Verteidigung der Globalisierung
Mit einem Vorwort von Joschka Fischer

von Jagdish Bhagwati, Werner Roller

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Pantheon
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Jenseits von Gut und Schlecht

Die Welt ist schlecht. Wir wussten das schon. Klaus Werner-Lobo, der Wiener Autor und Globalisierungskritiker, erinnert uns wieder einmal daran. Dabei erfahren wir viel Bekanntes, aber auch neue verstörende Details.
So mokiert er sich darüber, dass Bill Gates, einer der reichsten Männer der Welt, und Warren Buffet, der reichste Mann der Welt, gefeiert werden, weil sie so viel Gutes tun. Schließlich haben sie ihr Vermögen in eine Stiftung eingebracht, die Hunger, Unterentwicklung und Massensterben in der Dritten Welt bekämpft.
Tatsächlich fließen nur die Gewinne der Stiftung in Hilfsprojekte. Diese Gewinne werden aber mit klassischen Investitionen erzielt. So ist das Stiftungskapital beispielsweise in Aktien von Pharmafirmen investiert, die ihre Patente aggressiv verteidigen – die Stiftungsgewinne werden für medizinische Projekte, etwa zur Aidsbekämpfung in Afrika, verwendet.
Das Stiftungskapital ist also in "Konzerne investiert, die viele der Probleme, die die Stiftung lösen will, in Wahrheit verschlimmern".

Klaus Werner-Lobo, der mit seinem "Schwarzbuch Markenfirmen" bereits einen Bestseller landete, zeigt uns abermals: Wenn wir uns Klamotten kaufen, wenn wir unser Auto volltanken, uns ein neues Handy zulegen, unser Geld zur Bank tragen oder in eine Banane beißen – wir machen uns mitschuldig an Ausbeutung, Kinderarbeit, wir finanzieren Bürgerkriege.
Die Besprechung eines solchen Buches hat immer etwas leicht Unangemessenes. Was Klaus Werner-Lobo anklagt, ist tatsächlich skandalös. Andererseits: Das meiste hat man schon einmal gehört.
Ein wenig vereinfacht ist seine Darstellung schon. Die lässt sich in etwa so zusammenfassen: Die großen Konzerne und Multis haben die Welt geklaut.
Und das hat auf alle negative Auswirkungen. Die Globalisierung führt dazu, dass in der Ersten Welt die Jobs verlorengehen und in den Sweat-Shops der Dritten Welt die Menschen zu Hungerlöhnen arbeiten müssen.
Ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht, aber Werner-Lobos' Buch ist auch kein ökonomisches Sachbuch und der Autor auch kein Professor. Er ist ein Aktivist und ein Vortragskünstler.
Der Hanser-Verlag hat sein Buch mit dem "Jugendbuch"-Mascherl versehen, was den Autor nicht freut, aber es ist schon recht so: Sollten Sie Kinder, Nichten oder Neffen haben, die so 13, 14 oder 15 Jahre alt sind: Kaufen Sie ihnen dieses Buch.

Natürlich könnte man gegen die empörenden Fakten, die Werner-Lobo präsentiert, den einen oder anderen Einwand formulieren. So zeigt auch er die erschütternde Rangliste der Top 100 der "größten Wirtschaftsmächte", auf der sich beinahe so viele Staaten finden wie Konzerne. Die Botschaft: Wal-Mart kann Österreich an die Wand spielen. Freilich: Das Bruttoinlandsprodukt von Staaten ist eine völlig ­andere ­Referenzgröße als der Umsatz von Firmen. Das BIP misst alle Reichtümer, die ein Land produziert. Eine Firma dagegen, die Rohstoffe und Basisprodukte um 99 Dollar einkauft, sie weiterverarbeitet und um 100 Dollar weiterverkauft, hat einen hohen Umsatz, muss aber nicht sonderlich reich sein.
Genug der Mäkelei: Klaus Werner-Lobo referiert genügend empörende Ungerechtigkeiten, und er zeigt oft sehr anschaulich, wie sie zustandekommen.
Als Gegenbuch der Saison kann man ja Jagdish Bhagwatis engagiertes Wirtschaftsbuch "Verteidigung der Globalisierung" zur Hand nehmen.
Das ist natürlich von entschieden anderem Charakter. Bhagwati war einer der führenden Ökonomen Indiens, arbeitete unter verschiedenen Regierungen am Wirtschaftsprogramm des Landes mit, beriet später die Welthandelsorganisation und die UN und unterrichtet heute an der Columbia-Universität in den USA. Bhagwatis Kritik der Globalisierungskritik lässt sich so zusammenfassen: Die Globalisierung macht die Armen reicher. Und vom weltweiten Handel profitieren alle.
Wer sich ein bisschen auskennt mit dem komplizierten Ort, den man "Erde" nennt, der weiß, Bhagwati hat nicht Unrecht: Das Einkommen von 30, 40 oder 100 Euro, das eine Näherin in einer Fabrik in Bangladesch oder China erzielt, ist nicht viel Geld. Aber es ist sehr viel mehr, als sie bis vor kurzem noch verdienen konnte. Und dieses Geld bedeutet Freiheit: Sie kann es sich erstmals leisten, aus ungewollten Ehen auszubrechen, sie kann ihr Dorf verlassen und in die Stadt ziehen.

Wir finden, sie wird ausgebeutet. Sie findet, sie habe erstmals eine Chance im Leben. Das Gleiche gilt für Kinderarbeit: Ja, die gibt es in diesen Ländern. Aber mit zunehmender Entwicklung wächst das Familieneinkommen, es wächst auch die Nachfrage nach qualifizierteren Arbeitskräften: Die Kinderarbeit werde also weniger.
Auch die Ungleichheiten, die in den vergangenen 20 Jahren in den reichen Ländern dramatisch gewachsen sind, seien, so Bhagwati, nicht Folge "der Globalisierung", sondern des technologischen Wandels. Der sei dafür verantwortlich, dass schlecht qualifizierte Arbeitnehmer um immer weniger Jobs konkurrieren.
Das ist schon alles richtig. Und doch auch falsch. Denn Bhagwati definiert sich die "Globalisierung", wie er sie braucht. Weltweiter Handel und wachsende globale Arbeitsteilung sind für ihn Teil der "Globalisierung", die international vernetzten Finanzmärkte, deren zerstörerische Wirkung auch Bhagwati eloquent und kenntnisreich anprangert, nimmt er aber in die Rechnung nicht auf.
Da kann man die Globalisierung natürlich leicht verteidigen, wenn man alles, was schlecht an ihr ist, aus der Bilanz ausscheidet. So gesehen unterscheidet sich
der Gelehrte Bhagwati weniger vom aktivistischen Polit-Clown Klaus Werner-­Lobo, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Robert Misik in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Uns gehört die Welt! (Klaus Werner-Lobo)

Rezension aus FALTER 40/2008

Immer das Schlimmste annehmen

Wer sich unter einem Ökonomen einen trockenen Zahlenhengst vorstellt, der erlebt im Gespräch mit Jagdish Bhagwati seine Überraschungen. Immer wieder bricht der indischstämmige Wirtschaftsprofessor in schallendes Gelächter aus. "Mein Freund Jeffrey Sachs wollte mit seiner Schocktherapie Osteuropa retten. Da wurde nichts draus. Jetzt rettet er eben Afrika". Pause: "Nur mit einer anderen Therapie", lacht er.

Falter: George W. Bush hat in dramatischen Worten von einem drohenden "Kollaps" der US-Wirtschaft gesprochen. Wie ernst ist die Situation?
Jagdish Bhagwati: Wir blicken in ein Fass ohne Boden und wissen nicht, wie weit es nach unten geht. Das Absurde ist: Es begann mit dem Immobiliensystem. Das hat nur wenig mit dem zu tun, was man üblicherweise das "internationale Finanzkapital" nennt. Die Wurzel liegt bei den amerikanischen Hypothekenbanken Freddie Mac und Fannie Mae. Die sind Produkt der uramerikanischen Philosophie, dass jeder ein Haus für sich allein besitzen soll. Diese Banken sind sehr staatsnah. Sehr viele Menschen haben sich Häuser gekauft, die sie sich nicht leisten können. Sie haben Hypotheken auf den Häusern, die falsch bewertet sind, und riskieren Raten, die sie sich nicht leisten können. Und der Staat hat das subventioniert, sodass wir kaum von deregulierten Finanzmärkten sprechen können.
Eine amerikanische Marotte hat also die ganze Welt in die Krise gestürzt?
Bhagwati: Diese Banken haben neue Finanzierungsinstrumente erfunden, damit sich noch mehr Menschen Geld leihen. Die Banker glaubten, mehr Business heißt mehr Profit. Und sie konnten die Risiken steigern, weil sie sich auf Staatsgarantien verließen. Die Banken haben sich die Risiken wiederum versichern lassen, und die Versicherungen haben mit diesen Titeln gehandelt. Erst da kommt das internationale Finanzsystem ins Spiel: Man hat diese Titel bis nach Russland und Deutschland verkauft. Das Kreditvolumen blähte sich auf, aber es war immer weniger abgesichert.
Und was kommt jetzt?
Bhagwati: Man versucht jetzt verzweifelt, die Banken auszukaufen. Letztendlich weiß aber niemand, wie viel Geld man dafür braucht. Ob 700 Milliarden Dollar reichen? Man weiß das nicht. Das System ist in solch intransparenter Weise gewachsen.
Also liegt es doch an dem deregulierten Finanzsystem?
Bhagwati: Eher an der falschen Regulierung. Diese Banken waren mächtig. Sie hatten starke Lobbys. Sie finanzierten die Politiker im Wahlkampf. Und diese Politiker waren dann dafür verantwortlich, sie zu "kontrollieren". Das gesamte Anreizsystem ist hier falsch. Wenn ein Kongressabgeordneter viele Kannibalen unter seinen Wählern oder Finanziers hat, dann wird er dafür sorgen, dass es jeden Tag einen Missionar zum Frühstück gibt. Wie will man in einem solchen System eine vernünftige Bankenaufsicht etablieren?
Kritiker sagen, das sei ein Exem­pel dafür, welchen Schaden unregulierte Finanzmärkte anrichten können. Ist das unrichtig?
Bhagwati: Man muss die Frage stellen, was Regulierung überhaupt tun soll. Es gibt auch falsche Regulierung. Finanzinstitutionen entwickeln immer neue, innovative Finanzierungsinstrumente. Niemand weiß genau, was diese Instrumente anrichten können. Wer aber sagt, diese Dinge können gefährlich werden, muss sich anhören: "Oh, du sperrst dich gegen Reformen." Wir brauchen ein wirklich unabhängiges Aufsichtssystem, das immerzu herausarbeiten muss, was die möglichen Schattenseiten und Risiken einer Innovation sind. Man sollte dazu übergehen, immer das Schlimmste anzunehmen.
Sie sind einer der eloquentesten Anhänger des freien Handels und der Globalisierung, aber auch ein Kritiker freier Kapitalflüsse. Wie geht das zusammen?
Bhagwati: Offene Gütermärkte, offene Märkte für Dienstleistungen haben sehr positive Auswirkungen. Für offene Kapitalmärkte gilt das nicht. Zunächst kann ein Unfall im Finanzsystem zu einem Flächenbrand führen, ein Güterproduzent geht schlimmstenfalls bankrott. Nehmen wir nur den gegenwärtigen Fall: Die Banken glaubten, mit dem weltweiten Handel der Kreditsicherungen werden Risiken verteilt. In Wirklichkeit potenzierten sich die Risiken. Da im Finanzsystem die potenziellen Gewinne unglaublich hoch sind, ist natürlich auch die Versuchung enorm, ex­treme Risiken einzugehen.
Sind Sie also nun ein linker Kritiker des Finanzkapitals oder ein wirtschaftsliberaler Freihandelsfan?
Bhagwati: Sicher bin ich links von der Mitte. Wer für freien Handel ist, der gilt heute schnell als rechts von der Mitte. Aber das ist Unsinn.
Viele Leute würden sagen, die Ungleichheit steigt, die Löhne kommen unter Druck, wie können Sie sagen, dass die Globalisierung ein humanes Gesicht hat?
Bhagwati: Volkswirtschaften, die sich in die Weltwirtschaft integrieren, stehen viel besser da als solche, die das nicht tun. Und wenn wir ökonomische Probleme haben, müssen wir fragen: Wären die geringer, wenn wir uns abschotten würden? Natürlich wären sie noch größer. Wenn wir uns die Dinge nur im Detail ansehen, werden wir feststellen: Wenn sich Gesellschaften in die Weltwirtschaft integrieren, dann bessert sich die Lage der Frauen, auch Kinderarbeit nimmt ab, die Lebensbedingungen der Schwächsten verbessern sich.
Die einstige Dritte Welt gewinnt, die bisher reiche Welt verliert also?
Bhagwati: Stimmt nicht. Natürlich gibt es heute einen wachsenden Druck vor allem auf die schlecht qualifizierten Arbeitnehmer der reichen Länder. Aber alle Daten zeigen, dass das sehr wenig mit der Globalisierung zu tun hat, sondern viel mit dem technologischen Wandel. Die Fließbänder, an denen unqualifizierte Arbeiter einfache Handgriffe machen, die finden sie heute in den USA kaum mehr. Diese Arbeit ist aber auch nicht nach China "ausgewandert", sie wurde durch Automatisierung ersetzt.
Warum die grassierende Zukunftsangst?
Bhagwati: Die Konkurrenz ist einfach härter. So gut kann eine Firma heute gar nicht sein, dass sie nicht aus dem Augenwinkel die Konkurrenz sieht. Und es gibt keinen Bereich, der davon ausgenommen ist. Diese Konkurrenz führt aber auch zu Wohlstand. Sie beschert uns den technologischen Fortschritt, sie schafft auch neue Jobs. Sicher, sie hat auch negative Auswirkungen. Jobs, auch die guten, sind unsicher. Firmen investieren nicht mehr in die Kompetenzen ihrer Mitarbeiter, wenn sich diese Kompetenzen stetig entwerten.
Damit muss man sich abfinden?
Bhagwati: Nein, man muss intelligente Maßnahmen setzen, die die Menschen befähigen, unter diesen Bedingungen zu
bestehen. Ein Wohlfahrtsstaat muss sicherstellen, dass die Menschen im Fall der Fälle nicht ins Nichts rutschen. Was aber nichts hilft, ist "Anti-Globalisierung".
Wir brauchen offene Ökonomien, um all
die Vorteile zu haben, die Offenheit nach sich zieht.

Robert Misik in FALTER 40/2008 vom 03.10.2008 (S. 21)


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