Lachen und Sterben

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Kurzbeschreibung des Verlags:

„Der Franz ist ein Wunder! Ich kenne kaum jemanden, der so viel weiß wie er, aber er bringt das mit einer solchen Leichtigkeit, Anmut und einem solchen Witz vor, wie eben manchmal wohlbeleibte Menschen tanzen können. Unnachahmlich.“ Elfriede Jelinek
Im Rausch fiel der Bänkelsänger Markus Augustin einst in die Pestgrube und wäre dort begraben worden, wäre sein Lallen nicht gehört worden. Man holte ihn heraus, und unversehrt zog er weiter um die Häuser.
Franz Schuh ist in vielem das genaue Gegenteil des lieben Augustin. Was die beiden aber gemeinsam haben, beweist dieses unnachahmliche Buch: Lachend bietet es dem Schicksal die Stirn, rückt ihm zum einen metaphysisch, zum anderen ganz konkret auf den Leib, indem es die Dialektik von Lachen und Sterben an Beispielen aus der Populärkultur (Helmut Qualtinger, Otto Schenk, Lukas Resetarits u. a.) zeigt. Einzigartig und funkelnd ist die stilistische Brillanz von Schuhs schonungslosen Sätzen – „Alle vermehren sich, ich reduziere mich, jeden Tag werde ich weniger.“

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FALTER-Rezension

Souveränes Scheitern

Ja, das ist ein Mann, der auch die ­Früchte der Resignation kennt und gewiss ­genossen hat, der aber nicht resigniert hat“, sondern weitermacht, jedoch nicht wie ein Militär: „Nein, ein Nichtheld wie der auf Rembrandts Selbstporträt macht weiter, aber aus Selbstbewusstheit, weil er weiß, wenn er weitermacht, geht es auch weiter.“

Es hätte des Hinweises auf die „Allgemeinmenschlichkeit“ jedes gelungenen Selbstbildnisses nicht bedurft, um hinter dem „durchschnittlich hässlichen“ Mann mit den müden, aber immer noch scharfen Augen den Autor dieser Zeilen wahrzunehmen. Auch in seinem jüngsten Buch ist Franz Schuh als Person präsent, als selbstbewusster und zweifelnder Homme de lettres, aber auch als (neuerdings gendersensibler) Mann, der sich zu seiner jugendlichen Fantasie vom einsamen Wolf bekennt, zu sexueller Not, Krankheit und Gebrechen. Und zu seinem Flirt mit dem Tod, aus dem dieser jüngst beinahe Ernst gemacht hätte. Mit seinen Essays in „Lachen und Sterben“ legt Schuh freilich kein Bekenntnisbuch vor, sondern eine philosophische Medien- und Kulturkritik. Oder besser andersherum: eine medien- und kulturkritische Existenzphilosophie, die nicht von seiner Person zu trennen ist.

Mit seiner ganzen Erscheinung ruft Schuh uns in Erinnerung, dass nicht jeder, der Philosophie studiert hat, auch schon ein ­Philosoph ist – weil die Philosophie „zu den letzten Disziplinen“ gehört, „die man nur sachgerecht ausüben kann, wenn man sie, auf welche Weise auch immer, in der eigenen Existenz verankert“. So bringt der Mann von Witz nicht nur dem Sterben, sondern auch dem Lachen ein professionelles Interesse entgegen; vor allem weil es Nietzsches Konzept des Amor fati, der Liebe zum eigenen Schicksal, seine melodramatische Note nimmt und das Paradoxon eines souveränen Scheiterns ermöglicht.

Amor fati, das meint eben nicht bloß stoisches Erdulden des Unvermeidlichen: Nein, man muss lernen, es zu lieben. Auskunft darüber, ob ihm das bei seiner lebensbedrohlichen Erkrankung gelungen ist, gibt der Autor nicht, wie er überhaupt sparsam mit biografischen Hinweisen umgeht. Immerhin schildert er sich als Insassen eines Pflegeheims und verrät so den tröstlichen Umstand, dass er für seinen Teil weitergemacht, also weitergeschrieben hat und es daher auch weitergegangen ist. Das Buch war jedoch schon vor dem fatalen Schlag so geplant – und auch vor der Pandemie, die Schuh nicht nötig hat, um sich als Mitglied einer „Risikogruppe“ zu begreifen.

Zu den Risken des Geistesarbeiters gehört der Vorwurf der Eitelkeit, den Schuh pariert, indem er ihn gelten lässt und dennoch bedauert, dass aus „den herrlichen Exzessen der Eitelkeit“ beim Bachmannpreis eine „lauwarme Intelligenzler-Veranstaltung“ geworden sei. „Bescheidenheit kriecht aus demselben Loch wie die Eitelkeit“, lautet ein Aphorismus der bescheidenen Ebner-Eschenbach, und Schuh lotet gerade die begrifflichen Ambivalenzen gründlich aus. In der Tat: Wenn er über Stifter sagt: „Er war ein Fresssack, wie ich einer bin“, dann ist das auf den zweiten Blick nicht so uneitel, wie es klingt, verleiht es dem Ich doch noch in der Denunziation seiner selbst Wichtigkeit. Aber: „Ich vergleiche mich lieber mit einem Unerreichbaren als mit einem Kollegen.“

Solch aphoristische Fundstücke bietet dieses Schuh-Lesebuch ebenso reichlich wie Anekdoten (Proust im Bordell, Schuh in der Straßenbahn), sein Stil funkelt, einiges wirkt schlichter – wohlgemerkt: nicht schlechter – als gewohnt, und wenn des Öfteren von „Idioten“ die Rede ist, dann nicht im Sinne des antiken Privatmannes. Allein die eingestreuten Gedichte überzeugen die Rezensentin nicht, weil sie, zumal in den schlecht transkribierten Dialektstücken, eine gewisse Manieriertheit verraten: Ihre prosaische Ironie diskreditiert das lyrische Ich, das doch echtes Leiden verhandelt.

Denken, so Hannah Arendt, ist nichts anderes als das Sprechen mit sich selbst. Das Schöne an Franz Schuhs Selbstgesprächen ist, dass und wie er uns in diese hineinzieht, verwickelt, mitsprechen lässt, in einem Akt politischer Aufklärung: „Das Dialogische ist ein Gegenstück zum Dogmatischen.“ Was Hegel von der Philosophie verlangt, nämlich ihre Zeit auf den Begriff zu bringen, leistet der Hegelianer Schuh auch als essayistischer Causeur auf der Suche nach dem Phänomen, der überindividuell wirksamen Erscheinung eines Wesentlichen.

So verdankt er Karl Kraus, dem „größten Österreicher“, die Einsicht, dass man „die Wahrheit im emphatischen Sinn über alles, was Österreich betrifft, nur polemisch sagen kann“. Wenn er den für seinen Erbschleichercharme berüchtigten Heinz Conrads Thomas Bernhard gegenüberstellt, avanciert jener zum Träger eines „staatstragenden Versöhnlichkeitskults auf der Grundlage darstellerischer Virtuosität“. Helmut Qualtinger erscheint als der letzte Träger des österreichischen Antlitzes, ein Volksschauspieler, der aus der Rolle fällt, weil er niemandem schmeichelt.

Niemals betreibt Schuh bloßes Namedropping, stets ist er darauf aus, die „Konsumhaltung“ seines Publikums in eine „Reflexionshaltung zu verwandeln“. Indem er etwa den Schmäh als eine Form der Sprachkritik begreift, die ihren Humus in der Wiener Misanthropie wie im jüdischen Witz hat.

Provinziell? Mitnichten: „Wer seine Weltprovinz […] bis auf den Grund geistig und expressiv durchdringt, ist für seine Zeit auf einem globalen Stand der Einsicht. Mehr kann man in dieser brüchigen Welt kaum noch erreichen.“ Franz Schuh hat’s bewiesen.

Daniela Strigl in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 15)


Mein Leben mit Franz Schuh

Der Tod. Ist er ein dunkler Saum, auf den wir über die Wiese des Lebens zugehen, oder ist er immer schon in uns da, untrennbarer Teil des Lebens? Franz Schuh hat ein Buch über den Tod geschrieben, oder am Tod entlang, denn über den Tod könnte man, hörte ich kürzlich Cees Nooteboom im Radio sagen, erst schreiben, wenn man tot ist, aber dann ist es unseres Wissens zu spät.

Bücher über den Tod sind Lebenszeichen. Dieses von Franz Schuh ist ein höchst lebendiges, lesenswertes, witziges. Er hat es im Krankenbett fertiggestellt, was er, wie er sagt, als Leistung empfindet. Seit fast einem Jahr ist Schuh mit einem langwierigen, komplizierten Leiden im Spital, mehrfach operiert, sich immer wieder erholend, immer wieder von Rückschlägen erwischt.

Dass das Buch ein Kraftakt eines um Genesung Ringenden ist, sieht man ihm nicht an, es hat durchwegs die Schuh’sche Eleganz eines essayistischen Denkens, dessen Autor bei allem, was er sich herausnimmt, sich selbst nie herausnimmt.

Franz Schuh ist mein Freund und eine jener Personen, die mein Schreiben entscheidend beeinflussten. Es begann, als es noch keinen Falter gab, ich mich als kleiner Literat fühlte, der Lesungen besuchte und Literaturzeitschriften las. Franz Schuh war damals Redakteur der Literaturzeitschrift Wespennest. Das erste Mal sah ich ihn bei einer Lesung dieser Gruppe im Museum des 20. Jahrhunderts, damals 20er-Haus genannt, dem heutigen Belvedere 21.

Bei der Arena 70 führte das Cafétheater dort ein Stück von Heinz Rudolf Unger und mir auf, „Stoned Vienna“, ich spielte selbst mit und saß am Klavier, beteiligte mich am einen oder anderen spontanen literarischen Unfug, war also täglich im Haus und hörte auch diese Lesung.

Schuh war ein kräftiger, noch keineswegs wohlbeleibter Mann, trug eine schwarze Lederjacke und eine ebensolche Kappe auf dem Haupt, Anmutung kämpferische Arbeiterklasse, aber auf mich, den langhaarigen Hippie, machte er hauptsächlich Eindruck durch die Sachen, die er vortrug. Mit dem Aphorismus: „Ich hätte gern ein belegtes Brot, aber empirisch belegt, bitte!“ gewann er mein Herz, und ich las fortan, was ich von ihm kriegen konnte.

Das erschien im Wespennest oder in anderen Literaturzeitschriften, manchmal im Profil. Im Café Dobner sitzend, begrüßte er im Sommer 1977 mich, den Falter verkaufenden Hippie, mit den freundlichen Worten, die nicht direkt an mich gerichtet waren, sondern an die neben ihm sitzende Kunstkritikerin Cathrin Pichler, die ihm offenbar gesagt hatte, wer ich war: „Das ist also der Supermann von diesem Falter!“

Er meinte es ernst-ironisch, denn der Falter war irgendwie super, weil ein vollkommen anderes Anti-Presseerzeugnis, aber zugleich unzumutbar: amateurhaft zusammengeklebt, voller Druckfehler und Enthusiasmus. Schuh meinte es auch ernst und lud mich ein, an einer von ihm organisierten Lesung in der Alten Schmiede teilzunehmen.

Ein Jahr später begab sich jene Episode, die in meiner Zeitrechnung den Beginn der Wandlung des Falter vom Nerd-Organ zur Publikumszeitschrift darstellt. Ein atemloser und empörter Schuh stürzte in unsere Redaktion in der Esslinggasse und drückte mir ein Manuskript in die Hand mit der Frage, ob wir das drucken wollen. Es war ein satirischer kurzer Text über den schwarzen ORF-Intendanten und Kulturmagnaten Ernst W. Marboe, den das Profil in Gestalt von, ich glaube, Franz Ferdinand Wolf gerade abgelehnt hatte. Wir druckten ihn sofort.

Wenig später erhielt ich von Franz den wunderbaren Essay „Alma Mater Rudolfina“ über sein Philosophiestudium für unser erstes Stadtbuch 1982. Ich führte mit ihm darüber eine maschinschriftliche Korrespondenz. Ich kam mir vor wie ein Verleger, und das Wichtigste am Verleger war, das wusste ich, die Verehrung des Autors.

Nun war Schuh einer, der sich solcher Verehrung widersetzte und partout nicht der Großmufti sein wollte, der er hätte sein können. Er wollte keine großen deutschen Verlage. Kaum machte man ihm ein Angebot, das mir verlockend schien, lehnte er es mit Sicherheit ab.

Er wollte unabhängig, unbeeinflusst, unbestechlich und abseits des Betriebs leben und schreiben. Er wollte keine Position. Das ist ihm gelungen. Der Preis war die jahrzehntelange Missachtung einer breiten Öffentlichkeit. So lautete der Titel meines ersten größeren Essays über ihn denn auch: „Entlegenheit als Rettung“ (im Buch „Das Trauma, ein Leben“).

Dann kamen doch Preise, ich durfte die eine oder andere Preisrede halten. Nach so einer Rede sagte er zu mir: „Du hast den Finger auf so gut wie alle wunden Punkte gelegt!“ Es war ein Kompliment. Zugleich hatte Schuh den Traum, Mitglied einer Redaktion zu sein, am liebsten der des Falter, und er fühlt sich – wie er mir kürzlich sagte – irgendwie noch immer so. Redakteur war er einst im als linkes Gegen-Profil geplanten Extrablatt (1977–82) des Harald Irnberger gewesen, mit Peter Pilz, Georg Hoffmann-Ostenhof und vielen anderen. Beim Falter scheiterte die Sache unter anderem daran, dass Franz so gescheit ist, dass er nicht versteht, dass andere ihn nicht verstehen. Eine schwierige Voraussetzung für redaktionelles Palaver. Vielleicht scheiterte es aber auch an mir, der es nicht schaffte, ihn auf würdige Weise zu integrieren.

Trotzdem schrieb Schuh in den 1980er- und 90er-Jahren viele große Polemiken, Essays und Kritiken für den Falter und half, ihn zu Österreichs schärfstem Feuilleton jener Tage zu machen. Er machte bedeutende Interviews, zu denen ich ihm gern das Tonband trug.

Da ging es zum alten Otto Schulmeister, dem Herausgeber der Presse, der uns sagte, er könne uns die intellektuelle Genealogie des Falter aufsagen, und das Match mit Schuh genoss, zu Niklas Luhmann, der in Wien einen Vortrag hielt, oder zum scheidenden Hörfunkchef Alfred Treiber. Das Abtippen oder Redigieren des Abgetippten erledigte Schuh selbst in der Redaktion, schnell, kompakt, unkompliziert.

Interviews mit ihm selbst waren nicht immer leicht; über Karl Kraus zu sprechen machte uns keine Schwierigkeiten, bei anderem stand uns die Freundschaft im Weg. Interviewanfragen für den Falter überließ ich lieber anderen, denen konnte er schwerer Nein sagen. Zur Präsentation seines vorletzten Buchs führten wir im Casino Schwarzenbergplatz ein schönes Gespräch; er revanchierte sich bei meinen letzten Büchern.

Seine Lesungen gewannen mit der Zeit eine Kraft und Komik, wie es sie seit Qualtinger nicht gab. Theater der Dichtung. Auch ihnen fehlte allzu lange zureichende öffentliche Resonanz. Erst in den letzten Jahren änderte sich das. Ein hinreißender Abend mit Wiener Musik des Attensam-Quartetts und ihm als Vortragendem eigener wienerischer Gedichte blieb Episode, statt fürs Fernsehen oder mindestens fürs Radio aufgezeichnet zu werden. Wenigstens bei Ö1 fand Schuh eine Heimat.

Beim Zsolnay Verlag kamen wir ungefähr gleichzeitig unter, verführt durch die Verleger Michael Krüger und Herbert Ohrlinger. Für mich war es ein Aufstieg, für ihn ein Kompromiss: ein „richtiger“ Verlag, deutsch, aber doch österreichisch.

Als Franz mir jetzt erzählte, wie er sein Buch schrieb, im Spital, musste ich an eine Anekdote des großen US-amerikanischen Lyrikers und Erzählers Donald Hall denken.

Bei der Verleihung der National Medal of Arts durch Präsident Obama traf Hall Philip Roth, den er seit fünf Jahrzehnten nicht gesehen hatte. Der über 80-jährige Hall saß im Rollstuhl. „Wie geht’s dir?“, fragte Roth, der ihn sofort wiedererkannt hatte.

„I’m still writing“, sagte Hall.

„What else is there“, sagte Roth.

Armin Thurnher in Falter 10/2021 vom 12.03.2021 (S. 36)


Revolution und Opernball

Ich möchte diese Rede zu Ehren von Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky mit einer allgemeinen Überlegung beginnen, die mit dem Begriff des Politischen korrespondiert. Es geht dabei um Historizität. Dies ist ein Begriff, den man durchaus auch von Kreisky inspiriert betrachten kann. Erstens, weil Kreisky dank seiner „Persönlichkeit“, wie man das früher nannte, die Nachwelt wieder einmal vor die Frage nach dem Verhältnis von Persönlichkeit und Geschichte stellt. Es ist dies ein Feld, auf dem die Illusionen blühen, unter anderem die Erzählung vom Weltgeist, der sich gefallen lassen muss, von Personen verkörpert zu werden. Wenn man so eine Erzählung nicht ganz und gar ablehnt, dann kann man für die Geschichte Österreichs durchaus von einer Kreisky-Ära sprechen.

Zweitens aber ist die linke Tradition zumindest nach eigener Einbildung und Bildung geschichtsbewusst. Technokraten sind das zum Beispiel nicht, sie sind Problemlöser und damit in der Politik nicht selten selber das Problem. Ihr Terrain ist die Gegenwart, ungeachtet der historischen Voraussetzungen. Kreisky ist ja auch für ein überaus optimistisches Diktum berühmt, das da lautet: „Lernen Sie Geschichte, Herr Reporter!“ Das ist optimistisch, weil es ja impliziert, dass beim eingespielten Stand österreichischer Journalistik ein Geschichtsstudium noch etwas nützen könnte – ein eventueller Nutzen, den der damals gemeinte Journalist bis heute unaufhörlich und auch halbwegs erfolgreich zu beweisen sucht.

Die „linke“ Denkweise jedenfalls enthält eine Menge Ideen, deren Fundament in der Annahme besteht, dass die Vergangenheit nicht tot, ja nicht einmal vergangen ist. Diese metaphysische Fassung des Fortdauerns von Gewesenem – die Formulierung stammt von dem Romancier William Faulkner – findet sich ins Materialistische gewendet bei Marx. Marx-Zitate sind die besten, und unter den besten ist dieses besonders gut: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“ [...]

Kreisky griff den Ideenkosmos der Studentenbewegung auf und milderte ihren Extremismus zu einer massenhaften Sozialverträglichkeit. Es war die Übernahme eines bundesdeutschen Modells, das sich gegen die Adenauer-Ära gebildet hatte: „Intellektuelle und Künstler“, wie es im Jargon heißt, also Menschen wie Günter Grass oder Martin Walser, erschütterten allmählich das bürgerliche Herrschaftsmodell, deren Exponenten bis zu Sebastian Kurz unaufhörlich versuchten, es wiederum zu etablieren. Kurz hatte die Königsidee, die im Grunde eine Neugründung der ÖVP – von Schwarz zu Türkis – bedeutete. Spiegelverkehrt hatte Kreisky ja den Versuch gestartet, die ÖVP durch ein Bündnis mit Friedrich Peters FPÖ zu isolieren. War ihm das so entscheidend wichtig, dass er im Streit mit Simon Wiesenthal völlig die Contenance verlor?

Der Vater des Verfassers pflegte über den Typus Peter sich auszumalen, dass so einer im Krieg natürlich nur Blumen gegossen hat, auch im Konzentrationslager. Man hatte einen grünen Daumen und keinen Finger am Abzug. Typisch für den recht und schlecht getarnten Rechtsextremismus von heute ist der Angriff auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Als die erste schwarz-blaue Regierung gegründet worden war, formulierte Andreas Khol die Parole: „Das Einzige, was sich ändern wird im ORF, ist, dass nicht wie früher ständig die roten Gfrieser aus dem Fernseher rinnen werden.“ Diese Gesinnung ist völlig okay, sie ist eingebürgert, erstaunlich ist nur die primitive Plumpheit, mit der sich Medienpolitik ganz offen als Racheaktion verriet.

Da sehnt man sich doch gleich nach Kreiskys Differenzen mit Gerd Bacher – zwei Männer, die wussten, was sie voneinander zu halten hatten, und die mit beträchtlichem Geschick einander Wunden schlugen. Ich habe damals – als Publizist und Zeitgenosse – Bacher einen Boulevardjournalisten mit Machtinstinkt genannt, mehr wäre an ihm nicht dran. Das nehme ich zurück, nicht den Boulevardjournalisten – mein Gott, war Bacher ein schlechter Schreiber, man lese seine Schulaufsätze in der Zeitung Die Presse. Dass Otto Schulmeister ihm das hat durchgehen lassen, musste von einer tiefen Liebe getragen sein, von einer geradezu obszönen Männerfreundschaft. Aber Bacher hat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu dem gemacht, was seine Gesinnungsgenossen später abschalten und zu ihren Bedingungen wieder einschalten wollten. Ein bisschen rührend war das auch, wenn Bacher stolz für sich in Anspruch nahm, auf Ö1 Herbert Marcuse das Wort erteilt zu haben. Es war ein etwas verquälter Stolz auf die eigene Liberalität, die sogar kluge Menschen an Bacher zu erkennen glaubten. Jedenfalls, Bacher und Kreisky, der Gegensatz zwischen ihnen, und meines Erachtens auch eine signifikante Vorsicht, einander nicht gänzlich das Wasser abzugraben, kennzeichnet zusätzlich die Ära. Mit einer gehörigen Portion Ironie und Pathos kann man sagen, in Kreisky und in Bacher standen einander zwei Konzepte gegenüber: das eine nach Olof Palme und das andere nach Helmut Kohl. Zwei verdienstvolle Männer, es scheiden sich die Geister, bei wem man freier atmen kann.

Karl Habsburg hat in einem Interview auf die Frage, wo er denn seine Heimat sehe, geantwortet: Sicher nicht in Skandinavien – und das, fügte er hinzu, obwohl er auch dort eine Verwandte im Parlament sitzen habe. Man kann vorschlagen, das Sozialstaatsmodell als aus Skandinavien bezogen zu betrachten. Nicht aber als Variante von Hitlers „Volksstaat“, also aus der Bestechung einer korrumpierbaren Bevölkerung, wie der Historiker Götz Aly es mehr oder minder unterschwellig nahelegt, und woran ja etwas dran zu sein scheint, bedenkt man zum Beispiel, wie der Herr Karl mit all seinen Machenschaften sich im neuen Österreich glücklich und geborgen weiß. Im Sozialstaat wird der Herr Karl sicher seine „schöne Pension“ haben. Schon Bismarcks Sozialgesetze und der wilhelminische Sozialstaat waren vor allem Abschlagszahlungen zur Revolutionsvermeidung. Der Sozialismus, der aus dem Norden kam und nicht aus Süddeutschland und schon gar nicht aus der politisch-religiösen Fantasie „des Nordischen“. In einem der Programme von Lukas Resetarits heißt es: „Man kann nicht Nordic Walken mit einem Southern (Aussprache: sattern) Schuach.“

Zu den soziologisch aufschlüsselbaren Gegebenheiten, die die österreichische Gesellschaft anbietet, gehört ein Phänomen der 60er-Jahre, also der Vor-Kreisky-Ära. Es gab eine leichte undramatische Wanderbewegung junger Österreicher nach Schweden. Erst in der Kreisky-Ära wurde der schwedische Vorsprung eingeholt, es war ein Vorsprung an Wohlstand und an facilities. In Schweden war der Konsumerismus bereits durchgesetzt, dort konnten junge Österreicherinnen und Österreicher einen massenhaften Wohlstand und seine Symbole kennenlernen. In Österreich gab es zum Beispiel keine Supermärkte und die Bezahlung für Hilfsarbeiten war unermesslich. […]

Kreiskys Politik war Arbeit an der Modernisierung Österreichs. Als hätte die Parteipropaganda, der organisierte Wählerfang, Furcht davor, dass es auch gelingen könnte, setzten sich für Kreisky Zuschreibungen durch wie „Sonnenkönig“. Es gab auch den Albtraum einer Postkarte, die den Bundeskanzler der Republik, seines Amtes waltend, unter einem Gemälde irgendeines österreichischen Kaisers zeigte. Sehnsucht nach aristokratischem Umgang hatten traditionell auch Anti-Monarchisten. Eine Anekdote, die Georg Markus überlieferte, zeigt auch den Schmäh, über den Kreisky verfügte: 1978 wurde ihm mitgeteilt, dass Österreichs Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in einer Gruppe mit Holland, Schweden, Spanien und Brasilien spielen müsse. „Holland“, sagte Kreisky, „is’ a Monarchie, Schweden is’ a Monarchie, Spanien auch. Was macht eigentlich Brasilien in unserer Gruppe?“

Kreiskys politisches Programm kann man also Modernisierung nennen. Sie kam nicht zufällig, nicht durch bloße Willenskundgebung ins Programm, denn die Globalisierung kam allmählich in Gang und setzte die Regierungen und das Volk, die Konsumenten und Produzenten, unter Anpassungsdruck. Die Modernisierung ist aber ein vertracktes Unterfangen. „Weltoffenheit“ statt Selbstprovinzialisierung war die Parole. Was dabei herauskommt, hat man nur zum Teil in der Hand und es tut auch paradoxe Wirkungen: Der Philosoph Sepp Mitterer, ein Professor und Denker, hat das Bekenntnis abgelegt, er sei immer nur Tiroler gewesen, durch Kreisky sei er zum Österreicher geworden. Das liegt unter anderem auch daran, dass sich Elemente der Vergangenheit in die Neuerungen einmischen. Der dokumentarische Spielfilm „Murer“, der einen der österreichischen KZ-Mörder auf dem Weg zum Freispruch zeigt, unterstellt dem sozialdemokratischen Justizminister, für den großen Wählerfang die alten Nazis nicht kränken zu wollen. Franz Schuh senior, der Vater des Verfassers, hat sich darüber amüsiert, dass die erste Regierung Kreiskys mehr Nazis beschäftigte als die von Seyß-Inquart, und natürlich hat die Sozialdemokratie dieses Erbe „aufgearbeitet“ – zum rechten Zeitpunkt, als schon kein Risiko damit verbunden war. Die Partei hat ihren guten Willen gezeigt, und der „gute Wille“ definiert sie schließlich: Oskar Negt und Alexander Kluge haben in ihrem Buch „Geschichte und Eigensinn“ die Sozialdemokratie sympathisierend als Vereinigung von gutem Willen und Pragmatismus analysiert. Dieses Konzept unterscheidet sich von einer politischen Idee Kreiskys, die fast austromarxistisch die Einheit von Theorie und Praxis in der Politik vorsieht. Pragmatismus bedeutet, die Gelegenheiten zu ergreifen, die die vorherrschenden Umstände anbieten, und heißt auch, in deren Rahmen neue Gelegenheiten zu erschaffen. Der Pragmatismus ist anti-utopisch und der Pragmatiker ist stolz darauf, ohne utopische Illusionen auskommen zu können.

Die Einheit von Theorie und Praxis setzt eine Analyse der gesellschaftlichen Totalität voraus, eine Untersuchung der gesellschaftlichen Dynamik, der Widersprüche und Konflikte beim jeweiligen historischen Stand. Aus der Analyse sollen Lehren für die Praxis gezogen werden, die sich nicht von selbst ergeben und die sich an Grundsätzen messen lassen müssen. Diese Grundsätze heißen – vor allem bei ihren Gegnern – „Ideologie“. Selbstverständlich war Kreisky Pragmatiker genug, aber er hat das Erbe der marxistischen Tradition nie ganz abschütteln können und wollen. Vor allem als er nicht mehr in Amt und Würden war, fand er, wenn’s nicht reine Mimikry angesichts des jungen Interviewers war, einen gewissen Halt in einer ehemaligen revolutionären Einstellung. Dass der verpflichtende Besuch des Opernballs für einen Bundeskanzler die Rache der Geschichte an ehemals jungen Revolutionären wäre, liegt da auf der Hand.

Kreiskys Auseinandersetzung mit Hannes Androsch wurzelt in diesem Problemkreis. Im Zuge der Modernisierung war Androsch ein Politiker neuen Typs, der klassische Aufsteiger, dessen Floridsdorfer Zungenschlag genauso zu ihm gehört wie das Kapital, das er im Laufe der Zeit akkumulierte. Die schreckliche Peinlichkeit des öffentlichen Umkippens von Liebe in Hass hatte einen Irrtum Kreiskys zur Grundlage: Es war der Glaube, dass ein Exponent der Modernisierung, ein technokratisch veranlagter Politiker, sich zugleich an die alten Ideale der Sozialdemokratie rückbinden ließe.

Der „gute Wille“ ist eine schöne Sache, aber wenn er nicht aus Immanuel Kants Ethik rigoros erfolgt, dann hat er nichts Verbindliches, sondern fällt unter das Belieben des Subjekts, das eben gutwillig ist oder nicht. Auch der Pragmatismus hat seine Schattenseite. Er produziert Sachzwänge oder wenigstens Zwänge, die man als „alternativlos“ verkaufen kann. Für Marx war die Ethik Kants kleinbürgerlich, im Wesen unpolitisch. Ethik hat immer mit der Schonung des Nächsten zu tun, was man nicht von jeder Politik sagen kann. Politik hat es mit Parteilichkeit zu tun und die Parteilichkeit hat auch historische Wurzeln. Das manifest gewordene Misstrauen zwischen den Schwarzen und den Roten ist bei allen versöhnlerischen Machenschaften ein Kennzeichen der Politikergeneration Kreiskys. Die wechselseitige, gegnerische Aversion hat etwas Erfrischendes, auch wenn die sogenannte Lagermentalität ins Museum gehört. […]

Fasst man Politik in der „liberalen Demokratie“ von ihrem naiven Ideal her, dann ist sie erstens durch Parteilichkeit definiert. Die Parteilichkeit ist außerhalb der Parteien und außerhalb interessierter Gruppen nicht sehr beliebt, denn sie steckt nicht zuletzt hinter dem Hick-Hack, dem Tiki-Taka des Politspiels – ein Merkmal aus der Welt des spanischen Fußballs. Aber das rhetorische Schwärmen vom Gemeinsamen, von den Gräben, die man zuschütten soll, stellt eine Politik ohne Politik in Aussicht. Das Gemeinsame verursacht die Spaltung, die man durch die Berufung darauf vermeiden möchte. Es provoziert nämlich die Streitfrage, was denn eigentlich das Gemeinsame sei und wie man es dem Gegner aufzwingen kann. Politik in der „liberalen Demokratie“ ist aber zweitens Kompromissfähigkeit, ein Aufheben der Parteilichkeit, mit dem Zweck, die Lage der Menschen im Allgemeinen zu verbessern. Das kann man nicht durch Verzicht auf die Eigeninteressen erreichen – die Religion verspricht für den Altruismus bessere Chancen. Das alles führt zu den leicht komischen Auslassungen nach einer Wahl, mit denen die Erwählten verkünden, in Hinkunft für alle und nicht nur für die eigenen Wähler da zu sein. Kreisky hat dieses etwas starre, ritualisierte Politikprinzip flexibel gemacht. Es war von vornherein klar, dass Kreiskys Modernisierungspolitik sich „an alle“ wandte. Der Slogan „gemeinsam ein Stück des Weges zu gehen“, ungeachtet parteilicher Grenzziehungen, stieß nicht auf taube Ohren. So entstand ergänzend zur Emanzipationsstimmung auch eine Partizipationsstimmung, wobei es nicht darauf ankommt, ob solche Stimmungen ein reales Substrat haben. Hauptsache ist, dass man daran glaubt und dass sich eine Sichtweise etabliert, die in diesem Sinne die Realitätswahrnehmung lenkt.

Grundsätzlich erlaubt die eigene Parteilichkeit zwei Verhaltensmöglichkeiten: Man kann sich erstens in seinen Interessen einbetonieren und sie dogmatisch vertreten. Politik ist ein weites Feld für Betonköpfe. Zweitens kann man gerade wegen der Einsicht in die eigene parteiische Einseitigkeit ein Verständnis für die der anderen entwickeln. Das gehört zum Demokratiespiel, aber es hat seine Grenzen: Die Kompromissfähigkeit überlebt nur, wenn sie niemanden zur Selbstaufgabe zwingt. Das Eigeninteresse ist ein Signal der Freiheit, berühmt ist das totalitäre Diktum eines verflossenen Kaisers. Berlin 1914: „Ich kenne keine Parteien mehr“, sagte Wilhelm II., „ich kenne nur noch Deutsche.“

Zur Regierungszeit von Sinowatz lief in den Wiener Kammerspielen das Stück „Minister gesucht“. Es ist die primitivste Variante, die unterste Schublade eines amüsierbedürftigen Mittelstands und seiner parasitären Politikverachtung: Politik machen für diese Leute die anderen, sie selbst stehen drüber und verachten jedes politische Angebot. In dem dümmlichen Schwank spielte Senta Wengraf eine Hauptrolle und im Laufe der Handlung fiel die Apostrophierung Kreiskys mit den Worten: „Der Alte und sein Haberer, der Arafat.“ Hier wird ein Problem ohne Problembewusstsein ausgespielt, nämlich Kreiskys Interesse an der Außenpolitik. In unseren Tagen neigt Außenpolitik dazu, ein Reflex der Innenpolitik zu sein. Und das Argument, mit dem man Kreiskys außenpolitische Ambitionen lächerlich machen wollte, lautete, ein „kleines Land“ würde sich wichtig machen.

Wie wichtig für Kreisky die Außenpolitik war, zeigt sich daran, dass die Überlassung des Ministeriums an die ÖVP nach Koalitionsverhandlungen ihn zu einer Andeutung des Bruchs mit der Partei verleitete. Die Sozialdemokratie kennt nun einmal, um die Historizität ins Spiel zu bringen, „von ihrer Geschichte her“ die Utopie des Internationalismus, und dass es Arafat ist, hat auch mit ­einer anderen Utopie zu tun. Fragt man nach, was denn der eigentliche Zweck des Politischen sei, so könnte eine Antwort ­lauten: der Friede, und zwar schon auf Erden.

Denkweisen, die dem Faschismus nahestehen, behaupten, der eigentliche Zweck des Politischen wäre die Souveränität über den Ausnahmezustand, also die Lizenz, Krieg zu führen. Das ist harter Kitsch. Aber man sieht zum Beispiel an der Bekämpfung der Pandemie durch die Regierungen, dass der Ausnahmezustand und die Souveränität über ihn Praxis werden kann. Das Friedenskonzept ist seinerseits nicht ganz weich, denn es ist klar, dass das Durchsetzen von Existenzrechten, zum Beispiel Israels, mit den (und seien es nur die vermeintlichen) Notwendigkeiten abgestimmt werden muss, sodass die an Macht unterlegene „andere Seite“ ihr Gesicht nicht verliert. Jeder wähnt sich im Recht und hält den Gegner, der ihm als Feind gilt, für die Rechtfertigung seines Kampfes um das eigene Überleben, gleichgültig, ob es tatsächlich so ist oder nur zu den Wahnsystemen gehört, mit denen man die eigene Brutalität und Gewaltlust in den anderen projiziert. Friedenspolitik in solchen Extremfällen ist ein harter Job und Kreiskys Einsatz für den Frieden im Nahen Osten muss man – von heute aus gesehen – als dauerhaft gescheitert betrachten. Aber dies ist kein Grund, die „mission impossible“ zu unterlassen, im Gegenteil, zumal ja Politik zwischen der Kunst des Möglichen und der des Unmöglichen schwankt.

Es gibt die Auffassung, Bruno Kreisky wäre ein „Intellektueller“ gewesen. Er war ein sehr kluger Mann, aber nicht jeder kluge Mann muss ein Intellektueller sein. „Intellektueller“ ist eine institutionalisierte gesellschaftliche Funktion, viel mehr als eine Person. Wer immer diese Funktion gründlich wahrnimmt, indem sie oder er zum Beispiel öffentlich macht, was sie oder er in seinem Arbeitsleben erlitten und an kritischer Erfahrung beizubringen hat, ist ein Intellektueller. Sollte das zutreffen, dann darf man sagen, dass Kreisky es gar nicht nötig hatte, ein Intellektueller zu sein. Er machte selbst Geschichte und kommentierte sie von dieser Position aus. In der Halbbildung kursiert das Gerücht, dass kein Mensch je Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ gelesen hat. Die Unterstellung, dass die Lektüre des „Mannes ohne Eigenschaften“ Kreisky vor allem ein politisches und zeitdiagnostisches Vergnügen bot, ist nicht von der Hand zu weisen: Kreisky geht bei Musil in die Lehre, wie man die schnöden politischen Hintergründe noch der am meisten exquisiten Psychologie durchschauen kann. „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist unwillkürlich ein Lehrbuch für Politiker und für die Ironie, die es erlaubt, der Politik als Beruf nicht betriebsblind ausgeliefert zu sein. Diese These, dass es die Politik ist, um die es im Wesentlichen geht, kann man durch eine Anekdote belegen: Der sogenannte „Erste Schriftstellerkongress“ war einer der Versuche, die Gruppe der Schreiber und Schreiberinnen im Staat als wichtig zu propagieren. Kreisky hielt mitnichten einen Vortrag von intellektueller Analyse; er rief den Schriftstellern und Schriftstellerinnen die politische Maxime zu: „Organisierts euch, organisierts euch!“

Gut organisiert war Günter Nenning, wie es wohl jeder sein musste, der nach einer Sauna in seiner Privatwohnung strebte. Bei wenigen Lichtblicken war Nenning, den Kreisky gütig einen „Wurstel“ nannte, die Verkörperung der dunklen und verkommenen Seite des Intellektuellen. Nenning war eine Art Hermann Bahr im Rahmen der Sozialdemokratie, also jemand, der je nach Konjunktur Weltanschauungen vertrat, die im Schwange und vor allem profitabel waren. Der Existenzkampf eines sogenannten „Publizisten“, wenn dieser auf einen gehobenen Lebensstil Wert legt, ist beinhart. Nennings intellektuelle Biografie führte ihn vom Chefredakteur des linken Neuen Forum zum erfolglosen Nachfolger Richard Nimmerrichters in der Kronen Zeitung. Zu diesem Sittenbild gehört, dass Kreisky es abschätzig beiseite wischte.

Er zeigte keine nennenswerte Einfühlung in die Misere des auf österreichische Verhältnisse zugeschnittenen Intellektuellen-Typus. Dieser Typus war auf eine verquere Weise auch eine Folge der Liberalisierung. Kreiskys eigene Kommunikationsfähigkeit war, auf lange Sicht gesehen, in einer „List der Vernunft“ befangen. Die „List der Vernunft“ ist der spekulative Gedanke, dass es anders kommt, als man denkt. Es kommt nämlich besser, „vernünftiger“, als die kleingeistig agierenden Einzelnen es vermuten. Das andere als das Gedachte bringt wenigstens einen Erkenntnisgewinn. Es siegt die Vernunft. Kreisky zeigte den Medien gegenüber seine Überlegenheit, was nach seinem Tod dazu führte, dass diese Medien im „Vorhof der Macht“ lernten, wie sie selber die Politik dominieren konnten. Die Büchse der Pandora war geöffnet, es ging weiter in Richtung mediokratischer Postdemokratie.

Eine bekannte Definition des Menschen stammt von Aristoteles und sie lautet, der Mensch sei ein politisches Wesen, ein Zoon politicon, also – um den antiken Horizont zu erweitern – ein vernetztes politisches Lebewesen, hervorgehend auch aus dem wechselseitigen Beobachten von seinesgleichen. Weniger bekannt ist der Doppelsinn, dass Aristoteles nämlich gemeint haben könnte, so etwas wie die Politik bestimmt das menschliche Zusammenleben – Politik als Institution zur Regelung der Angelegenheiten, auch unabhängig vom Willen Einzelner. Politik beruht auf einer organisierten Zusammenlegung von Einzelwillen und die Art der Organisation spiegelt sich in der jeweiligen Regierungsform wider.

Politik – sie unbedingt ausüben zu müssen, definiert manche Menschen und manche Menschen definieren ihrerseits die Politik, die nach ihrem Wirken nicht mehr dieselbe sein kann wie davor. Menschen sind Wesen, denen nichts anderes übrigbleibt, als durch Politik die Vielheit der Einzelnen zu einer nicht auseinanderbrechenden Einheit zu modellieren.

Das funktioniert hauptsächlich über die schnöde Gegebenheit, dass alle mehr vom Zusammenhalt haben müssen als vom Bruch, der heute unter dem Titel „Spaltung“ firmiert. Um sie zu vermeiden, werden in der Propaganda alte Institutionen zusammengekleistert – wie das Nationale und das Soziale. Das Soziale gilt nur für die Ureinwohner, das Nationale ist per se ausschließend. Der Verfasser hat bei einem Interview mit Kreisky, das im Großen und Ganzen sehr unaufgeregt verlief, einen leidenschaftlichen Ausbruch des damals schon Exkanzlers erlebt: Massenarbeitslosigkeit wäre nach Kreisky das Furchtbarste in der Demokratie. Der Gedanke daran brachte ihn aus der Fassung, und diese Angst war von historischer Erfahrung geprägt, die der Interviewer nicht haben konnte. Diese Geschichte war überwunden in der Seele des Interviewers, den in Zeiten der Vollbeschäftigung der Arbeitsmarkt immer schon snobistisch langweilte. Die Verwurzelung in anderen historischen Dimensionen – vor allem in solchen, die Schrecken bereiteten und Schaden zufügten – trennen die Generationen. Der Wissensdurst und die Erzählkraft können einiges davon reparieren und doch bleibt die Differenz zwischen Selbsterlebtem und der Rekonstruktion von Geschichte („wie es denn eigentlich gewesen ist“) ein Maßstab. Später dazu ein wenig mehr.

Nicht alle Menschen sind für die Politik geschaffen, aber ohne Politik können Menschen in halbwegs komplexen Gesellschaften ihre jeweilige Agenda nicht durchsetzen. Politik gehört zu den ausdifferenzierten Systemen, die selbstregulativ funktionieren und die sich in der Geschichte entwickelt haben. Politik wird von manchen als Übel betrachtet, sie ist ein Risiko, immer gut für eine Katastrophe, aber ohne Risiko gibt es keinen Gewinn von der Art, die früher „Fortschritt“ hieß. „Brüder zur Sonne, zur Freiheit, / Brüder zum Licht empor. / Hell aus dem dunklen Vergangnem / leuchtet die Zukunft hervor.“

Kreisky war wahrlich „ein politisches Lebewesen“, das einen großen Teil seiner Kräfte in die Politik investierte. Man könnte sagen, Kreisky war ein politisches Tier, aber Tier klingt zu respektlos. Es besagt jedoch andererseits, dass es in der Politik nicht allein um verfahrenstechnische, außergewöhnliche Fähigkeiten geht, sondern auch um Leidenschaften, Instinkte und Affekte. Selbst die Sexualität eines Menschen kann beteiligt sein, was man den europäischen Parlamenten von heute nicht anmerkt – außer vielleicht in England, wo die Abgeordneten seltsam toben und stöhnen, als Zeichen der Ablehnung oder der Zustimmung.

Die Leidenschaft für den Staat kann man der griechischen Polis abschauen. Man sagt auch, das Zusammenleben in der Polis sei ein „Labor“ für das Politische schlechthin gewesen. Man kann an der griechischen Polis die schwierigen Balancen studieren, die zum Beispiel die Extreme von Demokratie und Diktatur im prekären Lot halten. Kreiskys Anti-Kommunismus war keine epochale Torheit, zumal es im Politischen nicht ausschließlich um die Erweiterung der Macht geht, sondern auch um die Einschränkung der Macht: In seinem Buch „Masse und Macht“ hat Elias Canetti die archaischen Tendenzen des Politischen analysiert und ihre Zivilisierung nüchtern benannt: Der Vorgang der Wahl bedeute einen Verzicht auf den Tod, auf den Tod des Feindes, der im parlamentarischen System nicht mehr notwendig ist. Dennoch zelebriert man im „Wahlsieg“ die Niederlage des „politischen Gegners“ und wenn man die komischen Inszenierungen von Sieg und Niederlage sieht, dann ist die Heuchelei so manches Verzweifelten und Abgewählten, der seinen Wählern dankt, offenkundig. Alois Mock ging es einmal sogar an die Gesundheit. […]

Der Verfasser ist ein Kind der Kreisky-Zeit. Das sagt er heute als Geständnis, denn niemals unter Kreisky war er ein Anhänger, geschweige denn ein Parteigänger. Er publizierte damals die Behauptung, Kreisky würde gar nicht existieren, Kreisky wäre nur ein Flimmern über den Bildschschirm, und schlimmer noch: Der Paternalismus, die Herrschaftsform eines Vaters, war ihm unerträglich. Ein Genosse war Peter und nicht Bruno Kreisky. Dass für den jungen Menschen von damals keinerlei Chance auf „proaktive“ Teilhabe an Staat und Gesellschaft bestand, war selbstverständlich. Er war mit dem besten Posten aller Zeiten ausgestattet, mit dem verlorenen Posten. Vor Kreisky galt lückenlos als österreichisches Demokratieproblem, dass ein Mensch entweder rot oder schwarz war (und unter Kreisky auch nicht viel mehr), sonst war er nichts, und es gab Leute, die nach der Matura darüber mit sich verhandelten, ob sie nun zum CV oder zum BSA gingen – rein pragmatisch, Jobchancen, und gar keine Beeinträchtigung der Gesinnung. Den Mangel an Demokratie zu konstituieren war damals von keinem großen Interesse. Egal, was man gewählt hatte, es blieb immer die Sozialpartnerschaft in Form ihrer hervorragenden Vertreter Rudolf Sallinger und Anton Benya an der Regierung, diese beiden waren Felsen in der Brandung, auch wenn es gar keine Brandung gab. Der alte politische Trick, gegen die Mündigkeit den Wohlstand auszutauschen. Das ist einer der hausgemachten Gründe, die dem Rechtspopulismus hausgemachten Schwung verliehen und die aggressive Bürgerlichkeit zum Beispiel eines Dieter Böhmdorfer hervorgebracht hat.

Das Wort „Kind“, ein „Kind der Kreisky-Zeit“, ist mit Bedacht gewählt, es ist eine Selbstkritik im Sinne der Metapher vom „Linksradikalismus als Kinderkrankheit“. Durch die Kreisky-Zeit hat der Verfasser eine Art Urvertrauen entwickeln können, für das kein Anlass besteht – ein Gefühl dafür, dass alles in „guten Händen“ liegt. Eine Spur von Charisma hat scheinbar auch der Paternalismus nötig. Die Universitätsinstitute erschienen nach wie vor ungnädig.

Unglaublich, wenn ich heute lese, wie Leute damals in die Redaktionen kamen und willkommen geheißen wurden. Für Kreisky war es wahrscheinlich ein historischer Kompromiss, den er anstrebte, nämlich die Versöhnung von Sozialdemokratie und katholischer Kirche. Es ist einfach der „Stallgeruch“, der gar nichts mit Kierke­gaards religiöser Radikalität zu tun hat. Franz König, „der rote Kardinal“, war ein gern gesehener Gast im Haus. Der organisierte Kindesmissbrauch war damals, zur Zeit Kreiskys, noch nicht zu glauben, zumal ja unfassbarerweise Ähnliches im Heim vom Wilhelminenberg geschah.

Nicht lange nach Kreiskys Tod nahm der Verfasser seine Irrtümer zurück und definierte die Kreisky-Zeit vor allem als eine Erhellung von oben. Die Kreisky-Ära hatte vor allem eins dem proletaroiden Kleinbürgertum gebracht: eine Vorstellung vom Sinn der Bildung und dass die Eltern an diese Vorstellung glauben konnten. „Das Studium“ war in den bildungsfernen Schichten akzeptiert. Es war eine Veränderung der gesellschaftlichen Atmosphäre, die nicht aus dieser oder jener Maßnahme hervorging, sondern aus einer Kette von Beschlüssen und Ereignissen.

Für das Ende dieses Vortrags eignet sich vielleicht eine subjektive, politisch unerhebliche Anekdote. Der Vater des Verfassers war Revierinspektor bei der Staatspolizei und hatte in dieser Eigenschaft auch Bundeskanzler Kreiskys Sicherheit zu überwachen. Als Kreisky das erfuhr, stand er auf, ging auf den Gang hinaus und rief: „Ist ein Herr Schuh da?“ Nein, er war nicht da, und Kreiskys Reaktion war ein Anflug von Güte. The Times They Are a–Changin’.

Franz Schuh in Falter 4/2021 vom 29.01.2021 (S. 34)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552072299
Erscheinungsdatum 15.03.2021
Umfang 336 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul
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