Bevor ich schlafen kann
Roman

von Monika Helfer

€ 18,40
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.07.2010

Rezension aus FALTER 30/2010

Geh weg, bleib hier, geh fort zu mir

Monika Helfer erzählt von einer Frau, die sich nach einem doppelten Verlust im Leben zurechtzufinden versucht.

"Das Glück", so lautet der erste Satz, "kommt nur einmal, höchstens zweimal, und wenn es tatsächlich zweimal kommt, dann vergeht vom einen zum anderen Mal eine ziemlich lange Zeit. Beim Unglück sieht es anders aus."
In der Tat. Das Unglück kommt für Dr. Josefine Bartok, Psychiaterin am Otto-Wagner-Spital, vulgo "Steinhof", als Doppelschlag: Auf die Abnahme beider Brüste (Krebs) folgt das Ende der 20 Jahre währenden Ehe – allerdings nicht, weil Thomas sich ein "dummes Ding" zugelegt hätte (wie eine Kollegin prophezeit), sondern weil er schwul ist. Zu feige, es seiner Frau selbst zu gestehen, hat er das offizielle Coming-out übrigens an Edgar delegiert, mit dem er seit einem Jahr eine Beziehung hat.

Die per Mail angekündigte Kastration ("Ich habe mir ein Messer gekauft. Ich komme euch besuchen. (…) Sollst auch etwas weggeschnitten bekommen. Ich bin dazu fähig, du kennst mich") bleibt aus, stattdessen knallt Josi ("Nur bitte nicht Tschosi"), wie sie von allen genannt wird, die Pfanne mit dem Fisch unter größtmöglicher Schadensstreuung gegen die Wand der einst gemeinsamen Hütteldorfer Wohnung, in die nun Edgar eingezogen ist – eine kalkulierte Aufführung eines jener kindlichen Wutanfälle, an denen Thomas so großes Interesse gezeigt hatte, an die er aber nie so ganz hatte glauben können.
Wem die Lebenserwartung plötzlich radikal beschränkt und die bisherige Existenz weitgehend in Trümmer gelegt wurde, der muss etwas unternehmen, will er/sie nicht elend dem Ende entgegendämmern. Josi versucht es mit einem Stresemann, also einem (nach dem Kurzzeit-Reichskanzler Gustav Stresemann benannten) Anzug mit schwarz-grau gestreifter Hose und dunklem Jackett, der sie in ein an Laurie Anderson erinnerndes androgynes Wesen transformiert, einen "zarten Herrn", wie Edgar es ausdrückt.
Ausgestattet mit gleich mehreren Anzügen, macht sich Josi auch auf den Weg in den Urlaub, den ihr die beiden Kinder sowie deren Vater samt Freund spendiert haben – mit der ungewöhnlichen Folge, dass Josi in Griechenland auch ihrer Erfinderin begegnen wird. Denn Monika ­Helfer weilt, samt Mann und Familie, ebenfalls auf ­Hydra; schließlich ist der Vortrag von klassischen Sagen des Altertums durch ­Michael Köhlmeier integraler Bestandteil des Urlaubspakets.
Josi, die in einem grauenhaften Zimmer mit einer unkorrigierbar übereffektiven Klimaanlage untergebracht wird, zieht sofort die Aufmerksamkeit und Sympathien anderer Gäste auf sich, auch die des kompakten Max Lorber. Zwischen ihm und Josi knistert es bald vernehmlich, daran ändert auch die Anwesenheit von Frau Lorber nichts. Die entscheidende Begegnung freilich ist die mit Paula, der Tochter von ­Monika Helfer und Michael Köhlmeier, mit der sich Josi schnell anfreundet.

Seit über zehn Jahren hat Monika Helfer, sieht man von zwei Kinderbüchern ab, nichts mehr geschrieben. Man kann vermuten, dass das mit dem Tod von Paula Köhlmeier zu tun hat, die 2003 bei einer Wanderung tödlich verunglückt ist. Im Unterschied zu Michael Köhlmeier, der diesen furchtbaren Verlust in seiner "Idylle mit ertrinkendem Hund" (2008) thematisiert hat, geht Helfers Roman ein ganzes Stück weit in die Zeit vor dem letalen Unfall zurück und verschafft der kleinen Paula einen Auftritt als unbefangenes, sehr einnehmendes und recht (alt-)klug daherplauschendes Mädchen.
Als Leser ist man betroffen, als Kritiker etwas betreten, denn aus ästhetischer Perspektive ist der autobiografische Bezug, den die Klarnamen herstellen, nicht zwingend. "Bevor ich schlafen kann" zitiert ein Gedicht von Robert Frost, das in der deutschen Übersetzung ("Des Waldes Dunkel zieht mich an, / doch muss zu meinem Wort ich stehen …") um einiges düsterer klingt als im Original ("The woods are lovely, dark, and deep. / But I have promises to keep / And miles to go before I sleep") und das der Freundschaft zwischen Paula und Josi als Leitspruch dient.

Das Unbehagen, das einen bei der Lektüre beschleicht, ist aber auch eine genuine Qualität des Romans, der nicht zuletzt von den Zumutungen handelt, Distanz zu wahren und Nähe herzustellen. Ihren Patienten gegenüber, vor denen es sie eigentlich ein bisschen ekelt, bleibt Josi von kalter Professionalität, reagiert auf deren aufdringliche Zuneigung und emotionale Erpressungsversuche mit schroffer Zurückweisung und auf die unsicheren Avancen Edgars, der es sich gutstellen will mit ihr, mit nachvollziehbarer Skepsis.
Andererseits wird sie selbst von einer Liebessehnsucht befallen, "so sensationell, dass sie weinte", und ist nicht immer imstande, gegenüber Paula jenen Mindestabstand zu wahren, der Zuneigung von tyrannischer Intimität unterscheidet. Aber woher auch soll man wissen, was man verlangen kann und darf? Zum Beispiel im Bett. "Gemütlich und gütig" war da lange Zeit gut genug. Jetzt will Josi mehr oder ­anderes, wie sie ihrer Tochter gegenüber klarstellt: "Ihr wollt mich zu etwas Besonderes (sic!) machen, um mich zu trösten, weil ich nicht geliebt werde. Darauf pfeif ich! Ich will mit einem Mann guten Sex haben, so guten Sex, dass ich mir einbilden darf, dass er mich liebt."

Klaus Nüchtern in FALTER 30/2010 vom 30.07.2010 (S. 26)


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