiben, ehrlich nicht, wenigstens vorläufig nicht, jedoch der Weg zum Österreichbuch ist gepflastert mit Vorsätzen, keines zu schreiben. Deswegen hatte ich dem kleinen und dem großen Ohr bei einem Essen ein paar Projekte hinphantasiert, die ich vielleicht irgendwann einmal schreibe oder vielleicht nie mehr schreibe. In eines dieser Projekte hatte ich mich verbissen und hatte nichts Rechtes zustande gebracht, was die Ohrensterne mit großer Fassung, stetig anhaltender Verführung und konstant sanfter Mahnung quittierten. Aber jetzt! Endlich hatte ich ein Projekt, eines, das ich sicher schreiben würde, ein Projekt, das sich schon zu schreiben schien, wenn ich nur davon erzählte. Die Verfehlung des Alfred Brendel wird es heißen, sagte ich, aber natürlich ist nicht seine gemeint, sondern meine. Wie ich ihn seit Jahren verfehle und er mich auch, und wie niemand daran schuld ist, wie sich dieses Verfehlen einfach ergibt, aber doch auch mehr ist als bloß eine subjektive Verfehlung, denn Brendel hat als Künstlerfigur etwas in die Moderne herübergerettet, ein Gelingen von Kunst, das es so eigentlich nicht mehr gibt, ein Ideal, das man nur verfehlen kann, wenn man nicht Brendel selber ist. Das würde ich beizeiten gern versuchen aufzuschreiben, sagte ich, denn es gingen Gerüchte um, Brendel würde seine Karriere beenden.

Schreibe das, antwortete der Verführer und war vergnügt, weil er merkte, diesmal würde ich es vielleicht wirklich tun. Er wusste natürlich längst alles über Brendels Pläne, auch Brendel ist sein Autor, hat sein Ohr, wird von ihm verführt. Schreibe das, sagte das kleine Ohr, das erst gar nicht glauben wollte, dass ich tatsächlich einen Erzählband vorhatte. Das kleine Ohr trat einen Hauch stärker fordernd auf, das war seine Rolle, in die es sich manchmal etwas missvergnügt fand, wie mir schien, aber mit stoischem Duldermut, seine Aufgabe bestand weniger darin, zu verführen als heimzuführen, die verlorenen Schädel in den Stall zu führen. Das kleine Ohr hatte außerdem schon die Verlagskonferenz im Auge, brauchte eine Skizze, demnächst einen Titel, und vor allem Text. Text, Text, Text. Was zum Lesen! Du musst liefern, musst erzählen!

Armin Thurnher in FALTER 32/2009 vom 07.08.2009 (S. 26)


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