Zwanzig Lewa oder tot
Vier Reisen

von Karl-Markus Gauß

€ 22,70
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 208 Seiten Seiten
Erscheinungsdatum: 30.01.2017

Karl-Markus Gauß ist wieder auf Reisen gegangen, in Osteuropa und auf dem Balkan. In Moldawien, dem ärmsten Staat des Kontinents, hat er sich mit der „moldawischen Sehnsucht“ infiziert, der Sympathie für Land und Leute. In Bulgarien erkundet er ein anderes Land als jenes, von dem uns immer wieder schlechte politische Nachrichten erreichen. Und in Zagreb entdeckt er das Wechselspiel von Erinnern und Vergessen, das die nationale Kultur von Kroatien prägt. In der Vojvodina schließlich, einst ein Europa im Kleinen, begibt er sich auf die Spur seiner donauschwäbischen Mutter. Kenntnisreich vereint Gauß Reportage, Geschichte und Autobiographie zu Reiseliteratur, wie sie kein anderer zu schreiben weiß.

Rezension aus FALTER 9/2017

Tief im Osten

Der Schriftsteller Karl-Markus Gauß entdeckt auf seinen Reisen nach Chișinău, Sofia und Novi Sad die Schönheit des Mangels

In der Zeitung liest man nur von Armut, Korruption und Chauvinismus. Die Literatur liefert aus dem Osten Europas aber auch viele groteske Geschichten, die Fotografie schaurig-schöne Bilder. Die Faszination des Ostens und die Empörung über dessen schlechte Verhältnisse passen schlecht zusammen. Außer bei Karl-Markus Gauß.
Der Salzburger Autor besucht seit Jahrzehnten vergessene Landschaften, die nicht mehr hinter dem Eisernen, jetzt aber hinter einem kaum weniger dichten kulturellen Dunstvorhang liegen. Mit seinen vier jüngsten Reisen führt Gauß uns in die ganz unbekannte Republik Moldau, nach Zagreb, in die serbische Vojvodina und nach Bulgarien.

Die zentrale Figur in allen Geschichten ist immer der Erzähler. Man stellt sich ihn als eine Art Flaneur vor, der wach und unbekümmert durch die Städte und Länder streift und jederzeit bereit ist, sich überraschen zu lassen. In der Plattenbaulandschaft von Chisinau entdeckt Gauß das Land mitten in der Stadt, mit Gärten, Vieh und Dorfältesten.
In Zagreb sucht der Autor die literarischen Nachlassverwalter von Miroslav Krleža (1893–1981) auf, dem kroatischen Schriftsteller, dessen Werk im Westen nie richtig zur Kenntnis genommen wurde. Durch Novi Sad, die Heimat seiner donauschwäbischen Eltern, streift er mit archäologischem Blick und sucht nach Spuren der Geschichte. In Bulgarien besichtigt er Partisanendenkmäler. An den heißen Quellen in Sofia, an denen sich die Stadtbewohner kostenlos bedienen können, entdeckt Gauß den Gemeinsinn, den westliche Besucher in der postkommunistischen Sozialbrache oft vermissen.
Fremden tritt der Flaneur mit Neugierde und Wohlwollen entgegen. Streiten will er sich nicht, höchstens dann und wann einmal wundern. Die Menschen begegnen dem Reisenden freundlich und mit Hochachtung, und wenn sie einmal distanzlos werden, weicht der Erzähler dezent zurück – etwa wenn dem Mund des Taxifahrers ein „fauliger Duft“ entströmt. Keine seiner Figuren, und sei sie noch so skurril, frech oder abgerissen, gibt er der Lächerlichkeit oder der Abscheu preis.
Die Ironie liegt allein in der Sprache, einem altmodischen Deutsch mit Schachtelsätzen und originellen Attributen. „Mir schien, dies wäre …“: So ähnlich würde es sich wohl lesen, wenn Thomas Mann im Jahre 2017 durch, sagen wir, den Nordwesten Londons wandeln würde, die wilde Welt der Zadie Smith. Ob Gauß auf seinen Reisen wohl einen Strohhut trägt oder sogar ein Kavaliersstöckchen? Smartphone hat er jedenfalls keines dabei.

Der Erzähler lässt es bei der Kuriosität einer Begegnung nie bewenden. Immer geht er weiter, knüpft Gedanken an, sucht Wege zur Erklärung. Manchmal besteht die Reflexion nur aus einem Satz, der dann aber lange nachhallt. Den Buchtitel etwa liefert dem Autor ein alter Mann, der ihn und seine Begleiter anbettelt, indem er ihnen seinen Dauerkatheter zeigt. Ohne die umgerechnet zehn Euro, die ein neuer Schlauch koste, müsse er sterben, sagt er. „Es war ein Überfall, doch der Kranke drohte nicht mit unserem, sondern mit seinem Tod.“ Ein knapper Kommentar auf das Ost-West-Verhältnis nach dem Ende des Kommunismus: Alles, womit der Osten drohen kann, ist sein eigener Untergang.
Häufig gehen die Gedanken zurück in die Geschichte, auf schwieriges Terrain also. Sogar den penetranten Heldenerzählungen und Opferlegenden, die einem überall in Osteuropa aufgetischt werden, lässt der Erzähler ihre Würde. Nur gelegentlich klingt durch, dass dem realen Gauß die vielen schnurrbärtigen Nationalhelden auch ein wenig auf die Nerven gehen. Aber nichts wird hier widerlegt, dekonstruiert, als Ideologie entlarvt; der Erzähler hört zu, lauscht nach verborgenen Botschaften hinter dem patriotischen Fanfarenton.
Dabei biedert er sich aber nicht an. Wenn nötig, fordert er seine Gastgeber auch heraus: So interessiert er sich hartnäckig für das Schicksal der ermordeten Juden aus der Vojvodina und aus der Moldau, wo das Jiddische weiter verbreitet war als irgendwo sonst, oder der Zagreber Bürger, die ins KZ Jasenovac gebracht und dort ermordet wurden. Er erkundigt sich nach den verachteten Roma und tritt ihnen, wenn er sie trifft, mit derselben Achtung entgegen wie allen anderen.

Die Schäbigkeit, den Müll und die Hässlichkeit deckt Gauß nicht zu, aber er plakatiert sie auch nicht. Wenn er eine Straße oder ein Gebäude schamhaft „schadhaft“ nennt, weiß man auch so Bescheid. In Plowdiw noch lobt er die Bulgaren dafür, dass sie „dem Mangel Schönheit abgewinnen“. Comrat dagegen, ein Ort in der Moldau, „ist nur für jene Besucher eine Reise wert, die ein Gefühl für die Schönheit hässlicher Städte haben“. Ästhetisierung der Armut jedoch muss Gauß sich nicht vorwerfen lassen; was sich auf den ersten Blick hier und da so liest, ist nur das Beharren auf der Würde von Menschen, Städten und Ländern.
Auch wohlmeinende Westler tun sich schwer, im Hinblick auf den Osten zwischen Rückständigkeit und bloßem Anderssein zu unterscheiden. Das liegt nicht in erster Linie an westlicher Ignoranz. Schließlich will der ganze Osten seit einem Vierteljahrhundert Westen sein, und wenn gerade einmal nicht, dann aus Trotz und Enttäuschung. Wie soll man da wissen, was im rapiden Umbruch an Ostigem erhaltenswert ist und was nicht? Wer da einen Weg finden will, geht am besten mit Karl-Markus Gauß auf Reisen.

Norbert Mappes-Niediek in FALTER 9/2017 vom 03.03.2017 (S. 27)


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