Wem gehört der Wohlstand?
Perspektiven für eine neue österreichische Wirtschaftspolitik

von Markus Marterbauer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay
Erscheinungsdatum: 01.03.2007

Rezension aus FALTER 32/2010

Wer soll das alles zahlen?

Wir alle werden bluten müssen, um das Budgetdefizit auszugleichen. Die Frage ist nur, wer wie viel dafür zahlen muss. Der Wirtschaftsforscher und Falter-Autor Markus Marterbauer liefert in seinem Buch Grundlagen für eine seriöse Verteilungs­debatte. Er deckt darin nicht nur Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft auf und schlägt realistische Alternativen vor. Marterbauer geht vor allem von einer Annahme aus: Dass ein starker Staat die Verhältnisse mit vernünftiger Politik verbessern könne.

Julia Ortner in FALTER 32/2010 vom 13.08.2010 (S. 15)


Rezension aus FALTER 7/2007

Wem der Wohlstand gehört

Jeder verdiene so viel, wie er leiste, behaupten die Neoliberalen - ein modernes Märchen. Weniger individuelle Leistung, sondern Hierarchien und Herkunft bestimmen über Arm und Reich. Doch Ungerechtigkeit ist kein Naturgesetz.

Für Neoliberale ist die Frage nach der Gerechtigkeit der Verteilung ganz leicht zu beantworten: Gerechtigkeit schafft der Markt, denn die Einkommen spiegeln die Leistung, die die Einzelnen erbringen, wider. Hohes Einkommen oder Vermögen zeigt, dass jemand erfolgreich ist. Damit stellt sich die Frage nach der Bewertung von Leistungen gar nicht, sie wird anonym vom Markt vorgenommen, und es gibt auch keine politische Dimension ungleicher Einkommensverteilung. Dies bringt der österreichisch-britische Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek deutlich zum Ausdruck: "Es ist genauso unsinnig, jemanden für die Einkommensverteilung verantwortlich zu machen, wie jemanden für den Gesundheitszustand der Leute oder für ihre Dummheit oder den Mangel an Schönheit verantwortlich zu machen" (Hayek 1979).

Geht man ins Detail, so erweist sich die neoliberale Position rasch als wenig befriedigend. Märkte können das Prinzip "Gleicher Lohn für gleiche Leistung" nicht umsetzen. Um konkrete Arbeitsleistungen vergleichen zu können, bräuchte man standardisierte Arbeitsformen, die es jedoch nicht gibt. Der Blick in die Empirie lässt rasch erkennen, dass gleiche Arbeit heute sehr ungleich entlohnt ist. Die hohen Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen sind nur in geringem Ausmaß auf Unterschiede in der Arbeitsleistung zurückzuführen, und selbst dies ist oft Ausdruck von geschlechtsspezifischer Diskriminierung. Warum liegen die Gehälter von Kindergärtnerinnen unter jenen von Müllarbeitern? Hilfsarbeiter in der Bekleidungsindustrie verdienen deutlich weniger als Hilfsarbeiter in der Erdölindustrie - leisten sie weniger? Die Einkommen der Hilfsarbeiter sind insgesamt im Verhältnis zu anderen Einkommen drastisch zurückgegangen - warum ist ihre Arbeit plötzlich weniger wert? Bezieht man Besitzeinkommen oder andere Einkommensformen in die Betrachtung ein, dann verschwimmt der Leistungsbegriff gänzlich. Worin besteht die Leistung eines Erben, der von Dividenden lebt? Reiche Eltern zu haben, stellt keine eigenständige Leistung dar.

Die Kongruenz zwischen Einkommen und individueller Leistung erweist sich also als Märchen. Doch selbst wenn das so ist, argumentieren Neoliberale, profitieren wir doch alle davon, wenn die Reichen hohe Einkommen erzielen und danach trachten, ihr Einkommen zu vermehren. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Vernon Lomax Smith: "Das Geld, das ein Mensch erspart, bleibt der Wirtschaft erhalten, wird investiert und produziert das Wachstum von morgen. Nur das, was er verbraucht, nimmt er der Gesellschaft weg, denn das kann dann kein anderer konsumieren. Ein Mensch, der reich ist, aber nicht viel davon ausgibt, lässt den Rest für dich und mich arbeiten. Er hilft dadurch, die Armut zu bekämpfen. Das mag zwar nicht seine Absicht sein, aber er tut es doch. Wir sollten ihm applaudieren und ihn nicht bestrafen" (Der Standard, 27.11.2005, S. 19). Wenn die Reichen mehr Geld auf den Finanzmärkten anlegten, dann stünden den Unternehmen mehr Finanzmittel zur Verfügung, diese nutzten die Mittel, um zu investieren, es werde mehr produziert. Höhere Produktion schaffe mehr Beschäftigung, und davon profitierten die unteren Einkommensschichten, die Armut sinke. Reichtum nütze also den Armen. Sichtbarer Reichtum diene den Armen auch als Anreiz, sich mehr anzustrengen.

Der bedeutende US-Ökonom John Kenneth Galbraith hat diese Ideologie treffend charakterisiert: Sie gehe davon aus, dass man die Armen unter Druck setzen und Sozialleistungen streichen müsse, um sie zu mehr Leistung zu animieren, die Reichen hingegen müsse man fördern und steuerlich entlasten, um ihnen Anreize zu mehr Leistung zu geben. Damit versuchte er zu zeigen, dass sich wirtschaftswissenschaftliche Empfehlungen oft als Ideologie zur Rechtfertigung großer sozialer Unterschiede entpuppen. Es erübrigt sich die Frage, wem diese Ratschläge nutzen und wer sie deshalb verficht. Statt immer neue Rechtfertigungen für Ungerechtigkeiten zu konstruieren, wäre es an der Zeit, Armut direkt zu bekämpfen, Beschäftigungspolitik zu betreiben, das Steuersystem fairer zu machen und den Sozialstaat zu verbessern.

Doch selbst wenn, so die Neoliberalen, Einkommen sehr ungleich verteilt sind, trügen die hohen Einkommen doch über ihre Steuern zur Finanzierung der sozialen Sicherheit für die Armen bei; es seien die Leistungsträger, die Steuern zahlten. Innerhalb der unselbstständig Erwerbstätigen zahlen tatsächlich die oberen Einkommen den Hauptteil der Lohnsteuer; deren Aufkommen stammt zu mehr als vier Fünfteln aus dem oberen Einkommensdrittel. Allerdings fließen auch zwei Drittel des Einkommens in diese sozialen Schichten. Andere Steuern und Beiträge belasten hingegen das untere und mittlere Einkommensdrittel viel stärker. Dazu zählen vor allem die rasch an Bedeutung gewinnenden indirekten Steuern und die Sozialversicherungsbeiträge. Vermögenssteuern haben in unserem Steuersystem eine verschwindend geringe Bedeutung, und auch die Besteuerung von Einkommen aus Vermögen ist sehr moderat. Reiche zahlen bei uns, gemessen am Einkommen, nicht mehr Abgaben als Arme.

Die Analyse der Verteilung zeigt, dass Einkommen in unserer Gesellschaft weniger die individuelle Leistung als Kategorien wie Hierarchien, Herkunft und vor allem die Machtverhältnisse widerspiegeln. Einen wesentlichen Einfluss übt die Lage auf dem Arbeitsmarkt aus: Sie bestimmt die Kräfteverhältnisse zwischen den sozialen Gruppen und damit auch die unterschiedlichen Chancen, Einkommen zu erzielen. Herrscht Vollbeschäftigung, dann führt das zu höheren Reallöhnen, vor allem für die unteren Einkommensschichten, da bei Arbeitskräfteknappheit auch die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt, die weniger gut qualifiziert sind oder mit anderen Nachteilen zu kämpfen haben. Steigt hingegen, wie seit Beginn der 1980er-Jahre, die Arbeitslosigkeit, so führt das zu wachsenden Einkommensunterschieden innerhalb der unselbstständig Beschäftigten und zu einem Zurückbleiben der Lohneinkommen gegenüber den Besitzeinkommen und Gewinnen.

Aus der hohen Bedeutung der Beschäftigung für die Einkommensverteilung soll allerdings nicht der Schluss gezogen werden, mit dem in Deutschland die FDP in die Bundestagswahlen 2005 zog: Sozial ist, was Arbeit schafft. Niedrig entlohnte Arbeit - seien es die 1-Euro-Jobs im kommunalen Dienst in Deutschland oder das Unterschreiten der kollektivvertraglich vereinbarten Lohnniveaus - erweist sich als Armutsfalle, aus der die Betroffenen selten wieder herausfinden. Nur ausreichend bezahlte, den arbeitsrechtlichen Standards einer entwickelten Industriegesellschaft entsprechende Jobs sind es wert, geschaffen zu werden. Ein genereller Niedriglohnsektor würde die Einkommensunterschiede drastisch ausweiten, viel stärker den Gewinnen der Unternehmen nutzen als der Beschäftigung der Arbeitnehmer und käme auch den Staat teuer zu stehen, der den damit verbundenen Anstieg der Armut mühsam mit umfangreichen Sozialtransfers wieder ausgleichen müsste.

Unterschiedliche Qualifikationen sind nicht mit unterschiedlicher Leistung gleichzusetzen; dennoch haben sie erheblichen Einfluss auf die Einkommensverteilung. Langfristig ist das Bildungssystem wahrscheinlich die wichtigste Determinante der Verteilung. Nicht ausreichend Qualifizierte gehören zu den großen Verlierern in der Entwicklung der Einkommensverteilung in den letzten Jahrzehnten. Das hat auch mit der Internationalisierung der Wirtschaft und der Ausweitung des Welthandels zu tun. Dadurch sind die Löhne für die schlecht Ausgebildeten in den Industrieländern relativ stark gesunken. Deshalb gilt es in der Bildungspolitik das Augenmerk vor allem auf die Förderung der benachteiligten Schichten zu richten. Eine neuerliche Öffnung des Bildungssystems muss mit einem Ausbau der frühkindlichen Förderung durch bessere Kinderbetreuungseinrichtungen beginnen, die sozial integrativen Aufgaben der Pflichtschule betonen, auch Kindern aus der Unterschicht den Besuch höherer Schulen ermöglichen und ein Weiterbildungssystem aufbauen, das sich auf die bildungsfernen Schichten konzentriert.

Obwohl der Bildung hohe Bedeutung für die Einkommensverteilung zukommt, hat das merkliche Aufholen der Frauen im Bildungsniveau gegenüber den Männern zu keiner adäquaten Angleichung der Einkommen geführt. Unterschiedliche Einkommen bei Frauen und Männern werden vor allem durch Unterschiede in der Arbeitszeit bestimmt. Grund der sehr ungleichen Verteilung der Teilzeitarbeit sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen, etwa die Aufteilung der Kinderbetreuung innerhalb der Familie oder das Fehlen von öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen. Österreich liegt bei diesen Faktoren weit schlechter als die skandinavischen Länder.

Neben der Lage auf dem Arbeitsmarkt, Fragen des Bildungszugangs und der Benachteiligung von Frauen prägt ein weiterer Aspekt in immer größerem Ausmaß die Verteilungssituation. Österreich ist wie andere westliche Industrieländer in den letzten Jahrzehnten zu einer Vermögensökonomie geworden. Der materielle Reichtum ist enorm gestiegen, vor allem im Bereich von Finanzanlagen, Eigentumswohnungen oder Grundbesitz. Das Wachstum der Vermögenseinkommen bestimmt in zunehmendem Ausmaß die Entwicklung der Verteilung, denn die Verteilung der Vermögen ist noch ungleicher als jene der Erwerbseinkommen. (...)

Die äußerst ungleiche Verteilung von Vermögen ist für das Ziel einer gerechten Verteilung in vielfacher Hinsicht schädlich. Sie führt direkt zu ungleicher gesellschaftlicher Teilhabe und Macht. Ungleiche Verteilung von Vermögen bewirkt, dass auch die Einkommen aus Vermögen in Form von Zinsen, Dividenden oder Mieten sehr ungleich verteilt sind. Das sind aber die besonders rasch wachsenden Einkommenskategorien. Ungleiche Vermögensverteilung ist deshalb eine wichtige Ursache für ungleiche Verteilung der Einkommen. Darüber hinaus schafft die Vererbung von Vermögen enorme Unterschiede. Beim Erbe handelt es sich um unverdientes Vermögen, es ist durch keine Form erbrachter Leistungen gerechtfertigt. Kinder mit großem Erbe verfügen schon bei der Geburt über viel günstigere ökonomische Voraussetzungen als Kinder armer Eltern. Bildungs-und Gesundheitssystem schaffen einen gewissen Ausgleich, vermögen die großen Unterschiede in den Startbedingungen aber nicht zu korrigieren. Die Vererbung großer Vermögen verhindert die Chancengleichheit in der Gesellschaft. Wer eine gerechte Gesellschaft mit fairen Chancen für alle Kinder schaffen will, muss deshalb Maßnahmen zur Umverteilung des Vermögens setzen.

Markus Marterbauer in FALTER 7/2007 vom 16.02.2007 (S. 12)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb