Stefan Zweigs brennendes Geheimnis

von Ulrich Weinzierl

€ 20,50
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.09.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

„Schönbrunn! Gefahr!“

Armer Stefan Zweig. Jetzt fällt auch er noch vom Sockel. Nachdem Peter Altenbergs Kleinmädchenlieben inkriminiert wurden und Adolf Loos als Voyeur mit Vorliebe für nackte Minderjährige enttarnt wurde, folgt jetzt die nächste skandalöse Enthüllung im Olymp der Wiener Kulturgeschichte: Stefan Zweig war ein Exhibitionist.

Für die Medien ist eine solche Enthüllung ein gefundenes Fressen, für die Riege der politisch Korrekten gibt es einen weiteren prominenten Fall! In alle Weltteile wird die Sensation verkündet werden, immerhin war und ist Stefan Zweig – mehr als jede andere der literarischen und künstlerischen Zelebritäten – einer der großen österreichischen Erfolgsschriftsteller. Seine Erzählungen, Biografien, seine Autobiografie sind in viele Sprachen übersetzt. Keiner aus der Kollegenzunft konnte mit seiner Popularität mithalten. Vor allem galt er als eine moralische Autorität in Sachen Völkerverständigung und Geistesverehrung. Die Fallhöhe ist also beträchtlich.



Klatschmaul Thomas Mann

Naturgemäß hat Stefan Zweig versucht, sein „brennendes Geheimnis“ geheim zu halten, hat entsprechende Tagebucheintragungen vernichtet. Und hat dennoch nicht verhindern können, dass das Gerücht in Freundes- und Kollegenkreisen umging. Auch Thomas Mann, nicht unbedingt ein Bewunderer von Zweigs Literatur, schnappte etwas auf, tratschte weiter, zeigte sich weniger amüsiert als degoutiert.

Im Park – bei Zweig zunächst der Liechtenstein- und der Schönbornpark, dann Schönbrunn rund ums Affenhaus – auf kleine Mädchen und junge Frauen zu warten, um sein Gemächt zu enthüllen, das ist Lustangst der seltsamsten, erbärmlichsten Sorte. Wie unpassend für jemanden, der in der Öffentlichkeit Vorbild war, den jungen Generationen Vorbilder geben wollte.

Zu Recht hatte Zweig Entdeckung, polizeiliche Verfolgung und Rufschädigung gefürchtet. Er war aber sichtlich dumm genug, Freunden von seiner temporären Vorliebe zu erzählen, ohne sich genau zu überlegen, wen er da ins Vertrauen zog.

Benno Geiger war vor dem Ersten Weltkrieg Zweigs „vertrautester Freund“. Geiger liebte die Denunziation, wollte sich am Erfolgsschriftsteller rächen. In seinen auf Italienisch erschienenen Erinnerungen „Memorie di un Veneziano“(1958) hat er Zweigs Exhibitionismus ziemlich plastisch-drastisch beschrieben.



True Detective

Schon der Zweig-Biograf Donald Prater kannte diese Quelle und hat in seinem Buch darauf hingewiesen, ebenso wie Oliver Matuschek, der Geigers Schilderung in „Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biographie“ aber letztlich in den Bereich der denunziatorischen Fantasie verwies.

Ulrich Weinzierl nun wollte es genauer wissen, folgte wie ein Detektiv den verschiedenen Spuren in Zweigs literarischer Produktion (Novellen, Gedichten) und persönlichen Dokumenten (Briefstellen, Tagebüchern), um nach dem entscheidenden Beweis zu suchen. Ihn interessierten Beobachtungen und Einschätzungen von Schriftstellerkollegen, die Zweig besser kannten und so manche Andeutungen über dessen erotisches Leben lieferten.

Zum entscheidenden Fundstück wurde Weinzierl eine Eintragung im Tagebuch, das seit 1984 gedruckt vorliegt. Zum 10. September 1912 steht da: „Dann spazieren, Liechtenstein, schaup. Das Object zu jung noch ohne tieferes Interesse, mehr frappiert als schon an richtiger Stelle erfaßt. Dies eigentlich weniger aufreizend, aber mehr gefährlich und wäre zu meiden.“

Aus Geigers Memoiren war zu erfahren, dass Zweig seine exhibitionistischen Abenteuer als „Schauprangertum“ bezeichnete. Mit der Abkürzung „schaup.“ lieferte Zweig also im Tagebuch den Hinweis, was da gelaufen war. Auch andere Tagebuchaufzeichnungen sind aus dieser Perspektive klarer verständlich – etwa jene vom 26. September 1914, als während des Ersten Weltkrieges gerade die Schlacht von Lemberg verloren wurde: „Schönbrunn! Gefahr!“

Dr. Ulrich Weinzierl ordiniert. In den ausführlichen psychoanalytischen Sitzungen, die er mit Witz und großer Belesenheit abhält, ist die finale Enthüllung der letzte Akt. Auch in den Sessionen vorher hat Weinzierl über Zweigs „chronische Entzündlichkeit des Eros“ (Stefan Zweig über den geistesverwandten Heinrich Kleist) einiges zu bieten.

Zweigs ewige Bettgeschichten und sexuelle Entzückungen, mal in Wien, mal in Paris, haben viele Kuriosa zu bieten. Seine Ehe mit Friedrike von Winternitz (das „Lamm“, das „Oberhaserl“), die ihm vor den Abgründen ein „Geländer“ sein will, erhält in Weinzierls Schilderung ziemlich schräge Züge. „Die Erotik, sie entsetzt mich, weil sie mich nimmt und ich nicht sie. Ich schauere vor meiner eigenen Virtuosität“, bekennt der Umtriebige.



Ungebremst und gewitterschwül

Wer bisher geglaubt hat, Zweigs ständige Aufgeregtheit und gewitterschwüle Sprache in seinen beliebten Erzählungen wären eine literarische Manier gewesen, wird in diesem Buch eines Besseren belehrt: Es lag im Charakter des Schriftstellers, immer ungebremst unterwegs zu sein, sich mit Leidenschaft und Entsetzen, Volldampf und Angstschweiß in fatale Situationen und Gefahren zu begeben.

Die Novelle „Verwirrung der Gefühle“ spiegelt das Drama der Homosexualität. Auch da sprechen Indizien dafür, dass es nicht nur bei erotischen Blicken und Kameradengetuschel blieb. Ulrich Weinzierl, der bereits Arthur Schnitzlers und Hugo von Hofmannsthals delikaten Lebensmustern beizukommen suchte, ist es im Falle von Zweig gelungen, ein ziemlich grelles Charakterporträt zu malen. Man versteht die Entdeckerfreude. Aber wollte man das alles wissen?

Alfred Pfoser in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 23)


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