Die Reparatur der Welt
Roman

von Slobodan Šnajder

€ 26,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Mirjana Wittmann
Übersetzung: Klaus Wittmann
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 544 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Die grausige Geschichte einer Mahlzeit

Dem Kroaten Slobodan Šnajder ist ein großer Roman über Europas düsterstes Jahrhundert geglückt

Nirgendwo dauerten die Tragödien des sogenannten kurzen 20. Jahrhundert so lange wie im ehemaligen Jugoslawien. Um sie anschaulich und in Verbindung mit den großen Fragen nach Gut und Böse darzustellen, inszeniert der Theatermacher und Autor Slobodan Šnajder den Roman „Die Reparatur der Welt“ als paradoxen Lebenslauf: Ein Donauschwabe, ein sogenannter Volksdeutscher aus Kroatien, zieht als SS-Soldat in den Zweiten Weltkrieg, um dann im Tito-Staat sein Leben zu verbringen, ohne dass seine Vergangenheit auffliegen würde. Wobei es sich beim episch überhöhten Protagonisten des Romans, Georg Kempf, um den Vater des Erzählers handelt.

Die Geschichte beginnt beinahe mythisch. Im Hungerjahr 1769 ziehen Anwerber Maria Theresia durch deutsche Lande – Kolonisten für die vom Osmanischen Reich eroberten Gebiete in Transsilvanien werden gesucht. Der „Urvater“ und ein wenig später die „Urmutter“ fahren die Donau abwärts nach Slawonien und lassen sich im Städtchen Nuštar nieder, das gerade errichtet wird.

Ihr Nachfahre Georg Kempf wird 1919 geboren. Mit Hitlers Machtergreifung und dem Zweiten Weltkrieg beginnt der Volksdeutschen „Heimholung“ ins Reich, die es nach Jahren und Generationen der Entbehrung und abseits des Zentrums zu mäßigem Wohlstand gebracht haben. Georg, der in Belgrad Medizin studiert hat und gelegentlich Gedichte schreibt, wird zur Waffen-SS eingezogen und mit Zwischenstation in der Kaserne Stockerau an die Ostfront geschickt. Vorerst heißt es noch protokollarisch: „Die Lage im Osten ist schlimm, aber nicht völlig aussichtlos, außerdem rechnet man dort mit dem baldigen Durchbruch der Fronten.“

Slobodan Šnajder erzählt chronologisch genau, bisweilen geradezu pedantisch neutral von den Aventiuren des Soldaten unter dem Totenkopf-Emblem – von ukrainischen und rumänischen Nazis, von Georg Kempfs Weigerung, an der Erschießung gefangener Polen teilzunehmen, und dessen Verwundung. Der Aufenthalt im SS-Lazarett führt zu einer Affäre mit einer Ärztin, die sich als Mitglied des polnischen Widerstandes entpuppt.

An dieser Stelle (und in der Folge immer wieder) meldet sich der Erzähler erstmals in eigener Sache zu Wort: „Wir haben keinen Einfluss auf die Ereignisse.“ Und: „Wir, die Ungeborenen, bangen, weil es kein größeres Entsetzen gibt als das, nicht geboren zu werden.“

„Die Reparatur der Welt“ liefert auch die Vorgeschichte ihres Erzählers, und wir befinden uns unvermittelt in der Parallelgeschichte seiner zukünftigen Mutter Vera, die gerade eine Außenstelle des kroatischen Konzentrationslagers Jasenovac verlässt. Erzähltechnisch meisterhaft lässt Slobodan Šnajder Vera, die sich den Partisanen anschließen wird, einen Moment lang mit Georgs Freundin Sofia zusammentreffen, bevor diese von Ustascha-Faschisten ermordet wird.

„Wo ist Sofija, deren weiße Pupillen Kempf in einem Sonett besungen hatte?“ Zwei Seiten lang treibt ihre Leiche die Drau und die Donau hinab ins Schwarze Meer. Bei der Stelle „Nie gab es größer Welse, nie dicker Störe“ schwant dem Leser Düsteres, vollends surreal wird es, als die tote Geliebte schließlich von Fischern als Meerjungfrau aus der Ägäis gezogen und den in Griechenland gelandeten alliierten Soldaten als opulentes Mahl vorgesetzt wird: „sehr schmackhafte weiße Fische wurden serviert, kennerhaft gebraten. Sie hatten weiße Pupillen.“

Der Irrsinn, in den Georg Kempf nach seiner Desertion aus dem Lazarett gerät, ist nicht geringer: Der fahnenflüchtige SSler schlägt sich durch polnische Dörfer, freundet sich mit einem jüdischen Partisanen an, der ihm das Vernichtungslager Treblinka zeigt und ihn in einen theologischen Disput verwickelt, der in der zeitgenössischen Literatur seinesgleichen sucht.

Im titelgebenden Kapitel wird die Frage gestellt: „Wenn euer Gott so mächtig ist, warum hat er dann Treblinka zugelassen?“ Ob der leidenschaftlichen Diskussion über kosmische Katastrophen und Mystik bemerken der Jude und der unfreiwillige SSler nicht, dass sie von marodierenden ukrainischen Untergrundkämpfern umzingelt sind. Mordechai wird erschlagen, der davongejagte Kempf kämpft schließlich bis zum Kriegsende aufseiten der Russen. Ein Kommissar der Roten Armee bescheinigt dem ehemaligen SS-Mann und nunmehrigen Genossen, heldenhaft gegen den Faschismus gekämpft zu haben. Die „Bumaschka“ schützt Kempf auch nach seiner Rückkehr in den jungen Tito-Staat vor Verfolgung. Auf das Happy End, die Heirat mit der Partisanin Vera und die Geburt eines Sohnes im Zagreb der Nachkriegszeit, folgt eine rasche Scheidung.

Slobodan Šnajders pikaresker Roman quillt über vor abstrusen Zufällen des Lebens in dunklen Zeiten. So anstrengend die alles erfassen wollenden Beschreibungen und der objektivierende Erzählduktus an einigen Stellen sein mögen, so hat doch kaum ein Autor dermaßen direkt, ohne allen Anklagegestus und Rechtfertigungszwang das düsterste Kapitel des 20. Jahrhunderts beschrieben.

Ob damit eine „Reparatur der Welt“ gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Als Georg Kempf schließlich stirbt, sind auch die Anzeichen eines blutigen Endes des jugoslawischen Staates unverkennbar. Doch gibt es bei dessen Begräbnis noch einmal einige bizarre Überraschungen: „Alle wissen, dass der erste Morgen im Grab am schwierigsten ist“, heißt es in dem Roman, mit dem Šnajder ein großes Buch über das Europa der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geglückt ist.

Erich Klein in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 20)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen