Vom Geist der Maschine
Eine Geschichte kultureller Umbrüche

von Martin Burckhardt

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Campus
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Der deutsche Kulturtheoretiker und Audiokünstler Martin Burckhardt hat untersucht, wie die Maschinen unsere Welt veränderten.

Günther Anders hat einmal die Existenz des Menschen im Zeitalter der dritten industriellen Revolution als die eines "Automatenhirten" beschrieben. Umgeben von einer Schar von Apparaturen, die selbstständig vor sich hin arbeiten, nimmt der ehemalige Homo Faber nun eine passive Rolle ein: Er betrachtet sie, kontrolliert ein wenig und interveniert nur im Störfall. Indem der Alltag des einsamen Hirten in erster Linie von seiner Beziehung zu Dingen und zu Apparaten beherrscht ist – und nicht zu anderen Menschen –, schlägt Anders, halb ironisch, die Begründung einer neuen wissenschaftlichen Disziplin vor, die er "Dingpsychologie" nennt. Die Dingpsychologie soll – in Entsprechung zur Sozialpsychologie – die Beziehung des Menschen zur Dingwelt, im Besonderen zur Apparatewelt, untersuchen. Dazu gehört auch die Beziehung der Dinge zu uns, also "die Art, in der wir uns von unseren Dingen behandelt vorkommen".
Will man den Versuch machen, das neue Buch des Berliner Kulturtheoretikers und Künstlers Martin Burckhardt, "Vom Geist der Maschine. Eine Geschichte kultureller Umbrüche", vielleicht einzuordnen, dann wäre das andersche Institut für Dingpsychologie die beste Adresse bzw. die Unterabteilung "Kulturgeschichte, wie wir uns von unseren Maschinen behandelt vorkommen". Um es vorweg zu nehmen: Burckhardt ist ein glänzendes Buch gelungen, eine brillant geschriebene Sammlung von elf Essays zur Magie der Maschinen – zusammengehalten von einer Einleitung und einem Epilog.
Am Anfang steht die Erinnerung an ein Experiment, das Burckhardt vor einigen Jahren durchgeführt hat. Versuchspersonen können zehn Minuten lang allein in einem Raum ein Band besprechen. Sie könnten auch schweigen, aber keiner tut es. Das einsame Sprechen gerät in vielen Fällen zur Beichte. Wieso ist es möglich, fragt Burckhardt, dass ein Mensch einer Maschine Dinge anvertraut, die er einem Menschen nicht anvertrauen würde? Der Kassettenrekorder hat die Funktion des gesichtslosen Priesterohres hinter der Gitterwand im Beichtstuhl übernommen, und diese Übereinstimmung der Maschine mit dem religiösen Ritual ist nicht zufällig.
Die Rede von Maschinen war stets mit religiösen Vorstellungen verbunden, jede reale Maschine erfüllt auch die Funktion einer Wunschmaschine. Sie bildet eine Projektionsfläche, auf der neben der realen Funktion Wünsche, Begehren, Hoffnung und Angst erscheinen können und immer auch erscheinen. Eine Technikgeschichte, welche die Historie der Maschinen bloß als Abfolge von mehr oder minder erfolgreichen Erfindungen beschreibt, eskamotiert diesen religiös, bisweilen messianisch aufgeladenen, phantasmatischen Charakter der Apparate.
Dieser ist nicht überzeitlich, sondern wandelbar in der Geschichte. Die Räderuhr des Mittelalters etwa diente von Comenius bis Descartes als Beweis für die Existenz Gottes und der unsterblichen Seele; die Schönheit und Perfektion des Universums, das gleichmäßig tickt wie ein Uhrwerk, kündet von der Existenz eines göttlichen Uhrmachers. Im mechanischen Materialismus des 18. Jahrhunderts – bei La Mettrie und d'Holbach – wird die Uhrwerksmetapher aber im Gegenteil dazu verwendet, um die Existenz Gottes zu leugnen: Natur, Mensch und Tier erscheinen nun als sich selbst aufziehende Uhrwerke, weshalb es eine ihnen innewohnende Seele oder einen Gott nicht mehr braucht. Damit scheint die Welt szientistisch entzaubert, die Transzendenz der Immanenz gewichen.
Tatsächlich lässt sich die Geschichte der Mensch-Maschine-Metapher vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart als ein solches Verschwinden des Menschen (im Sinne eines transzendentalen Prinzips) in die Immanenz der Mechanik der Maschine lesen. Gott fällt aus der Welt heraus – zunächst als personale Instanz des Uhrmachers, dann als abstraktes Gewissen, schließlich als geschichtsphilosophisches Prinzip – übrig bleibt nur noch das sinnleere Ticken der Mechanik der Natur.
Die zentrale These Burckhardts ist demgegenüber, dass "die mittelalterliche Transzendenz sich lediglich verschoben und, als Geist in der Maschine, in der Immanenz eingeschlossen hat. Um es zuzuspitzen: Die Maschine wäre demnach eine Art Gottesprogramm, die Verschiebung und Verdinglichung einer transzendentalen Energie." Gleichwohl historisch wandelbar und auf verbesserten technischen Standards laufend, bleibt die transzendentale Energie, das Phantasma, auch in den Maschinen der Gegenwart aufgehoben – nicht zuletzt in der turingschen Universalmaschine, dem Computer.
In seinen Essays verwendet Burckhardt einen weiten Maschinenbegriff. "Maschine" wird nicht allein als dinghafte Apparatur aufgefasst, sondern eher im Sinne von Software als semiotischer, symbolischer oder sogar sozialer Raum. Geld ist demzufolge ebenso eine Maschine wie die freudsche "psychische Apparatur" oder das Alphabet. Gemeinsam ist allen Artikulationsformen der Maschine das Element der Zwangsläufigkeit ihres Funktionierens. Ihre von menschlicher Intervention unabhängige Arbeit konstituiert einen Kreislauf, der nur scheinbar in sich geschlossen ist. Im Gegenteil: Trotz ihrer inhaltlichen Leere bilden Maschinen eher eine Werkstatt, in der Reales wie Fantastisches produziert wird, als ein Werkzeug, das nur einem vom Menschen bestimmten Zweck dienlich ist. Maschinen sind, wie Burckhardt es ausdrückt, "gebärfähig". Obwohl vollständig determiniert, bringen sie ständig unberechenbare Bedeutungen hervor, gerade aufgrund ihrer semantischen Leere sind symbolische Maschinen wie das Alphabet in der Lage, Welt und Natur als Ganzes abzubilden: Sprache als Wunschmaschine als Weltmaschine.
Mithilfe dieses weitgehend dematerialisierten Maschinenbegriffes gelingt es Burckhardt, eine Verbindungslinie zwischen der Genealogie des Geldes – erzählt anhand der Geschichte des Schatzes des Rhampsinitos bei Herodot –, der Vorstellung der Gottesmutter-Maschine Maria im Mittelalter, die in den Himmel "fährt", bis hin zu Babbages "Analytical Engine", Freud und Alan Turing zu ziehen. Was die Geschichten verbindet, ist, wenn ich es recht sehe, eine Kulturgeschichte der Zwänge und der Versuch einer Genealogie: Die "Triebkraft" der Maschine herrscht über ihren Benützer, der "Geist" in der Maschine ist dabei selten ein guter, eher treibt das benjaminsche "bucklicht Männlein" in ihr sein Unwesen.

Die einzelnen Episoden werden von Burckhardt lustvoll jenseits akademischer Zwänge erzählt, mit stilsicherem Gefühl für Pointen und für riskante, aber nicht tolldreiste Metaphern. Ein Ganzes, im Sinne eines sinnerfüllten Fortschritts einer Kulturgeschichte, die wie auf Schienen durch die Historie in die Zukunft gleitet, ergibt sich nicht. Statt Flutlicht werden kurze, grelle, aber präzise Spots auf Bruchstellen der Technikmetaphern gerichtet. Sie sind Burckhardt Fundstellen für kulturelle Zäsuren
in der Mensch-Maschine-Beziehung. Manchem "Bierprofessor" (M. Duchamp), der gerne einen geordneten Fahrplan in der Tasche hat, wenn er verreist, wird die assoziative Sprungkraft Burckhardts auf seinem Weg durch die Geschichte den Atem verschlagen, aber sie sind nicht seine idealen Begleiter.
Wer wären dann die idealen Leser? Wäre die Artificial Intelligence ein paar Schritte weiter, und könnte sie ein geheimnisvolles Interface zwischen Menschen und Maschinen entwerfen, sodass Maschinen Bücher lesen und verstehen könnten, ich würde Burckhardts Buch allen Apparaten ans Herz legen: zum besseren Verständnis ihrer Hirten. Bis dahin lesen wir selbst.

Ernst Strouhal in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 38)


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