Zuhause ist überall
Erinnerungen

von Barbara Coudenhove-Kalergi

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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 336 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2013

Rezension aus FALTER 6/2013

Zu groß für das kleine Österreich

Die Autobiografie der Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi zeigt das Leben einer stets Suchenden, die längst ihren Weg gefunden hat

Es sind die Brüche und die Widersprüche, persönliche und historische, die ein Leben spannend machen. Es gibt nur wenige Zeitgenossinnen, die so viele von ihnen zu bieten haben wie Barbara Coudenhove-Kalergi.
Als Journalistin ist sie über die Grenzen Österreichs hinaus für ihre intellektuelle Aufgeschlossenheit und menschliche Sensibilität bekannt, mit denen sie die Themen der Zeit angeht, von den politischen Umwälzungen in Osteuropa bis zu ihrem derzeitigen Engagement zu Fragen der Migration und Integration in Österreich. Anhand ihrer Erinnerungen, die jetzt erscheinen, kann man ihren Weg nachvollziehen.
Als Kind erlebt sie noch die untergehende Welt der böhmischen Aristokratie, mit ihren Eltern in Prag und auf dem Schloss der Großeltern. Nationale Kategorien sind bedeutungslos, man ist gewissermaßen genetisch zur Weltoffenheit bestimmt. Die Coudenhove stammen aus dem belgischen Brabant, die Kalergi aus Russland und Kreta, eine Großmutter ist Japanerin. Man ist loyal zur tschechoslowakischen Republik, aber als Tschechoslowaken fühlt man sich nicht. Der Vater definiert sich als "Böhme deutscher Zunge".
Das soziale Unbehagen macht sich früh bemerkbar: Das geliebte böhmische Kindermädchen vermittelt Geborgenheit, ihre Kosenamen aber sind kitschig und provozieren den Spott der älteren Brüder. "Es ist die frühe Erfahrung eines Dilemmas, das mir später noch öfter begegnen wird – schreibt Barbara Coudenhove – man steht zwischen zwei ‚Lagern' … und fragt sich mit zunehmender Verzweiflung: Und ich? Wohin gehöre eigentlich ich?"
Später in ihrem Leben wird die Gräfin, die sich selbst ironisch als Kerzlweiberl bezeichnet und sich zuweilen in ein katholisches Nonnenkloster zurückzieht, einen Mann heiraten, der als ihr absoluter Widerspruch erscheint. Franz Marek, ein marxistischer Intellektueller, stammt aus einer bitterarmen jüdischen Familie. So krass ist der Widerspruch, dass die Ehe vor dem Vater Coudenhove geheim gehalten wird.

Versöhnung mit der Heimat
Die Verbindung mit dem Theoretiker des Eurokommunismus, der Demokratie und Kommunismus versöhnen will, öffnet einen undogmatischen Blick auf die Umwälzungen, die sich in Osteuropa ankündigen. Er ermöglicht es der Journalistin, die Zeichen der Zeit früher als andere zu erkennen und zu verstehen. Sie erlebt die Aufbruchsstimmung des Prager Frühlings und seine Niederschlagung durch die sowjetischen Panzer, die Kulturrevolution in China, den Kampf der katholischen polnischen Gewerkschaften gegen den kommunistischen Staat und schließlich den Fall der kommunistischen Regime.
Und sie erzählt die Ereignisse in spannenden Reportagen, unideologisch und unprätentiös, aus der Perspektive der Betroffenen, der einfachen Menschen. Vor allem das Kapitel über die "sanfte Revolution" in der Heimatstadt ihrer Kindheit lässt ihre innere Anteilnahme am Geschehen spüren.
Sie teilt die Hoffnungen und Befürchtungen der Demonstranten auf dem Wenzelsplatz, bis die befreiende Nachricht in eine Pressekonferenz der Opposition platzt, dass das kommunistische Zentralkomitee aufgegeben hat: "Dann steht Václav Havel auf" – erinnert sie sich –, "plötzlich sehr ernst geworden. Und sagt: Es lebe die freie Tschechoslowakei! Das ist das Signal für einen beispiellosen Jubelausbruch. Der Saal ist außer Rand und Band. Jemand bringt Champagner. Alle fallen einander in die Arme, auch wir Journalisten. Und jetzt rufen alle: Es lebe die freie Tschechoslowakei!"
Wenn sie nach dem wichtigsten Erlebnis in ihrem Journalistenleben gefragt wird, erinnert sie sich an diese Pressekonferenz, die in eine Siegesfeier überging: "Sie hat auch uns Außenstehenden eine Ahnung davon gebracht, was das heißt: Freiheit und Glück."

Knausrige Hofratswitwen
Nach der Revolution kehrt sie als ORF-Korrespondentin noch einmal nach Prag zurück, Václav Havel zeichnet sie mit dem höchsten tschechischen Orden aus.
Für Barbara Coudenhove ist es auch eine persönliche Versöhnung mit ihrer Heimat, aus der sie am Ende des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie vertrieben wird, als die Tschechen sich gegen die deutsche Besatzung erheben und tausende Deutschböhmen pauschal der Kollaboration mit den Nazis beschuldigen.
Nach einem langen Fußmarsch erreichen sie völlig erschöpft das Jagdhaus des Großvaters in den Salzburger Bergen. Ihr eigenes Hab und Gut ging verloren. Die Vertreibung wird in dem Buch ohne Ressentiment erzählt, aus der Abenteuerperspektive des jungen Mädchens.
In den Bergen vermisst sie die intellektuelle Heimat. Österreich verräumt gerade eilig die Nazivergangenheit und sucht nach einer neuen Identität. "Nicht der Vielvölkerstaat Österreich mit seiner europäischen Dimension und seiner kulturellen Vielfalt wird zur Identitätsstiftung herangezogen", liest man in den Memoiren, "und nicht die Zugehörigkeit zur reichen deutschsprachigen Kultur. Ostarrichi, das kleine Österreich ist unsere Heimat."
Barbara Coudenhove flüchtet erneut, diesmal aus dem dumpfen Klima der Provinz in die urbane Kultur Wiens, ohne finanzielle Mittel, als "möblierte Dame" in Untermiete bei knausrigen Hofratswitwen.
Von hier aus beginnt sie ihre journalistische Karriere, die sie von der konservativen Presse über die sozialistische Arbeiterzeitung unter Kreisky bis in den öffentlich-rechtlichen ORF und zum liberalen Standard führt – ohne dass sie je ihren neugierig offenen und kritischen Blick hätte von einer Ideologie einschränken lassen.
Es sind die Erinnerungen einer außergewöhnlichen Frau, die stets sie selbst geblieben ist.

Franz Kössler in FALTER 6/2013 vom 08.02.2013 (S. 19)


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