Theorie der Unbildung

von Konrad Paul Liessmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 40/2014

Neoliberale Unbildungsindustrie

Schon vor acht Jahren lieferte Konrad Paul Liessmann eine beißende Kritik am vorherrschenden Bildungsdiskurs ab. Damals stand vor allem die Ökonomisierung und Industrialisierung des Wissens im Zen­trum seiner Polemik. Sie zerstöre das humanistische Ideal von Bildung als "Programm der Selbstformung des Menschen", schrieb er. Die "Millionenshow", der Kenn­ziffernfetischismus des Wissensmanagements und – als dessen Höhepunkt – die Pisa-Studie seien zeitgenössische Auswüchse dieses Trends. Daraus entstehe eine Halbbildung unter neoliberal verschärften Bedingungen, schlussfolgerte Liessmann in Anspielung auf Theodor W. Adornos Text "Theorie der Halbbildung" (1959). Verloren gingen die ursprüngliche Idee von Bildung, Neugier und die Lust an der Erkenntnis. Liessmanns Buch ist ein absolut lesenswertes Zeitdokument. 2006, im Jahr seines Erscheinens, wurde die dritte Pisa-Studie veröffentlicht. Drei Jahre zuvor, 2003, hatte Österreich seinen ersten großen "Pisa-Schock" erlebt.

Barbaba Tóth in FALTER 40/2014 vom 03.10.2014 (S. 19)


Rezension aus FALTER 40/2006

Selbsterkenntnis statt Skills!!

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann rechnet in seiner Streitschrift "Theorie der Unbildung" mit den Irrtümern der Wissensgesellschaft ab.

Das Wissen der Wissensgesellschaft ist beliebig und inhaltslos. Ihm fehlt jede synthetisierende Kraft. Es wird mit Verzicht auf Weltdurchdringung durch Erkennen, Verstehen und Begreifen prozessiert und ist bar jedes Anspruchs auf Wahrheit. Bereits im Vorwort lässt Konrad Paul Liessmann keinen Zweifel offen, was er von der Wissensgesellschaft hält. Ihre "Industrialisierung und Ökonomisierung des Wissens", so seine Grundthese, zerstöre das humanistische Ideal von Bildung als "Programm der Selbstformung des Menschen" vollends.
Selbsterkenntnis und Freiheit sind als Bildungsziele suspendiert, wo die Phantasmen von Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit regieren und Wissen zu "einer bilanzierbaren Kennzahl des Humankapitals" degradiert ist. Flüchtiges Stückwerkwissen statt Urteilskraft, skills statt Selbsterkenntnis. Unbildung soll hier nicht die "Abwesenheit von Wissen oder gar Dummheit" bezeichnen, sondern, dass heute "die Idee von Bildung in jeder Hinsicht aufgehört hat, eine normative oder regulative Funktion zu erfüllen".
Mit geschliffener Rhetorik und bisweilen hohem Unterhaltungswert durchstreift der Philosoph die zeitgenössischen Wüsten der Unbildung: von der "Millionenshow" über die PISA-Studie bis zum Kennziffernfetischismus des Wissensmanagements. Besondere Aufmerksamkeit widmet er dem Terrain seiner eigenen Leiden, der Universität, die Humboldts Ideale von Lehre und Forschung längst hinter sich gelassen hat. Zwischendurch erfahren wir außerdem, warum der Wetterbericht den höchsten Informationsgehalt aller TV-Sendungen aufweist oder warum man Immanuel Kant heute wahrscheinlich zur Mitarbeit in einem "innovativen", interdisziplinären Forschungsschwerpunkt verurteilen würde.
Wer die allgegenwärtigen Plattitüden des Managementjargons nicht mehr hören kann oder keine Zeit mehr zum Denken und Forschen hat, weil er die fragwürdigen Vorgaben des F&E-Controlling erfüllen muss, wird Liessmann begeistert zustimmen. Auch wer im offenen Vollzug des "lebenslangen Lernens" in Gestalt einer missglückten Weiterbildungsmaßnahme des Arbeitsamts darbt, folgt seinen Attacken mit Vergnügen. Und doch werden sich diese Leser bisweilen auch ärgern.
Die einen nämlich mag der kapitalismuskritische Tonfall irritieren. Nicht umsonst versteht der Autor sein Buch als Fortschreibung von Theodor W. Adornos Text "Theorie der Halbbildung" (1959) unter neoliberal verschärften Bedingungen. Auf der anderen Seite wird in so manchem flapsigen Seitenhieb auf Political Correctness oder im wiederholten Hinweis darauf, dass die ganze Misere mit den Bildungsreformen ab den Sechzigern einsetzte, jener Wertkonservatismus erkennbar, von dem der Autor sich ausdrücklich zu distanzieren sucht.

Schwankende Parteinahmen kann man dem Text als ideologische Unbestechlichkeit zugute oder für kalkulierte Provokationen halten. Man kann sie aber auch als Anzeichen für mangelnde Gründlichkeit in der Auseinandersetzung lesen. Dass im Umschlagtext "alle" und "sie" wahlweise als Protagonisten oder Mitläufer der posthumanistischen Wissensgesellschaft verdächtigt werden, ist wahrscheinlich auf einen Hang zu verschwörungstheoretischem Pathos im Verlagsmarketing zurückzuführen und bereitet aber darauf vor, dass der Text weniger konsistente Theorie und mehr scharfsichtige Zeitdiagnose liefert.
Konkret benannte Entwicklungen und Akteure bleiben oft als vereinzelte Gegenwartsphänomene stehen. Den Objekten der Kritik wird nie jene Komplexität zugestanden, die von der eigenen Beweisführung in Anspruch genommen wird. Eine systematische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Kategorien von Information und Wissen fehlt ebenso wie eine stringente Verknüpfung von ökonomischen mit bildungspolitischen Fragen.
Letzteres liegt wohl daran, dass die Berufung auf das Menschenbild der philosophischen Aufklärung allein für eine tiefgängige Analyse der politischen Wissensökonomie zu wenig Inventar bietet. Erstaunlicherweise blendet Liessmann durchgängig aus, dass Natur- und Menschenbeherrschung schon im Denken und Handeln eben jener Aufklärung verankert sind, die er als Kronzeugin gegen die Entmoralisierung des Wissens in der Gegenwart aufruft.
Schließlich ist en passant Eingestreutes nicht immer konsequent argumentiert. "Recherchen im Internet zeitigen in einem ersten Schritt immer zufallsbedingte Ergebnisse", heißt es da etwa im Zusammenhang mit Suchmaschinen, um die These von der "Gleichgültigkeit des gleich Gültigen" in der Wissensgesellschaft zu untermauern. Suchmaschinen sind allerdings keine Zufallsgeneratoren. Ihre Algorithmen berücksichtigen die Häufigkeit und Position von Zeichenfolgen oder die Popularität von Dokumenten. Kritikwürdig ist hier die in Rechenoperationen versteckte Definitionsmacht über den Wert von Information samt ihrer Intransparenz und Anfälligkeit für Manipulationen. Die scheinbare "Kontingenz" aber, die der Autor wahrnimmt, kann man auch als Besucher der Nationalbibliothek erleben, wenn einem die Kompetenz für Suchstrategien in Bibliothekskatalogen fehlt.

Trotz aller Einwände: Die Lektüre dieser Streitschrift ist durch und durch empfehlenswert. Sie bietet gelehrte, ab und zu überhebliche, aber nie langweilige "fröhliche Wissenschaft", deren Erkenntnisvermögen schwerer wiegt als so manch unaufgelöster Widerspruch. Den Text auf seine polemische Dimension zu reduzieren wäre billige Ausflucht vor seinen ernsthaften, ja notwendigen Einsprüchen gegen den mit Opportunismus gesättigten Zeitgeist.
Gerade seine polemische Qualität sollte nicht geringgeschätzt werden, denn sie reichert die kritische Reflexion mit Gelegenheiten zum entlastenden Lachen an: zum Lachen, das die Anmaßungen der Gegenwart radikal infrage stellt.

Fritz Betz in FALTER 40/2006 vom 06.10.2006 (S. 48)


Rezension aus FALTER 39/2006

"Endloser Datenozean"

Die Wissensgesellschaft ist keine besonders kluge Gesellschaft, schreibt Konrad Paul Liessmann in seinem neuen Buch "Theorie der Unbildung". Hinzu kommt: Der Reformgeist und die Bildungspolitik machen alles noch schlimmer.

Konrad Paul Liessmann, geboren 1953, ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. Dieser Tage erschien sein Buch "Theorie der Unbildung", ein feuriges Pamphlet gegen die jüngsten Universitätsreformen, die Rankingkultur in der Bildungsdebatte und einen blinden "Reformgeist".

Falter: Immanuel Kant hätte heute keine Chance mehr im Universitätsbetrieb?

Konrad Paul Liessmann: Wahrscheinlich. Und dies aus mehreren Gründen. Kant hat Königsberg bekanntlich nie verlassen - er ist das Paradebeispiel des Wissenschaftlers, der die Mobilität verweigert. Was übrigens nicht heißt, dass er nicht "vernetzt" war - er hatte rege Briefkontakte. Er wollte aber unbedingt in Königsberg eine Professur und hat lange auf diese gewartet. Kaum hatte er sie, hat er zehn Jahre lang keine Zeile publiziert. In diesen zehn Jahren hat er allerdings nachgedacht. In seinem Kopf wuchs die "Kritik der reinen Vernunft". Welchem Wissenschaftler würde man heute eine solche Zeitspanne gönnen, sein Hauptwerk vorzubereiten?

Auf heutige Verhältnisse umgelegt: Er hätte vielleicht eine Assistentenstelle bekommen, in Deutschland möglicherweise eine Juniorprofessur und wäre dann wegen chronischer Inaktivität rausgeworfen worden?

Zumindest hätte er Auflagen bekommen: Er hätte mehr publizieren, vielleicht ein Forschungsprojekt einreichen müssen, wahrscheinlich wäre er einem "innovativen", sprich: zeitgeistigen Forschungsschwerpunkt zugeordnet worden. Er wäre gezwungen worden, den Druck auf sich selbst zu erhöhen. Außerdem hätte er natürlich einen Teil seiner Zeit der Aufgabe widmen müssen, Drittmittel einzuwerben. Denn ein guter Wissenschaftler ist heute, wer imstande ist, Geld aufzutreiben.

Jahrhundertfiguren wie Kant würden sich vielleicht auch heute durchsetzen. Was ist denn so schlimm daran, wenn man Wissenschaftler ein bisschen unter Druck setzt?

Ich habe gar nichts gegen Leistungsanreize und damit verbundenen sinnvollen Druck. Nur, was wir heute haben, ist eine absurder werdende Konkurrenzspirale: Wer wirbt mehr Drittmittel ein? Wer publiziert mehr? Wer hat mehr Forschungsprojekte laufen? Wer ist öfter im Ausland? Solches verkennt das Geschäft, um das es hier geht: Wissenschaft braucht Zeit. Und zweitens, gerade wenn man für Leistungsanreize ist, müsste das doch ein Anreiz zu wissenschaftlichen Leistungen sein - die Reform-und Evaluierungskultur erhöht den Druck aber gerade nicht in diese Richtung. So bekommt man keine Wissenschaftler, eher Finanzgenies und Mobilitätsweltmeister.

Kategorien der Ökonomie, der Jargon der Managementdiskurse fallen in die Wissenschaft ein?

Natürlich sind Forschungs-und Bildungseinrichtungen auch Institutionen, die gut und effizient verwaltet werden müssen. Aber wenn Wissenschaftler primär mit Management beschäftigt sind, läuft etwas schief. Das Wichtigste ist aber: Wissenschaft ist ein offener Prozess, der davon lebt, dass man Thesen durchdenkt und der Kritik aussetzt. Doch heute gehen wir immer mehr von diesem inhaltlichen Diskurs weg, hin zu formalisierten Bewertungskriterien.

Werden die Universitäten dadurch kaputt gemacht?

Universitäten wird es noch geben, da wird der Evaluierungswahn schon Geschichte sein. Aber sie werden gelähmt.

Aber der Reformdiskurs verengt sie doch sehr auf das, was bewertbar und verwertbar ist?

Es gibt ja mittlerweile nicht nur Evaluierung, sondern selbst eine Evaluationsforschung. Die zeigt: Evaluierung beobachtet nicht nur, sondern sie gibt selbst Normen vor. Sie produziert gewissermaßen das, was sie später bewerten soll. Evaluationsverfahren haben immer steuernden Charakter. Wenn dann noch ökonomische Interessen dazukommen, dann wird deutlich, dass von der Autonomie der Universität nicht viel übrigbleibt.

Aber war nicht Rationalisierung ein Projekt der Aufklärung? Ist das Ranking die Rache der Geschichte an der aufgeklärten Vernunft?

In der Wissenschaft selbst gibt es eine starke Tendenz zur Quantifizierung, das stimmt: "Messen, was messbar ist, und was nicht messbar ist, messbar machen", dieser berühmte Satz von Galilei markiert auch die Geburtsstunde der modernen Wissenschaft. Das wirkt jetzt zurück. Aber es haben sich seither unterschiedliche Wissenschaftskulturen herausgebildet. Heute ist das Problem, dass Standards, die sich in den Naturwissenschaften entwickelt haben, auf alle Wissenschaften übertragen werden.

All das geschieht vor der Folie der Rede von der Wissensgesellschaft, in der, wie Sie schreiben, "alles gleich gültig" ist. Was ist die Wissensgesellschaft?

Ja, das wollte ich auch wissen. Ich habe ja schon in vielen Gesellschaften gelebt - im Spätkapitalismus, im Atomzeitalter, in der postindustriellen Gesellschaft, dann in der Informationsgesellschaft, jetzt lebe ich in der Wissensgesellschaft. Aber sind die Tätigkeiten, die die Arbeit in der Fabrik ablösen, tatsächlich wissensbasierte Tätigkeiten? Wenn man meint, dass man ein bestimmtes Wissen braucht, um diese Technologien zu beherrschen, dann war jede bisherige Gesellschaft eine Wissensgesellschaft. Und das Fräulein vom Amt in der Zeit der frühen Fernmeldetechnik war ganz zweifelsfrei eine Wissensarbeiterin. Und vor allem: Die rezente Wissensgesellschaft hat offensichtlich nicht mehr mit Erkenntnis und Weisheit zu tun als andere Gesellschaften vor ihr. Ich zweifle daran, dass die Wissensgesellschaft die Industriegesellschaft ablöst, eher scheint mir das Wissen industrialisiert zu werden.

Eines der paradigmatischen Phänomene ist für Sie die Wissensshow. Der Geist dieser Shows ist doch immerhin: "Du sollst viel wissen!" Ist doch gar nicht so schlecht, oder?

Nein, überhaupt nicht! Ich sage in meiner "Theorie der Unbildung" ja nicht, dass wir dümmer werden. Im Gegenteil: Das Wissen, über das wir verfügen können, das wir teilweise auch in uns haben, ist immens. Es ist nur zusammenhanglos, wir schwimmen gewissermaßen im endlosen Datenozean. Was uns abhandenkommt, ist das, was man etwas nostalgisch eine Idee von Bildung nennt, die eine normativ steuernde Funktion für die Organisation dieses Wissens haben könnte. Gleichzeitig haben wir das dumpfe Gefühl, dass das Verstehen eines physikalischen Gesetzes oder die Kenntnis der Weltliteratur doch einen anderen Status hat als das Wissen über die jüngste Liaison eines x-beliebigen Popstars - obwohl das in den Wissensshows und in vielen Medien gleichrangig behandelt wird. In dem Moment, wo die synthetisierende und organisierende Kraft solch einer Bildungsidee abnimmt, werden wir unseren eigenen Wissensmöglichkeiten gegenüber ohnmächtig. Gerade angesichts der Unendlichkeit des Wissens, das uns im Prinzip zur Verfügung stünde, fühlen wir uns ja extrem unwissend.

Sind Sie ein Nostalgiker, der der guten alten Zeit nachtrauert, in der alles besser war?

Bin ich gar nicht! Ich beobachte eine Transformation, über die ich mir vor der Folie der Vergangenheit klarer werden will. Es schadet deshalb sicher nicht, die Idee der humanistischen Bildung, wie wir sie seit Humboldt kennen, dem gegenwärtigen Geist entgegenzuhalten. Wir haben jede Bildungsidee ersetzt durch Wettbewerb - gut ist das Wissen, das uns nützt, um in der Konkurrenz mit anderen zu bestehen. Das ist meines Erachtens doch etwas eng. Dabei schätze ich den Stimulus des Wettbewerbs sehr. Aber Entscheidendes geht dabei verloren: die ursprüngliche Neugier und die Lust an der Erkenntnis.

Robert Misik in FALTER 39/2006 vom 29.09.2006 (S. 22)


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