So lügen Journalisten
Der Kampf um Quoten und Auflagen

von Udo Ulfkotte

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: C. Bertelsmann
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Damit Bücher von der Kritik besprochen werden, schicken Verlage großzügig Gratisexemplare zur Rezension aus. Doch nur ein kleiner Teil der Bücher wird tatsächlich besprochen. Was aber geschieht mit dem Rest? Und warum wird trotzdem immer weiter beliefert?

Schon die Zahl der Vorbestellungen ging in die Hunderte. Sechs Wochen nach Erscheinen von "So lügen Journalisten" waren rund 600 Rezensionsexemplare verschickt – jedoch gerade mal ein müdes Dutzend Besprechungen erschienen. Der Autor Udo Ulfkotte, hauptberuflich Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, war entsetzt. Dabei hatte ihn die Pressechefin der Münchner Bertelsmann-Gruppe, Margit Schönberger, gewarnt: Das sei ein Schnorrertitel, wie er im Buch stehe. Viele Journalisten hätten beim Anfordern von "So lügen Journalisten" angedeutet, sie wollten eigentlich nur wissen, ob sie drin vorkommen – dafür stehen die Chancen in Ulfkottes Fallsammlung weiß Gott nicht schlecht. Sein nächster Rundumschlag gegen das Medienwesen ließ nicht lange auf sich warten. Der FAZ-Redakteur, der den vorgesehenen Umschlag hatte einstampfen lassen, weil ihm zugesichert worden war, dass sein Arbeitgeber im Klappentext unerwähnt bleibt, stellte die Namen aller Redaktionen, die Rezensionsexemplare erhalten hatten, kurzerhand auf seine Homepage und markierte diejenigen, deren Rezension erschien. Ulfkotte, der Bücher, die er bespricht, eher kauft, als anzufordern, was er nicht bespricht, wollte ein Exempel statuieren. Verlagssprecherin Schönberger war nicht glücklich über die Indiskretion. Aber irgendwie hatte der Mann Recht. In der Belletristik kommt es nicht selten vor, dass nicht einmal ein Zehntel der anfordernden Rezensenten auch etwas schreibt. Bei den Sachbüchern ist es nicht viel, aber doch merkbar besser. Udo Ulfkotte jedenfalls fand für sein Schnorrer-Outing Applaus bei anderen Verlagen. Damit ließ er es nicht bewenden. Einer seiner ersten Kritiker, der ihn in der Weltwoche selbst der Lüge zu überführen glaubte, wurde von Ulfkotte auf Unterlassung geklagt. Ulfkotte bekam Recht. Mittlerweile sind ein paar Dutzend Besprechungen erschienen, viele mit der berechtigten Kritik, dass Ulfkotte medienanalytisch zu wünschen übrig lässt (lustiger und nicht minder berechtigt wäre der Einwand, dass das Buch als Ratgeber für das gut gemachte Lügen in den Medien wenig taugt, aber das ist ein anderes Thema). Dem Erfolg tat weder der dünne Fluss noch die Stoßrichtung der Rezensionen Abbruch. Gut 20.000 Stück sind inzwischen verkauft.

Zurück zum Stichwort:Was ist ein Schnorrerbuch? Margit Schönberger hat auch gleich ein aktuelles Beispiel. "Das sexuelle Leben der Catherine M." der gleichnamigen französischen Autorin Catherine Millet werde auch von Redaktionen angefordert, die niemals über so ein pornografisches Buch berichten würden. Warum lässt Schönberger freizügig Millets an Schnorrer ausliefern, denen nicht einmal die Mühe bevorsteht, explizite Stellen zu suchen, weil das Buch eine einzige Stelle ist? Der Titel solle eben im Gespräch sein.Auf der Bestsellerliste ist er auch, und zwar weit oben. Die Pressestellen haben noch mehr Gründe, so genannte Leseexemplare zu verschicken, die nicht besprochen werden. Der wichtigste lautet: Kontaktpflege. Wer über andere Verlagstitel geschrieben oder wer einen Ruf als Literaturkritiker hat, soll gesonnen gestimmt werden. Im November und Dezember werden die Programmvorschauen auf das kommende Frühjahr verschickt. In der Falter-Redaktion werden damit halbjährlich ein Dutzend dicker Ordner gefüllt. Wochen vor dem Erscheinen folgen dann gezielt Pressemitteilungen. Auf dieser Basis bestellen die Redaktionen – und kriegen oft mehr als sie eigentlich bestellt haben. Die Pressestellen helfen gerne nach, wenn jemand etwas, wofür er sich doch immer interessiert habe, anzufordern vergisst. Dazu kommt reichlich Output von Publikumsverlagen, die in den großen Feuilletons eher geschmäht werden. So ließ sich bei den Recherchen für diesen Artikel auch klären, warum dem Falter in den letzten Jahren Dutzende unangeforderte Heyne-Neuerscheinungen zugestellt wurden und nicht einmal begründete Ignoranz und notorische Nichtbesprechungen den Bücherstrom versiegen ließen: irgendwann einmal wurden beim Heyne Verlag die umfassenden Interessensgebiete der Falter-Kritiker umfassend registriert. Rezensionsexemplare gelten als billigstes Werbemittel am Buchmarkt und als harmlose Spielart der Korruption. Aus Sicht von Kleinverlagen sieht das gar nicht so harmlos aus. Sie müssen mit Pressegaben knausern, ganz zu schweigen von Inseratenschaltungen, die manche Besprechung erst in eine Publikation hieven. Aus Sicht der Leser stößt bitter auf, dass die Rezensenten die Buchpreise ignorieren. So kommen Taschenbuch-Originalausgaben weit kürzer als ihr Marktanteil. Einige TV-Produktionsfirmen bestellen Neuerscheinungen, als müssten sie sie an Antiquariate verscheuern, um die seltenen Fälle, in denen sie tatsächlich Rechte kaufen, vorzufinanzieren. So wusste die ehemalige S.Fischer-Pressechefin Martina Gollhardt anlässlich ihres Abgangs davon zu berichten, dass die Produktionsfirma von Ilona Kristen schon einmal Max Horkheimers gesammelte Werke bestellte. Und die "Cahiers" des französischen Philosophen Paul Valéry wurden ausgerechnet vom RTL-Morgenmagazin angefordert. Als notorische Bezieher von Leseexemplaren sind außerdem Professoren verschrieen: sie fordern kostenfrei die Bücher, zu deren Kauf sie dann ihre Studenten verdonnern. Publikationen, die wenig oder keine Honorare zahlen, sehen die Bücher als Möglichkeit zur naturalen Vergütung. Das Internet hat manchen Leser zum Freizeitkritiker befördert. Wer aber publiziert, will auch beliefert werden. Eugen Emmerling vom Börsenverein des deutschen Buchhandels empfiehlt, gegenüber Onlinekritikern, die sich naiv für Journalisten halten, strikt zu sein und jedem Adressaten, dessen Rezension nicht automatisch auf den Tisch kommt, einen Beleg abzufordern. Das in vielen Verlagen verbreitete Programm "Eddy" macht ein Kontroll- und Mahnwesen durchaus möglich. Im Berlin Verlag sind Rezensenten nach Zuverlässigkeit kategorisiert. Andere Verlage handhaben einen "Schnorrer"-Vermerk.

Wiederum anders stellt sich die Gratisbuchfrage für Buchredakteure und Großkritiker dar. Schreibstuben und Wohnungen voller gefüllter Regale sind ihr Los. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Kritiker, die monatlich im Auftrag des deutschen Südwestrundfunks eine Bestenliste wählen, nicht einmal mit dem Auspacken der Buchpakete nachkommen. Und Hellmuth Karasek vom Literarischen Quartett hat sich angeblich vor Zeiten einmal damit gebrüstet, sich aus den Erlösen für die originalverpackten Rezensionsexemplare ein Einfamilienhaus gekauft zu haben. In den USA hingegegn scheinen andere Sitten zu herrschen: Jedenfalls wurde dort der Literaturchef des Philadelphia Enquirer gefeuert, weil er die in der Redaktion eintreffenden Gratisbücher an Antiquariate verkauft hatte. Mittlerweile ist auch das nicht mehr ohne weiteres möglich: Viele Verlage drucken in die Rezensionsexemplare gleich auf den ersten Seiten den Vermerk "unverkäufliches Leseexemplar" – um dezent darauf hinzuweisen, dass Bücher zum Lesen und nicht zum Verkaufen bestimmt sind. Beim Falter haben solche Vermerke am Umgang mit den Gratisbüchern wenig geändert, denn hier hielt man sich immer schon an das Gebot der Un(ver)käuflichkeit. Und so gibt es für die nicht besprochenen Leseexemplare, die sich in den Regalen ansammeln, eine alljährliche Weihnachtsamnestie: Sie werden von den Buchredakteuren freigegeben, auf dass sich die Mitarbeiter an ihnen laben mögen. Und so werden die Leseexemplare auch ihrem eigentlichen Zweck zugeführt: der Lektüre.

Klaus Taschwer in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 22)


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