Srebrenica - Notizen aus der Hölle

von Emir Suljagic, Katharina Wolf-Grießhaber, Michael Martens

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zsolnay, Paul
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Erscheinungsdatum: 04.02.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

"Unsere Werte waren einen feuchten Dreck wert"

Können Sie sich erinnern, wo sie am 11. Juli 1995 waren?" Das ist die einzige Frage, die Emir SuljagicŽ seinen Freunden stellen möchte. Doch er wagt es nicht, "weil ich weiß, dass ich am Ende allein dastehen werde, ohne irgendeinen Menschen". Am 11. Juli 1995 überrannten serbische Verbände die UN-Schutzzone Srebrenica. 25.000 bosnische Flüchtlinge suchten damals in der Enklave Zuflucht. 8000 Männer wurden auf Lastwagen verschleppt und erschossen. Serbische Militärs unter dem Kommando des noch immer flüchtigen Generals Ratko MladiŽ c hatten die Aktion geplant. Dem Serbenführer Radovan KaradžicŽ wird noch in diesem Jahr in Den Haag der Prozess gemacht.
Die Weltöffentlichkeit erfuhr schon bald von jenem Genozid, der vor den Augen der UN-Schutztruppen geschah. US-Satellitenbilder zeigten die von Planierraupen zugeschütteten Massengräber. Doch was geschah in der von Serben belagerten Stadt in den Jahren und Monaten zuvor? Es gibt beklemmende Reportagen darüber, wie biedere Bauern, Beamte und Dorflehrer im Balkankrieg zu Mördern ihrer Nachbarn wurden. Doch es gab bislang keinen literarischen Bericht eines Überlebenden des Massakers und der vorangehenden Belagerung von Srebrenica.

Emir Suljagiæ war 17 Jahre, als er im Jahr 1992 mit seinem Vater aus einem dieser serbischen Dörfer oberhalb der Drina flüchten musste, weil dort, wo er einst als Kind badete, die ersten Leichen trieben. Die Serben begannen, Dorf um Dorf zu "säubern", wie es bald nüchtern hieß, die Überlebenden flohen nach Srebrenica. Was diese Stadt in den nächsten drei Jahren erleben sollte, das hat der heute in Sarajevo und Hamburg lebende Journalist und Politologe in seinen "Notizen aus der Hölle" aufgeschrieben.
Seine Aufzeichnungen geben nicht nur Einblick in die "Rohheit der bis dahin anonymen Leute", sie zeigen auch, wie Menschen auch im Europa des ausgehenden 20. Jahrhunderts zur Hölle der anderen werden konnten: "Unsere Erziehung und Intelligenz, unsere Werte waren einen feuchten Dreck wert" in diesem "Ghetto", das immer mehr einem "Konzentrationslager" ähnelte. Man muss sich beim Lesen dieses Buchs immer wieder vergegenwärtigen, dass das, was SuljagiŽc da beschreibt, keine archaische Welt ist, sondern sich auf die jüngste Geschichte unserer Nachbarn bezieht.
SuljagiŽc, der später für das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag arbeitete, gibt dem unseligen Wort "ethnische Säuberung" Namen und Geschichten. Da ist von Busfahrer Idriz zu lesen, der mit seinem Bus so lange an die Wand gedrückt wurde, bis er starb. Da wird von Gefangenen berichtet, denen die Serben in Lagern Gewehrläufe in den Schlund steckten. SuljagiŽc beschreibt die Warteschlangen vor den wenigen Funkgeräten in der Stadt. Jeder wollte doch erfahren, ob seine Liebsten bei den unzähligen Kämpfen umgekommen waren. Wieder und wieder beschreibt SuljagiŽc auch die Opfer der Bombardierungen und der Heckenschützen. Sie lagen "stundenlang sich krümmend auf Waldwegen, bevor sie ihr Leben aushauchten". Vor den Augen aller verwesten die Toten.
Durch seine Beschreibungen gibt SuljagiŽc diesen Opfern die Menschenwürde zurück. Etwa wenn er den Teig an den Fingern einer Leiche beschreibt, einer Mutter, die am Markt schnell ein paar fehlende Zutaten für den Kuchen kaufen wollte, ehe sie eine Bombe zerriss. Oder wenn er an die Schulkinder erinnert, die am Pausenhof spielten, als die Bombe einschlug. SuljagiŽc überlebte den Genozid, weil er als Dolmetscher der Uno arbeitete und weil ihn Ratko MladiŽc bei einem Treffen verschonte. Auch seine Mutter und seine Schwester konnten die Enklave rechtzeitig verlassen, sein Vater starb – so wie sein Großvater, der in einem Massengrab verscharrt wurde.
Trotz familiärer Opfer scheut er sich nicht, auch die Verbrechen bosnischer Verbände zu beschreiben. Sein Buch liest sich auch als Anklage gegen das Versagen der Uno-Blauhelme, die sogar in Srebrenica nicht darauf verzichten wollten, sich mit Prostituierten versorgen zu lassen – entlohnt wurde die zur Zuhälterei gedrängte bosnische Dorfjugend übrigens mit Zigaretten. Es sind nicht nur die Beschreibungen der durch Krieg brutalisierten Menschen, sondern auch die Beobachtungen des Alltags, die SuljagiŽcs Notizen so beklemmend machen. Im Jahr 1994 etwa sei "die ganze Stadt von Drähten durchflochten" gewesen. "Sie hingen von jedem Mast, jeder Straßenlampe, jedem Gebäude. Es war beinahe gefährlich, in der Stadt umherzugehen, besonders wenn es regnete, weil sprühender Draht auf die Straße fiel." Das war während der Fußball-WM in den USA. Ein Jahr vor dem 11. Juli 1995.

Florian Klenk in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 44)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb