Freitag ist ein guter Tag zum Flüchten

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Kurzbeschreibung des Verlags:

„Eigentlich flüchtet jeder“, sagt der afghanische Flüchtling Elyas Jamalzadeh. Ein spannendes und humorvolles Buch über seine tragische Fluchtgeschichte
„Stell dir mal vor, du bist dein Leben lang nervös, merkst alles, bist ständig auf der Hut. Ich wurde schon nervös geboren. Ich war illegal. Jedes Jahr, jeden Tag, jede Minute konnte es passieren.“ Die afghanischen Eltern von Elyas Jamalzadeh lebten schon im Iran, als er auf die Welt kam. Er wurde als Flüchtling geboren. 2014 macht er sich auf den gefährlichen Weg nach Europa. Mit beeindruckender Unmittelbarkeit wird hier eine Reise beschrieben, die man kaum überleben kann. Dass Jamalzadeh Humor und Ehrgeiz nie eingebüßt hat, hilft ihm beim Ankommen in einem fremden Land. Er lernt Deutsch, beginnt eine Ausbildung und verliebt sich. Ein tragisches, ein komisches Buch, ein Buch, das niemanden kaltlässt!

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FALTER-Rezension

"Ich träume immer noch von DIESER NACHT"

Viele Menschen müssen flüchten, Elyas Jamalzadeh wurde schon auf der Flucht geboren. Jetzt steht der Name des in Oberösterreich gelandeten Teheraners auf dem Cover eines Buches. Es sollte zur Pflichtlektüre werden

Elyas Jamalzadeh ist ein gefragter Mann. Hat er seine Arbeit in einem Eferdinger Friseursalon beendet, stehen dieser Tage viele Medientermine an. Der Grund ist das Buch "Freitag ist ein guter Tag zum Flüchten". Es erzählt seine Geschichte, aufgeschrieben hat sie sein Freund Andreas Hepp. Jamalzadeh kann sie aber genauso gut selbst erzählen. Das Gespräch fand in seiner Wohnung in Linz statt, die er mit viel Liebe zum Detail dekoriert hat.

Falter: Herr Jamalzadeh, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Bilder von Menschen auf der Flucht aus der Ukraine sehen?

Elyas Jamalzadeh: Flüchtlinge verbinden wir mit Ländern wie Irak, Syrien, Afghanistan, Iran. Aber diesmal kommen sie aus Europa. Ansonsten ist es gleich: Die normalen Leute verlieren immer am meisten. Sie verlieren ihr Haus, ihre Wohnung, Familienmitglieder, Freunde. Alles, was sie haben. So ging es auch meinen Eltern, als sie von Kabul nach Teheran flohen.

Warum mussten Ihre Eltern Afghanistan verlassen?

Jamalzadeh: Die Großeltern auf beiden Seiten waren wichtige Personen. Vor 40 Jahren zumindest war Schuldirektor zu sein in einem Land wie Afghanistan eine relativ bedeutende Position. Das ist später ein Problem geworden. Das Haus meiner Eltern wurde bombardiert. Eine meiner Schwestern wurde entführt und jeden Tag erhielten meine Eltern Nachrichten, dass jemand kommen und ihnen die anderen Töchter auch wegnehmen würde.

Was sagen Sie, wenn Leute in Österreich über Wirtschaftsflüchtlinge schimpfen?

Jamalzadeh: "Die kommen nur, damit sie mehr Geld verdienen und etwas nachhause schicken können", Aussagen dieser Art höre ich immer wieder. Aber das stimmt nicht. Ich wünsche mir, dass die Leserinnen und Leser meines Buches ein anderes Bild der Menschen bekommen, die sich auf den Weg nach Europa machen. Meine Frau ist Deutschlehrerin. Sie hat Richter, Anwälte und Ärzte in ihren Kursen, die von Grund auf Deutsch lernen müssen. Welcher Anwalt in Österreich kann sich vorstellen, sein Leben hier aufzugeben und irgendwo eine fremde Sprache zu lernen? Völlig undenkbar. Diese Menschen haben lang studiert und hart gearbeitet. Hier müssen sie wieder bei null anfangen.

Ihre Fluchtgeschichte ist eine besondere. Bis Sie 2015 nach Österreich kamen, waren Sie ständig auf der Flucht bzw. lebten als Kind und Jugendlicher mit Ihrer Familie ohne Papiere im Iran. Was ist das für ein Leben?

Jamalzadeh: Wenn man es positiv sehen will, wirst du jeden Tag erwachsener. Aber das ist nicht positiv. Ein kleines Kind sollte die Kindheit genießen. Ich musste raus und versuchen, Geld zu verdienen, damit ich zumindest Brot nachhause bringen kann. Mein Grundgefühl war Nervosität. Ich hatte ständig Angst, dass mich die Polizei erwischt. Damals hatte ich noch kein Handy. Man hätte mich nach Afghanistan abschieben können, ohne dass meine Eltern davon erfahren hätten. Das war meine große Angst, mit der ich irgendwie leben musste. Ich wurde auch erwischt.

Was hat die Polizei mit Ihnen gemacht?

Jamalzadeh: Die nahm mich nur für ein paar Minuten fest, damit ich Angst hatte und danach nicht mehr auf dem Platz stehen würde. Die Anzeigen kamen von Geschäftsleuten. Sie verkauften die gleichen Waren, nur hatte ich sie viel billiger. Die Polizei hat mir die Sachen abgenommen. Ich habe mich schnell auf den Boden geworfen und zu weinen angefangen. Weinen war immer ein guter Ausweg.

Ab wann gingen Sie arbeiten?

Jamalzadeh: Ich war ungefähr acht, neun. In die Schule zu gehen war nicht möglich, denn das war im Iran für Flüchtlinge viel teurer. Es gab also keine andere Wahl. Geld war meinen Eltern immer wichtig. Das stört mich bis heute. Es ist wie ein Messer.

Wie meinen Sie das?

Jamalzadeh: Meine Eltern haben leider andere Werte als ich. Wenn ich mit einem Zeugnis mit gutem Erfolg komme oder ihnen mein Buch zeige, freuen sie sich natürlich darüber. Noch mehr würden sie sich aber freuen, wenn ich einen tollen Job hätte, wo ich gut verdiene. Ich muss aber keinen Mercedes fahren. Meine Frau kommt aus Bad Goisern, die ist sowieso bodenständig. Da gibt es kein Gucci.

Endete Ihre Kindheit an dem Tag, als Sie anfingen, auf der Straße zu arbeiten?

Jamalzadeh: Genau so ist es. Die Kindheit ist gestorben. Ich musste die Rolle eines Erwachsenen spielen, der sich mit allem gut auskennt, der sich und sein Geschäft verteidigt. Ich kannte es nicht anders. Für mich war das schnell normal. Jetzt in Österreich erlebe ich als Friseur oft Kinder. Die sind so alt wie ich damals und können teilweise ohne ihre Eltern nicht einmal richtig mit mir sprechen. Oder sie nehmen sich einen Schlecker. Am Anfang habe ich mir gedacht: Wie krank, das sind doch keine kleinen Kinder mehr. Aber dann ist mir klar geworden: Die machen das schon richtig. Die Person, die etwas verloren hat, bin ich.

Wie haben Sie die Jahre als Straßenhändler überstanden?

Jamalzadeh: Ich habe zum Teil auch blöde Sachen gemacht, mit Tabletten und so. Ich hatte zahlreiche Unfälle und Auseinandersetzungen, davon sind viele Narben geblieben. Es hätte auch schiefgehen können, aber ich bin ein Glückspilz. Ich habe immer versucht, ein gutes, offenes Herz zu haben. Ich wollte meine Mitmenschen nicht verletzen, dabei ist das in Ländern wie dem Iran eigentlich normal. In Teheran musst du fressen, damit du nicht gefressen wirst. Ich habe trotzdem versucht, für kleinere Kinder da zu sein. Vielleicht wurde das belohnt.

Es gab noch Jüngere, die arbeiten mussten?

Jamalzadeh: Manche Eltern sind drogensüchtig und schicken schon Fünfjährige mit Gewalt arbeiten. Diese Kinder haben Angst, nachhause zu gehen, weil sie zu wenig verdienen. Und sie haben Angst rauszugehen, weil es gefährlich ist. Es gab ein Mädchen namens Mariam, auf das ich ein bisschen aufgepasst habe. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich an sie denke. Eines Tages war sie verschwunden. Keine Ahnung, wo sie ist und ob sie überhaupt noch lebt. Ich habe sie auf meinen Fuß tätowiert, weil sie ein Teil meines Lebens ist. Wir kennen solche Geschichten von Kinderarbeit aus dem Fernsehen, vor allem aus Indien. Aber wenn man es selbst erlebt hat, ist es etwas ganz anderes.

Hat Sie diese Zeit zum Kämpfer gemacht?

Jamalzadeh: Bestimmt. Es hört sich gut an, wenn Sie sagen, ich sei ein Kämpfer. Aber der Weg bis dahin war unglaublich.

Schließlich machten Sie sich mit Ihren Eltern auf den Weg nach Europa. Es brauchte dafür zahlreiche Anläufe. Die Schlepper nennen diese Fluchtversuche "Games". Für Sie hätten einige davon tödlich enden können.

Jamalzadeh: "Game" hört sich zynisch an, ist es ja auch. Sie sagen das, um dich zu motivieren: "Los, heute Nacht haben wir wieder ein Game!" 60 Leute waren unterwegs zu einem Bus. Wir gingen zwei Tage lang zu Fuß, freuten uns die ganze Zeit auf diesen blöden Bus. Und dann war der winzig. Die jungen Männer konnten am schnellsten laufen und saßen als Erste drin. Für mich und meine Eltern blieb kaum Platz. Mein Papa war im Kofferraum, ich und meine Mama waren am Rücksitz. Sie bekam keine Luft. Drei Personen lagen auf uns. Wir waren dankbar, dass die Polizei uns erwischt hat, sonst wären wir erstickt. Es ist wichtig, solche Fluchtgeschichten zu erzählen.

Wie funktioniert das Spiel der Schlepper?

Jamalzadeh: Du suchst dir einen Schlepper, und am Anfang macht er dir schöne Augen. Er sagt dir, dass der Weg ganz leicht ist. "Du schaffst das. Deine Eltern auch. Es ist nicht weit. Eine Stunde nur." Aber dann siehst du diese Person nie wieder. Und du gehst zwölf Stunden am Stück. Zwei Wochen lang. Du hast kein Wasser, nur Brot und Datteln. Du musst die schlimmsten Wege gehen, abseits der Straße, damit dich niemand sieht. Kurz vor dem Ziel musst du vielleicht wieder umdrehen, weil Polizei in der Nähe ist.

Sie haben es einmal erfolgreich mit einem Schlepper aufgenommen. Wie kam das?

Jamalzadeh: Der Mann lebte in Österreich und hat viel Geld von uns genommen. Die Überfahrt nach Griechenland mit einem Schlauchboot haben wir nur knapp überlebt. Ich träume immer noch von dieser Nacht und habe bis heute Angst vor Wasser. Später habe ich den Mann in einem Videoanruf damit konfrontiert und heimlich mitgefilmt. Wahrscheinlich wäre ich nicht auf diese Idee gekommen, wenn ich nicht als Junge auf der Straße gearbeitet hätte. Zum Schluss des Telefonats habe ich ihm gesagt, dass ich alles aufgenommen habe und er uns das Geld zurückgeben soll. Sonst würde ihm meine Tante, die damals schon in Österreich war, die Polizei schicken. Plötzlich war er sehr freundlich.

Wie war die Ankunft in Österreich?

Jamalzadeh: Ich bin aus dem Kofferraum gestiegen und wusste nicht, wo ich war. Solche Häuser und so saubere Straßen hatte ich davor nur in Filmen gesehen. Ich dachte mir: Bist du g'scheit, wo bin ich gelandet? Es muss ein reiches Viertel in einem Außenbezirk von Wien gewesen sein. Da traf ich einen netten Mann. Hoffentlich liest er das und meldet sich bei mir. Ich möchte mich bei ihm bedanken.

Was hat er für Sie gemacht?

Jamalzadeh: Er hat Geld gewechselt, ein Taxi angerufen und mir noch ein paar Euro in Münzen gegeben. Manche Leute werden sich denken, das ist nicht viel. Aber in dieser Situation war der Mann ein Retter. Er hatte ein offenes Herz und hat geholfen. Wenn ich darüber nachdenke, kommen mir immer die Tränen. Ich hoffe, das passiert mir nicht bei meinen Lesungen.

Sie haben in Traiskirchen gleich am ersten Tag begonnen, Deutsch zu lernen. Woher kommt dieser Antrieb?

Jamalzadeh: Mir war bewusst, dass Österreich ein Land ist, wo ich eine bessere Zukunft haben kann. Die anderen Neuankömmlinge sind rausgegangen, ich habe versucht, das ABC zu lernen. Ich war mein ganzes Leben auf der Straße, das hatte ich hinter mir. Heute bin ich mir selbst sehr dankbar, dass ich das gemacht habe. Ich kann hier sitzen und stundenlang mit Ihnen reden, ohne ins Stocken zu kommen. Aber ich hatte auch Glück und habe die richtigen Personen kennengelernt, die mir unglaublich viel geholfen haben. Mit meiner Schwiegermutter habe ich übers Telefon Deutsch gelernt.

Sie kamen dann nach Bad Goisern, wo Sie auch Ihre jetzige Frau kennenlernten. Alle seien stets so nett gewesen, sagen Sie im Buch. Es gab doch sicher auch weniger schöne Begegnungen? Jamalzadeh: Das stimmt schon. Aber ich habe als Kind schlimmere Sachen erlebt. Als Afghane war ich in Teheran ein Mensch zweiter Klasse. Schlechte Reaktionen nehme ich nicht so ernst und vergesse sie recht schnell. Natürlich könnte man sich darüber ärgern, dass ein Oberarzt im Krankenhaus, der mehrere Sprachen gelernt hat, nicht einmal versucht, meinen Nachnamen richtig auszusprechen, und stattdessen "Herr Jamaldingsbums" sagt. Das ist ein indirektes "Scheiß Ausländer". Aber mir sind meine Ziele wichtiger als das, was rundherum passiert. Es gibt immer Leute, die dir Steine in den Weg legen. Aber du darfst dich nicht auf jeden kleinen Stein konzentrieren. Mir sind hier so viele schöne Dinge passiert. Ich war einmal ein wertloses Kind. Meine Schwiegermutter war der erste Mensch, der zu mir gesagt hat: "Ich bin stolz auf dich." Ein unglaubliches Gefühl, das kann einem Red Bull nicht geben.

Wie sehen Ihre Pläne aus?

Jamalzadeh: Das Friseurgeschäft, wo ich arbeite, ist meine zukünftige Firma. Mein Chef geht in ein paar Jahren in Pension. Er sagt, ich soll sein Nachfolger werden. Ich hoffe, dass die Angestellten bleiben und das Geschäft gut läuft. Privat habe ich auch viel vor. Meine Frau und ich haben 2020 in Haibach ob der Donau, wo der Fluss eine Schlinge macht, einen Baugrund gekauft. Heuer werden wir mit dem Hausbau beginnen.

Wie geht es Ihren Eltern?

Jamalzadeh: Gut. Sie leben in Eferding. Irgendwann wollen sie in eine große Stadt ziehen, wie sie es von Kabul und Teheran gewohnt sind. In Österreich bleibt da fast nur Wien. Ich bin ja auch ein Stadtmensch. Aber meine Frau ist ein Dorfkind. Das wird gut passen. Ich werde am Balkon meinen Kaffee trinken und zusehen, wie die Kinder auf dem Trampolin springen.

Haben Sie schon die österreichische Staatsbürgerschaft?

Jamalzadeh: Nein, aber ich habe sie kürzlich beantragt. Es ist voll schade, dass ich nicht in Österreich geboren wurde. Ich kann mit Stolz sagen, dass es trotzdem mein Heimatland ist. Hier habe ich meine ersten Dokumente bekommen, nachdem ich in Traiskirchen meine Fingerabdrücke abgegeben habe. Das ist mein Geburtsdatum. Seit 2. Februar 2015 existiert Elyas Jamalzadeh auf dieser Erde.

Danke für das Gespräch.

Jamalzadeh: Darf ich noch etwas sagen? Ich möchte Österreich danken. Hier sind die Kinder frei, können in die Schule gehen und etwas nach ihren Interessen machen. Die Leute sollen schätzen, wie gut es ihnen hier geht. Es ist nicht überall so.

Sebastian Fasthuber in Falter 10/2022 vom 11.03.2022 (S. 4)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552072893
Erscheinungsdatum 14.02.2022
Umfang 256 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul
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