Oxenberg & Bernstein
Roman

von Catalin Mihuleac

€ 24,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Ernest Wichner
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 368 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.01.2018


Rezension aus FALTER 11/2018

Eine gute Geschichte ist Goldes wert

Souverän manövriert Cătălin Mihuleac seinen Generationen- und Familienroman durch kontrastierende Stimmungslagen

„Oxenberg & Bernstein“ ist eine doppelte Familiengeschichte. Die jüdischen Oxenbergs in den 1920er- bis 1940er-Jahren stehen den gleichfalls jüdischen Bernsteins in den Jahren 2001 bis 2014 gegenüber. Einem Kapitel in der Zwischenkriegszeit folgt jeweils eines in der Jetztzeit. Am Ende werden die beiden Erzählstränge miteinander verknüpft. Die Tradition lebt weiter, die Toten stehen im Gedächtnis wieder auf, die alten Weisheiten behalten ihre Gültigkeit.
Der Roman beginnt mit einer Reise. Dora Bernstein, die Betreiberin eines äußerst erfolgreichen Altkleiderverwertungsunternehmens, sucht anno 2001 für ihren 50-jährigen Sohn eine Frau und reist mit diesem von Washington, D.C., nach Rumänien, um dort in der tüchtigen und großherzigen Sânziana Stipiuc eine geeignete Schwiegertochter zu finden. Sehr unterhaltsam porträtiert Mihuleac eine kreative, überaus geschäftstüchtige Frau, die nach der Familiengründung in den USA einen missratenen, sexuell hyperaktiven Mann mit verwegenen Methoden in die Schranken weist.

Die andere Hälfte des Romans scheint weit von diesem Szenario entfernt zu sein, schließlich handelt sie von einem erfolgreichen Gynäkologen im Rumänien der 1920er- und 1930er-Jahre, der mittels sorgfältig arrangierter Untersuchungen und Kaiserschnittoperationen die Frauenwelt von Iaşi in Aufregung versetzt, weil er verspricht, die sexuelle Leidenschaft seiner Patientinnen zu erhalten.
Beide Familien betreiben ein Geschäftsmodell, das sich als zeitloses Erfolgsrezept erweist. Beiden Familien scheint bei ihrem Handeln von Geburt das Prinzip mitgegeben worden zu sein, „dass nicht der Gegenstand für sich zählte, sondern seine Geschichte“. Wer die besten Storys hat, setzt sich durch.
Gynäkologische Behandlungen verwandeln sich bei Dr. Oxenbergs Beethoven-Fingern, auch unter Einsatz von Kölnischwasser, zum aufregenden Klavierkonzert, Altkleider werden bei Dora Bernstein mit Verweis auf Stars, die sie getragen haben, zum kostbaren Vintage-Gut. Alles eine Frage der Fantasie und ihres Marketings.
Die Familiengeschichten, die sich über ein Jahrhundert erstrecken, haben lange Zeit den Charakter einer kunstvoll geflochtenen, melodramatischen Komödie. Der rumänische Autor (und sein deutscher Übersetzer Ernest Wichner) erweist sich in Sachen Sarkasmus als witzig-beredter Virtuose, besticht durch ein beiläufiges, schräges Parlando und verleiht damit dem Alltagsgeschehen eine erstaunliche Leichtigkeit.
Nur im Mittelteil versagt sich Mihuleac aus verständlichen Gründen dem Witz. Das große Pogrom von Iaşi bildet das dramatische Zentrum des Romans. So manche Parallelen zum österreichischen Antisemitismus der Zwischenkriegszeit drängen sich auf, der auch mit alltäglicher Drangsalierung begann und mit Vertreibung und Vernichtung endete.

Relativ ausführlich erzählt Mihuleac vom Crescendo der rumänischen Judenverfolgung in den 1920ern. Die Zusammenstöße und Behinderungen in der Universität („eher eine Basisstation für antisemitische Übergriffe denn als Tempel der Gelehrsamkeit“) sind so ähnlich auch in Wien passiert.
Bei „Oxenberg & Bernstein“ hat der Schauplatz Wien zweimal die Rolle eines örtlichen Scharniers. Nach den Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs ist die Stadt „ein steinernes Requiem, eine Ansammlung von Gebäuden, die auf den Knien um ein besseres Schicksal beten“. 1947 kommt die dem Pogrom entkommene Golda ins (später abgerissene) Rothschild-Spital am Währinger Gürtel. Dort sammeln sich die traumatisierten jüdischen Flüchtlinge aus Rumänien. In Wien klärt sich fast 70 Jahre später die Familiengeschichte. Der Kreislauf des Lebens schließt sich. – „Oxenberg & Bernstein“ bewährt sich als bewegtes Drama, anrührende Tragödie, unterkühltes Melodram, ironische Märchengeschichte.

Alfred Pfoser in FALTER 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 16)


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