Die fröhlichen Untergeher von Roana
Unterwegs zu den Assyrern, Zimbern und Karaimen

von Karl-Markus Gauß, Kurt Kaindl

€ 18,40
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.02.2009


Rezension aus FALTER 16/2009

Europa, von seinen Rändern her betrachtet

Seit einigen Jahren schon veröffentlicht Karl-Markus Gauß längere Reiseberichte, in deren Zentrum jeweils eine europäische Minderheit steht. Ein Dutzend dieser Reportagen ist seit 2001 in insgesamt vier Büchern erschienen und bildet jetzt ein abgeschlossenes Schreibprojekt. Weil strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den bereits beschriebenen und den noch verbleibenden kleinen Völkerschaften im Falle einer Fortsetzung zu stark in den Vordergrund getreten wären, hat es der Autor aufgegeben, den bislang noch nicht porträtierten Gemeinschaften weitere literarische Denkmäler setzen zu wollen.
Was bislang veröffentlicht wurde, kann und soll also als exemplarisch gelten. Exemplarisch für Lebensformen, die durch Fremdeinwirkung oder Selbstbeschädigung (manchmal auch beides) bis an den Rand ihres Untergangs gebracht wurden, jedoch immer noch hartnäckig existieren. In ihrem Überleben drückt sich eine obstinate Diversität aus, eine widerständige Vielfalt, deren Ende in vielen Fällen nahegerückt sein mag, das jedoch allemal nicht so ausgemacht ist, wie sich das Eurozentristen erträumten und erträumen.
Die Albaner in Süditalien, die Aromunen in Mazedonien, die Juden in Sarajevo, die slawischen Sorben in Deutschland und die versprengten Deutschen in Slowenien, Litauen, der Slowakei und am Schwarzen Meer, sie alle sprechen gegen nationalstaatliche Gründungsmythen, wonach Völker es nur zu etwas bringen können, wenn Sprache, Territorium und sogar Grundeinstellungen so weit wie möglich zur Deckung gebracht werden.
In ihrem schlichten Da-Sein erinnern diese Minderheiten hingegen an eine Exzentrizität der Herkünfte, an ein wildes Gemisch aus historischen Geworden- und Geworfenheiten, das dafür sorgt, dass Identitäten nicht billig dekretiert werden können, sondern angesichts der vielen Alteritäten beständig fragwürdig bleiben.

Eine Welle des Regionalismus durchzog bereits Mitte der 1970er-Jahre die Publizistik, und neben einem Hohelied auf lokale Selbstorganisation wurde die Leserschaft auch mit bis dahin weitgehend unbekannten und teilweise recht konstruierten neuen Völkerschaften konfrontiert. Ein halb Europa umspannendes Keltentum etwa wurde propagiert oder ein eigener Okzitanismus in Südfrankreich ausgerufen.
Ein wenig von diesen Alternativwelten scheint auch noch in Gauß' bisweilen ultra­regionalistisch anmutenden Völkersammelzügen zu stecken, gegenüber den Kopfgeburten der frühen Grünbewegungen haben sie jedoch den entschiedenen Vorzug, eine Wirklichkeit abzubilden und keinen Traum.
In der Regel umfassen die Gauß'schen Reisereportagen 40 bis 70 Seiten, ein auf den ersten Blick idealer Umfang, der zwar einigen Raum für Details lässt, aber gleichzeitig auch zu ökonomischer Darstellungsweise nötigt. Bisweilen erweist sich aber gerade dieser selbstgewählte Rahmen auch als Korsett, und man kann sich bei der ­einen oder anderen Minderheiten-Vignette des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich dabei um eine bloße Fingerübung handelt, über die hinaus man sich tiefschürfendere Erkenntnisse gewünscht hätte. Nur einmal hat Gauß diese Machart durchbrochen: "Die Hundeesser von Svinia", eine Reise durch die Roma-Ghettos der Slowakei, beansprucht ein ganzes Buch, und die ungewöhnliche Breite der Darstellungsmöglichkeiten hat dem Text ausgesprochen gutgetan. Es ist ein Meisterwerk und das beste Buch der Tetralogie, in allen seinen Teilen stimmig, von unbezweifelbarer Relevanz, jeglicher Spekulation mit dem Kuriosen abgewandt, unerbittlich in seinem Realismus.
"Die fröhlichen Untergeher von Roana", das letzte Buch seiner Tetralogie, macht uns mit drei Volksgruppen vertraut.

Mit Assyrern in Schweden, die einem alten orientalisch-christlichen Glauben anhängen und 1915 während eines wenig bekannten Völkermords (dem sogenannten "Seyfo") das Osmanische Reich verließen. Nach ihrer Zerstreuung über die halbe Welt wuchsen sie erst in den letzten Jahren zu einer strukturierten Gruppe mit gemeinsamen Zielen zusammen. Ein Zentrum dieser "Nationwerdung" ohne Staatsgebiet ist die Kleinstadt Södertälje, die das in aller Welt empfangbare assyrische Fernsehen und seinen höchst erfolgreichen Fußballklub beherbergt.

Mit Zimbern, die noch im Mittelalter zur Urbarmachung in eine abgelegene Region Norditaliens gekommen waren und sich einen altdeutschen Dialekt bewahrt haben. Durch ihre sprachliche Zählebigkeit wurden sie ungeachtet ihrer geringen Personenzahl zu einem oft beforschten und vieldiskutierten Objekt der Linguistik. Dass von den Zimbern nach gleich zwei (von Österreichern und Italienern durchgeführten) Deportationen im letzten Jahrhundert überhaupt noch welche in der Region existieren, grenzt an ein Wunder.

Und schließlich mit den Karaimen in Litauen, die von der Krim kamen und den polnisch-baltischen Großfürsten als privilegierte militärische Kaste dienten. Dieser martialische Sonderstatus würde sie einigen anderen Diaspora-Völkern vergleichbar machen, wäre da nicht eine einmalige Nähe zum Judentum, mit dem sie einige Grundzüge teilen, ohne sich deshalb jedoch als Juden zu fühlen. Ihre Abgrenzung geht so weit, dass es die Karaimen schafften, der Verfolgung durch den Nationalsozialismus zu entgehen, indem sie dessen Rassismus zu ihrer Rettung nutzten: Nicht als Juden, sondern als Angehörige eines Turkstammes wurden sie eingestuft und entgingen so der Shoah.

"Die fröhlichen Untergeher von Roana" ist leichtfüßiger als seine Vorgänger, deren allererster ja noch den unheilschwangeren und alarmistischen Titel "Die sterbenden Europäer" trug. Gauß geht mit den potenziellen Abschieden von hergebrachten Kulturen nun etwas gelassener um, ohne deshalb die Trauer über zu erwartende Verluste gänzlich unter den Tisch zu kehren. Die Protagonisten des aktuellen Bandes machen es ihm aber auch leicht, dem Buch eine wenn schon nicht fröhliche, so doch zumindest aufgeräumte Note zu geben: Viele ihrer Äußerungen grenzen ans Absurde, und der Autor muss nur noch ein wenig sprachlich nachschärfen, um verstörende, kleine Denkbilder vor dem Leser ausbreiten zu können. "Ihr braucht nicht traurig zu sein, dass wir nur mehr so wenige sind!", tröstet etwa einer der letzten Zimbern den Autor und zerstört damit elegant das Moment der Bevormundung und Arroganz, das im ostentativen Mitleid steckt.
Manchmal dreht Gauß diese slapstick-artigen Szenen noch einen Tick weiter, indem er sich selbst während seiner Recherchen geradezu chaplinesk durch die Szene stolpern lässt, angesichts von vielen Widersprüchen in Verwirrung stürzend und schließlich ratlos zurückbleibend, ein Neugieriger, dem sich alle Objekte seiner Nachforschungen gekonnt entzogen haben. Statt eleganter Erklärungen neue, diesmal vollkommen unlösbare Fragen.

Der Stil der Reportagen ist unaufgeregt und schlicht, das für ihren Verfasser Wesentliche wird ausgebreitet, alles Schnörkelhafte weggelassen. Kein Raum für Besserwisserei oder Philosopheme, viel hingegen für einfache Geschichten. Wenig wird interpretiert, beinahe alles vor Augen geführt. Auf historische Lehrstunden über die oftmals komplizierten Zusammenhänge, die zum Entstehen der jeweiligen Minderheiten führten, werden auf ein Minimum reduziert, Geschichte fließt immer nur in kleinen Dosen in den Text ein. Die bedrängte Gegenwart der Gemeinschaften steht im Zentrum der Darstellung, nicht deren mehr oder weniger rühmliche Vergangenheit.
Hinweise auf die Migrationspolitik der europäischen Länder in der unmittelbaren Gegenwart bleiben weitgehend ausgespart. Nur einmal gibt Gauß diese Zurückhaltung auf, als er am Beispiel Schwedens vorführt, was dezidierten staatlichen Integrationswillen ausmacht. Anders als in Österreich versucht man in Schweden nämlich sprachliche Kompetenz und schulische Karriere mit Mitteln zu fördern, die ganz an der Zielgruppe und nicht an den Ressentiments ihrer Widersacher orientiert sind. Dass der Arbeitsmarkt dann doch keine Idylle ist, aus dem der Alltagsrassismus verschwunden wäre, auch das verschweigt Gauß nicht.
In seiner Tetralogie unternimmt Gauß einige kurzweilige Reisen quer durch Europa, die den Kontinent von seinen demografischen Rändern her aufrollen und durch diese periphere Perspektive vielleicht mehr über sein Wesen verraten, als es eine Analyse von Haupt- und Staatsaktionen zu tun vermöchte.
Wer an Neuigkeiten über Völkerschaften jenseits der touristischen Trampelpfade interessiert ist, wird hier auf seine Kosten kommen; dass er oder sie im Zuge dieser letzten Abenteuerreisen aber auch mancher Kuriosität ohne besonderen Erkenntniswert begegnen wird, liegt in der Natur der Sache. 

Stephan Steiner in FALTER 16/2009 vom 17.04.2009 (S. 30)


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