Sonnenbraut
Kriminalroman

von Christian David

€ 20,50
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Verlag: Zsolnay, Paul
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 480 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

In Abwesenheit von Lord Fiddlebottom

Grausliche Mogelpackung: Der neue Krimi von Christian David ist eigentlich ein Thriller

Nach der Zusammenarbeit anlässlich einer Mordserie an jungen Frauen im Sommer (im Roman "Mädchenauge") treffen Staatsanwältin Lilly Horn und Polizeimajor Belonoz in Christan Davids neuem Roman ein weiteres Mal aufeinander. Mittlerweile ist es Dezember geworden.
Die Christkindlmärkte warten nur darauf, Menschen in Vorweihnachtsstimmung mit Alkohol abzufüllen. Politische Intrigen, hauptsächlich auf Bundesebene, laufen auf Hochtouren. Kunstmanagerinnen betreiben Guerilla-Marketing für eine Gedenkausstellung. Und im Türkenschanzpark entdeckt man eine verstümmelte männliche Leiche in einem Plastiksack.
Bald taucht im Internet ein Filmmitschnitt der Bluttat auf. Fast zur gleichen Zeit erhält die Mutter eines hochbegabten Elfjährigen eine Lösegeldforderung für das Kind, und bei einer Geiselnahme geht einiges schief: Eine Frau wird erschossen. Dummerweise war vom Geiselnehmer ausgerechnet Belonoz, der als Chef der Wiener Mordkommission an sich mit solchen Verbrechen nichts zu tun hat, als Verhandler angefordert worden. Das führt zu Verstimmungen in der Polizeihierarchie und sehr schnell zu Belonoz' Suspendierung.
Puh, wir schreiben gerade einmal Tag zwei der Handlung. Willkommen in "Sonnenbraut", dem neuen Thriller-Krimi-Mix von Christian David. In seinen besten Momenten, und davon gibt es schon eine Handvoll, ist Davids jüngstes Werk spannend. Dass er, entgegen dem Untertitel, sehr viel eher einen Thriller als einen "Kriminalroman" vorlegt, lässt sich schon an den teilweise drastisch geschilderten Folter- und Tötungsszenen ablesen.
Das Buch ist auch deshalb ein Thriller, weil man in einem klassischen Krimi immer ein bisschen mit­raten kann. Hat sich Lord Fiddlebottom jetzt nicht unabsichtlich verplappert? War Madame Zsazsa nun Augenzeugin, oder will sie sich nur ein Alibi verschaffen, um von ihrem Techtelmechtel mit dem Botschafter abzulenken? So in der Art. Das geht hier aber gar nicht.

Ständig telefonieren Figuren mit Gesprächspartnern und Informanten, die für den Leser anonym bleiben, oder verschicken elektronische Kurznachrichten. Und Zeuginnen und Zeugen lügen unerfahrene, dienstmüde Polizeibeamte an.
Noch etwas stört: Während sowohl Belonoz als auch Lilly Horn ziemlich rätselhaft und verschwiegen agieren, kann man das von der auktorialen Erzählerstimme nicht behaupten. Zahlreiche Nebenhandlungen buhlen um Aufmerksamkeit. So fliegen im Innenministerium die Messer tief und schnell. In Boulevardmedien überschlagen sich kollegiale Intrigen. Die Wiener Lokalpolitik drängt sich in die Ermittlung um die Entführung des Knaben. Und feministische Studentenverbindungen mischen auch noch mit.
Für den größeren Teil des Buches drängt sich weniger das Attribut "spannend" als vielmehr "geschwätzig" auf. Immerhin bemüht sich Christian David redlich und erfolgreich, seine Hauptfiguren weder frauenfeindlich noch homophob sein zu lassen und seinen Zorn über so manche politische Entwicklung im Österreich der Gegenwart deutlich zum Ausdruck zu bringen.
Davon abgesehen wäre hier weniger – deutlich weniger – mehr gewesen. Vielleicht kommt das ja im dritten nach einem Korbblütler benannten Roman. Wie wäre es dann, nach "Mädchenauge" und "Sonnenbraut", mit "Kronenwucher"? Die Spur führt nach Skandinavien – oder zurück in die Monarchie.

Martin Lhotzky in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 25)


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