Die Qualen des Narzissmus

Über freiwillige Unterwerfung
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Nach „Ich und die Anderen“ geht die Philosophin Isolde Charim in ihrem neuen Buch der Spaltung der Gesellschaft auf den Grund.
Wie kommt es, dass wir uns den Verhältnissen unterordnen? Oder mit Spinoza gefragt: Wie kommt es, dass „die Menschen für ihre Knechtschaft kämpfen, als sei es für ihr Heil“? Diese Frage gilt es zu allen Zeiten neu zu stellen, erst recht jedoch in Zeiten von Krisen und Verunsicherungen. Die Antwort heute muss lauten: Es ist der Narzissmus, der Narzissmus als gesellschaftliche Forderung an jeden Einzelnen: Du musst mehr werden, als du bist, du musst zu deinem Ideal werden. Was aber bedeutet es für die Gesellschaft, wenn dieses antigesellschaftliche Prinzip zur herrschenden Ideologie wird? Mit beeindruckender Klarheit erklärt die Philosophin Isolde Charim, was uns dazu bringt, uns freiwillig den „Qualen des Narzissmus“ zu unterwerfen.

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FALTER-Rezension

Die Telefonate der russischen Soldaten

Die New York Times veröffentlichte dieser Tage Mitschnitte von Telefonaten, die russische Soldaten von der Ukraine aus mit ihren Verwandten oder Freunden führten. Es sind dies Anrufe aus dem Feindesland bei den Liebsten daheim.
Solche Anrufe sind nicht grundlos verboten in einer Armee. Denn sie bilden in vielerlei Hinsicht eine Schwachstelle. Emotional durch die Rückbindung der Männer an zuhause. Nachrichtentechnisch durch die Möglichkeit, mitgehört zu werden. Genau das ist hier passiert: Die ukrainische Regierung - also der Geheimdienst und die Strafverfolgungsbehörde -hörte mit.

Die Mitschnitte von mehr als 4000 Anrufen aus der Gegend von Butscha wurden der New York Times zugespielt. Diese prüfte und übersetzte sie und publizierte nun eine Auswahl.

Eine solche Veröffentlichung bedeutet zweierlei. Zum einen eröffnet sie einen Blick ins Innere der russischen Armee und in den Kriegsalltag. Dieser ist, laut NYT, vernichtend.

Da geht es um Kriegsverbrechen ("Fuck. Da liegen Leichen auf der Straße. Zivilisten liegen einfach auf der Straße herum."). Um Erschießungen von Nichtkombattanten ("Ich bin jetzt ein Killer."). Um Plünderungen ("Alles wurde geplündert. Aller Alkohol getrunken. Das Geld genommen. Alle machen das hier so."). Da geht es um Mangel an Nachschub. Beim Essen. Um alte, untaugliche Ausrüstung. Um Misserfolge und strategische Fehler der Kommandierenden.

Aber der Blick, der hier eröffnet wird, bleibt dabei nicht stehen. Wie jede Kriegsführung so ist auch er ein doppelter. Er nimmt die harten Fakten ebenso ins Visier wie die weichen. Es geht nicht nur um den materiellen Zustand der russischen Armee, sondern auch um die mentale Verfassung der Soldaten.

Diese wird dort bedeutend, wo die Stimmung zu einer Kriegsressource wird. Neben der Ausrüstung, neben der faktischen Kampfkraft, hat die Stimmung der Soldaten eminente Bedeutung. Der Soldat führt im Krieg eine Doppelexistenz: Zum einen ist er Kanonenfutter. Menschenmaterial. Eine grausame Härte, die nicht aus der Bezeichnung, sondern aus dem Geschehen stammt. Und andererseits geht es um seine Einstellung.

Nicht zufällig spricht man von der Moral einer Truppe - und meint damit nicht deren ethische Standards, sondern deren Bereitschaft, deren Motivation, deren Kampfeswillen. Darauf basiert das Durchhaltevermögen einer Armee.

Gemäß dieser doppelten Existenz ist auch die Kriegsführung eine doppelte: materiell und ideell. Dem folgt auch die Publikation der NYT. Neben dem Blick auf die faktische Situation der russischen Armee in der Ukraine eröffnet sie auch einen auf die Verfassung der Soldaten. Und dabei zeichnet sich das Bild einer Krise eben jener Moral.

Da geht es in den Telefonaten um Täuschung ("Niemand hat uns gesagt, dass wir in den Krieg ziehen. Sie haben uns erst einen Tag vorher gewarnt." Oder: "Wir wurden verdammt noch mal reingelegt wie kleine Kinder." Oder: "Sie täuschen die Leute im Fernsehen. Die ,Spezialoperation' ist in Wahrheit ein verdammter Krieg."). Da geht es um Sinnlosigkeit und Erschöpfung ("Ehrlich gesagt, niemand versteht, warum wir diesen Krieg führen."). Da geht es um die Stimmung ("Die Stimmung ist verdammt schlecht. Der eine weint, der andere ist selbstmordgefährdet. Ich habe genug. Sie haben mich in ein Sch loch gebracht. Ich will endlich nach Hause.").

Natürlich gibt es ein taktisches Moment, diese Protokolle zu veröffentlichen. Natürlich gibt es ein taktisches Interesse des ukrainischen Geheimdienstes, diese Gespräche abzuhören. Natürlich geht es da um eine doppelte Kriegsführung. Aber der ganze Vorgang zeigt, was Krieg auch bedeutet: dass der Einzelne durchgestrichen wird.

Und dort, wo er vorkommt, dort, wo es um ihn geht -um seine Einstellung, um seine Emotionen -, dort zählt nur, ob er kriegsförderlich oder kriegsschädlich ist.

in Falter 40/2022 vom 07.10.2022 (S. 8)


Giorgia Meloni: Eine Frau -ein Satz

Giorgia Meloni ist gewissermaßen mit einem Satz in den italienischen Wahlkampf gezogen, aus dem sie nun siegreich hervorgegangen ist. Dieser Satz lautet: "Ich bin Giorgia, eine Frau, eine Mutter, Italienerin, Christin." 2019 schleuderte sie diesen Satz der Menge entgegen. Zwei Mailänder DJs haben dann ein Remix-Video daraus gemacht: den Satz in Endlosschleife mit Musik unterlegt. Aber der Schuss ging nach hinten los. Statt der intendierten Entlarvung wurde der Satz vielmehr Kult. Er enthält nichts weniger als ein gesamtes Programm.
Dabei reicht seine Bedeutung über Italien hinaus. Denn der Satz dockt an den zentralen politischen Rohstoff, den es zurzeit gibt, an -ein diffuses Ressentiment.

Bei jeder neuen Krise kommt dieses immer wieder hoch: bei der Flüchtlingswelle. Bei der Pandemie. Beim Ukraine-Krieg. Bei den derzeitigen Teuerungen. Dieser Bodensatz an Ressentiment ist etwas anderes als Klassenwut oder Klassenhass. Im Unterschied zu jenen ist das Ressentiment ein nicht-begründetes negatives Gefühl, ein heimlicher Groll. Mehr Vorurteil als Forderung. Mehr verirrt als zielgerichtet. Ebenso ohnmächtig wie diffus. Ein allgemeines "Rückschlagsgefühl", wie man das Ressentiment ja auch nennt, ohne konkreten Adressaten. Eine Reaktion auf negative Entwicklungen aller Art: Veränderungen, Krisen, Enttäuschungen.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind die Versuche, diese diffusen Ressentiments politisch zu formieren. Ihnen also eine Form zu geben. Eine Sprache. Eine Richtung. Sie aus der Diffusität in eine Eindeutigkeit zu übertragen. Sie zu übersetzen. In ein politisches Programm. Und genau das bietet der Satz der Giorgia Meloni.

Interessant ist die Reihenfolge, in der sie die Eindeutigkeiten auftreten lässt.

An erster Stelle: "Ich bin Giorgia" - der Vorname genügt, denn er signalisiert: Ich bin eine von euch. Ein Teil von euch. Ein bestimmter Teil. Bestimmt, denn: "Ich bin eine Frau". Das richtet sich selbstbewusst gegen eine Männerdominanz -erlaubt also den Frauenbonus mitzunehmen - und bekräftigt zugleich ihr echtes, natürliches Frausein. Gegen alle "LGBT-Lobbys" (O-Ton Meloni) setzt sie ihr Frausein als biologische Eindeutigkeit. Festgelegt durch ihre nächste Bestimmung: "Ich bin Mutter" - also eine Frau mit einem erfüllten biologischen Auftrag. Im Rahmen einer "natürlichen Familie"(auch das O-Ton Meloni).

Erst wenn das geklärt ist, kann man zur nächsten Bestimmung übergehen - zur Nation: "Ich bin Italienerin". Da wird die Nation zum Hort für biologische Eindeutigkeit - zur sittlichen Einheit von Männern und Frauen, von Familien, die der Natur entsprechen.

Und wenn das geklärt ist, dann kommt noch die letzte Bestimmung: "Ich bin Christin". Damit sind alle Grenzen, alle Bestimmungen, alle Eindeutigkeiten abgesteckt. Alle Fronten befestigt. Alle Definitionen von allen Mehrdeutigkeiten gereinigt und in eine entschiedene Eindeutigkeit gebracht.

Und zum Schluss führt der Satz wieder zu seinem Anfang zurück. Erst da versteht man: Alles verdichtet sich in der einen Person. Alle Bestimmungen treffen sich hier und werden hier verbürgt: "Ich bin Giorgia". Die eine Giorgia.

Allen Vorstellungen einer organischen Gesellschaft zum Trotz steht am Ende die Behauptung einer mehr als selbstbewussten Einzelnen. Einer Einzelnen, die sich in Stellung bringt.

Für das Ressentiment aber bedeutet das: Man weist ihm eine Richtung, man bietet ihm eine Schlagrichtung. Man legt fest, wer man ist -und damit auch, wer oder was man nicht sein möchte.

Auch wenn sich diese Richtung nur in einer völligen Paradoxie behauptet: gegen den Linksliberalismus mit seinen biologischen Uneindeutigkeiten, gegen den konservativen Liberalismus mit seinem globalisierten Kapital setzt man sich so als ein Gegengewicht: als reaktionärer Liberalismus.

In aller Widersprüchlichkeit, die das bedeutet.

Isolde Charim in Falter 39/2022 vom 30.09.2022 (S. 9)


Eine Unterwerfung, die als Ermächtigung erlebt wird

Ausgangspunkt ist ein altes Erstaunen: Warum sind wir mit dem Bestehenden einverstanden? Ob dieses uns zum Vorteil gereicht oder nicht. Wir mögen hie und da murren - aber im Großen und Ganzen willigen wir in die Verhältnisse ein. Freiwillig. Woher rührt diese Freiwilligkeit?
Im Jahr 1546 oder 1548 hat der französische Autor Étienne de La Boétie eine "Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft" geschrieben. Er hat damit eine vielzitierte Formel geprägt, die die Freiwilligkeit mit der Knechtschaft verbindet: die paradoxe Mischung eines freiwilligen Zwangsverhältnisses.

Wie kann es sein, fragt Étienne de La Boétie, dass so viele Menschen, ganze Dörfer, Städte, Völker einen einzigen Tyrannen erdulden? Und seine Antwort lautet: Der Herrscher hat nicht mehr Macht, als man ihm gibt. Auch der Tyrann nicht. Er hat nur so viel Macht, wie man ihm zugesteht.

Das Geheimnis der Herrschaft liege also im Einverständnis der Beherrschten. Die Unterdrückten akzeptierten ihre Unterdrückung freiwillig. Das ist die paradoxe Lektion, die La Boétie seinen Zeitgenossen gibt. Und er ruft ihnen zu: Ihr seid es, die ihn mächtig machen! Die Macht der Tyrannen ist eure Freiwilligkeit!

La Boéties Paradoxon ist ein ebenso anhaltendes wie veränderbares Phänomen. So geht es heute nicht um freiwillige Knechtschaft, sondern um freiwillige Unterwerfung. Ein wichtiger Unterschied. Denn der Unterworfene ist nicht der Knecht eines Herrn - er fügt sich vielmehr in die Verhältnisse. Er fügt sich ein.

Im Unterschied zur Knechtschaft ist dies eine Unterwerfung, die sich selbst nicht als eine solche versteht. Sie wird vielmehr als Einverständnis erlebt -als Einverständnis mit dem Bestehenden, als Akzeptanz der Gesellschaftsordnung. Mehr noch.

Die Freiwilligkeit dieses verkappten Zwangsverhältnisses erscheint als ihr Gegenteil: eine Unterwerfung, die als Ermächtigung erlebt wird. Die Wirkmächtigkeit solcher freiwilligen Unterwerfung kann gar nicht überschätzt werden. Denn diese ist die weitreichendste, effi zienteste Form, wie eine bestehende Ordnung, wie bestehende Verhältnisse gestützt, getragen, perpetuiert werden. Mit und gegen die eigenen Interessen.

Freiwillige Unterwerfung

Die These dieses Buches lautet: Narzissmus ist die Art, wie wir uns heute freiwillig unterwerfen.

Narzissmus ist das Gegenteil einer ausgeprägten, selbstgewissen Eigenliebe. Das ist keineswegs selbstverständlich, gelten doch Narzissmus und Egoismus im Alltagsverständnis als gleichbedeutend.

Beim Narzissmus steht aber nicht das Ich im Zentrum, sondern das Ich-Ideal, das eine eigene Instanz der Psyche ist. Narzissmus ist der Bezug zu diesem Ideal, das uns das Bild des besseren Ichs vorgibt. Dieses ist, wie es bei Freud heißt, "im Besitz aller wertvollen Vollkommenheiten". Als Ideal ist es nicht nur für immer uneinholbar. Es verweist das Ich auch in eine ewige Unzulänglichkeit.

Narzissmus bedeutet also freiwillige Unterwerfung unters Ich-Ideal. Freiwillige Unterwerfung unter die höhere Form des Ichs. Freiwillige Unterwerfung unter das Bild von "sich", mit dem man nie übereinstimmen wird. Welches man aber ständig zu verwirklichen sucht.

Prinzip Narzissmus

eine Gesellschaft, wenn sie mittels eines anti-gesellschaftlichen Prinzips wie des Narzissmus funktioniert? Selbst in der klassischen kapitalistischen Gesellschaft folgte nicht alles der Logik des Kapitals. Es gab immer auch Bereiche, die davon ausgenommen waren. Etwa die Bildung, die Kunst, die Kultur, die Familie, die Liebe.

Das, was in der Sphäre des Marktes erforderlich war - Egoismus, Verfolgung des Eigennutzes, Durchsetzungsfähigkeit -, sollte also in den anderen Sphären durch Prinzipien wie Altruismus, Loyalität, Fairness beschränkt werden. In diesem Sinne war die bürgerliche Marktgesellschaft also, so Dubiel, eine "paradoxe Formation". Sie stabilisierte sich gerade durch ihre anti-kapitalistischen Prinzipien.

Es gibt aber auch Gegenprinzipien, die nicht moralisch, also bremsend, einschränkend, eindämmend sind. Genau das ist der Fall beim heute vorherrschenden Narzissmus.

Wir haben auch heute keine Gesellschaft der einen reinen Marktlogik -deren Folgekosten eine narzisstische Pathologie wäre. Wir haben vielmehr auch heute zwei unterschiedliche Funktionsweisen. Narzissmus ist kein Symptom einer mono-logischen Kapitalgesellschaft - kein pathologisches Symptom eines Nicht-Funktionierens.

Narzissmus ist ein Gegenprinzip ganz neuer Art. Dieses wirkt nicht begrenzend, sondern vielmehr steigernd, exaltierend, stimulierend. Wie grundlegend neu der Narzissmus als Gegenprinzip ist, lässt sich daran ermessen, wie sehr eben solche narzisstischen Tendenzen als anti-gesellschaftlich bis vor kurzem noch eingedämmt wurden.

Wie viel Moral und gesellschaftliche Autorität wurde aufgeboten, um eben diese zu begrenzen -von der Pflicht als Einschränkung der Selbstliebe bis zur moralischen Verurteilung aller selbstsüchtigen Begierden. Heute ist der Narzissmus von einem zu bekämpfenden Übel zu einem Antriebsmodus geworden.

Antrieb Erfolg Es ist eine Binsenweisheit, dass Erfolg für unser gesellschaftliches Sein zentral ist. Aber was bedeutet Erfolg -und warum laufen die Menschen diesem mit größtem Aufwand hinterher?

Erfolg bedeutet Anerkennung im Sinne von Affi rmation, von Bestätigung. Und dies in all seinen Formen: vom flüchtigen Lob bis zum tosenden Applaus. Das Verlangen, das Streben ebenso wie die Erwartung, die Forderung, die sich Erfolg nennt, durchzieht und taktet die gesamte Gesellschaft: vom System der "kleinen Chefs" - also den hierarchischen Abstufungen innerhalb eines Unternehmens - bis hin zu den Stars und der Prominenz. Erfolg reicht von den kleinen Gratifikationen bis hin zum rauschenden Triumph.

Aber was genau passiert dabei? Lernen wir "im Spiegel des anderen Bewusstseins" unser Selbst kennen? Werden wir im Erfolg als Person wahrgenommen?

Aus unserer Perspektive ist dies eindeutig zu verneinen. Erfolg bedeutet nicht, als Person wahrgenommen zu werden. Sonst könnte der Erfolg nämlich keine narzisstische Befriedigung verschaffen. Eine solche kann es nur geben, wenn diese aus dem Ich-Ideal kommt.

Im Erfolg, in der Aufmerksamkeit, im Lob, im Applaus werden wir also nicht als Person, nicht in unserem Ich wahrgenommen. Ganz im Gegenteil: Im Erfolg verdoppeln wir uns gewissermaßen.

Das gilt ebenso vor einem vollen Haus wie bei einer anerkennenden Erwähnung in der Alltagsarbeit. Ob im flüchtigen Moment des Lobs oder im anhaltenderen des Applauses oder gar des Ruhms - die Struktur bleibt gleich.

Auch wenn die Dosierung, die Intensität und vor allem die gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen massiv variieren -die Struktur des Vorgangs bleibt durch alle gesellschaftlichen Bereiche gleich.

Im Erfolg verdoppelt man sich, da man als Verkörperung des Ideals, des idealen Ichs wahrgenommen wird. Er ist die äußere Bestätigung, dass man dem Ideal "entspricht". Dass man es "erfüllt". Dass man mit der Vollkommenheit des Ideals ein Stück weit "übereinstimmt" - in welcher Dosierung auch immer.

Im Erfolg verdoppeln wir uns in eine profane und in eine erhabene Gestalt, so könnte man in Anlehnung an die mittelalterliche Vorstellung von den "zwei Körpern des Königs" sagen. Nach dieser Fiktion vereint der König zwei Körper in sich: seinen natürlichen, sichtbaren und den erhabenen, unsichtbaren Körper des Volkes.

Uns dient diese Fiktion hier lediglich als Analogie für das, was wir im Erfolg erfahren: die zwei Köper des Ichs sozusagen. In dieser Verdoppelung ist der profane Körper, die profane Gestalt diejenige unseres Ichs - die "erhabene" Version aber ist diejenige unseres Ideal-Ichs. Im Erfolg, in jedem Erfolg, wird man (kurzfristig oder anhaltend) zur Verkörperung seines Ideals. Im besseren Fall wird man zur Inkarnation -im schlechteren Fall zum "Darsteller seines Ideals", wie man mit Nietzsche sagen könnte.

Im Erfolg, in der Aufmerksamkeit, im Lob, im Applaus wird man als Verkörperung des Ideals wahrgenommen. Von daher rührt auch das Triumphgefühl, das sich in solchen Momenten einstellt: Es ist der Triumph, seinem Ideal-Ich zu entsprechen - ob dies nur ein Aufblitzen oder anhaltender ist. Dieses Triumphgefühl ist die "narzisstische Befriedigung". Man gewinnt sie aus der bestätigten Erfüllung des Ich-Ideals.

Was aber ist dieses Ich-Ideal, das wir erfüllen sollen? Das Ich-Ideal ist eine psychische Instanz, die als Vorbild das Ich fordert, beobachtet und am Ideal misst. Das Ideal-Ich wiederum ist jener Teil, der dazu das entsprechende Bild bereitstellt: das Bild der Vollkommenheit, des vollkommenen Ichs. Dieses Bild ist ebenso wie das Ideal insgesamt jeweils verschieden: Denn es umfasst sowohl einen ganz individuellen Anteil als auch das kollektive Ideal einer Familie, eines Standes, einer Nation -wie wir bei Freud gesehen haben. Es ist also das individualisierte Ideal einer Zeit, eines Milieus, einer Klasse. Insofern ist das Ideal variabel.

Das Ich-Ideal ist ein Vorbild, ein vollkommenes Ich. Als Bild präsentiert es uns eine Vollkommenheit, die darin besteht, größer, besser als das Ich zu sein. Narzissmus bedeutet also eine Steigerung. Die Formel des Narzissmus ist somit die Steigerung des Ichs, das Über-sich-Hinauswachsen -als Annäherung an das Ideal.

Narzissmus bedeutet Streben nach dem Ideal - ein Streben, das zugleich Steigerung hin zum Ideal und damit Unterwerfung unter dieses ist.

Die narzisstische Lebensführung Narzissmus bedeutet also eine Herrschaft des Ich-Ideals. Es ist dies eine Herrschaft ganz eigener Art. Diese funktioniert nicht über Gesetze, sondern über Regeln. Dieser Gegensatz von Gesetz und Regel ist zentral. Denn er impliziert verschiedene Arten der Verpflichtung, des Befolgens. Im Unterschied zum Gesetz, das Gehorsam verlangt, leiten Regeln die konkrete Lebensführung. Ziel der Regeln ist die "Vollendung seiner selbst". Und zu diesem Zweck, um sich zu vollenden, wirkt der Einzelne auf sich ein. Der Zweck ist also das Streben nach dem Ideal. Das ist klar. Wie aber wirkt man auf sich ein?

Durch das, was seit Foucault landläufig als "Technologien des Selbst", als Selbstsorge bekannt ist. Das sind Praktiken, die auf das Selbst ausgerichtet sind. Techniken des Selbstbezugs. Dabei geht es sowohl darum, auf sich zu achten, sich um sich zu kümmern -als auch um alle Prozeduren, um sich zu verändern, zu bearbeiten, zu transformieren.

Hier finden wir uns sofort wieder -in diesem Konzept von Ethik als Regeln der Lebensführung angetrieben durch die Sorge um sich, die Selbstsorge. Wir haben nicht nur vielfältige Formen der Lebensführung, der Regeln -vom Essen über die Gesundheit bis zur Ästhetik. Wir sind heute geradezu besessen von Fragen nach der richtigen Lebensführung, besessen von der Sorge ums Selbst. Eine Besessenheit, die sich in allen Schichten findet. Die Frage dabei lautet immer: Wie erreiche ich mein Ideal? Durch welche Lebensführung? Welche Selbsttechnologien, welche narzisstischen Techniken befördern dieses?

Wir finden uns also in diesem Konzept von Ethik sofort wieder, denn wir leben in Gesellschaften, die Selbstsorge nicht nur erlauben, sondern sogar verlangen. Diese wird nicht nur nicht eingedämmt - sie wird vielmehr eingefordert. Auch wenn es uns so scheinen mag, so ist diese uneingeschränkte Forderung nach Selbstsorge aber alles andere als selbstverständlich. Denn wir sind nicht nur in unsere Selbstsorge verstrickt - wir sind zugleich auch "Erben einer christlichen Moraltradition".

Und diese Tradition sieht in der Selbstlosigkeit die Vorbedingung des Heils, wie Foucault schreibt. Es gibt also einen lange gehegten, lange eingeübten Argwohn, dem jede Sorge um sich verdächtig ist. Dem jede Form der Selbstliebe als unmoralisch erscheint.

Regeln der Unterwerfung

Anders als Gesetze stehen Regeln nicht im Zeichen eines Verbots, sondern im Zeichen einer erlaubten, mehr noch: einer geforderten Erfüllung -einer Erfüllung des Ideals. Zugleich aber ist dieses Ideal unerreichbar. Das Ideal ist also sowohl eine drängende Forderung als auch eine ständige Uneinlösbarkeit. Und genau da haben die Regeln unserer alltäglichen Lebensführung eine besondere Funktion: Diese Regeln, die selbst auferlegt oder akzeptiert -jedenfalls nicht allgemein vorgegeben sind. Die also meine Regeln sind und nur als solche wirken -diese Regeln sind nicht nur Mittel zum Zweck. Sie bergen auch ein Versprechen -das Versprechen, der Weg zum Ideal, der Weg zur Erfüllung zu sein. Die unmögliche Idealerfüllung verschiebt sich in die mögliche Regelerfüllung. Die Regeln werden so zur Übersetzung des unerreichbaren Ideals, zu idealen Mitteln. Anders gesagt: Regeln befolgen wird zum Ersatz des Ideals. Wir umgeben unseren Alltag mit so vielen, mit immer mehr Regeln. Denn diese verschaffen uns eine verschobene Befriedigung - eine Befriedigung im Zeichen des Ideals. Und eben nicht im Zeichen des Verbots

Wobei die Befriedigung, die wir aus den Regeln ziehen, ein erstaunliches Moment hat. Solche Regeln der Lebensführung sind häufig an Übungen, Wiederholungen, Training, Diäten gebunden. Hier bekommen die Qualen des Narzissmus eine besondere Bedeutung. Denn Üben bedeutet immer auch ein Sich-Quälen. Und genau das wird hier produktiv: Man spricht den Qualen Sinn zu. Nicht nur den Sinn einer realen Verbesserung, einer Steigerung - sondern auch jenen einer Beglaubigung. Die Qualen des Übens, das Quälende meiner Regeln beglaubigt die Annäherung ans Ideal. Wir haben hier eine bemerkenswerte Situation: Die Regeln, die uns quälen, sind auch die Regeln, die uns eine verschobene Erfüllung garantieren -das Erreichen des Ideals. Von daher rührt unser leidenschaftliches Verhaftet-Sein, unsere libidinöse Besetzung, ja unsere Obsession mit Regeln, Anleitungen, Plänen aller Art. Wir sind ja besessen von Regulierungen, Quantifizierungen, Messbarkeiten, Leitfäden. Denn sie sind uns Mittel des Ideals.

Leitmotiv gut-schlecht Das Handeln richtet sich heute nicht an Verboten aus, es wird durch die Unterscheidung gut-schlecht geleitet.

Diese Unterscheidung zwischen gut und schlecht hat laut Spinoza ihren Ausgangspunkt in einer Verkehrung: in jener Verkehrung, in der sich die Menschen einreden, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Wenn man alles auf sich bezieht -dann bildet man Begriffe wie gut und schlecht. Denn dann wird man selbst zum Maßstab. Dann ist "gut" das, was einem nützt, was einem wertvoll scheint, was man als angenehm empfindet. Und "schlecht" eben alles, was das nicht erfüllt.

Die Dinge sind also gut oder schlecht nur in Bezug auf mich, nur für mich. Gut-schlecht ist ein subjektives Urteil aufgrund unserer Neigungen, aufgrund unserer Natur - wir würden heute sagen: aufgrund unserer Identität.

Gut ist das, was mit unserer Natur übereinstimmt, und schlecht das, was ihr entgegensteht oder schadet. Spinoza ist da sehr explizit: "So beurteilt der Habgierige viel Geld als das Beste und Geldmangel als das Schlechteste. Der Ehrgeizige dagegen begehrt nichts so sehr als den Ruhm, und schrickt umgekehrt vor nichts so zurück als vor der Scham. Dem Neidischen sodann ist nichts angenehmer als anderer Menschen Unglück und nichts ärgerlicher als fremdes Glück."

Heute ist die Vorstellung von gut-schlecht zur vorherrschenden narzisstischen Ethik geworden.

Genau daran lässt sich ermessen, welch grundlegende Verkehrung dies bedeutet: Gut, ethisch gut, ist nicht das, was man unter moralisch gut versteht. Gut als das, was für mich gut ist - als das, was meine Natur, meine Identität befördert, bestimmt heute unsere gesamte Lebensweise.

Nehmen wir etwa das Essen, dem heute eine derartige Aufmerksamkeit gilt. Hier kann sich die Differenz gut-schlecht in vielfacher Weise einfügen: Als Kriterium des Geschmacks -da ist gut-schlecht eine Frage der Verfeinerung. Als Kriterium des politisch Korrekten - da geht es etwa um faire Produkte. Als Frage der Klimaneutralität - also die Bevorzugung regionaler Produkte. Oder als religiöse Frage -gemäß den religiösen Regeln, die rein und unrein unterscheiden oder Fastenzeiten. Oder als gesundheitliche oder diätetische Frage.

Uns interessiert hier nicht die jeweilige Ausformung, was gut und schlecht ist. Uns interessiert, dass diese Unterscheidung in all diesen Fällen auf die Natur, auf die Identität des jeweiligen Essers bezogen ist. Bin ich ökologisch orientiert, dann sind meine Essensregeln ökologisch. Dann ist ethisch gut, was ökologisch ist. Das leuchtet sofort ein. Denn dies profitiert von der alten, der moralischen Bestimmung des Guten. Das aber ist nur ein Restbestand.

Denn es gilt eben auch für den, der dem reinen Genuss frönt: In diesem Falle ist ethisch gut -im narzisstischen Sinne - das, was diesen Genuss befördert. Gut ist also nicht das, was im landläufigen Sinne als gut gilt -weil ethisch gut ja etwa auch das Nackensteak für den Steak-Esser ist. Also sowohl das, was man "ethischen Konsum" nennt, als auch das Gegenteil davon können "gut" sein.

Im heutigen Kontext ist "gut" kein externer Maßstab, den man anlegt. Im heutigen Kontext bin ich vielmehr mein eigener Maßstab.

So ist das ethisch Gute in Zeiten des Narzissmus zu einer erlaubten Selbstbejahung geworden. Wenn gut aber das ist, was meiner Natur entspricht. Wenn gut das ist, was meine Identität befördert, dann verhandeln wir mit gut-schlecht immer auch das, was ich bin: Man isst nicht nur Fleisch, man ist Fleischesser. Man fährt nicht nur Rad, man ist Radfahrer.

Dann aber bedeutet die Unterscheidung gut-schlecht nicht nur: Was ist gut für mich? Sondern auch: Bin ich gut? Oder nicht? Dann stehe Ich stets auf dem Spiel.

Die narzisstische "Moral" ist nicht nur eine erlaubte Selbstbejahung, sondern auch eine geforderte Bekräftigung der - stets prekären -eigenen Identität.

Sich selbst zum Zentrum, zum Maßstab seiner Welt, zum Kriterium von gut und schlecht zu machen, bedeutet somit auch: alles zum Anlass, zur Gelegenheit fürs eigene Ich zu nehmen. Allem in der Welt mit der Frage begegnen: Was macht das aus mir? Was kann ich dadurch sein? Das zeitgenössische Leitmotiv.

Isolde Charim in Falter 37/2022 vom 16.09.2022 (S. 30)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783552073098
Erscheinungsdatum 26.09.2022
Umfang 224 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Zsolnay, Paul
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