Versteckte Jahre

Der Mann, der meinen Großvater rettete
€ 20.6
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Wien-Leopoldstadt, September 1942: Hansis Eltern und sein jüngerer Bruder müssen ins Sammellager, um nach Theresienstadt umgesiedelt zu werden. Gleichzeitig verlässt der 17-jährige Hansi das Haus. Im Flur nimmt er den gelben Stern ab, steigt in die Straßenbahn und fährt zum Kinderarzt Josef Feldner. Seine Familie wird Hansi nie mehr wiedersehen. Bis zum Ende des Krieges versteckt und versorgt „Pepi“ den jungen Mann in seiner Wohnung. Auch später bleibt Hansi mit seinem Retter verbunden, sie frühstücken täglich miteinander, fahren gemeinsam auf Urlaub. Hans‘ Enkelin, Anna Goldenberg, die Enkelin von Hans und Helga Feldner-Bustin, rekonstruiert diese singuläre Familiengeschichte als große Reportage und als Porträt eines Helden, der nie einer sein wollte.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Grabungen in der Finsternis

Die Autorin Anna Goldenberg arbeitete die Geschichte ihrer jüdischen Familie auf. Und stößt dort auf Verzweiflung und Optimismus

Anna Goldenberg hat es sich nicht einfach gemacht mit dem Tauchgang in die Geschichte ihrer Familie. So eine Recherche erfordert Mut und Widerständigkeit, ein offenes Herz und wachsames Auge. Solcherart Abtauchende müssen damit rechnen, während des Sinkens in kalte, dunkle Bereiche vorzudringen. Manchmal stoßen sie auf Monster.

Die Autorin nimmt die Lesenden so beiläufig und dennoch so intensiv mit auf diese Expedition, dass man bereits nach kurzer Zeit das Gefühl hat, ihr direkt über die Schulter sehen zu können. Sie führt die Lesenden durch die Zersplitterung und Zerstörung ihrer Wiener Familie und beschreibt das Wiederzusammenfinden der überlebenden Familienmitglieder nach dem Holocaust. „Was in den Lagern geschah, war den Nazis egal, solange es ihnen keine Umstände machte. Gute Organisation setzt voraus, dass etwas Wertvolles zu bewahren ist. Juden waren in den Augen der Nazis wertlos“, schreibt Goldenberg.

Der rote Faden durch diese Geschichte sind die Aufzeichnungen des aufmüpfigen, risikofreudigen Hansi, Goldenbergs Großvater, der in Wien von dem Schularzt Josef Feldner vor der Ermordung im KZ bewahrt wird. Pepi, wie man den Kinderarzt nennt, kennt die Familie von früher und beschließt, den Buben bei sich untertauchen zu lassen. Der Rest der Familie hat kein Glück und wird deportiert und getötet.

„Verantwortung ist eine Entscheidung. Wer sich verantwortlich fühlt, der handelt. Pepi entschied, dass er im Leben meines Großvaters eine Rolle zu spielen hatte.“ Diese Beziehung ist ebenso rührend wie beeindruckend. So viele Male hätte das Unternehmen scheitern können. Durch Wagnis, Frechheit, kühle Überlegung, durch mutige Unterstützung anderer und manchmal auch durch unfassbares Glück schaffen es die beiden dennoch, bis zum Kriegsende durchzuhalten und zu überleben.

Goldenberg hat Interviews geführt, Akten, Briefe und Familienfotos ausgegraben. Die Dokumente machen die Geschichte der weitläufigen Familie nachvollziehbar und konkret. Die Beschreibungen sind sachlich und gleichzeitig lebendig. Wir gehen weit in die Vergangenheit zurück, in das Möbelgeschäft, das später „arisiert“ wird, wir springen vor, zoomen in Anna Goldenbergs Amerika-Aufenthalt. Ihr Großvater Hansi, der Familienrebell, der Junge, der überlebte, begleitet uns von der Kinderzeit bis zu seinem Lebensabend.

Er wächst so schnell ans Herz, dass man mit dem Leid der Familie mitweinen und mitschreien möchte. Dennoch lernt man in diesem Buch weit mehr kennen als nur Schrecken und Leid und die Abgründe, die im Homo sapiens lauern. Wie als Widerspruch zu all dieser Vernichtung und all dieser menschlichen Erbärmlichkeit lernt man unglaublichen Mut kennen. Selbstlosigkeit. Optimismus. Anpassungsfähigkeit und Witz und den unbändigen Willen zu überleben.

Man lernt Menschen kennen, die den Verfolgten unter Einsatz ihres Lebens halfen. Man begleitet den 17-jährigen Untergetauchten zu Besuchen in die Oper, die er in dieser Zeit für sich entdeckt. Mitten in dieser totalen Unterdrückung läuft nebenher eine Parallelwelt, die die Menschen aufrechtzuerhalten versuchen. Es gibt aber auch Situationen wie diese: Die Urgroßmutter wird mit der damals 14-jährigen Tochter Helga, Goldenbergs Großmutter, und deren jüngeren Schwester Liese nach Theresienstadt deportiert.

Liese wacht eines Morgens auf und ist ganz allein im Kinderschlafsaal. Alle anderen Kinder sind einem „Osttransport“ zugeordnet worden. Später wird man der Autorin begegnen, die gemeinsam mit Helga und Liese Theresienstadt wieder aufsucht. „Die tschechischen Wärter waren die schlimmsten“, sagt Liese. Und Helga sagt: „Sie waren unterschiedlich.“

Goldenberg hat ein großes, ein wichtiges, ein ruhiges und ein aufwühlendes Buch geschrieben. Es ist schonungslos und präzise, ehrlich und neugierig, zeigt die hellen Seiten des Familienschicksals ebenso wie die düsteren. Es beschreibt das Leben, das kommt, und das Leben, das geht. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Zeitdokumente davon zeugen, jagt einem kalte Schauer über den Rücken. „Diese Dokumente finde ich bedrückender als die Transportlisten und Todesurkunden und Briefe. (...) Sie geben kaum Aufschluss über die Täterperspektive. Die Arisierungsakten hingegen bringen mich dem Täter nahe, sehr nahe. Sie zeigen mir ein Rädchen im großen System der Vernichtung. Ich sehe, wie ernst der Verwalter seine Aufgabe nahm. Ein halbes Jahr fertigte er sorgfältig Listen an, durchforstete Warenlager, errechnete Bilanzen. Damit hat dieser Mensch meine Familie zerstört, und ich kann das heute nachlesen.“

Diese Schreckenszeiten sind vergangen, die Welt der Arierbänke und der Schulverweise jüdischer Kinder, das nachfolgende System der Enteignungen und Deportationen, der Entrechtung und Entmenschlichung ist untergegangen. Aber all diese kleinen Schritte, die irgendwann zu den ausgemergelten Leichenbergen in diversen Konzentrationslagern führten, spiegeln jene scheinbar geringfügigen Maßnahmen, die auch heute wieder nachvollziehbarer werden. Die Mechanismen der Ausgrenzung sind immer noch die gleichen. Diese Tatsache macht Anna Goldenbergs Buch unverzichtbar.

Julya Rabinowich in Falter 30/2018 vom 27.07.2018 (S. 31)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552059061
Erscheinungsdatum 23.07.2018
Umfang 192 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Thiemo Graf, i.n.s.- Institut für innovative Städte
€ 36,00
Joseph Richter-Mackenstein
€ 23,70
Dorota Szaban, Magdalena Zapotoczna, Piotr Pochyly
€ 42,00
Tina van der Vlies
€ 52,00
Sylke Bartmann, Inka Bormann, André Epp, Melanie Fabel-Lamla, Marharyta ...
€ 42,00
Karl Mannheim, Oliver Neun
€ 20,60
Fabian Saner
€ 30,90