Die Unzertrennlichen
Roman

von Lilian Faschinger

€ 20,50
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.07.2012

Rezension aus FALTER 30/2012

"Auf dem Land würde ich binnen einer Woche zur Terroristin"

Die in Wien lebende Kärntnerin Lilian Faschinger besticht in ihrem neuen Roman "Die Unzertrennlichen" mit bösem Humor. Auch privat ist er ihre beste Waffe.

Ein Begräbnis in einem kleinen steirischen Dorf. Das ewige Sorgenkind der Gemeinde – Typ: Althippie – wird beigesetzt. Die Trauergemeinde wird angeführt vom polnischen Pfarrer, dem Nazi-Vater und der erzkatholischen Mutter des Verstorbenen sowie von seiner früh nach Wien geflohenen Tochter, die die Geschichte erzählt. "Hochwürden Wojcik warf ein bisschen Erde auf den Sarg. Als er meiner Großmutter, der Hexe, den Spaten weitergab, schlug der Blitz in das Werkzeug ein."
Umwege sind nicht Lilian Faschingers Art. Sie kommt in ihrem Roman "Die Unzertrennlichen" schnell zur Sache, treibt den Plot voran, charakterisiert die Figuren kurz und treffend und lässt bei all dem noch genug Raum, um in dem sich nach und nach entfaltenden Kriminalfall so manche überraschende Wendung zu präsentieren.

Faschinger erweist sich als versierte, mit allen Wassern gewaschene Autorin, die sich nicht deshalb in die Nähe des Krimis begeben hat, weil das bessere Verkaufschancen verspricht, sondern weil es ihr einfach Spaß macht.
"Ich habe keine Berührungsängste im Hinblick auf das Genre, lese selbst gern gute Kriminalromane", sagt ­Faschinger. "Es ist das aufzulösende Rätsel, das der beste Garant fürs Weiterlesen ist. Ich habe schon schlechte Krimis bis zum bitteren Ende gelesen, nur um zu wissen, wie's ausgeht. Auch hatte ich Lust, mich an dem Genre, bei dem vieles ja vorgegeben ist, zu erproben und damit zu spielen."
In "Die Unzertrennlichen" trifft die mutige, aber auch unvorsichtige Sissi im Heimatdorf ihren alten Freund Stefan wieder. Dieser war mit ihrer besten Freundin Regina verheiratet, bis die bei einem Italienurlaub ins Meer sprang und nicht mehr auftauchte. Stefans Haus ist nun ein Schrein voller Regina-Memorabilien. Trotz seiner ewigen Liebe landen er und Sissi schnell im Bett – worauf sich ein spannendes Dreiecksverhältnis zwischen zwei Lebenden und einer ­Toten entwickelt.
Thematisch ist sich die Autorin über die Jahre treu geblieben. Mit schonungslosem und bitterbösem Blick schaut Faschinger auf das Landleben, das in ihren Büchern – dezent überspitzt – vor stumpfsinnigen, denunziatorischen, rechtsradikalen, trunksüchtigen und gewalttätigen Menschen strotzt. Ähnlich böse, aber mit feinerer Klinge widmet sie sich den Geschlechterverhältnissen.
"Diese Themen ergeben sich durch die Verhältnisse in der Kindheit, von denen kommt man nicht weg", sagt Faschinger, die 1950 in die Kärntner Provinz hineingeboren wurde.
Nicht alles war schlecht: "Das erste Bild, das mir in den Kopf kommt, ist der Garten meiner Großmutter, in dem sie sich mit den Pflanzen beschäftigte, während ich in ihrer Nähe spielte. Die Natur war noch unberührt und intakt, die Landschaft mit dem Ossiacher See, in dem ich schwimmen lernte und den ich, wenn er zugefroren war, oft mit meiner Großmutter überquerte, wunderschön. Erst später begann ich zu begreifen und am eigenen Leib zu erfahren, dass die Landschaft zwar zauberhaft, die Gesellschaft aber konservativ und frauenfeindlich war und dass die nationalsozialistische Ideologie in vielen Bereichen nach dem Krieg noch weiterexistierte."

Ihre erste USA-Reise, die sie als ­18-Jährige in der Hochphase der Hippies 1968 unternahm, war eine Befreiung. Hier lernte sie eine ganz andere Welt kennen: "Die Witwe von Martin Luther King, der kurz zuvor ermordet worden war, hielt unter massivem Polizeischutz einen Vortrag in unserer Schule. Ich erinnere mich auch an ein Konzert von Country Joe McDonald im New Yorker Central Park, in dem ich gemeinsam mit tausenden anderen Jugendlichen die Hymne gegen den Vietnamkrieg brüllte: ,Give me an F, give me a U, give me a C, give me a K – what's that spell?'"
Damals wurde sie mit dem Reise­virus infiziert, zahlreiche Auslandsaufenthalte folgten, einige Jahre verbrachte sie in Paris. "Freud hat behauptet, dass viel von der Lust am Reisen in der Unzufriedenheit mit Heim und Familie wurzelt", so Faschinger. "Das kann ich bestätigen. Später dann reiste ich einfach aus Vergnügen. Auch ist das Reisen für mich, ähnlich wie das Schreiben, ein Versuch, die eigene Entwicklung zu beschleunigen."

In den 1980er-Jahren veröffentlichte ­Faschinger erste Bücher wie "Die neue Scheherazade" oder "Lustspiel", die sich noch ganz anders lasen als ihre jüngeren Texte, nämlich ungleich komplexer. "Die Kompliziertheiten und Spielereien der Postmoderne haben mich nach einer gewissen Zeit nicht mehr interessiert", meint sie dazu. "Ich hatte Lust, anderes auszuprobieren, wollte auch die größere Einfachheit und Direktheit, zu der ich innerlich gelangt war, im Schreiben ausdrücken."
Parallel zu ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete Faschinger lange Zeit an der Grazer Anglistik, übersetzte Werke von Gertrude Stein oder John Banville. Erst mit Anfang 40 wagte sie den Schritt zur freien Schriftstellerin. Prompt folgte mit "Magdalena Sünderin" 1995 ihr größter Erfolg. Das Buch war im deutschsprachigen Raum ein Bestseller und wurde in 17 Sprachen übersetzt. Nicht nur die finanziellen Verhältnisse verbesserten sich dadurch: "Nicht zuletzt hat dieser Erfolg mein Selbstwertgefühl als schreibende Frau positiv beeinflusst."
Zu Wien empfindet Faschinger, das ging schon aus ihrem vorletzten Roman "Stadt der Verlierer" (2007) hervor, eine innige Hassliebe. "Anfangs habe ich Wien schrecklich gefunden", gibt sie zu, "aber man gewöhnt sich an alles. Und wo sonst soll eine Frau wie ich leben, wenn sie ihr Land nicht verlassen will? Die Stadt hat immerhin einen großen Flughafen und ein paar ordentliche Bahnhöfe, sodass man mühelos das Weite suchen kann, wenn's pressiert. Auf dem Land würde ich wahrscheinlich binnen einer ­Woche zur Terroristin."
Faschingers größte Stärke ist ihr treffsicherer, lakonischer Witz. Er ­allein schon macht ihre Romane lesenswert, die sonst vielleicht ins gar Düstere abdriften würden. "Das ist Galgenhumor", meint sie. "Eine schwer erworbene Waffe, mit der man das Leben etwas leichter bewältigt. Außerdem möchte ich mich beim Schreiben schließlich auch selbst unterhalten."
Dass man Lilian Faschinger immer noch vorstellen muss, liegt nicht an der Qualität ihrer Bücher. Sie macht sich für den heutigen Literaturbetrieb zu rar, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Nie habe sie geschrieben, um bekannt zu werden, sagt sie: "Es ging mir vor allem um die eigene Entwicklung, eine Art Selbsttherapie sozusagen. Darum, drückenden Verhältnissen zu entkommen, und um die Freiheit, mein Leben so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle. Es hat seine Vorteile, eher im Verborgenen zu arbeiten, Bekanntheit bringt auch Unfreiheiten mit sich. Aber natürlich hätte ich nichts gegen das Geld einzuwenden."
Faschinger ist das, was man im Englischen recluse nennt, ein mit dem etwas abschätzigen "Einsiedler" nur unzureichend übersetzbarer Begriff. "Ich bin eine, die die Menschheit liebt, aber die Leut nicht mag", sagt sie. Auch ­Facebook ist keine Option. "Wahrscheinlich bin ich ein 68er-Dinosaurier, der sich nicht an die schöne neue, virtuelle Welt gewöhnen kann oder will. Da sterbe ich lieber aus."
Freilich lehnt Faschinger die Segnungen des digitalen Zeitalters nicht rundherum ab: "In Schreibpausen kommt es vor, dass ich mich monatelang ausschließlich mit Lesen, Musikhören, Surfen im Internet, dem Anschauen von DVDs und mit Alltäglichem beschäftige." Klingt doch nach einem gelungenen Leben.

Sebastian Fasthuber in FALTER 30/2012 vom 27.07.2012 (S. 28)


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