Diktatoren im Kino
Lenin, Mussolini, Hitler, Goebbels, Stalin

von Peter Demetz

€ 24,70
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Die Krokodilstränen der Diktatoren im Kino

Film: Peter Demetz erklärt, wie Hitler, Stalin und Co das Medium Film instrumentalisierten und konsumierten

Lenin war alles andere als ein Liebhaber des Kinos. Aber für Lehrfilme konnte er sich begeistern. Vor allem ein kurzer Streifen über hydraulische Torfgewinnung im Prozess der Elektrifizierung aus dem Jahr 1920 hatte es ihm angetan. Er versuchte, ihn den Kadern und dem Volk schmackhaft zu machen. Benito Mussolini sah sich gerne selbst auf der Leinwand – in verschiedenen Kostümen, in Pose geworfen, auf Balkonen gestenreiche Reden schwingend. Die Entwicklung der Filmindustrie überließ er unter anderem seinem kinobegeisterten Sohn Vittorio. Stalin schrieb an Drehbüchern mit, veränderte Besetzungslisten, mischte sich noch in Produktionsdetails ein.

Und Adolf Hitler wandelte sich vom Verächter der Kinematografie zu einem Filmfan, der die Bedeutung des Mediums zusammen mit Joseph Goebbels früh erkannte und zu nutzen verstand. In den Jahren vor dem Krieg sah er sich mit seinen engsten Vertrauten bis zu drei Filme täglich an, nationale wie internationale Produktionen. Leni Riefenstahl liebte er, wenn auch platonisch. „Goebbels schenkte seinem verehrten Führer 1941 achtzehn Mickey-Mouse-Filme, die er ebenso gern sah wie die Filmfans seiner Nation, und das war nicht unvereinbar mit seiner alten Vorliebe für ,King Kong‘.“

Über die Kinoleidenschaft der Diktatoren des 20. Jahrhunderts ist viel geschrieben worden. Denn der Film wurde als Mittel der Propaganda bereits kurz nach seinen Anfängen eingesetzt. Nun hat der Literaturwissenschaftler Peter Demetz, der 1922 in Prag geboren wurde und die Nazizeit mit viel Glück überlebt hat, nach dem Krieg in die USA emigrierte und dort zu einem wichtigen Germanisten wurde, sich systematisch mit den „Diktatoren im Kino“ beschäftigt.

Der Film war für Demetz früh wichtig gewesen: „Ich war, mit acht oder neun Jahren (1930/31), ein früher Filmfan; zunächst mit meinem tschechischen Kinderfräulein Luise, die mich jeden Samstag zur Kindervorstellung ins Grand Kino oder ins Bio Královo Pole schleppte, und später als Gymnasiast, der mit fünfzehn oder sechzehn (1937/38) fast jeden Nachmittag in einem Kino verbrachte. In Brünn, der Hauptstadt Mährens (damals rund 250 000 Einwohner), war das nicht schwierig, denn die Stadt hatte 38 Kinos.“

Demetz sah damals auch einige der Filme, die von den Diktatoren bewundert wurden. Und er stellte sich irgendwann die Frage, was diese am Kino schätzten, wie sie es für ihre Zwecke einsetzten und welche Gemeinsamkeiten es zwischen den unterschiedlichen Charakteren gab.Seine Studie ist kenntnis- und detailreich, dabei aber in keiner Weise langweilig. Er führt uns nicht nur die persönlichen Vorlieben Hitlers oder Stalins vor, sondern beschreibt auch die von ihnen geförderten Filmindustrien und die Ästhetiken, die etwa aus Hollywood übernommen werden sollten, um bestimmte Wirkungen beim heimischen Publikum zu erzielen.

Immer wieder geraten deshalb auch weitere Figuren in den Blickpunkt – von Mussolini bis Riefenstahl. Der Fokus aber bleibt auf den grausamen Herrschern, die sich von Greta Garbo oder Mickey Mouse rühren und zum Lachen bringen lassen konnten. Gemeinsam war diesen Gewaltmenschen: Sie sahen im Film sich selbst, etwa in Figuren der realen Geschichte. Sie wollten sich in den Charakterzügen anderer Gestalten wiederfinden, wie Demetz bemerkt.

Demetz liefert eine umfassende Darstellung, die die Faszination, die der Film auf die Diktatoren ausübte, deutlich macht. Zugleich beschreibt er, wie das Kino zur Agitation der Massen genutzt werden sollte – oder in schlechten Zeiten als Beschwichtigungsinstrument, das die Bevölkerung von der Realität ablenken sollte. Erstaunlich ist, dass es ihm gelingt, auf 250 Seiten so viele Informationen zu transportieren und auch einzelne Protagonisten, Regisseure und Schauspieler immer wieder ins Scheinwerferlicht zu rücken. Damit hat Demetz seinem Alterswerk einen weiteren schönen Baustein hinzugefügt.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 42)


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