Spaltkopf
Roman

von Julya Rabinowich

€ 18,40
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.07.2011

Rezension aus FALTER 15/2011

Geschichte einer Einwanderung

Die in Wien lebende Autorin Julya Rabinowich erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die in den 70er-Jahren Russland in Richtung Österreich verlässt. Ein Roman über Zersplitterung, Entwurzelung, Identität und Neudefinition. Der Leser verfolgt die Entwicklung der Ich-Erzählerin – von kommunistischen Kinderjahren in Leningrad (St. Petersburg) bis hin zum Wien der Gegenwart. Ein Buch über das Ankommen. Lesenswert vor allem wegen der berührenden, bildhaften Sprache.

Emily Walton in FALTER 15/2011 vom 15.04.2011 (S. 11)


Rezension aus FALTER 20/2009

Man überholt die Eltern

Auf zwei Begriffe ist Julya Rabinowich ein wenig allergisch: Migrantenliteratur und Autobiografie. Zu oft hat die russischstämmige Autorin diese Zuschreibungen in den letzten Monaten im Zusammenhang mit ihrem Romandebüt "Spaltkopf" hören und lesen müssen: "Das Buch hat zwar autobiografische Elemente, ist aber ein Roman und erzählt mehr als nur die Geschichte einer Flucht", sagt die ebenso resolute wie herzliche Enddreißigerin.
Das Buch beginnt allerdings tatsächlich mit einer Flucht. Per Flugzeug verlassen Vater, Mutter, Kind sowie Großmutter Rabinowich St. Petersburg und die Sowjetunion. Dem Mädchen wird etwas von einer Urlaubsreise nach Litauen erzählt, damit es sich nicht verplappert. Tatsächlich ist Wien die Destination. "Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, so wäre Österreich nur eine Durchgangsstation gewesen, er wollte nach Italien", so die Tochter, die sieben Jahre alt war, als sie "entwurzelt und umgetopft" wurde.
Als Kind stellte sie sich schnell auf die neue Umgebung ein und lernte fleißig Deutsch. "Das Problem ist, man überholt die Eltern. Sie sollten einen beschützen, man hat ihnen aber viel voraus in der Welt." Für ihr Schreiben konnte Rabinowich diese Konstellation freilich als Übung nützen: "Ich habe für meine Eltern beo­bachtet und übersetzt, also ihre Welt in neue Worte gekleidet."

Die Rabinowichs sind eine jüdische Künstlerfamilie, der inzwischen verstorbene Vater war Maler. Religion spielt im Haushalt keine Rolle, dafür gehört Literatur zu den Grundnahrungsmitteln. Anstatt fernzusehen liest man abends mit verteilten Rollen Theaterstücke und hat auch sonst die Nase ständig in Büchern. "Um ein Haar hätte mich diese Eigenart das Leben gekostet, als meine Mutter vorzeitig Wehen bekam", erzählt die Autorin, die nun selbst Mutter einer Tochter ist. "Statt sie ins Krankenhaus zu fahren, las mein Vater ihr zur Beruhigung Theaterstücke vor."

Was das Schreiben anbelangt, ist Julya Rabinowich zugleich Frühstarterin und Spätberufene. Erste literarische Versuche gab es schon in der Kindheit. Anfangs waren es auf Russisch verfasste Gedichte, "mit 16, 17 kam ich aber schon auf Prosatexte von über 100 Seiten. Die arme Großmutter hat sich das jeden Abend anhören müssen." Dass das Mädchen malt, gilt sowieso als selbstverständlich. Mit 13 fertigt sie schon Zeichnungen für ein Russischlehrbuch an.
Als 18-Jährige aber wendet sie der Kunst plötzlich den Rücken zu: "Ich wollte etwas richtig Erdiges, Unkünstlerisches und habe dann halt Küchenhilfe oder so gemacht. Richtig durchgehalten habe ich aber nie etwas. In Berlin war ich auch eine Zeitlang. So etwas Peinliches und Feiges wie mich hat man bei einer Hausbesetzung selten erlebt."
Sechs Jahre später schreibt sich Rabinowich an der Angewandten ein und studiert Malerei bei Ludwig Attersee. Noch davor absolviert sie ein Dolmetschstudium, über das sie zur Literatur zurückfindet: "Für eine Arbeit musste ich etwas von Dostojews­ki übersetzen, da hat wieder was geflackert." Den ersten eigenen Text seit langer Zeit reicht sie beim Exil-Literaturpreis "Zwischen den Kulturen" ein, bei dem schon Dimitré Dinev entdeckt worden war, und gewinnt prompt den ersten Preis.
An ihrem Buchdebüt "Spaltkopf" hat sie mit Unterbrechungen vier Jahre lang gearbeitet. Die erste Fassung ist noch sehr an der eigenen Vita orientiert, nach und nach gewinnt die Fiktion an Bedeutung. "Ich musste wohl erst den Mut dazu entwickeln", schätzt sie. "Ich bin mir vorgekommen wie ein Wanderer, der am Anfang noch in der Nähe der eigenen Behausung bleibt. Mit der Zeit habe ich mir immer längere Strecken im finsteren Wald zugetraut."
Irgendeine Art von Echo auf den Roman hat sich Rabinowich erhofft. Es wurde sehr viel mehr. Sie hat zahlreiche Lesungen absolviert, den Rauriser Literaturpreis (für das beste deutschsprachige Prosadebüt) geholt. Und obwohl sie mittlerweile vom ­Schreiben sogar leben könnte, will sie ihren Job als Dolmetscherin bei Psychotherapien und Psychiatriesitzungen von Asylwerbern nicht aufgeben.

"Das Thema der Entwurzelung wird mir sicher bleiben", ist Rabinowich überzeugt. "Ich habe sehr viel mit tschetschenischen Flüchtlingen zu tun. Da tragen alle Familien griechische Tragödien mit sich herum. Jede davon wäre theoretisch buch- oder theaterreif."
Apropos Theater: Ende des Monats hat ihr Stück "Fluchtarien" im Volkstheater Premiere – im Empfangsraum des Hauses, aber immerhin. "Es ist ein Stück über drei Frauen, die nach Österreich geflüchtet, aber noch nicht angekommen sind, und als vierte Stimme kommen aus dem Off grausliche Standard-Postings." Beherztes Lachen: "Früher habe ich mich über menschenverachtende Postings fürchterlich aufgeregt. Seitdem ich mit ihnen arbeite, empfinde ich das Standard-Forum als wunderbare Fundgrube."

Sebastian Fasthuber in FALTER 20/2009 vom 15.05.2009 (S. 28)


Rezension aus FALTER 16/2009

Julya Rabinowich legt als ihren ersten Roman eine stark autobiografisch gefärbte Geschichte über Emigration, Aufwachsen und Familienbande vor. Die 1970 in St. Petersburg geborene Autorin kam 1977 nach Wien. Eigentlich sollte es nur eine Zwischenstation sein, aber man blieb. Nach einem Dolmetschstudium und einem Studium an der Angewandten bei Christian Ludwig Attersee konzentriert sich Rabinowich nun vorrangig aufs Schreiben.
Am Anfang von "Spaltkopf" sitzt Mischka, wie die Protagonistin und Erzählerin im Buch heißt, im Flugzeug. Vater und Mutter haben ihr eingeimpft, dass es bloß eine Urlaubsfahrt Richtung Litauen wird. Dagegen spricht die Mozartkugel, die langsam in der Hand des Mädchens schmilzt. In Wien gelandet, bekommt sie in einem Crashkurs mitgeteilt, "dass Lenin, der Freund aller Kinder, (...) ein Arschloch sein soll. Was mein Vater nicht schafft, bewirkt der Anblick einer Barbiepuppe. In fünf Minuten. Ich bin vom Westen überzeugt. Ich soll es lange bleiben." Das Kind lernt fleißig die neue Sprache, tut sich sogar im Religionsunterricht hervor. Tatsächlich ist es zwar in eine jüdische Familie hineingeboren, mit dem Glauben haben es ihre Künstlereltern aber nicht so. Nur einmal, in einer der zahlreichen Rückblenden nach Russland, bekommt Mischka von den Eltern eines Freundes vorgeführt, was es heißt, ausgegrenzt zu werden.
Zurück nach Wien. Mit feinem Gespür für die schleichenden Veränderungen im Gefüge eines Haushalts widmet sich die Autorin den Beziehungen der Familienmitglieder zueinander. Anrührend der Vater, der sich – vom Westen enttäuscht – immer mehr zurückzieht und die ins U4 pilgernde Tochter am liebsten anbinden würde. Gut geschildert auch die Pubertät, die sich in Bulimie und Kaufrausch äußert. Irgendwann, viel später, bringt sie selbst ein Kind auf die Welt, und ein neues Kapitel wird aufgeschlagen.
Rabinowich ist mit "Spaltkopf" ein sorgsam gearbeitetes Romandebüt gelungen, das auch über die behandelten Themen hinaus literarisch zu überzeugen vermag und an dem das verniedlichend-abschätzige Etikett "Migrantenliteratur" nicht haften will.

Sebastian Fasthuber in FALTER 16/2009 vom 17.04.2009 (S. 21)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb