unterwegs verloren
Erinnerungen

von Ruth Klüger

€ 20,50
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Briefe, Tagebücher
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Wurschtigkeit ist mir sympathisch

Interview:
Ruth Klüger hat einen ziemlich dichten Terminplan. Das Fernsehen, der Rundfunk, die Zeitungen – alle wollen mit ihr reden. Das Interview mit dem Falter findet im Café Zartl im dritten Bezirk statt und ist das erste an diesem Tag. Ruth Klüger kommt mehr als pünktlich, ist gut gelaunt, charmant – und wirkt überhaupt nicht gestresst.

Falter: Wenn Sie heute nach Wien kommen, wie geht's Ihnen denn da?
Ruth Klüger: Gut! Ich kann mich nicht davon loslösen, dass ich ein neues Buch geschrieben habe, zu dem mir freundliche Leute Fragen stellen, und dass "weiter leben" in einer Auflage von 100.000 verschenkt wird. Das ist ein egoistischer Standpunkt, aber es wäre lächerlich zu sagen, es ginge mir nicht gut.
Ist das eine Art Genugtuung für Sie?
Klüger: Natürlich, hören Sie! Wär das nicht für jeden eine Art Ge­nug­tuung?!
Wie ist das bei einer 100.000er-Auflage, die verschenkt wird, gibt's da ganz normale Tantiemen?
Klüger: Nein. Es ist eigentlich eine Lizenz, die der Wallstein Verlag vergibt, und davon kriegt dann der Autor auch einen Teil. Ich hab mir's ausgerechnet, es werden so um die 5000 Euro sein – kein Vermögen, aber doch etwas, womit man öfters ins Kaffeehaus gehen kann. Das ist
ab­solut nicht zu verachten.
Sie sind demnächst auch noch auf der Frankfurter Buchmesse anwesend. Was reizt Sie denn daran?
Klüger: Na, die vielen Leute! Und die vielen Bücher.
Kommen Sie denn dort zum Lesen?
Klüger: Man versenkt sich nicht in tief­philosophische Gedanken, aber man kriegt einen Einblick in das, was vorgeht auf dem literarischen Markt.
Aber wenn man weiß, dass allein im deutschsprachigen Raum 90.000
Bücher im Jahr erscheinen …
Klüger: Daran denkt man nicht. Das meiste sind ja doch Kochbücher oder Anweisungen für Basteleien. Und dann freut man sich umso mehr, wenn man selbst eines geschrieben hat, von dem ein paar Exemplare verkauft werden.
In englischer Übersetzung ist "weiter ­leben" erst zehn Jahre später erschienen. Warum hat das so lang gedauert?
Klüger: Ich wollt's zu Lebzeiten meiner Mutter nicht veröffentlichen.
Hat es denn auffällige Unterschiede in der Rezeption gegeben?
Klüger: Im englischen Raum hat es eine ganz gute Resonanz und verkauft sich immer noch, aber im deutschsprachigen Raum ist es ja fast berühmt und ein Schulbuch geworden.
Apropos, werden Sie von Schulen eingeladen?
Klüger: Ja, aber ich fühl mich an Schulen nicht wohl. Ich bin irgendwie zu ambivalent und zu ironisch für Kinder. Die müssen schon Studenten sein, bevor ich mit denen auskomm.
Wie ist es Ihnen mit den Wiener Studenten gegangen?
Klüger: Ausgezeichnet, die waren treu und liebenswürdig – die besten Studenten, die ich gehabt habe. Anders als die Kollegen; das waren die ärgsten Kollegen, die ich gehabt habe – nicht ganz, aber fast (Lacht).
––Wendelin Schmidt-Dengler hat Ihr Buch rezensiert …
Klüger: Ich weiß, es war das Letzte, was er gemacht hat. Er war ungeheuer großzügig, wenn man bedenkt, dass ich in dem Buch ja über sein Institut ziemlich hergefallen bin. Ich war gerührt und beschämt. Schmidt-Dengler war zweifellos der beste Germanist, den sie da an der Uni gehabt ­haben. Den kann man nicht so leicht ersetzen.
Hatten Sie zu ihm keinen Kontakt?
Klüger: Ich hab zu niemandem Kontakt gehabt an diesem verdammten Wiener Deutschen Seminar: Das waren Namensschilder vor geschlossenen Türen.
Sie schreiben, Sie seien sich nicht sicher, ob diese Reaktionen oder besser Nicht-Reaktionen eher antisemitisch oder frauenfeindlich waren. Kann's nicht einfach auch die übliche Wiener Wurschtigkeit gewesen sein?
Klüger: Schon möglich. Und mir ist die eigentlich ziemlich sympathisch. Wiener Wurschtigkeit kann ja auch bedeuten, dass eine gewisse Ambivalenz besteht zu, sagen wir, politisch rechts und links – man kann so, man kann auch anders, so wichtig ist es nicht, wird sich schon wieder geben … Was mich gestört hat, war, dass ich so gar keinen Kontakt hatte zu den Leuten.
Zu wem haben Sie denn heute Kontakt?
Klüger: Den engsten hab ich eigentlich zu einer Gruppe Frauen, die vor allem mit der Zeitschrift Auf beschäftigt sind. Auch bestimmte Schriftsteller sehe ich, Erich Hackl zum Beispiel oder auch Robert Schindel. Von dem würd ich schon sagen, dass ich mit ihm befreundet bin.
Vielleicht kommt er ja auch noch vorbei … ­
Klüger: Der geht doch meistens ins Prückel?!
Ja, aber einem Gedicht entnehme ich, dass er hin und wieder auch ins Zartl schaut.
Klüger: Ah, ja, das wär nett. Ich hab ihn diesmal noch nicht gesehen.
Ich musste sehr lachen über Ihr Gedicht vom Besuch der Exiltouristinnen, die sich hier kichernd Kastanienreis bestellen. Gibt es das in den USA nicht?
Klüger: Nein, nein. Es gibt keinen richtigen Mohnstrudel und auch keine richtigen Topfenpalatschinken. Und Kastanienreis ist was ganz Besonderes: ein Kindheitsgeschmack.
Kaiserschmarren reizt Sie nicht?
Klüger: Der macht zu dick.
In Gesprächen mit Vertriebenen hört man oft, dass die Wiener Küche ein ganz starker Bezugsfaktor ist.
Klüger: Ich hab da nur einige Sachen wirklich gern und bin ansonsten mit der kalifornischen Küche sehr zufrieden.
Sie erwähnen in Ihrem jüngsten Buch, dass Sie zufällig Marietta Torberg getroffen haben und diese Ihnen eine Wohnung am Bauernmarkt besorgt hätte. Wie kam das?
Klüger: Ich erinnere mich nicht mehr genau. Sie war jedenfalls sehr zuvorkommend.
Haben Sie Friedrich Torberg in Amerika kennengelernt?
Klüger: Das hätte ich gern. So hab ich ihn nur gehört, er hat ja Vorträge gehalten und so. Ich habe ihn jedenfalls gern gelesen.
Eher seine Kaffeehausgeschichten oder seine Romane?
Klüger: "Die Tante Jolesch", aber auch seine Gedichte und den ­"Schüler Gerber". Der war ein ganz guter Schrift­steller.
Haben Sie auch unterrichtet über ihn?
Klüger: Nein, ich hab ihn nie in eine Vorlesung hineingepackt.
Worüber haben Sie denn gelesen?
Sie erwähnen Hofmannsthal,
Schnitzler …
Klüger: Ach, wissen Sie, wie so manche Auslandsgermanisten: Ich hab schon alles unterrichtet – quer durchs Gemüsebeet. Ich habe jahrelang auch Mittelhochdeutsch gemacht, das kann ich ganz gut – also passiv, ich red nicht so …
Es ist uns auch lieber, wenn Sie jetzt nicht mittelhochdeutsch sprechen.
Klüger: Manchmal denke ich: Das ist sowieso die beste Literatur, die's im Deutschen je gegeben hat –  so was wie der "Parzival" und das "Nibelungenlied". Und schönere Gedichte als die von Walther von der Vogelweide gibt's auch kaum.
Ihr Buch ist ja auch ein bisschen eine Abrechnung mit dem akademischen Milieu …
Klüger: Da ist eine ganze Menge Tratsch drin, das ist klar. Ich glaub aber nicht, dass ich den Beruf verteufelt hab. Ich habe ihn jedenfalls sehr gerne ausgeübt.
Sie bemerken einmal, dass sich die Germanistik im Amerika der 50er- und 60er-Jahre sehr nach Deutschland ausgerichtet hat. Was meinen Sie da konkret?
Klüger: Es ist ein Problem, wenn Germanisten, aber auch Romanisten oder was immer, weiterhin auf ihr Herkunftsland blicken und für den akademischen und literarischen Markt dort schreiben. Das kann die amerikanischen Studenten bereichern, aber es kann auch den umgekehrten Effekt haben, dass man sich von den akademischen Bedürfnissen in Amerika entfernt.
Wie hat sich das akademische Feld in den USA verändert?
Klüger: Es besteht immer weniger Interesse an deutscher Sprache und Literatur.
Deutsch muss man halt auch erst einmal können.
Klüger: Wir versuchen, es den Leuten beizubringen, aber die wollen's nicht lernen –  einschließlich meiner Kinder. Die sind ein Beweis meines didaktischen Scheiterns.
Wann haben Sie Ihren letzten Versuch, ihnen Deutsch beizubringen, unternommen?
Klüger: Das ist schon lang her, bedenken Sie, dass meine Kinder in den 50ern sind!
Sie erwähnen, dass Ihr älterer Sohn als Drehbuchautor arbeitet.
Klüger: Nicht sehr erfolgreich, fragen Sie mich nicht danach.
Sie sind ja auch eine recht passionierte Kino­geherin. Haben Sie eine DVD-Sammlung, oder gehen Sie noch ins Kino?
Klüger: Ich geh lieber ins Kino. Man sitzt angenehm, gelegentlich kauft man sich sogar Popcorn, kann nachher mit Freunden noch über den Film reden.
Ich finde Ihre Beschreibung darüber sehr schön, wie Sie in den 80er-Jahren "Shoah" in New York gesehen haben: dass die Leute im Kino nicht still sitzen konnten, sondern immer untereinander gesprochen haben und dann auch zur Leinwand.
Klüger: Das war, wenn ich zurückschaue, auch ein Anlauf für "weiter ­leben": Da hab ich angefangen, mir zu überlegen, ob ich nicht mehr über diese Zeit schreiben soll. Das ist ein großer Film, nicht? Das einzige, was ich Claude Lanzmann übelnehme, ist, dass er sagt: Alle anderen Filme und alle anderen Bücher über die ­Shoah gehen nicht – das geht natürlich zu weit.
Angesichts dieser Beschreibung erscheint einem die Vorstellung, jemand könnte sich "Shoah" in seinem Wohnzimmer auf DVD ansehen, ganz unpassend …
Klüger: Weil man ihn da wohl nur stückweise sieht. Man muss sich das schon antun, diese acht oder neun Stunden. Ich glaub, so ist er gemeint. Das tut ein bissl weh, aber langweilig ist er nicht.
Wie war es bei "unterwegs verloren" – gab es dazu auch eine Art Anlass oder Initialzündung?
Klüger: Das ist anders, eher kumulativ, auch gar nicht so linear erzählt. Im Grunde besteht dieses Buch aus ­einer Gruppe von Essays, die um gewisse Themen kreisen.
Schreiben Sie eigentlich gern?
Klüger: Ja, würd ich schon sagen. Das ist eine geistige Übung, die Forderungen an Konzentration und Genauigkeit stellt, die einem guttun. Besonders wenn man alt wird und Angst hat, senil zu werden.
Haben Sie da bestimmte Rituale bei der Arbeit, die Sie einhalten?
Klüger: Ich schreibe am besten in der Früh. Aber in Abständen, also ich konzentriere mich stark kurze Zeit, und dann plötzlich ist nix mehr da. Dann spiel ich eine halbe Stunde Black Jack am Computer, und dann fällt mir wieder so eine Formulierung ein, und ich kann weitermachen.
Es gibt eine Stelle im Buch, wo Sie in Tagebüchern nachschauen und es eine gewisse Diskrepanz zur Erinnerung gibt.
Klüger: Ja, auch von den Freunden, mit denen ich gesprochen habe, hat sich jeder anders erinnert.
Können Sie da ein Beispiel geben?
Klüger: Eine Freundin, die mir geholfen hat, aus dieser unglücklichen Ehe herauszukommen, ist ganz unzufrieden mit der Art, wie ich diese Scheidung beschreibe. Sie hatte jede Menge Sympathie für mich, aber ich ­nehme doch sehr stark an, dass sie weitaus mehr auf der Seite meines Exmannes steht als ich.
Das ist auch eine sehr unangenehme Situation für den gemeinsamen Bekanntenkreis, dass man sich dann vor Loyalitäten gestellt sieht. Wie war das bei Ihnen?
Klüger: Als faculty wife ist man wirklich nur ein Anhängsel, und dieser Freundeskreis ist total weggebrochen. Es hat mir leidgetan, aber ich hab ja dann gleich weiterstudiert und das hinter mir gelassen.
Ist Ihnen das leicht gefallen?
Klüger: Nein, es war eine sehr schwere Zeit. Drum hat es mich auch immer mit Entsetzen berührt, wenn jemand gesagt hat, ich soll wieder heiraten.
Ist es für Frauen einfacher geworden, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Klüger: Viel leichter, ja. Das ist auch ein Strang, der sich durch dieses Buch zieht. Ich erzähle von all diesen Schwierigkeiten ja nicht, um händeringend dazustehen, sondern um paradigmatisch aufzuzeigen, was sich geändert hat – und es hat sich zum Besseren geändert.
Das gilt auch für die Männer: Hinter uns sitzt ein Mann mit Kinder­wagen …
Klüger: Das find ich fabelhaft. Früher hätte das als unmännlich gegolten. Das ist auch ein großer Vorteil: dass man sich nicht ununterbrochen "männlich" bewähren muss.
Als ich in Karenz war, sind praktisch gehunfähige Leute in der Straßenbahn aufgestanden, um mir Platz zu machen.
Klüger: Wunderbar! Und letztlich kommt es dann doch den Frauen zugute. Mein Sohn Dan hat auch immer darauf bestanden, dass er die Kinder badet, wenn er von der Arbeit nachhause gekommen ist. Eine Generation davor hat man die Kinder von den Vätern ferngehalten, damit die eine Ruh haben. Damit hat man ihnen aber auch was genommen.
Viele gesellschaftliche Veränderungen sind bei uns mit dem Datum 1968 verknüpft. In den USA begann es, wie Sie auch schreiben, schon 1964. Worin besteht denn die amerikanische Spezifik dieses Umbruchs?
Klüger: In den USA ist das immer mit dem Vietnamkrieg verbunden, und der ist eigentlich nie ordentlich besprochen worden. Man hörte ­immer nur: "Das war ein Fehler", aber nicht: "Wir haben ein Unrecht begangen." McCain etwa tritt auf wie ein Kriegsheld, der Amerika verteidigt hat. Das hat er aber nicht getan, sondern er hat an einem verlorenen Krieg teilgenommen.
Konnten Sie die "Hippie-Zeit" denn auch genießen, oder waren Sie zu sehr mit Erziehung und Beruf beschäftigt?
Klüger: Natürlich bin ich da auch mittendrin gesteckt, und die allgemeine Atmosphäre der Befreiung kam bei mir mit der Befreiung aus der Ehe zusammen. Ich war schon in den 50er-Jahren kein richtiger amerikanischer Teenager, der gewusst hätte, wie man sich richtig benimmt – besonders als Mädchen.
Wie waren Sie denn als Mädchen?
Klüger: Wir haben uns gewisse Freiheiten genommen. Wir waren zum Beispiel Autostoppen – die amerikanischen Verwandten waren entsetzt! Wir haben uns auch nichts dabei gedacht, am Abend im Central Park spazieren zu gehen –  ganz ungefährlich war es tatsächlich nicht. Obszöne Ausdrücke waren Männern vorbehalten. In den 60er-Jahren fiel das weg, und wir haben ständig "fuck" gesagt – weil wir durften.
Hat die Musik einen Eindruck auf Sie gemacht?
Klüger: Ich bin leider total unmusikalisch – Musik bedeutet mir nichts. Das ist ex­trem bei mir.
Kommen wir noch auf die Episode in Ihrem Buch zu sprechen, in der Sie
jemandem ein Glas Wein ins Gesicht schütten. Sie schreiben, dass es einem "einmal im Leben" gestattet sei, sich als Erwachsener "in aller Öffentlichkeit auszutoben". Jetzt besteht natürlich die Gefahr, dass man es zu früh nutzt oder aber verabsäumt.
Klüger: Man muss schon eine Wut haben – der Animus muss da sein.
Von Ohrfeigen raten Sie ab – haben Sie's denn mal versucht?
Klüger: Nein. Ich sage ja: Man kann sich nicht darauf verlassen, dass der andere darauf verzichtet zurückzuschlagen. Wenn er ein Kavalier wäre, würde man ihn ja auch nicht ohrfeigen wollen. Außerdem ist es unappetitlich, jemand anzufassen, den man nicht anfassen will.
Wie waren denn die Reaktionen auf Ihre Weinattacke? Gab's auch Zustimmung?
Klüger: Ja, von einem. Die Episode wird nach wie vor kolportiert, und gelegentlich höre ich, dass die Leute sagen: "Gebts ihr lieber kein Glas Wein."
Ist es Ihnen recht, dass Ihnen dieser Ruf vorauseilt: Mit der ist nicht gut
Kirschen essen?
Klüger: Nein, denn es ist ungerecht. Aber die Welt ist voller Ungerechtigkeiten, und wenn das die ärgste ist, lass ich es mir gefallen.

Rezension:
"Und immer wieder die Frage, warum? Weil man mit Frauen und Juden so umspringen kann? Die Frau als Opfer, der Jude als Frau." Diese Frage könnte als Motto über Ruth Klügers jüngstem Buch stehen, das Erinnerungen an die Nachkriegszeit in den USA, und, später dann, auch in der Alten Welt versammelt.
Schon der Titel von Klügers Autobiografie "weiter leben" stand für jene unsentimentale und illusionslose Haltung, die die Weichzeichneroptik der Altersmilde ebenso verweigert wie die Heroisierung der eigenen Biografie: Gemeint war, wie die Autorin nun erklärt, "dass das Weiterleben von alleine kommt und man nichts dazu tun muss, außer dem Umgebrachtwerden zu entgehen".
Klüger, die unter anderem an der renommierten Universität von Princeton deutsche Sprache und Literatur unterrichtete (und von den männlichen Kollegen belächelt und in ihrer Karriere behindert wurde), ist nicht willens, über Kränkungen und Ungerechtigkeiten, die ihr widerfuhren, hinwegzusehen. Einem Kollegen, der sie als "antisemitisch" denunziert, schüttet sie ein Glas Wein ins Gesicht; die Jahrzehnte währende Freundschaft mit Martin Walser übersteht ihre, in Form eines offenen Briefes formulierte, Kritik an dessen Skandalroman "Tod eines Kritikers" nicht.

Recht so, denkt man, ist aber doch irritiert, dass so gar niemand auf eine gute Nachred hoffen darf. Klüger eilt, wie sie selbst schreibt, der Ruf voraus, nicht die beste Partnerwahl für den gemeinsamen Verzehr von Steinobst zu sein. Nach der Lektüre des Buches versteht man, warum. Die Ehe war ein Unglück, gewiss; aber zumindest einen gewinnenden Zug wird der Mann doch gehabt haben? Und wenn dann auch noch die familialen Disharmonien in Bezug auf die beiden Söhne, die Enkel und die Schwiegertochter abgehandelt werden, ist man ein bisschen peinlich betreten: Das alles lässt sich wohl kaum dem Schema "Jude oder Frau?" unterordnen (eine Lose-Lose-Situation), und der Leser fragt sich, was es ihn eigentlich angeht.
Dennoch liest man diese Chronik der laufenden Zumutungen immer wieder mit Gewinn: Unmissverständlich hält Klüger fest, dass nichts als selbstverständlich vor­ausgesetzt werden kann, am allerwenigsten, die dauerhafte Überwindung alter Vorurteile und Ungerechtigkeiten. Symptomatisch der letzte Satz, zwei Kreuzfahrten kommentierend: "Hat sich die Reise gelohnt? Na ja: ,Es ist uns schon schlechter gegangen.'"

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 28)


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