Österreich ist schön
Ein Märchen

von Franzobel

€ 18,40
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.07.2009

Rezension aus FALTER 31/2009

Eine moderne Anne Frank

Martin Bartenstein, Thomas Bernhard, Karlheinz Böhm, Hans Dichand, Gerhard Dörfler, Maria Fekter, Christoph Feurstein, Josef Friedl, Friedhelm Frischenschlager, Martin Graf, Wolfgang Großruck, Alfons Haider, Jörg Haider, Peter Handke, Ernst Jandl, Elfriede Jelinek, Natascha Kampusch, Bruno Kreisky, Hermann Maier, Marianne Mendt, Wilhelm Molterer, Günther Platter, Gunnar Prokop, Liese Prokop, Udo Proksch, Josef Pühringer, Christian Rainer, H.C. Strache, Thomas Sykora, Walter Reder, Jack Unterweger, Weihbischof Wagner, Kurt Waldheim, Stefan Weber und Susanne Winter.

Das sind – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – jene Vertreter des Landes, die in Franzobels jüngstem Werk, "Österreich ist schön", Erwähnung finden; genau genommen im ersten, kürzeren Teil mit dem Titel "Der Fall Arigona Zogaj" (der zweite Teil, "A Hetz oder Die letzten Tage der Menschlichkeit", wird in einer Aufführung des Theaters Hausruck in den nächsten zwei Wochen in Wolfsegg am Hausruck zu sehen sein). Man ahnt schon: Hier wird's politisch, es geht um nichts Geringeres als ums Land selbst.

In der heimatkritischen Folklore bedeutet ein Aussagesatz in der Regel sein genaues Gegenteil. "Österreich ist schön, und schon schön ist Österreich. Ich bin hundertmal verliebt in Österreich. Und Österreich ist sehr schön, das lernen wir, hundertmal, dass Österreich richtig schön ist, und das ist das Schöne an Österreich, dass …" usw., usf. Dass Franzobel der Bitte, "die kleine Prominenz meines Namens für ein anderes Bleibe- und Fremdenrecht zu verwenden", nachgekommen ist und im Oktober 2007 seiner Empörung ("ich scheiße auf diese Gesetze, wenn sie gegen Menschlichkeit und Toleranz sind") in der oben zitierten und im Text vollständig wiedergegebenen Rede Luft gemacht hat, ehrt ihn.

Intellektuelles und staatsbürgerliches Engagement gehen hier Hand in Hand, was den Schriftsteller freilich nicht von der Aufgabe entbindet, dafür auch eine Form zu finden. Sein Text ist vieles: Appell, Chronik, Protokoll, Polemik, Nacherzählung, Reportage, Rührstück, literarische Fantasie und vor allem Franzobelprosa. Ein Essay aber, als welcher diese Kraut- und-Rüben-Flut aus Genreversatzstücken ausgewiesen wird, ist er sicher nicht. "Er fängt nicht mit Adam und Eva an, sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selber am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe", schreibt Adorno über den Essay als Form.

Dem entspricht "Der Fall Arigona Zogaj" wenigstens in einem Punkt: Auch er beginnt nicht bei Adam und Eva, sondern bei Franzobel, genau genommen bei dessen rechtem Nebenhoden, der ihm am Tag von Jörg Haiders tödlichem Unfall entfernt wird – Anlass genug für einen jener halblustigen Witze, von denen der Autor nicht lassen kann.

Warum Franzobel den bekanntesten Fall der jüngeren Innenpolitik hier noch einmal aufrollt, wird indes nicht hinreichend geklärt, denn aufgehen tut ihm daran wenig, weswegen er sich naturgemäß auch nie am Ende fühlt, sondern einfach weitermacht, wie's grade kommt: da eine Anekdote, dort ein Kalauer; da ein bissl Politpathos, dort ein bissl Politikerbashing. Darin manifestiert sich aber kein subversives Moment (Adorno zufolge rangiert der Essay "unter den Allotria"), sondern nur ein Mangel an ästhetischer Gestaltung und gedanklicher Durchdringung der Materie.

Der Text setzt sich gemütlich zwischen die Stühle von Literatur und Journalismus und kriegt keine Arschbacke auf einen der beiden. Den Kriterien seriöser Recherche und Quellenangabe wird ebenso wenig Genüge getan ("ein Polizist soll gesagt haben"; "der Arzt selbst soll es gesagt haben"), wie auf die Widerstände des Literaten gegen galoppierende Selbstboulevardisierung Verlass wäre: "Ein Märchen über das Erwachsenwerden eines alleingelassenen Mädchens inmitten einer verrohten, degenerierten Gesellschaft." Und: "Sie war eine moderne Anne Frank" …

Platte Polemik, abgenudelte Klischees und schierer Kitsch geben den Ton an. Der Innenminister hat das "Gesicht eines Supermarktfilialleiters" und amtiert im "Land der Zwerge, Land der Keller", dessen Einwohner "Knödelgesichter mit Knödelaugen" haben. Arigonas Mutter Nurie aber sitzt nach einem Suizidversuch "wie eine weiße Seerose auf einem roten Teich (…) inmitten einer Blutlache".

Nach 75 Seiten kommt der "Essay" mit einer unangenehm selbstgefälligen Pointe gnädig doch noch zu einem Ende: "Ich beschließe, nächstes Jahr mit Arigona zu den Skirennen nach Kitzbühel zu fahren, um mit ihr auf der Ehrentribüne neben dem Landeshauptmann von Tirol zu sitzen. Vielleicht gehen wir auch auf den Opernball …"

Klaus Nüchtern in FALTER 31/2009 vom 31.07.2009 (S. 27)


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