Wie riecht Leben?
Bericht aus einer Welt ohne Gerüche

von Walter Kohl

€ 20,50
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.08.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Mit eingeschränkten und geschärften Sinnen

Lebensberichte: Zwei Bücher schildern das Leben eines beinahe Blinden und jenes in einer Welt ohne Gerüche

Am Anfang steht die Angst. Im Alter von 15 Jahren schwindet die Sehkraft von Saliya Kahawatte auf etwa zehn Prozent. Wie soll er nun eine Ausbildung machen? Einen Job finden? Der deutsch-singhalesische Jugendliche wählt eine irrwitzige Strategie: weitertun, als wäre nichts. Mit Unterstützung der ganzen Familie schafft er das Abitur. Und heuert danach als Lehrling in einem Luxushotel an. Was folgt, gleicht einer Fahrt auf der Hochschaubahn. Nächtelang sitzt er mit der Lupe über vergrößerten Weinkarten. An seinem Arbeitsplatz ordnet er das Flaschenlager so, dass er alles greifen kann, ohne sehen zu müssen. Mit geschärftem Gehör findet er den Weg zwischen Tischen und Gästen. Schließlich eröffnet er sein eigenes Bistro. Und bricht zusammen. Kaum ist er wieder fit, schlittert sein Lokal in die Miesen. Verkauf. Neuanfang.
Spannung und Action genug für einen Hollywood-Film enthält dieser Lebensbericht sowie eine gehörige Portion Slapstick. Auch stilistisch leiht sich der Autor die Technik aus diesen Regionen. Seine Geschichte erzählt er in flotten Rückblenden. Trotz buddhistischen Respekts geht er salopp zur Sache: "Ich will nichts beschönigen. Seh- und gehbehindert zu sein, ist für sich genommen ein ziemlich großer Scheiß." Selbstironie schützt hier auch vor Pathos. Ist Kahawatte mit 39 zu jung für eine Autobiografie? Der französische Widerstandskämpfer Jacques Lusseyran war 29, als die Schilderung seines blinden Lebens erschien – das war im Jahr 1953 ("Das wiedergefundene Licht", dt. 1994). Beide beziehen ihre Spannung nicht bloß aus dem Blindsein. Während Lusseyran über seinen Kampf in der französischen Résistance berichtet, ringt Kahawatte mit inneren Dämonen.
Zuletzt feiert er jedoch einen Sieg: über sich selbst. Er will der Welt nicht mehr verheimlichen, wie wenig er von ihr sieht. MinusVisus heißt das Institut für Persönlichkeitstraining und Coaching, das er heute betreibt. Auf der Homepage (www.minusvisus.com) wird eifrig mit seiner Lebensgeschichte geworben. Das vorliegende Werk hat jedoch nichts von einer Marketingmasche. Mitreißend erzählt, gibt es Einblicke in eine weniger eingeschränkte als vielmehr durch ungewöhnliche Erfahrungen erweiterte Welt.

Nie wieder etwas riechen zu können: Angesichts lebensbedrohlicher Verletzungen und mehrerer Schädeloperationen erscheint die Nachricht für den Journalisten Walter Kohl nach einem schweren Unfall zunächst als das geringste Übel. Doch sie bedeutet mehr, als er zunächst wahrhaben will. Heimat, stellt Kohl fest, sei dort, wo der riechende Mensch nichts rieche, weil ihm der Geruch so vertraut sei. Aber nicht für ihn: "Für mich hat alles keinen Geruch. Das führt nicht dazu, dass ich überall daheim bin, sondern es bewirkt, dass alles Fremde ist."
Der Geruchssinn liegt in den entwicklungsgeschichtlich alten Hirnteilen und hängt daher eng mit tiefverwurzelten Gefühlen zusammen. Was dies in der Praxis bedeutet, erfährt Kohl vor allem bei der Liebe: "Mein Hirn möchte Sex, zum Sex braucht man das limbische System, dieses ist lahmgelegt." Wie existenziell Gerüche für ihn sind, bemerkte er erst, als ihm der Geruchssinn verlorenging. Das ist spannend zu lesen. Und es ist neu. Von Blinden liegen viele Erfahrungsberichte vor. Auch Gehörlose haben bereits ihr Erleben veröffentlicht – kürzlich etwa erst Sarah Neef mit "Im Rhythmus der Stille. Wie ich mir die Welt der Hörenden eroberte" (Campus 2009). Über eine geruchlose Welt waren bisher nur fiktive Betrachtungen zu lesen.
Weniger aufregend als befremdend gestaltet sich die Dramaturgie von Kohls Buch. Denn er lässt ein Alter Ego erzählen. Das letzte Kapitel schreibt er allerdings in der dritten Person. Dort öffnet sich dem Helden ein anderes Tor zur Sexualität. Für ihn endet das Buch befriedigend. Für den Leser bleibt am Ende offen, was authentisches Erleben des Autors war und was Fiktion. Der Verlag bestätigt zumindest, dass Kohl tatsächlich ohne Geruchssinn auskommen muss.

Andreas Kremla in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 52)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Mein Blind Date mit dem Leben (Saliya Kahawatte)

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