Marlene
Bild einer berühmten Zeitgenossin

von Alfred Polgar, Ulrich Weinzierl

€ 18,40
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Musik, Film, Theater/Biographien, Autobiographien
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Als Erster verliebt in die Zweite von links

Ein hübscher Fund: Alfred Polgar gerät in seinem 1937/38 entstandenen Porträt über Marlene Dietrich ins Schwärmen

Mitunter sind es gar seltsame Blüten, die der Kult um Marlene Dietrich in den letzten Jahren treibt. Neben einer ganzen Reihe biografischer Einzeldarstellungen erschienen Bücher über die Dietrich und Ernest Hemingway, über sie und Riefenstahl, über ihre langjährige Korrespondenz mit Friedrich Torberg, ein ABC ihres Lebens, eine Publikation über Marlene Dietrich in Berlin, ihr Adressbuch sowie Erinnerungen an die späte Marlene ("Eine Liebe am Telefon").
Alfred Polgars "Marlene – Bild einer berühmten Zeitgenossin" stellt eine willkommene Abwechslung zu dem stetig weiter anwachsenden Wust an mehr oder weniger origineller Sekundärliteratur über die große Filmschauspielerin und Chansonette dar.
Das schlanke, knapp 70 Druckseiten umfassende Manuskript entstand 1937/38, als sich die Dietrich auf dem Höhepunkt ihrer Popularität in Hollywood befand. Sie war Mitte 30, hatte die künstlerische Trennung von dem Regisseur Josef von Sternberg gut weggesteckt und für Ernst Lubitsch gerade die Hauptrolle in dessen kompromisslos brillanter Dreieckskomödie "Angel" gespielt.
Alfred Polgar hingegen, der als "Virtuose der kleinen Form" gerühmte Feuilletonist aus Wien, litt zu dieser Zeit an chronischer Geldnot, sah er sich durch die Gleichschaltung der deutschen Presse doch schon seit 1933 eines Großteils seines Wirkungsbereichs und seiner Einkünfte beraubt.
Wie der Germanist Ulrich Weinzierl, der das Typoskript im Nachlass von Polgars Stiefsohn in New York entdeckt und nun samt editionskritischer Kommentierung herausgegeben hat, nachweist, entstand die Idee zu dieser Monografie in gegenseitigem Einvernehmen. Alfred Polgar fühlte sich Marlene Dietrich verpflichtet, da sie ihm wiederholt mit ein paar hundert Dollar unter die Arme gegriffen hatte.

Dennoch waren pekuniäre Überlegungen keineswegs ausschlaggebend, sondern Polgars geradezu schwärmerische Begeisterung für die junge Schauspielerin. So gesteht ihr der Autor 1931 in einem Brief: "Aber verliebt in Sie – das will ich nur historisch festhalten – war ich schon, noch ehe alle Welt dies war; und noch ehe Sie von meinem litterarischen (sic!) Vorhandensein auch nur das Geringste wußten."
Polgars Text hebt mit einer gleichermaßen persönlichen wie historischen Reminiszenz an, nämlich wann und wo diese Verliebtheit ihren Anfang nahm. 1927 in den Kammerspielen will er Marlene Dietrich in dem Revuestück "Broadway" erstmals gesehen und sogleich auch das überragende Talent "der zweiten von links" erkannt haben. Nun, ja.
Stimmiger ist das Bild der nach Erscheinen des Films "Der blaue Engel" (1930) über Nacht berühmten Zeitgenossin immer dort, wo der Autor sie mit sanfter Ironie zeichnet. "Marlene filmt. Sie filmt die elegante Verführerin, deren Lieblingsspaziergang der über Leichen ist, den Vampir, abgekürzt: Vamp, auf schwellende Kissen hingeschlängelt à la serpent, der ­Gentlemen das Blut oder zumindest das Geld aussaugt, kurz die so unwiderstehliche wie kalte und böse Frau, bei deren Anblick das Männerherz an das Frackhemd klopft wie das Schicksal an die Pforte."
Die eingehende Schilderung ihres Gesichts, ihrer legendären Beine oder ihres Privatlebens haben nicht annähernd diesen Pfiff. Polgar ist dort am besten, wo er mit viel Gusto über den Kintopp herzieht, an dem er sich freilich Ende der 1920er-, Anfang der 1930-Jahre mit recht mäßigem Erfolg auch selbst versucht hat.
Im Sommer 1937 kommt es im Salzburgischen zu einer Begegnung zwischen Polgar und Dietrich, dieses Interview bleibt zum Leidwesen des Autors das einzige von mehreren geplanten. In einem Brief an seine Ehefrau Liesl beklagt er sich, dass die Dietrich nicht mehr antworte und er nicht einmal wisse, wo sie stecke, während der Verlag auf Sicherheiten drängt und "(Wiener!) Krämpfe" bekommt, "wenn von Vorschuss die Rede ist. (…) Dabei hat der Gedanke, in heutiger Zeit als Psalmodist einer Film-Diva 150 Seiten unter meinem Namen von mir zu geben, etwas kaum Erträgliches."
Irgendwie passend also, dass Polgars "Marlene" erst mit 77 Jahren Verspätung das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Eine hübsche Trouvaille.

Michael Omasta in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 10)


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