Ich an meiner Seite
Roman

von Birgit Birnbacher

€ 23,70
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.03.2020


Rezension aus FALTER 11/2020

Gerader Kerl auf schiefer Bahn

Mit ihrem Roman „Ich an meiner Seite“ beweist Birgit Birnbacher, dass ihr der Bachmann-Preis zu Recht zugesprochen wurde



Keine soziale Intervention in diesem Land kostet so viel und bringt so wenig wie der Strafvollzug.“ Arthur hat stolze 26 Monate von dieser sinnlosen Geldverschwendung ausgefasst und muss nun, wieder auf freiem Fuß, erst wieder Tritt fassen. Überfordert es schon unbescholtene Jugendliche, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, scheint seine Aufgabe unlösbar; Haftentlassene haben kaum Chancen auf dem Arbeits-, Wohnungs- und Partnermarkt. Also ist Arthur einfach „jedes Papier recht, auf dem steht, dass ich ein nützlicher Mensch bin“.



Die Erwartungen an Birgit Birnbacher sind nach dem Ingeborg-Bachmann-Preis im Jahr 2019 hoch und werden – wir nehmen es vorweg – nicht enttäuscht. Arthur Gallej beruht auf einem realen Vorbild. Weil sich junge Delinquenten aber nicht unbedingt darum reißen, literarisch porträtiert zu werden, nahmen die Recherchen und die Arbeit an dem Roman fünf Jahre in Anspruch.



Also Soziologin und Sozialarbeiterin weiß Birnbacher, wovon sie spricht, ohne dabei mit Fachjargon zu langweilen: „Ich an meiner Seite“ schafft die Balance zwischen sozialer Agenda und Kunst.



Es ist nicht so, dass der Protagonist aus zerrütteten Familienverhältnissen stammte; Arthur ist „ein Kind, das man gar nicht spürt“, intelligent und von scharfer Beobachtungsgabe. Mutter und Stiefvater ärgern sich über die vielen Türken in Bischofshofen und ziehen mit den Söhnen nach Spanien, wo sie ein Zentrum für Premium-Palliativpflege aus der andalusischen Steppe stampfen. Ein tragischer Unfall ereignet sich, Arthur verliert eine Freundin und haut ab nach Wien. Nachdem ihm ein Hacker das letzte Geld vom Konto räumt, verfällt der verzweifelte Betrogene auf eine dumme Idee. Wie er ins Gefängnis kommt, erschließt sich im Buch erst spät. Hoffentlich lesen das nur gefestigte Personen, denn man erfährt schon recht genau, wie leicht Internetbetrug funktioniert.



Tatsächlich traumatisiert aber wird Arthur erst in der überfüllten, schlecht betreuten Justizanstalt. „Samstags und sonntags, weiß Arthur jetzt, sterben die meisten Häftlinge weltweit.“ Er versucht, die brutale Gewalt abzutun, die ihm seine Zellengenossen antun: „Es ging ja vielen so, das ist nichts Besonderes.“



Die entsprechende Passage geht dermaßen unter die Haut, dass einem die ehemalige Justizministerin Beatrix Karl und deren unsägliche Aussage nach der Vergewaltigung eines 14-Jährigen wieder einfällt: „Strafvollzug ist nicht das Paradies. Aber gerade im Jugendstrafvollzug haben wir die besten Gefängnisse, die wir je hatten.“



Die Schwere des Themas wird durch das rechte Maß an Ironie aufgefangen, die Birnbacher vor allem in die Figur des verkrachten, schrägen Bewährungshelfers Börd legt: „Nichts ist vor meinem Schutz sicher!“ Arthur soll seine „ureigene Optimalversion“ finden: „Niemanden interessiert, wer Sie sind. Entscheidend ist, wer Sie vorgeben können zu sein.“



Also muss Arthur von seiner „Lebenslast“ erzählen. In diesen Rückblenden taucht die moribunde und extravagante Schauspielerin Grazetta auf, die Arthur im Hospiz kennen lernt. Sie habe sich immer nach Wahrhaftigkeit gesehnt, und die finde man nur im Theater, denn der Mensch sei eben nur im Spiel ganz bei sich. „Zuerst musst du dir den nächsten Schritt selbst erzählen.“ Das ist nicht nur literarisch relevant, sondern auch psychologisch: „Expressives ­Schreiben“ ist als Methode der Traumatherapie und beim Resilienztraining anerkannt.



Arthur entscheidet sich schließlich gegen die neoliberale Selbstoptimierung. Es komme ihm so vor, meint er gegenüber Börd, „als habe gegen euer allzu großes Einwirken eine Verteidigung meines Selbst begonnen. Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig und allein ich an meiner Seite.“



Wer so redet, um den sollte man sich in einer gerechten Welt eigentlich keine Sorgen mehr machen müssen. .

Dominika Meindl in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 18)


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