Kollateralschaden

von Olga Flor

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Paul Zsolnay Verlag
Genre: Roman
Erscheinungsdatum: 30.07.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Seuche, Spätstart, Supermarkt

Unlängst war Olga Flor in Wien, um aus ihrem neuen Roman zu lesen – im Meinl am Graben. Das ist zwar nicht ganz das Ambiente ihres Romans "Kollateralschaden", der in einem stinknormalen Supermarkt spielt, aber immerhin sollen sich hinter dem Rücken der Autorin, die mit dem Rücken zur Straße in der Auslage saß, recht interessante Dinge abgespielt haben.
Vom Blickwinkel der Inlandsmobilität aus betrachtet ist Flor ein Ausnahmefall in der heimischen Literatur: Sie ist in Wien geboren, lebt heute aber in Graz. Dort ist sie auch aufgewachsen – nach einem Zwischenstopp in Köln, wo der Vater an der Universität unterrichtete: "Ich bin von dort sehr ungern weggegangen. Es ist keine schöne, aber eine sehr lebendige Stadt."
Literarisch ist Flor mit ihrem jüngsten Buch von der Abgeschiedenheit des Landes, der sie ihre Protagonisten in "Talschluss" (2005) überantwortete, wieder in den urbanen Raum zurückgekehrt. Dramaturgisch ist der Unterschied freilich nicht so groß, denn beide Romane nutzen eine "Huis clos"-Situation, um den Alltag Richtung Katastrophe voranzutreiben.
In einer Art Inversion der Rahmenhandlung von Boccaccios "Decamerone" sind die Figuren in "Talschluss" nicht vor der Pest geflohen, sondern quasi in Quarantäne geraten (eine Maul- und Klauenseuche bedroht den örtlichen Viehbestand). Und "Kollateralschaden" ist noch rigider: Der Roman spielt zwischen 16.30 und 17.29 Uhr – so der präzise Zeittakt, den die einzelnen Kapitel vorgeben.
"Ich möchte eine bestimmte Form ja nicht ohne Grund verwenden. Und in ,Kollateralschaden' wollte ich das Phänomen der ständig kleiner werdenden Aufmerksamkeitsspanne noch einmal auf die Spitze treiben", erklärt Flor ihre Entscheidung, die – im Übrigen nicht dogmatisch eingehaltene – Einheit von Zeit, Ort und Handlung zum Konstitutionsprinzip eines sozialanalytischen Actiondramas zu machen.

"Ich halte die politische Bedeutung, die der Konsum bekommen hat, für gefährlich. Einkaufen ist eine Form der Freizeitbeschäftigung geworden, die fast schon als Pflicht angesehen wird", meint Flor – und zeigt in ihrem Roman, wie ihre verschiedenen Protagonisten dieser Pflicht nur auf sehr unterschiedliche Weise nachkommen können.
Während die Endzwanzigerin Kalorien zählt, stellt der Obdachlose Überlegungen hinsichtlich der kulinarischen Differenz von Katzen- und Hundefutter an; während der Azubi von den wirklich coolen Sportschuhen nur träumen kann, nutzt der Sohn der als Aufräumefrau jobbenden Logopädin just diese Sneakers, um einer Form urbanen Free-Style-Hindernislaufs zu frönen.

Flor ist eine Spätstarterin – was ihre Schriftstellerkarriere anbelangt. "Das erste Manuskript, das ich geschrieben habe, liegt heute noch in der Schublade, und dort soll es auch bleiben." Als 2002 ihr Debüt schlussendlich bei der Steirischen Verlagsgesellschaft erschien, war sie immerhin schon Mitte 30.
Dass der Familienroman "Erlkönig" zunächst von rund 60 Verlagen abgelehnt worden war, nach seiner Veröffentlichung aber sofort breit und wohlwollend besprochen wurde, versteht Flor bis heute nicht. Nach dem Physikstudium, Aufenthalten in Italien und den USA sowie einigen Jahren klassischen Prekariats hat die zweifache Mutter aber mittlerweile in der literarischen Welt Fuß gefasst.
"Das Schreiben schien mir zunächst ein zu großes Projekt. Ich hatte den Eindruck, erst einmal die Welt sehen zu müssen", erinnert sich Flor. Das Interesse an der Welt war relativ breitgefächert und umfasste sowohl die Kunst als auch die Physik – nicht ganz zufällig, denn beide Eltern sind Mathematiker, die Mutter sattelte schließlich auf Kunstgeschichte um.

"Ich mag abgeschlossene Welten – das funktioniert stark über Bilder", kommentiert die Liebhaberin der Filme von Alfred Hitchcock und David Lynch ihre Neigung, die eigenen Protagonisten buchstäblich in die Enge zu treiben. Flor selbst fühlt sich an den Schauplätzen, die sie ihren Figuren zumutet, nicht unbedingt wohl: "Einkaufszentren erfüllen mich mit Schrecken. Ich werde dort innerhalb kürzester Zeit von einem Gefühl der Unwirklichkeit erfasst."
Dieses Gefühl ist selbst jedoch durchaus "realistisch". Denn auch die sozialen Wirklichkeiten, die an diesem Ort aufeinandertreffen, sind – abseits des "Durchgangsortes" Supermarkt – relativ dicht voneinander abgeschottet. Die Einzige, die so etwas wie eine – freilich ideologisch verzerrte – gesellschaftliche Gesamtschau anbietet, ist Luise, bei der sich die Autorin offenbar von der ehemaligen FPÖ-Generalsekretärin Magda Bleckmann inspirieren ließ.
Dass just eine rechtspopulistische Politikerin in Flors Ensembleroman als spannendste Figur gelten darf und keineswegs zum Klischee verkommt, ist ein weiterer Beleg für das literarische Vermögen der Autorin, die sich um ihre Geschöpfe auch emotional bemüht: "Bei einer Figur, die mir a priori unsympathisch ist, versuche ich besonders viel Empathie aufzubringen."
Was die Dialektik weiblicher Selbstermächtigung anbelangt, um es einmal etwas diskursdiscomäßig zu formulieren, knüpft Flor hier an ihren Vorgängerroman an: "In ,Talschluss' ging es auch um den Selbstverlust einer Figur just in dem Moment, in dem sie glaubt zu wissen, was die anderen denken und tun werden."
Systematisches Vorgehen überrascht bei einer studierten Physikerin nicht unbedingt. Dass dieses aber auch noch intelligente und lesenswerte Literatur generiert, darf schon als Ausnahmefall gelten.

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 26)


Rezension aus FALTER 33/2008

Klassenkampf vor Kassaschluss

Um 16.30 Uhr beginnt im Winter jene Phase, die "den Tag nur vortäuschte und noch keine dichte Dunkelheit bot". In diesem Zwielicht lässt Olga Flor die 60 Minuten ihres Romans "Kollateralschaden" spielen. Dass episodisch ineinander verwobene Erzählstränge hervorragend geeignet sind, das Leben in Suburbia darzustellen, weiß man aus Filmen wie "Short Cuts". In der Begegnung mit fremden Menschen spitzt sich das ereignislose Leben zwischen Einfamilienhäusern und Shoppingmalls zu.
Flor bringt einige Vorstadtmonaden am Nichtort Supermarkt zur Kollision und beschreibt das auf den Glanz der Waren abgestimmte Neonlicht oder das Förderband des Flaschenrückgabeautomaten als durchgeplanten Konsumraum. In ihm hallen die inneren Stimmen der Figuren wider, die durch die Rituale des Gefrierschranköffnens und die "Stimmungsoptimierung" des Ambientes miteinander versöhnt scheinen. In der Selektion des Warenangebots äußern sich dann aber doch die gesellschaftlichen Abstände: Während Anton, der Obdachlose, über die Geschmacksunterschiede zwischen Katzen- und Hundefutter nachdenkt, interessiert sich Doris, Single, Ende zwanzig, für Nährwertangaben. Der Klassenkampf zwischen Leergutsammlern und Low-Fat-Konsumenten wird mit dem Einkaufswagen ausgetragen. Rasch gewinnt die Handlung die Überhand gegenüber den Beschreibungen. Über den Konsumalltag bricht – der "unerhörten Begebenheit" der Novelle vergleichbar – das Chaos herein, und die Erzählung treibt auf ein dramatisches Finale zu.
Was die rechtspopulistische Politikerin, den jugendlichen Attentäter und den gedemütigten Obdachlosen, was die Speckgürtel-Gewinner und dessen Unterschicht miteinander verbindet, ist die verzweifelte Suche nach Handlungsmöglichkeiten. Auch wenn der Rhythmus der Erzählung durch die vielen Figuren und Rückblenden mitunter ins Stolpern gerät, erfasst Flor überzeugend jenen Moment, in dem die Dämme gesellschaftlicher Flussbegradigung schließlich brechen.

Matthias Dusini in FALTER 33/2008 vom 15.08.2008 (S. 48)


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