Der verirrte Messias
Roman

von Peter Henisch

€ 25,60
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.07.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Ein Messias in der Möglichkeitsform

In "Der verirrte Messias" lässt Peter Henisch einen emigrierten Russen auf den Spuren von Jesus wandeln

Ich bin ein Sympathisant, aber ich sympathisiere nicht mit der angepassten Schale, sondern mit dem widerborstigen Kern der jüdisch-christlichen Religion", gibt Peter Henisch im Gespräch mit einem schelmischen Lächeln zu. Denn er hat es wieder getan: einen Roman geschrieben, der um ein gleichzeitig populäres und unpopuläres Thema kreist.

"Religion ist ziemlich out, das Interesse an religiösen Themen ist total in", schrieb er kürzlich selbst in einer Rezension in der Presse über zwei Jesus-Bücher und traf damit den Nagel auf den Kopf. Obwohl oder gerade weil er selbst nicht religiös erzogen wurde, hat Henisch das Thema nicht losgelassen, seit sein Religionslehrer – kein Geringerer als Kirchenrebell Adolf Holl – ihm die Tore zur Welt ihrer existenziellen Fragen geöffnet hat. Während in seinem letzten Roman, dem Roadmovie "Die schwangere Madonna" (2005), religiöse Motive eher den heiteren Hintergrund abgeben, geht es in seinem neuen Buch, "Der verirrte Messias", ans Eingemachte – um das Leben von Jesus Christus oder vielmehr Rabbi Jeschua aus Nazareth.
Dass sich dieses nicht gerade leichtgewichtige Thema in einen zeitgemäßen Roman verwandeln lässt, dafür sorgt Henischs Methode, es – wie er sich selbst ausdrückt – "doppelt über die Bande" anzuspielen. Denn sein Protagonist Mischa Myschkin, der etwa 30-jährige, emigrierte Russe mit dem Schafsprofil und dem beharrlichen Blick, hält sich nicht nur für eine Reinkarnation von Jesus (eine der am weitesten verbreiteten Wahnvorstellungen), sondern entpuppt sich gegen Ende des Romans auch noch als Junkie. Die zweite Hauptperson, die 39-jährige Barbara, die auf dem Flug nach Tel Aviv neben Mischa sitzt und ihm nach einer unfreiwilligen Zwischenlandung in Rom auch näherkommt, verdient ihren Lebensunterhalt mit Literaturkritik.
Obwohl Barbara angesichts von Mischas blutenden Wunden fluchtartig das römische Hotelzimmer verlässt, soll sie in der Folge nicht mehr von ihm loskommen. Denn Mischa schickt ihr von seiner Reise durch das Israel des Jahres 2008, das zugleich dasjenige unter der Herrschaft des Pontius Pilatus ist – sozusagen auf den Spuren seiner selbst –, lange Briefe, eine "spirituelle Belästigung", die Barbara allerdings zunehmend fasziniert.

"Ich hatte nicht vor, einen Jesus-Roman im biederen Sinn zu schreiben", sagt Henisch, "denn mein Mischa ist ja wohlgemerkt nicht Jesus. Er ist vielleicht der wiedergekehrte Jesus, aber da hat er ein Problem, denn dann könnte es sein, dass er die Apokalypse auslöst. Es ist ein Messias in der Möglichkeitsform, und er bleibt auch in der Möglichkeitsform."
Peter Henisch gelingt es mühelos, diese unwahrscheinliche, um nicht zu sagen unglaubwürdige Geschichte glaubwürdig zu erzählen. Die ausgeklügelten Perspektivenwechsel, die zahlreichen literarischen Anspielungen auf Autoren wie Jean Paul, Fjodor Dostojewski oder José Saramago und die unaufdringlich durchschimmernde profunde theologische Fachkenntnis lassen das Buch zu einem schillernden, leichtfüßigen und sogar spannenden Stück Literatur werden.
Ein geschminkter Donald-Rumsfeld-Lookalike, der Mischa für die Christian Coalition gewinnen will; Olga, die unterbeschäftigte Gattin des umtriebigen Oligarchen Adamov, die beabsichtigt, das "Outing" Mischas mit einer Medienkampagne zu unterstützen; der Wiener Jude Edelmann, der als Kind nach Großbritannien flüchten konnte, später nach Israel emigrierte und nun als Reiseführer Mischas fungiert – sie alle tragen das ihre zum Gelingen des ambitionierten Unternehmens bei. Ebenso wie die Tatsache, dass Henisch die dogmatische Lesart von Religion, die alle Fragen immer schon endgültig beantwortet hat, für mehr als fragwürdig hält.
Deswegen gibt es für ihn auch keinen Widerspruch zwischen Literatur und Religion. "Die Literatur spielt mit Möglichkeiten und gibt ganz bewusst keine endgültigen Antworten. Und die Fragen, auf die beide abzielen, sind einander doch sehr ähnlich: die nach der Endgültigkeit des Todes, nach Gerechtigkeit und nach Erlösung, die, wenn man der landläufigen Interpretation des Christentums folgt, bereits stattgefunden hat ..."
Man ahnt schon: In einigen Punkten weicht der "Verirrte Messias" von der Auffassung der Amtskirche ab. Etwa in denjenigen über Jesu Beziehung zu Maria Magdalena (nicht platonisch), über dessen Geburt (nicht von einer Jungfrau) oder die Kreuzigung. "Nicht am Kreuz gestorben, nicht wirklich begraben, nicht abgestiegen zu den Toten, folglich auch nicht auferstanden! Wenn das die Wahrheit ist, dann bin ich ein Versager!", sagt Mischa und schreibt einem gewissen Herrn Ratzinger aus Rom, wohin er sich – wie seinerzeit womöglich auch Jesus – am Ende des Romans aus ungeklärten Gründen verirrt hat, dass die Erlösung in der von der Kirche verkündeten Form gar nicht stattgefunden habe.

"Das Christentum hat ein ganz anderes Potenzial, als es von der katholischen Kirche, besonders unter dem derzeitigen Papst Ratzinger, dargestellt wird; ein anarchisches Potenzial, von dem man in den Evangelien lesen kann", sagt Henisch. "Dass die Pharisäer eine Untersuchungskommission einberufen und nach Jerusalem melden, dass dieser Jeschua nicht unproblematisch ist, kommt ja nicht von ungefähr."
Dessen Lebensgeschichte erzählt Henisch in Mischas Briefen und gespiegelt durch Barbaras Bewusstsein ausführlich nach. Die Kenntnis seiner heute noch revolutionär anmutenden, sich konsequent aufseiten der Schwachen und Benachteiligten stellenden Reden und Lehren wird dabei allerdings stillschweigend vorausgesetzt. "Weil man die eigentlich kennen könnte", wie Henisch auf Nachfrage vorsichtig anmerkt – was allerdings angesichts von jüngeren Generationen, die ohne Kirchgang und zunehmend auch ohne Religionsunterricht aufwachsen, eher fraglich scheint.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 22)


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