Solenoid

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Genial, verrückt, groß: Mit seinem monumentalen Roman um die Phantasiemaschine Solenoid schreibt sich Mircea Cărtărescu endgültig in die Reihe der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart ein.
Hohn und Spott erntet ein junger Mann in seinem Literaturkreis, als er dort seinen Text "Der Niedergang" zum Besten gibt. Aus ihm wird nicht wie erhofft ein gefeierter Schriftsteller, sondern ein Lehrer in der Vorstadt von Bukarest. Als dieser namenlose Erzähler jedoch ein Haus in Form eines Schiffes kauft, gerät er in den Bannkreis des Solenoids, einer Art riesiger Magnetspule, die sich unterhalb des Kellers befindet. Deren Gravitationskraft zieht aber nicht nach unten, sondern hebt konsequent alles in die Höhe, was in ihr Umfeld gerät – Menschen, Dinge, ja die Wirklichkeit selbst. Genial, verrückt, groß: Mit seinem monumentalen Roman hat Mircea Cărtărescu erneut Weltliteratur geschaffen.

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FALTER-Rezension

„Ich würde auch dann noch schreiben, wenn ich der letzte Mensch auf Erden wäre“

Der rumänische Star-Autor Mircea Cărtărescu bringt in seinem jüngsten Roman Bukarest zum Schweben und die Kritik zum Schwärmen. Ein Gespräch über Literatur als Passion

Dieser Mann kleckert nicht. 14 Jahre lang hat Mircea Cărtărescu an seiner „Orbitor“-Trilogie gearbeitet, deren Bände – auf Deutsch: „Die Wissenden“, „Der Körper“ und „Die Flügel“ – 1834 Seiten umfassen. In diesem Herbst ist „Solenoid“ erschienen, der jüngste, 900 Seiten starke Roman des 63-jährigen Autors, der als bekanntester Schriftsteller Rumäniens seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird.

Selbst wenn in manchen Besprechungen auch von der Mühsal zu lesen war, welche Cărtărescus überbordende, zwischen Himmel und Hölle, Ekel und Ekstase oszillierende Literatur bereite, waren sich die Rezensentinnen und Rezensenten darin einig, dass sich die Mühe lohne und dass es sich bei diesem singulären Werk fraglos um Weltliteratur handle. Kein anderer sei, so das Urteil des Literaturkritikers Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, in den letzten Jahrzehnten so maßlos, fantastisch und schwarzromantisch darangegangen, „das Tatsächliche zu überschreiben, zu überbieten – und zu überschreiten.“

„Psychedelisches Meisterwerk“ war die für „Solenoid“ am häufigsten zum Einsatz gebrachte Bezeichnung. Und die (nicht nur) literarische Genealogie, in die der Autor verortet wird, reicht von Dostojewski, Proust, Joyce und Kafka bis zu Borges, Burroughs „Blade Runner“ und Hieronymus Bosch. Wie schon in der „Orbitor“-Trilogie verknüpft Cărtărescu in seinem Bukarest-Roman autobiografische Stationen mit surrealen Szenen, Träumen und Phantasmagorien: Ein namenloser Erzähler, das Alter Ego des Autors, erzählt sein Leben: als kränkelndes Arbeiterkind, als junger Lyriker, der für sein erstes Gedicht nur Gelächter und Hohn erntet; als junger Lehrer, gestrandet in einer Schule der armseligen Vorstadt. Als Außenseiter, heimgesucht von Albträumen, schreibt er sich mit seinem Tagebuch aus dem bedrückenden Gefängnis des Alltags, angetrieben von einem „Solenoiden“ im eigenen schiffsartigen Haus.

Das folgende Gespräch mit dem Autor – bescheiden, jugendlich und charismatisch – fand im Oktober in der Abgeschiedenheit der bayerischen Alpen auf Schloss Elmau statt, einem Luxus-, Spa- und Kulturhotel, das als Bühne für internationale Künstler ebenso dient wie als Austragungsort von G7-Treffen.

Falter: Herr Cărtărescu, „Solenoid“ ist ein Roman wie in Trance, düster, grau und schillernd zugleich. Was hat es mit jenen magischen Magnetspulen auf sich, die Ihrem Buch den Namen geben?

Mircea Cărtărescu: Mein Roman hat auch etwas Steampunk-Artiges. Er ist ziemlich besessen von Technologie und von Dingen, die zwischen Technik, Magie und Poesie liegen. Ich habe mich gefragt: Was ist die poetischste Idee, die es je gegeben hat? Es ist das Schweben! Die Heiligen der Geschichte, ob indische oder christliche, wurden im Schwebezustand gezeigt. Ich stellte mir also Erfindungen vor, die Solenoide genannt werden und die einen schweben lassen.

Auch Sie als Autor schweben zwischen Realität und Traum, Angst und Freude, Liebe und Terror. Können Sie eine Grenze ziehen zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit?

Cărtărescu: Nein. Für mich sind Realität und Irreales zwei Seiten eines Möbius-Bandes: Man weiß nie, wo die eine Seite endet und die andere beginnt. Auf die Frage, was das, was wir Realität nennen, ist, gibt mein Roman viele Antworten. Die stärkste Definition von Realität in „Solenoid“ besagt: Realität ist Schmerz. Je mehr Leiden es in der Welt gibt, umso brutaler ist diese, bis sie zu einem wirklichen Gefängnis für die Menschen wird, dem jeder mit Hilfe von Religion, Magie, Poesie oder auf anderen Wegen zu entfliehen hofft.

Wenn man Ihre Bücher liest, ist das wie Träumen mit offenen Augen. Was ist der Impetus Ihres Schreibens?

Cărtărescu: „Solenoid“ beschäftigt sich viel mit den großen Ideen und Schicksalsfragen der Menschheit. Es geht darin um Solidarität, Empathie und Liebe, um all die Dinge, die Menschen zusammenhalten. Als ich dieses Buch schrieb, entdeckte ich, dass die wirkliche Flucht, die den Menschen gelingen kann, nicht in einer Traumwelt, sondern in der Liebe füreinander liegt. Das ist letztlich die Botschaft meines Buches.

Es gibt viele berührende Szenen, die vom Schmerz handeln, vom Schmerz in der Kindheit, in Kliniken und anderswo. In welcher Weise dient Ihnen Ihre Biografie als Material?

Cărtărescu: Ich habe als Kind viel gelitten, wie damals jeder in meinem Land. Wir lebten in einer Diktatur, die in sich gewalttätig war, aber auch das medizinische System meines Landes war sehr hart. Ein Besuch beim Zahnarzt war für mich als Kind die reine Folter. Eine Spritze zu bekommen war eine schreckliche Erfahrung. Die Lehrer waren brutal, täglich wurden Kinder geschlagen, wegen eingebildeter Fehler oder weil sie ihre Lektionen nicht gelernt hatten. Ich habe in einer Welt gelebt, in der jeder seinen Vorteil gegenüber Schwächeren nutzte, sogar kleine Kinder verrohten. Diese Gewalt, die ich hautnah erlebt habe, hat mich geprägt. In „Solenoid“ wollte ich meine Wut gegen diejenigen artikulieren, die mir meine Kindheit und meine Jugend gestohlen haben. Zum Teil ist es ein dunkles Buch, das zeigt, wie viel Leid in dieser Welt ist. Wenn Bukarest im letzten Kapitel des Buches schwebt, hinterlässt es ein Loch, in dem Dämonen leben. Diese Dämonen nähren den Schmerz der Menschen. Ähnlich wie in ­Dantes „Göttlicher Komödie“ ist das Loch ein Symbol für die enorme Pein, unter der wir alle, die wir auf dieser Welt leben, leiden.

Ging es Ihnen darum, mit den quälenden Erfahrungen Ihrer Kindheit umzugehen? Oder was war der Antrieb Ihres Schreibens?

Cărtărescu: Ich weiß es nicht genau. Ich bin gezwungen zu schreiben. Ich würde auch dann noch schreiben, wenn keiner mehr liest oder wenn ich der letzte Mensch auf Erden wäre. Ich schreibe, um die Schönheit und die Hässlichkeit der Welt, die Ekstase und die Agonie vollständig auszudrücken. Ich möchte alles über mich und die Welt sagen, alles, was ich erlebt habe, und selbst das, was ich nicht erlebt habe. Die Grenzen der Sprache sind für mich die Grenzen der Welt.

Und die Grundlage des Schreibens bildet wieder das Lesen?

Cărtărescu: Daran gibt es keinen Zweifel. Ich war immer ein großer Leser. Als Jugendlicher las ich acht Stunden am Tag. Meine Schulfreunde lachten mich aus, für die war ich eine Art Freak. Sie gingen tanzen, hörten Musik, während ich zu Hause blieb und in meinem Bett las.

Sie stammen aus einfachen Verhältnissen, aus einer armen Familie, in der es kaum Zeit für Bücher gab. Woher kommt Ihre Faszination für Bücher und Literatur?

Cărtărescu: Ich weiß es nicht. Meine Eltern kamen vom Land. Sie wurden in Fabriken gesteckt, wie das in den 1950er-Jahren üblich war. Sie interessierten sich nicht für Kultur, außer für populäre Filme. Aber einmal im Monat brachte mein Vater Bücher, die man ihm mit der Lohnzahlung gegeben hatte. Als ich ein Kind war, sagte mir meine Mutter kleine Gedichte auf, und sie war verblüfft, dass ich sie schon nach dem ersten Hören auswendig wusste. Schon im Alter von zwei, drei Jahren hatte ich ein sehr gutes Gedächtnis für Verse. Die Kinder im Haus scharten sich um mich und ich rezitierte eine halbe Stunde lang Gedichte. Ich hatte damals die Angewohnheit, alles zu lesen, sogar wenn ich aß oder auf die Toilette ging.

Zum reichen Personal Ihres Romans kommt eine weitere Figur: die Stadt. Könnte man sagen, Bukarest ist die eigentliche Hauptfigur von „Solenoid“?

Cărtărescu: Bukarest ist in „Solenoid“ das, was der Lyriker T.S. Eliot als „Objektives Korrelat“ bezeichnet hat und was im Leser Bilder stimuliert. Ich platziere meine Figuren nicht in Bukarest, ich baue Bukarest um sie herum. Bukarest entsteht aus den Figuren, dem Plot, aus allem. Ich denke, das meiste ist erfunden. Ich benütze die Stadt als Hintergrund – so wie Dostojewski Sankt Petersburg, das er eine „erträumte Stadt“ nannte.

Der Roman ist geprägt von Einsamkeit, Fremdheit und Verzweiflung. Woher kommt diese Melancholie?

Cărtărescu: Zwei Drittel des Buches sind in diesem dunklen Ton ­gehalten, als gebe es keinen Ausweg, ­keine Hoffnung. Aber mit einer ­wichtigen ­Szene ändert sich alles: Über zehn ­Seiten lang wird tausende Male „­Hilfe“ ­gerufen. Nach diesen Seiten beginnt die Landschaft immer mehr zu ­leuchten, denn mein Protagonist stellt fest, dass er fähig ist zu lieben, eine Familie zu haben, den Kummer der ­Menschen um ihn zu verstehen. Er ist also nicht mehr allein. Er ist in der Lage zu hoffen.

Hoffnung gab es auch vor 30 Jahren, bei der Revolution 1989. Was ist von dieser Hoffnung geblieben?

Cărtărescu: Viele Leute waren sich völlig im Klaren darüber, wo sie lebten: in einer Welt der Sklaverei. Es gab wenig Hoffnung, denn die Sowjetunion schien für alle Ewigkeit zu bestehen. Aber am 22. Dezember stand ich vor dem Zentralkomitee der Partei, zusammen mit einer Million Menschen, die sich auf diesem großen Platz versammelt hatten. Jeder weinte vor Glück, man umarmte einander. So viel Glück hatte ich mein ganzes Leben nicht gesehen. Damals hob der Diktator im Helikopter ab. Unglücklicherweise hatte dieses Glück der Menschen keinen Bestand. Sie wissen, was geschah? Fast 1000 Menschen kamen in einer Art gefälschten Revolution, einer Fernseh-Revolution ums Leben. Die alte Macht kaufte sich Zeit, um sich neu zu organisieren. Seit 30 Jahren leiden wir darunter, dass dieselben brutalen und vulgären Leute an der Macht geblieben sind. Die Sozialdemokratische Partei regierte die meiste Zeit, erst jetzt beginnt sie zu zerfallen. Jetzt haben wir wieder Hoffnung, denn wir haben ein paar junge Parteien, die entschlossen sind, diese Revolution zu vollenden.

Die sozialdemokratische Regierung wurde gerade abgewählt, es gibt wohl Neuwahlen. Am 10. November gibt es Präsidentschaftswahlen, nächstes Jahr wird das Parlament gewählt, was erwarten Sie?

Cărtărescu: Ich hoffe auf die neue Regierung und auf eine Politik, die auf die Integration meines Landes in die Europäische Union setzt – und auf eine deutlich liberalere Art, Rumänien zu regieren.

Aber gerade jetzt ist die Europäische Union in einer schwierigen Lage und droht zu zerbrechen.

Cărtărescu: Das glaube ich nicht. Europa hat schwierige Momente erlebt, aber immer wieder Ressourcen gefunden, um trotz der Zentrifugalkraft mancher Länder zusammenzubleiben. Europa ist in vielerlei Weise vereint, wenn nicht auf der politischen Ebene, dann durch seine Kultur, durch seine gemeinsame Geschichte.

Könnte Rumänien Ländern wie Großbritannien, Ungarn oder Polen vielleicht sogar klarmachen, wie wichtig Europa ist?

Cărtărescu: Ja, denn Rumänien wurde selbst unter der sozialdemokratischen Regierung zu keinem illiberalen Land wie Ungarn oder Polen. Die Rumänen sind traditionell sehr für Europa, vielleicht das am stärksten proeuropäische Land in der EU. Das sind doch gute Nachrichten!

Cornelia Zetzsche in Falter 45/2019 vom 08.11.2019 (S. 42)


Fiat lux!

Mit „Solenoid“ hat der als Nobelpreis-Kandidat gehandelte Mircea Cartarescu einen hochspekulativen und
sprachgewaltigen Solitär vorgelegt

Nach Erscheinen der auch durch ihren Umfang überwältigenden Orbitor-Trilogie meinte man, hier bereits dem Hauptwerk des 1956 geborenen Stars der rumänischen Literaturszene zu begegnen. Der Originalsprache Mächtige wussten’s damals schon besser: Mircea Cartarescu hat sich noch übertroffen. Davon kann sich die deutschsprachige Leserschaft dank der kolossalen Übersetzerleistung Ernest Wichners überzeugen. Zwar sind es diesmal „nur“ 900 Seiten, diese dafür aber umso dichter, schwindelerregender, anspruchsvoller in Sprachkraft und verschlungener Motivik – ein gewaltiger Brocken Literatur.

Der namenlose Schreiber trägt unverkennbar die Züge des Autors, es sind jedoch Notizen von einem, der mit der Literatur, ihren Finten und Raffinessen abgeschlossen hat – unverstellt und ungeschminkt niedergeschrieben von einem vielfach gedemütigten Mittelschullehrer in der grauen Vorstadt Bukarests in der Ära Ceausescu. In seiner von Büchern erfüllten Jugend hat er mit Hölderlin die Parzen angefleht, ihm einen Sommer zu gönnen.

Doch das, was ihm da an „reifem Gesang“ erwuchs, wurde zur totalen und definitiven Niederlage. Und „Niedergang“ hieß sein Poem, eine „versteinerte Kaskade zwischen Eschatologischem und Skatologischem“, mit der er sich und die Welt im Zeichen der heiligen Siebenzahl auf einen Schlag erklärt zu haben meinte. Der Vortrag darüber im studentischen Literaturklub beschert ihm Hohn und Verachtung.

Nie wieder Literatur also, sondern die Beschreibung des grotesken Alltagslebens, der Klassen- und Konferenzzimmer in einer von Mangelwirtschaft und Gesinnungsterror geprägten Welt. Traumnotate und im Halbwachen erlebte Begegnungen mit „Besuchern“, spukhafte Erinnerungen an eine (auch pränatale) Kindheit und Jugend schieben sich dazwischen, und bald ist klar: Was hier „Wirklichkeit“ ist, kann nicht dem Alltagsbewusstsein entsprungen sein, sondern ist Ausgeburt eines Gehirns, für das osmotische Übergänge zwischen Innen- und Außenwelt das Selbstverständliche sind.

In den Kosmos dessen, der nur lakonisch protokollieren will, mischt sich die Stimme eines Zwillingsbruders ein, der früh verstorben sein soll, aber anscheinend ein im doppelten Sinn „fantastischer“ Schriftsteller wurde. Virtuoser kann man das der Literaturgeschichte wohlvertraute Spiel der Herausgeberfiktion nicht anlegen.

Es mag vielleicht überraschen, aber eigentlich ist „Solenoid“ das ideale Ferienbuch – freilich nicht für einen üblichen Urlaub, sondern einer fürs Lesen beanspruchten Auszeit. Denn nach einem möglichst konzentrierten Durchlauf könnte man sich gezielt den Details widmen, nachschlagen und mannigfaltige Querverbindungen herstellen. Gerade das, was im ersten Moment bizarr klingt, erweist sich nämlich als historisch belegt. Mäandernd und zielgerichtet, Phantasma und Kalkül zusammenzwingend wird ein Ganzes errichtet, das seinen eigenen Regeln folgt.

Impulsgeber der Bewegung darin ist der – eigentlich sind es mehrere – Solenoid des Titels. Es handelt sich dabei um in Bukarester Kellern installierte Magnetspulen, die die Stadt und ihre Bewohner in „Levitation“ schweben lassen. Die eigentümliche Homogenität aller Fasern des „Wirklichen“, des organischen, anorganischen und geistigen Lebens, unterwirft sie in gleicher Weise den davon ausgehenden Wellen – eine frappante Ähnlichkeit zu Leonardo da Vincis Notizbüchern, in denen dieser aus der Beobachtung des Wasserkreislaufs und Spekulationen über die Blutzirkulation ein allgemeines Wellenmodell zur Welterklärung entwerfen wollte.

Detailinformationen und Stilmittel sind mannigfaltig. Manche Passagen könnten durchaus Tempovorschriften wie accelerando tragen, Musikwissenschaftler würden Durchführung und Reprise wie im Sonatensatz erkennen. Die verschiedenen Textstränge liefern reiches Material für Wissenschaftshistoriker, ein Inventar von mehr oder weniger bekannten genialen Sonderlingen, Mathematikern und Erfindern.

So sind Teslas Überlegungen zu einer vierten Dimension und von ihm angeregte Versuche ihrer Visualisierung in den Roman eingeflossen, wo sie zu den seltsamsten Raumfantasien des Protagonisten führen. Auf diese Weise wird das drohende Abrutschen von Naturwissenschaft in Esoterik augenfällig. Und für den Literaturwissenschaftler erkennbar geistern nicht nur Texte der surrealistischen, dadaistischen und fantastischen Moderne, sondern auch Romantiker und Satiriker aller Zeiten durch die Zeilen.

Wenn Cartarescu in virtuoser Weise den Wächter aus Kafkas „Vor dem Gesetz“ mit einem Engel aus Rilkes Duineser Elegien engführt, lässt fraglos der Poeta doctus die Muskeln spielen, aber dennoch sollte dessen Roman nicht als schiere Eitelkeit abgetan werden. Gewiss, die ersten hundert Seiten sind mühsam, aber danach erhebt sich der an die Architekturillusionen eines Piranesi gemahnende Text in spekulative und poetische Höhen, auf denen es den einfühlsamen Leser schwindelt. Ein durch das Buch pulsierendes Farbenspiel taucht die Szenerien des real erscheinenden Bukarest in unwirkliche Stimmungen und gipfelt in einer Apotheose des Lichts: Eine vom Solenoid in unschaubare Höhen getragene gigantische Nemesis-Statue verklärt sich zu reiner Helle.

Wohl nie ist ein Dichter der Dante’schen Lichtmetaphysik des obersten Himmelskreises so nahe gekommen. Entsprechend können sich bei der Lektüre Bewusstseinsveränderungen einstellen: Eigene Erinnerungsbilder an Bukarest verzerren sich durch den Filter der Lektüre, Träume beginnen sich anders einzufärben. Und wer sich dabei ertappt, Empathie für Ungeziefer zu entwickeln, verdankt dies wohl dem Bericht über die Verwandlung in eine Milbe, der sich der Protokollant unterzieht, um einer Population dieser Hautbewohner die frohe Botschaft von Opfer und Erlösung zu bringen. Er scheitert, die kommunikative Kluft zwischen den Daseinsformen bleibt unüberbrückbar.

Das erinnert zunächst stark an Dostojewskis Parabel vom Großinquisitor, freilich so abgewandelt, dass es nach krasser Blasphemie klingt. Dennoch ist „Solenoid“ keine schwarze Vision der Hoffnungslosigkeit. Die Versöhnung von Kunst und Leben scheint möglich und enthüllt sich am Ende als Ziel: „Der Glanz des unausdenklichen Gegenstands warf ein Strahlenbündel an die gebogene Wand des Saales, das eine Tür darauf malte. Keine einfache, auch keine Ziertür, nein, schlicht und einfach eine Tür ohne Eigenschaften, eine konzeptuale Tür, eine Tür aus der Welt der Ideen, die vom Schmutz und Eiter der Welten noch unberührt war. Es war die versprochene Tür, die Tür des großen Ausgangs.“

Thomas Leitner in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 26)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552059481
Erscheinungsdatum 23.09.2019
Umfang 912 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul
Übersetzung Ernest Wichner
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