Der Mensch des 19. Jahrhunderts

von Ute Frevert, Heinz-Gerhard Haupt

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Verlag: Campus
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 42/2000

Der Historiker ist der Gott der Vergangenheit. Wie in Michelangelos sixtinischem Fresko erschafft er mit seinen Händen menschliche Wesen und haucht ihnen (neues) Leben ein. Der Finger von Alain Corbin (Augen geschlossen) deutet im Standesamtsregister eines westfranzösischen Provinzarchivs auf Louis-Francois Pinagot (1798-1876). Das Zufallsprinzip hat Methode. Aufgrund der Überlieferungslage nahm die Alltags- und Mikrogeschichte bislang selten die "wirklich" einfachen Leute in den Blick, sondern jene, die mit der Obrigkeit in Konflikt geraten und Prozessakten kreieren, wie etwa Carlo Ginzburgs friaulischen Müller.
Corbins Erwählter ist ein armer, aber gesetzestreuer Holzschuhmacher, ein Analphabet, von dem kein einziges gesprochenes oder geschriebenes Wort überliefert ist. "Auf den Spuren eines Unbekannten" rekonstruiert er minutiös seine Lebenswelt, den Wald von Belleme, seine Familienverhältnisse, seinen mentalen Raum: Corbin fragt, ob er Coitus interruptus praktizierte, mit welchen Instrumenten er seine Holzschuhe glatt schliff und wie er die politischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts erlebte.
Pinagot beginnt aber nicht zu sprechen, immer wieder betont Corbin, dass man nur vermuten könne, was er über die steigenden Brotpreise gedacht oder welchen Vergnügungen er sich hingegeben hat. Diese anthropologische Entdeckungsreise ist unprätentiös geschrieben, hautnah an der Vergangenheit und methodisch gleichermaßen innovativ wie provokant, mit anderen Worten: eine Glanzleistung.Der Mensch des 19. Jahrhunderts" als solcher existiert nicht. Das wissen auch Ute Frevert und Heinz-Gerhard Haupt, die Herausgeber des gleichnamigen Sammelbandes. In Beiträgen wie "Der Arbeiter", "Das Dienstmädchen" oder "Großstadtmenschen" bemühen sich die 13 Autoren um die Beschreibung von Typen, die sie statistisch unterfüttern, in ihren Lebensbedingungen charakterisieren und national variieren. Kurz: ein gediegenes Überblickswerk, eine brauchbare Einstiegslektüre. Der Leser mag sich jedoch fragen, ob dieser (klassische) sozialgeschichtliche Zugang uns den Menschen der Vergangenheit wirklich näher bringt. Ohne kreativen Zeigefinger fehlt dem Durchschnittsmenschen das Gesicht.

Oliver Hochadel in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 33)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Auf den Spuren eines Unbekannten (Alain Corbin, Bodo Schulze)

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