Chronik einer fröhlichen Verschwörung
Roman

von Richard Schuberth

€ 23,60
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 480 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Die Verwertung der Vergangenheit

Richard Schuberth schreibt rebellisch und ein bisschen altklug gegen den Ungeist der Zeit an

Niemand hat je ein Wuzzelturnier mit Latein so bildungshuberisch aufgedröselt und gleichzeitig gegen Bildungshuberei angepredigt. Darin liegt die dialektische Logik sowie die Ambivalenz von Richard Schuberths Protagonisten Ernst Katz, der spitzzüngig gegen akademischen Phrasenkatechismus wettert.
Dr. Katz tut dies im Verein mit seiner Kumpanin Biggy, einer pubertierenden Anarchistin. Ihr jugendlicher Protestsinn würzt seine cholerisch übertriebenen Hasstiraden zu Brandreden beim mitternächtlichen Spareribs-Gelage. Die ungewöhnliche Freundschaft wächst zur Außenseiterverschwörung, wenn es darum geht, den geplanten Roman des gehypten Schriftstellers René Mackensen zu verhindern.
Katz' Abneigung gegenüber dem Mainstream bedingt eine Skepsis gegenüber dem Bestsellerautor, dem "vom unverdienten Erfolg betrunkenen Schnösel". Auch der Neid ist unterschwellig spürbar. Katz will Mackensen, den er für einen Blender und Bluffer hält, demaskieren. Biggy entpuppt sich dabei als kreative Spinnerin von Intrigen, die den Plan des jungen Erfolgsschriftstellers sabotieren. Eine aufwendige, handlungsreiche und surreale Verschwörungsjagd läuft an, in deren Verlauf Mackensen nach Belgrad und Tel Aviv geschickt wird.
Was hat es mit dem zu verhindernden Roman auf sich? Es geht um Respektlosigkeit im Umgang mit dem Holocaust. Richard Schuberth wirft poetologische Fragen auf, wenn es darum geht, wer welchen Stoff literarisch verarbeiten darf: Sind seelische oder geistige Berührung die Voraussetzung dafür?

Im Fall Mackensen droht die Lebensgeschichte eines Opfers des Nationalsozialismus namens Klara Sonnenschein zur Positionierung als seriöser Autor instrumentalisiert zu werden. Das will Leo Katz nicht zuletzt auch aus Liebe zu Klara Sonnenschein um jeden Preis verhindern. Der Protagonist kämpft gegen die industrielle Verwertung der Vergangenheit, die seines Erachtens nicht zur Erhellung, sondern zur Kolorisierung des Geschehens beiträgt: "Wer aus den Leuten das Evidente rauskitzelt, ihre Gemeinheit im schlimmsten und ihre Dummheit im besten Fall, der genießt den eigenen Aufdeckererfolg und schmarotzt somit am Schrecken."
Als Geigerzähler des kritischen Bewusstseins lädt Dr. Katz jedes kleinste Teilchen mit Meinung auf. Erfolgsautor Mackensen hat es derweil auch nicht leicht. Er ist fest eingeklemmt zwischen einer masochistischen Literaturkritikerin und einem berechnenden Agenten. Sie fordern von ihm Exzentrik als Wettbewerbsvorteil und manipulieren ihn, um sein Image aufzubauen.

"Die Chronik einer fröhlichen Verschwörung" bietet ein überbordendes Angebot an Denkweisen zu fast allem: Asylpolitik und Integrationsthematik, Castingshows, (Post-)Feminismus, Medienzirkus, Polterabend, Generationenkonflikt, Faschismusfallen, Bildungspolitik anhand vergleichender Exkurse zwischen HTL und AHS, Zoophilie, Modelle zur Medienrezeption, TV-Serien. Durch Biggys Überschmäh lernt Katz den ironischen Umgang der Jugend als Protestform, als Kultur und Kulturkritik zugleich verstehen.
Aber das ist noch nicht alles. Zu den essayistischen Ausflügen gesellen sich gemächliche Monologe, Traumfantasien, Aphorismen und Gedichte, Filmbesprechungen im Telegrammstil oder ­überdimensioniert ausufernd, ein illustrer Skype-Chat, ein fiktiver Krone-Artikel als Epilog, E-Mails, Briefverkehr, philosophische Manifeste, Tagträume und Wikipedia-Einträge.
Der Grat zwischen erfrischender Skepsis und pathologischer Kritiksucht ist ein schmaler. In seinen biblischen Wutanfällen lässt sich Ernst Katz zu höchster Eloquenz und zerstörerischem Zorn anstacheln. Er macht auch vor Vorurteilen, Verallgemeinerungen und Übertreibungen im aggressiv böswilligen Ton nicht Halt.
Was den Erregungspegel und die Sprachgewalt angeht, stehen Katz und Schuberth in diesen Monologen Karl Kraus um kaum etwas nach. Doch Biggy gibt auch hier Kontra: "Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende, was ihm an Kraft und Wissen fehlt", schreibt sie Katz mit Goethe an die Klowand.

Dieser lässt es natürlich auch nicht an Kritik am Literaturbetrieb fehlen. Der Selektion der Feuilletonratten sei es zu verdanken, dass vor allem Mittelmäßiges das Lesevolk erreiche. Die Schriftstellerriege selbst wird typologisch aufgeschlüsselt und humorvoll zerlegt. Der Protagonist schießt giftig gegen Peter Handke und Thomas Bernhard. Beurteilt werden auch Spielberg und Tarantino, Lassnig und Attersee, May und Marx.
Schuberth verzichtet weitgehend auf herkömmliches Lokalkolorit und betritt stattdessen literarisch weniger ausgetretene Pfade Wiens: die Millennium City, das Café Prindl am Gaußplatz, eine Brunnenmarkt-WG oder das Theater im Krähwinkel, eine mögliche Anspielung auf den Rabenhof.
Repräsentanten der Wiener Kultur- und Medienszene kann man hinter Nebenfiguren entdecken. In der Charakterisierung jongliert Schuberth geschickt mit Sprachcodes. Besonders amüsant zu lesen ist beispielsweise das mit Hofratsesprit aufgeladene Balzen jener Intellektuellen, die sich Biggy als ewige Jungspunde anbiedern. Auch der zur bequemen Feigheit verblassende Mut der 68er wird natürlich thematisiert.
Frechheit und Fantasie beherrschen die Methodik des Duos in einer Tradition aus Frankfurter Schule und Pippi Langstrumpf. Verbürgerlichung oder Sex und Rock 'n' Roll: Wer triumphiert beim kritischen Denken? Eine große Leserschar sollte davon zeugen, dass der philosophische Kampf als Götterbote der negativen Dialektik sich für Ernst Katz gelohnt hat. Und dass Richard Schuberth nicht umsonst einen ambitionierten, wenn auch schon etwas altklugen Debütroman geschrieben hat.

Juliane Fischer in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 11)


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