Stierhunger
Roman

von Linda Stift

€ 18,40
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.08.2007

Rezension aus FALTER 11/2009

Eine österreichische Hungerkünstlerin

Der Hunger als zeitgenössisches Thema ist ja nichts Neues: und zwar in perverser Gleichzeitigkeit in Gestalt des brachialen armutinduzierten Hungers ebenso wie in der des Wohlstandshungers. Wohlstandshunger als Hunger auf das, was ausfüllen könnte, wenn man nicht von vornherein schon wüsste, dass die Befriedigung nicht von Dauer sein kann, dass das Sättigungsgefühl flüchtig ist und dass der Nachschub schon auf der Hand liegen muss, damit der Hunger eine Ruhe gibt.
Und, hast du's nicht gesehen, passiert doch glatt was Blödes, nämlich dass man den richtigen Zeitpunkt verpasst, an dem man gerade genug erwischt hat.

Dann passiert es, dass man schlingt, bis man kotzen muss oder kotzen will, auch diese geschickte Hungeroptionierung, also das bewusste vorauseilende Entleeren des Magens in Hinblick auf darauf folgende glückliche Hungergefühle ist denkbar (nicht auszudenken, wie sich Hungerassets, also die erwerbbare und wiederverkäufliche Sicherheit in Zukunft einlösbarer Schlingversprechen machen würden, ob da eine Hungerblase aufzublähen wäre? Wohl doch nur Blähbäuche).
Dann muss man gleich wieder von vorne anfangen mit dem Gestopfe, die Sättigung als solche ist nicht einmal mehr formal das Ziel des Ganzen, nur das Stopfen, und das beweist uns immerhin, dass wir noch stopfen können.

Auch wenn diese Unersättlichkeit, die Linda Stift ins Zentrum ihres Buches "Stierhunger" stellt, nicht unbekannt ist, so ist doch die Umsetzung neu, vielschichtig, raffiniert und sprachlich fein ausgearbeitet. Das Motiv wird durchexerziert in einer hermetisch geschlossenen Konstellation, die sich aufdrängt, die sich der Erzählerin überstülpt oder vielmehr von dieser selbst übergestülpt wird, deren Unabdingbarkeit die Erzählerin zu schlucken scheint.
Und – dies sei nebenbei bemerkt – Linda Stift ist zumindest an der Oberfläche weit entfernt von Finanz- oder Wirtschaftskrisen allgemeiner Art, ihr Text bildet sauber geflochtene Rückbindungen in eine ganz andere Zeit, zur Vorreiterin österreichischer Hungerkünstlerinnen nämlich, Sisi, deren Alter Ego avatarengleich dieser Parallelwelt vorsitzt, wobei gar nicht erst der Versuch unternommen wird, das zugrunde liegende Regelwerk in Zweifel zu ziehen.
Gerade daraus zieht es – das Regelwerk nämlich – seine pompöse Dominanz und zwingt den Leser/die Leserin fast schon sanft auf die Innenseite dieser albtraumhaften Szenerie.

Olga Flor in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 20)


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