Werke

Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung ausgewählt und herausgegeben von Günter und Hiltrud Häntzschel, mit einem Essay von Eva Menasse
Lieferbar ab Oktober 2022
Kurzbeschreibung des Verlags:

Mechtilde Lichnowsky ist „eine Stilistin von hohem Rang“ (Eva Menasse). Die gesammelten Werke der unkonventionellen, sprachbewussten Autorin und Freundin von Rilke und Karl Kraus
Mechtilde Lichnowsky war eine auffallende Frau, eine „majestätische Erscheinung … mit großen blauen, neugierigen Augen“ (René Schickele) und von einer „gespannten, herzlichen Wärme“ (Oskar Loerke). Ihre Bücher – Romane, Erzählungen, Reiseberichte, Gedichte – erschienen in renommierten Verlagen, Max Reinhardt brachte eines ihrer Stücke in Berlin zur Uraufführung. Heute kennt man sie bestenfalls als Freundin von Rilke und Karl Kraus. Mit dem Erscheinen dieser Ausgabe wird sich das ändern. Sie zeigt eine unkonventionelle, streitbare und sprachbewusste Autorin, und sie enthält darüber hinaus einen bisher unpublizierten Roman aus dem Nachlass der entschiedenen NS-Gegnerin.

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FALTER-Rezension

Fürstin Antifa

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt hat ein Anliegen. Sie möchte einst anerkannte, inzwischen vergessene Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Erinnerung rufen.
Nach der vierbändigen Werkausgabe der österreichischen Autorin Hermynia Zur Mühlen (1883-1951) erscheint nun, wieder bei Zsolnay, im gleichen Umfang eine Auswahl aus dem reichen Schaffen der vielseitig begabten Mechtilde Lichnowsky (1879-1958).

Diese als Gräfin von und zu Arco-Zinneberg in der Nähe von Passau geborene Ur-Ur-Urenkelin von Maria Theresia -ihre Tiroler Familie ist übrigens wesentlich älter als die Habsburger - hatte schon ein bewegtes Leben in Gesellschaft und Politik geführt, als sie zu publizieren begann. Ihr Mann, Fürst Lichnowsky, war Botschafter in London. Kaiser Wilhelm II. hatte man von seiner Berufung abgeraten, der unangepassten Lebensart der Gemahlin wegen. Aus Protest gegen die in den Krieg führende Balkanpolitik des Deutschen Reichs trat Lichnowsky 1914 zurück.

Da hatte Mechtilde bereits seine Mitgliedschaft in der Deutschen Orientgesellschaft zu einer exklusiven Ägyptenreise genutzt, als Resultat erschien ihr erstes Buch "Götter, Könige und Tiere in Ägypten". Es trägt schon viele Züge, die typisch werden sollten für das Gesamtwerk der Autorin. Gattungsgrenzen überschreitend, wechseln da Momentaufnahmen, wie von einer Kamera erfasst, zu plastisch erzählten Geschehnissen und weitschweifenden Reflexionen, die eine hellsichtige Kritik an Globalisierung und Massentourismus enthalten.

Immer wieder fasziniert die scharfe Beobachtungsgabe, daraus abgeleitete Folgerungen wirken jedoch oft ein wenig überspannt. Der Verleger Ludwig von Ficker attestiert ihr den "Ton mondäner Selbstvergötterung", einen "Hang zu schöner Oberflächlichkeit", andererseits ist er von ihrer Einfühlung in die altägyptische Kultur ebenso beeindruckt wie Rainer Maria Rilke.

Der Erfolg bei Kritik und Publikum - trotz der schwierigen Zeit erfolgten in kurzer Zeit mehrere Neuauflagen -ermutigte die zu ihrem Unwillen meist so genannte Fürstin zu künstlerischen Ausflügen in alle möglichen Felder.

In Berlin wird unter der Ägide des Theatermachers Max Reinhardt das schon im Titel an Hugo von Hofmannsthal gemahnende "Spiel vom Tod" aufgeführt, sie betätigt sich als Malerin und Zeichnerin; Karikaturen sind in der vorliegenden Ausgabe zu finden. Bald wird sie in der intensiven Beziehung zu dem Wiener Kritiker Karl Kraus auch zur Mitarbeiterin. Sie komponiert für ihn Nestroy-Couplets. Die wohl bedeutendsten Werke entstehen im und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. "Der Stimmer" (1917) ist eine meisterhafte expressionistische Miniatur, in der auf dichten 120 Seiten drei Stunden im Leben eines Musikers geschildert werden, die ihn an einen Sehnsuchtsort versetzen und dann den tief von der Realität Enttäuschten daraus entlassen. Der komplexeste Roman "Geburt" erscheint 1921: eine komplizierte Textanordnung, in der zwei männliche und eine weibliche Erzählstimmen einander abwechseln, Tagebucheintragungen und Briefexzerpte ergänzend einfließen.

Ein ehrgeiziges Werk, das es dem Leser nicht leicht macht. Der modernen Vielstimmigkeit steht ein heute manchmal betulich wirkender Ton gegenüber. In der intellektuellen Auseinandersetzung mit Karl Kraus um die Rolle der Frau widerspricht sie ihm hier vehement: Sein altherrenhaftes Konzept des Geistes als männlich, in dem für die Frau nur der Eros bleiben sollte, teilt sie nicht. Der berühmte Publizist wiederum fühlt sich vor den Kopf gestoßen, weil er sich in einem der männlichen Erzählparts karikiert wiederzuerkennen glaubt. Es wäre aber unzutreffend, abgeleitet aus dieser Kontroverse eine Feministin aus ihr machen zu wollen. Zu oft vermengt sie Kritik an der condition féminine mit Polemik gegen Frauen, die ihren hohen Ansprüchen nicht gerecht werden.

Die Germanistin Anne Martina Emonts bringt es in ihrer umfangreichen Studie über Mechtilde Lichnowsky auf den Punkt: Sie hat "die kleine Frau" verachtet. Dieser Ton, ein wenig von oben herab, da kommt immer wieder die "Fürstin" durch; besonders stark, dabei am wenigsten störend, in ihren Brandreden gegen die Nationalsozialisten, die sie als Kulturproleten abkanzelt.

Zwischen die Romane in chronologischer Folge sind Essays und Gedichte geschoben. Leider fehlt dabei ein Aufsatz, der dem Philosophen Theodor W. Adorno besonders wichtig erschien, "Der Kampf mit dem Fachmann". Das Versäumnis ist wohl den komplizierten Rechtsverhältnissen rund um den Nachlass geschuldet und soll die großen Verdienste der Herausgeberarbeit von Hiltrud und Günter Häntzschel nicht schmälern.

Es gelang ihnen, einen repräsentativen Querschnitt durch das Werk der vielgesichtigen Autorin zu geben. Sie nahmen auch etwas schwächere Romane wie "Kindheit" in die Auswahl mit auf, die davon zeugen, dass Lichnowsky mit unterhaltsamen Geschichten aus dem Adelsleben durchaus ein breiteres Publikum erreichte.

Nach dem Tod ihres ersten Mannes und der Vertreibung aus den Familienschlössern sucht die Autorin in den 1930er-Jahren Zuflucht vor den Nazis an der Côte d'Azur. Sie teilt dort den Besitz einer Villa mit einem alternden Großwildjäger. Dessen Abgleiten in den Wahnsinn verwandelt das idyllische Anwesen nach und nach in eine Hölle. Lichnowsky prozessiert gegen den unerträglich gewordenen Mitbesitzer, es bleibt ihr nur die Flucht in die Parkflora.

Wenn Eva Menasse im einleitenden Essay mit leicht spöttischem Unterton von der "leicht entflammbaren" Tierliebe in Verbindung mit dem Frühwerk der Autorin spricht - besonders nett der Dackelroman "An der Leine" -, so ist ihr nun das Gespräch mit den Pflanzen als Ersatz für menschliche Kommunikation geblieben.

Lichnowsky beschäftigte sich aber weiterhin mit Sprache, deren Feinheiten und Untiefen. Ganz im Sinne ihres Meisters Karl Kraus führte sie Buch über alle Misshandlungen durch Großmeister und Kleingeister der Feder, gesammelt in "Worte über Wörter". Mit einem ihrer letzten Texte erinnert sie an ein Ereignis, das beide noch viel enger verband: Kraus hatte sie, ganz prosaisch, vor dem Tod durch Ertrinken bewahrt.

Thomas Leitner in Falter 33/2022 vom 19.08.2022 (S. 27)

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Produktdetails
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ISBN 9783552072800
Erscheinungsdatum 16.05.2022
Umfang 1872 Seiten
Genre Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul
Vorwort Eva Menasse
Herausgegeben von Günter Häntzschel, Hiltrud Häntzschel
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