The Hunter
Roman

von Richard Stark

€ 18,40
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Übersetzung: Nikolaus Stingl
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Krimis, Thriller, Spionage
Umfang: 192 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Der Mann, der alle erschauern lässt

Mit "The Hunter" von Richard Stark liegt ein Klassiker des Krimigenres in neuer Übersetzung vor

Als ein junger Kerl mit gesunder Gesichtsfarbe in einem Chevy ihm eine Mitfahrgelegenheit anbot, sagte Parker ihm, er solle sich verpissen." Richard Starks Roman "The Hunter" beginnt mit einem starken Satz und einem ebensolchen Bild. Grimmig stapft der Held über die George Washington Bridge. Es ist das erste Mal, dass er sie zu Fuß überquert. Die Männer, die in ihren Autos an ihm vorbeifahren, schenken ihm höchstens einen mitleidigen Blick.
Das weibliche Geschlecht reagiert ganz anders auf den Anblick des athletischen 2-Meter-Manns: "Die Frauen in den vorbeifahrenden Autos sahen ihn an und erschauerten. Sie wussten, er war ein Dreckskerl, sie wussten, seine großen Hände waren zum Zuschlagen geschaffen, sie wussten, sein Gesicht würde sich nie zu einem Lächeln verziehen, wenn er eine Frau ansah. Sie wussten, was er war, sie dankten Gott für ihren Ehemann, und trotzdem erschauerten sie."
Parker hat freilich keine Augen für die Damenwelt. Er wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen und ist auf dem Weg zurück in die Stadt. Besser gesagt: Er hat sich selbst entlassen und beim Ausbruch einen Wärter getötet, obwohl er nur noch wenige Wochen hätte absitzen müssen. Aber er konnte nicht mehr warten. Parker muss sich an denen rächen, die ihm bei seinem letzten Coup übel mitgespielt haben, als es darum ging, die Beute zu verteilen. Die leben in dem Glauben, er sei tot.

Schon nach wenigen Seiten ist klar, was für ein Kaliber Parker ist. Mit dem Kerl ist nicht zu spaßen, als Profi-Verbrecher kann er sich keinen Humor leisten. Und es ist auch klar, wo das alles hinführen wird. Parker wird der Reihe nach alle, die ihn verraten haben oder als Mitwisser eine Gefahr für ihn darstellen könnten, zur Strecke bringen.
Um das Aufklären eines Rätsels geht es hier schon mal nicht. Aber warum auch? Richard Starks "The Hunter" (von Hollywood 1967 als "Point Blank" und 1999 als "Payback" verfilmt) beweist, dass gute Krimis keinen spannenden Plot benötigen. Auch Bezüge zu aktuellen Themen und das Ausstreuen von Lokalkolorit, wie im zeitgenössischen Kriminalroman gängig, sind im Grunde überflüssig.

Wirklich fesselnde Krimis haben, da unterscheiden sie sich nicht groß von anderen Romanen, in erster Linie Menschen und ihre Schwächen im Visier. In der Hinsicht liefert Parker – kein Vorname nötig – erstklassiges Anschauungsmaterial. Er wird charakterisiert als Superverbrecher, der ausschließlich kalt berechnend vorgeht. Er macht meist nur einen Job im Jahr, und auch den führt er nach akribischer Vorbereitung nur dann durch, wenn er ihm sicher genug erscheint – oft sind es sehr profitable Überfälle auf Geldtransporte.
Bei seiner Arbeit erlaubt er sich keine Emotionen. Gefühle führen am Ende höchstens zu Unachtsamkeiten und Fehlern. Und Parker vertraut niemandem, nicht einmal jenen Verbrecherkollegen, mit denen er schon erfolgreich zusammengearbeitet hat.
All das konnte man in den letzten Jahren schon in Büchern wie "Fragen Sie den Papagei" oder "Keiner rennt für immer" nachlesen. Der Zsolnay Verlag hat die Parker-Romanreihe von Richard Stark dankenswerterweise wiederentdeckt und Neuübersetzungen der Bücher anfertigen lassen. Richard Stark war eines der Pseudonyme des äußerst produktiven US-Schriftstellers Donald E. Westlake (1933–2008).
Mit "The Hunter" präsentiert der Verlag nun Nikolaus Stingls (er ist Thomas-Pynchon-erprobt) glänzende Neuübertragung des allerersten Parker-Romans aus dem Jahr 1962. Und auf einmal ergibt sich ein ganz neuer Blick auf die Figur. Denn schon das "Verpiss dich" auf der ersten Seite ist eigentlich eine viel zu starke Gemütsregung für den wortkargen Gangster. Auch sonst passt der Rachefeldzug, den Parker virtuos inszeniert, nicht zu seiner emotionslosen Art in späteren Büchern der Serie.
Aber er ist fertig mit den Nerven, da ihn ­neben einem Partner auch die eigene Frau verraten hat. Wenn er nicht gerade jemandem nachstellt und ihn abmurkst, muss Parker sich mit Whisky schmerzfrei trinken. Dabei scheint sich der früher Parker auch etwas zu überschätzen. Sonst würde er sich nicht sogar mit hohen Mitgliedern der amerikanischen Mafia einlassen. Ob das gut geht?
Sein Schöpfer hat einmal über Parker gesagt: "In Westernfilmen gibt es häufig die Szene, wo der Held am Lagerfeuer sitzt, und ihm gegenüber ist dieser Typ, der kein Wort sagt. Ich rücke diesen schweigsamen Mann in den Mittelpunkt des Geschehens."
Stark zeigt im Debütroman den Grund für seine Schweigsamkeit: die Vorgeschichte Parkers, die er zu Ende bringen musste, um ein anderer werden zu können. In späteren Werken sollte er die Figur langsam ausdifferenzieren und nach und nach auf die Spitze treiben.

Parker spricht dann kein Wort zu viel mehr, trinkt keinen Tropfen, denkt und handelt dafür blitzschnell. Und er begeht so gut wie keinen Fehler mehr. Trotzdem wächst einem die Figur, je unnahbarer, mysteriöser und unmenschlicher sie wird, umso mehr ans Herz.
Mit ein wenig Fantasie kann man in Parker nicht nur eine Westernfigur erkennen. Er trägt auch schon Züge des modernen Menschen, der nur für seinen Beruf lebt. Was Parker antreibt und warum ausgerechnet Verbrechen sein Beruf ist, erfährt man aber nie: Es ist einfach sein Job. Parker begeht Raubüberfälle, wie andere arbeiten gehen. Und er ist verdammt gut darin.
Das galt auch für Richard Stark. Seitenschinden war dem Mann fremd, er verstand sich auf einen schlanken, lakonischen Stil und eine effiziente Erzählökonomie. Unschlagbar ist in dem Zusammenhang der erste Satz des Romans "Der Gewinner geht leer aus": "Als das Telefon läutete, war Parker gerade in der Garage und brachte einen Mann um."

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 24)


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