Am Morgen des zwölften Tages
Roman

von Vladimir Vertlib

€ 25,60
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 560 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.07.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Das Pupperl aus Zipf trifft auf Adolf von Arabien

Vladimir Vertlib tobt sich als Karl May in einem nazifreundlichen Bagdad aus und kommt dabei nicht ohne Klischees aus

Gewalttätige muslimische Ehemänner in Deutschland, islamistischer Terror und eine dem breiten Publikum wohl nicht geläufige Nazi-Expedition in den Irak, die dort eine panarabische faschistische Massenbewegung ins Leben rufen sollte: Es sind ziemlich heiße Eisen, die Vladimir Vertlib in seinem neuen Roman "Am Morgen des zwölften Tages" aufgreift.
Die Ich-Erzählerin Astrid ist Buchhändlerin in der fiktiven deutschen Provinzstadt Gigricht, die Vertlib-Lesern schon bekannt ist. Ihre Tochter wird langsam erwachsen, Astrid könnte also eine relativ beschauliche Existenz führen – wäre da nicht die unwiderstehliche erotische Anziehungskraft, die orientalische Männer auf sie ausüben und die ihr Leben immer wieder durcheinanderbringt. Als sich eine der flüchtigen Männerbekanntschaften im Bett dann auch noch als brutaler Schläger entpuppt, gerät sie seelisch aus dem Gleichgewicht und sucht bei einer Selbsthilfegruppe misshandelter Frauen Halt.
In ihrer Freizeit transkribiert Astrid die Aufzeichnungen ihres verstorbenen Großvaters, des Orientalisten Sebastian Heisenberg. Lange Passagen aus diesen Notizen, die vor allem während des Zweiten Weltkriegs entstanden sind, ziehen eine zweite Erzählebene ein. 1941 wird der (erfundene) Orientalist mit der Mission beauftragt, das mit Nazi-Deutschland sympathisierende irakische Regime im Kampf gegen die Briten zu unterstützen und eine Militärkooperation vorzubereiten. Der gefährliche Einsatz endet in einem Debakel. Heisenberg, der dem NS-Regime zwar distanziert, aber auch nicht übertrieben kritisch gegenübersteht, verbringt den restlichen Krieg in britischer Gefangenschaft. Seine nationalsozialistische Vergangenheit wird ihn erst am Ende einer glänzenden akademischen Laufbahn einholen.

Die Wirrnisse des 20. Jahrhunderts hat der 1966 in Leningrad geborene Vladimir Vertlib zum Teil am eigenen Leib erlebt. In seinen Romanen arbeitet er sich immer wieder am "Zeitalter der Extreme" ab und verknüpft dabei häufig historische Fakten mit Erfundenem. So auch in seinem jüngsten Roman, wo ihm vor allem das Arsenal orientalistischer Klischees als Inspirationsquelle dient. Er flicht Exkursionen in die blühende Gelehrtenmetropole Bagdad vor ihrer Zerstörung durch die Mongolen ein, schildert Luftkämpfe auf Leben und Tod, lässt deutsche Gelehrte, irakische Straßenräuber, finstere SS-Doppelagenten, orientalische Generäle in Fantasieuniformen aufeinandertreffen. Das klingt mitunter stark nach Karl May – etwa wenn sich Sekretärin "Pupperl", ein blondes Busenwunder aus Zipf, durch lautes Beten vor einer Horde lüsterner arabischer Banditen retten kann –, liest sich aber äußerst unterhaltsam.
Auch Astrids Geschichte kommt nicht ohne Klischees aus, vor allem dort, wo es um das Unverständnis zwischen der einst ach so freiheitsliebenden Elterngeneration und der spießigen Jugend von heute geht. So zählt im Leben des langweiligen Gustav, der Astrids Schwiegersohn zu werden droht, die Auswahl der richtigen Schuhe fürs Bewerbungsgespräch zu den aufregenderen Momenten, während sie in seinem Alter noch mit geschultertem Rucksack ins Unbekannte aufbrach.

Angesichts der flachen Charaktere geht allerdings viel an erzählerischer Tiefenschärfe verloren, die vor allem dem Bild des Islam abgeht, das der Roman zeichnet: Die Nazis schwärmen von der "Wesensähnlichkeit von Islam und Nationalsozialismus" und vom fanatischen Judenhass der Muslime, Heisenberg beschreibt ausführlich die Nazidevotionalien im Bagdader Straßenbild. Abwechselnd dazu berichten dann Astrids Leidensgenossinnen in der ­Selbsthilfegruppe, wie sie von ihren muslimischen Ehemännern misshandelt wurden.
Dass am Schluss dann auch noch Al-Kaida in Gigrichtspotschn Einzug hält, ist irgendwie konsequent, auch wenn am Ende dieses nicht nur dicken, sondern auch prallen Buches der Eindruck bleibt, dass der Autor mit viel erzählerischem Schwung in eine Kerbe schlägt, die derzeit ohnehin eifrig von verschiedenen Seiten behackt wird.

Georg Renöckl in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 19)


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