Die Anarchie der Vorstadt
Das andere Wien um 1900

von Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Campus
Format: Taschenbuch
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 238 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.09.1999

Rezension aus FALTER 49/1999

Die verbotene Stadt

Arthur Schnitzler drehte schon in der Albertgasse um. Sigmund Freud blieb lieber der noblen universitären Abgeschiedenheit im Alsergrund treu. Robert Musil wagte nur von der Stadtbahn aus einen Blick über den Gürtel. Denn dahinter, in der Vorstadt, lauerte die Anarchie.

Wien um 1900. Eine Prachtgeschichte. Gustav Klimt hüllt seine Frauenfantasien in Gold. Otto Wagner plant die neue Stadt und wird sie dennoch nicht errichten. Arthur Schnitzler bohrt in der Moral der großbürgerlichen Gesellschaft, Sigmund Freud wird an der Universität verlacht und lauscht in der Berggasse eigenartigen Träumen. Der Wortgigant Karl Kraus erklärt das Sirk-Eck am Ring zum Mittelpunkt der Stadt. Robert Musil martert sich Seite für Seite mit seinem "Mann ohne Eigenschaften" und wird ihn doch nie vollenden. Wien um 1900. Der Mythos ist nur eine Stadt, an der Peripherie entsteht eine andere. Am Gürtel endet der Mythos. Dahinter beginnt das Unbekannte, das Verbotene, der Dreck, die Kriminalität, die Prostitution. Dahinter liegt die Vorstadt.

Unauffällig wie ein überwachsener Grenzstein markiert heute der Goldene Pelikan, besser bekannt als Weinhaus Sittl, jene Trennlinie zwischen den beiden Städten der Jahrhundertwende. Das Sittl ist das letzte der großen Wiener Vorstadtwirtshäuser der Jahrhundertwende. Den Geruch des Verbotenen, des Anarchistischen hat es bis heute nicht verloren. "Hier, an diesem Eck, ist die Vorstadt der Jahrhundertwende noch präsent", schwärmen Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner. Die beiden Historiker haben eben ihre Arbeit über das "andere Wien um 1900" als Buch herausgebracht: "Die Anarchie der Vorstadt". "Die Stadt", erzählen sie, "das war das Licht. Gaslaternen, die die Dunkelheit der Nacht erträglicher machten." Licht, das die Menschen anzog.

Zwischen 1870 und 1900, also innerhalb von 30 Jahren, verdoppelt sich die Wiener Bevölkerung. 1910 beherbergt die Stadt über zwei Millionen (gemeldete) Einwohner, von denen 65 Prozent "fremdbürtig" sind. Während die Bürgerbezirke innerhalb des Gürtels stagnieren, kumuliert das Wachstum in den Vorstädten. Die Krise der Landwirtschaft in Südböhmen und -mähren während der frühen 1870er Jahre nährt das Wachstum der Metropole. Die verarmte Landbevölkerung wird zum unerschöpflichen Reservoir für den Arbeitskräftebedarf von Industrie und Gewerbe im Zentrum Wiens. Doch der sprunghafte Anstieg der Bevölkerung stößt an seine Grenzen.

Zinskaserne reiht sich an Zinskaserne. Auf dem Reißbrett wird die Stadt schachbrettartig verbaut und mit einer wienerischen Besonderheit versehen, der Behübschung. Das Vorstadtzinshaus hat nichts von den schmucklosen Ziegelsiedlungen der Arbeiterviertel in Mittelengland oder Deutschland. Das Wiener Zinshaus ist prunkvoll, einladend, kopiert die Palais der Oberen, es schirmt die Enge dahinter von der Straße ab. Denn 460.000 neu gebaute Wohnungen in den sechzig Jahren zwischen 1856 und 1917 reichen nicht aus, um das Wachstum der Stadt in den Griff zu bekommen. Zinswucher und Spekulation lassen die vorhandenen Wohnungen zu Massenquartieren werden. Bis zu 20 Menschen leben mit- und übereinander auf zwei Zimmern, Küche. Wasser und Klo teilt man sich am Gang mit ein bis zwei weiteren Wohneinheiten. Ganze Stadtteile werden zu Bettgehern. Im Jahr 1900 haben nur vier Prozent der Ottakringer Bevölkerung einen Raum für sich. Als die Zeitung Abend in derselben Zeit 68 Wohnungen in Brigittenau und der Leopoldstadt untersucht, zählt sie darin 404 Bewohner und errechnet, dass in 94 Prozent der Fälle die Fläche nicht einmal dem damaligen Pro-Kopf-Mindestraum in der Gefängnisordnung entspricht. Wer kein Dach über dem Kopf hat, nächtigt vor dem Ringofen der Ziegelfabriken auf dem Wienerberg oder in der "Schmittn" im Wienkanal, gleich außerhalb des Stadtparks - einer alten Schmiede, die während des Stadtbahnbaus eingerichtet wurde. "Angesichts dieser Realitäten", so die Autoren Musner und Maderthaner, "wirkt die gängige Glorifizierung von Wien um 1900 eigentlich unerträglich. Die ignoriert das soziale Elend der Zeit einfach."

In Dialekt, Volkslied, Spott, Hohn und Witz schafft sich die Vorstadt ihre eigene Identität, "als Gegenbewegung zur deutschen Hochkultur des Bürgertums", wie Maderthaner betont. Das Wirtshaus wird zu seinem Zentrum. Wo in Neulerchenfeld heute nur mehr das Sittl übrig geblieben ist, boomten die Schenken um die Jahrhundertwende. Alle acht Straßenmeter lockt ein "Tschecherl", ein "Cafe" oder eine "Weinstube". Was Montag bis Samstag erarbeitet wurde, wird Samstag und Sonntag versoffen und verspielt. "So würde trinken und tanzen, wer nur einen Tag aus der Hölle kommen würde", drückt es der Schriftsteller Ivan Cankar aus. Als König unter den Wirtshäusern gilt das Haus Zur Blauen Flasche, aus dem später das legendäre Tanzlokal Dumser aus Helmut Qualtingers "G'schupftem Ferdl" wird. Während im Prater der erste Vergnügungspark entsteht, versammelt sich die Vorstadt auf Jahrmärkten, Kirchenfeiern, bei Gaukler- und Schaustellerauftritten oder öffentlichen Hinrichtungen. Die letzte am 30. Mai 1868 bei der Spinnerin am Kreuz beschreibt der Feuilletonist Friedrich Schlögl als rauschendes Fest für jene, "die gerade nicht in Zuchthäusern, Spitälern und sonstigen k. u. k. Besserungsanstaltungen verwahrt" sind.

Dem bürgerlichen Blick der Innenstadt bleibt die Vorstadt verborgen. Gustav Klimt verewigt die Avantgarde des Bürgertums, während Egon Schiele, so heißt es, sich manches Frauenmodell aus Geldmangel jenseits der Trennlinie sucht. Stefan Zweig schreibt über die Schönheiten von "Schönbrunn", wenn er die Vorstadt meint. Arthur Schnitzler sucht das "süße Wiener Mädel" nicht im syphilisgeplagten Neulerchenfeld, sondern in der sicheren Distanz der Josefstädter Albertgasse. Die Trennlinie ist für die beiden Historiker Musner und Maderthaner mehr als nur eine geografische: "Es ist auch eine geistige Trennung. Wien besteht zu dieser Zeit aus zwei Städten. Dem Zentrum, in dem Schnitzler und Freud an der Auflösung des Ich arbeiten, und der Peripherie, wo die Arbeitergegenkultur eine gemeinsame Identität sucht." Einzig Felix Salten orientiert sich für seine "Josefine Mutzenbacher" an Gerichtssaal und Vorstadtleben und stellt der bürgerlichen Moral die Männerfantasie eines Hurenlebens gegenüber. Doch der literarische Chronist der Vorstadt schreibt nicht deutsch, sondern slowenisch. Ivan Cankar lässt seinen Roman-Protagonisten Jereb das Verhältnis des Vorstädters zum Glanz der Innenstadt zum Ausdruck bringen: "Er kroch gleichsam in sich, er beugte den Kopf, und mit Händen und Füßen wusste er nichts mehr anzufangen. Er schämte sich, er fühlte sich klein, verwahrlost, lächerlich; als würde er mit seinem Äußeren, seinem fadenscheinigen Anzug, seinem ängstlichen Vorstadtgesicht und seinen linkischen Gebärden das elegante Antlitz der Großstadt entstellen und verschandeln."

Die Distanz des Vorstädters zum Prunk des Corso unterscheidet sich in nichts von der Furcht des Mittelständlers vor den Siedlungen jenseits der Stadtbahnbögen. Die Vorstadt mit ihren Massen wird zum Belagerungsring, die Stereotypen passen sich den Ängsten an. Der Gürtel wird zu dem, als was er tatsächlich geplant war: "Ein Schutzboulevard nach Pariser Vorbild ist der Gürtel", meint Musner. "Das ist das Konzept von Haussmann in Paris, ein Aufmarschgebiet für das Militär im Fall von Aufständen und Unruhen zu schaffen, das die bürgerlichen Innenbezirke vor der Anarchie auf der anderen Seite abschirmen sollte." Denn dort treiben die Unruhestifter, Revolutionäre, "Strizzis", "Pülcher" und vor allem die "Platten" genannten Banden ihr Unwesen. Für die Vorstädter wird dabei so mancher Krimineller zum Helden, zum Verteidiger der Entrechteten, wie die Person des Einbrechers Johann Breitwieser, des "Robin Hood von Meidling", zeigt, um den sich ein ganzes Heldenepos rankt (siehe Kasten). Die Schmelz, gleichzeitig Erholungsort und "Wiens größtes Kaffeehaus" (Max Winter), wird zur zentralen Treff- und Kampfstätte der "Plattenbrüder". Dort tragen die Straßenkinder- und Jugendbanden ihre Auseinandersetzungen aus, die nicht selten zu regelrechten Bandenkriegen ausarten. Ihre Namen leiten sich in der Regel von den Anführern der Platte ab - etwa die "G'stutzte-Mirzl-Platte" (nach der kurzhaarigen Hehlerin Marie Herold) - oder von sozialen Kriterien wie bei der "Capskutscher-Platte" oder nach Plätzen wie bei der "Richard-Wagner-Platte" aus Neulerchenfeld. Die Platten werden zum Zentrum von Schutzgelderpressung, Diebstahl, Falschspielerei, Zuhälterei und Prostitution und beginnen langsam überhand zu nehmen. Die Kriminalität demontiert die gezogenen Grenzen zur Vorstadt.

Mit der Prostitution fließen Zentrum und Vorstadt ineinander. Während die Mädchen und ihre Zuhälter aus dem Vorstadtmilieu kommen, stammen ihre Kunden in der Regel aus der Mittelschicht. 80 Prozent, so eine Umfrage unter Jungärzten um die Jahrhundertwende, haben ihren ersten Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten, 15 Prozent mit dem tschechischen Haus- oder Dienstmädchen. "Die Josefine Mutzenbacher", so Maderthaner, "ist da mehr als nur eine Männerfantasie. Sie erzählt einen Teil der Vorstadt-Geschichte." 1907 berichtet der Rechtsanwalt Max Pollak, Verteidiger der "Scherzer-Platte" aus Hernals, in einem Monsterprozess über die Kunden seiner elf- bis 16-jährigen Mandantinnen, sie seien Kellner, Bäckermeister, Delikatessenhändler, Maler und Ärzte. "Die Prostitution", sind sich die Autoren Musner und Maderthaner sicher, "ist ein zentrales Moment der Auseinandersetzung zwischen Vorstadt und Zentrum. Die Huren wurden gleichsam zum körperlichen Synonym für die Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft durch die Massen der Vorstadt. Und die Vorstadt wurde mit allen möglichen weiblichen Begriffen versehen: hysterisch, unberechenbar, irrational."

Die Angst der Innenstädter davor, von unzähligen unkontrollierbaren Gewalttätigen überlaufen zu werden, bleibt aber nicht unbegründet. Zwar sind die alltäglichen Streiks in der Regel auf die Industrieanlagen in Simmering, Favoriten, Neulerchenfeld und Meidling beschränkt, manchmal greifen sie jedoch über. Etwa zu Ostern 1888, als ein Großteil der Bediensteten der Wiener Tramway-Gesellschaft die Arbeit niederlegt. Der Polizeieinsatz gegen die Streikenden endet in heftigen Auseinandersetzungen, Tumulten und Krawallen. Bei einem Aufstand im Jahr 1893 wird die Polizei in Favoriten bereits mit einem Steinhagel empfangen. In der Folge werden Scheiben eingeschlagen, Geschäfte und Kaffeehäuser geplündert, Laternen zerschlagen. Jüdische Bürger müssen unter Polizeischutz in Sicherheit gebracht werden. Die Armee, die die Innenstadt bedroht, nimmt reale Formen an.

Im Sommer 1911 kommt der Wohnungsmarkt endgültig zum Erliegen. Hernals, Ottakring, Fünfhaus, Rudolfsheim, Simmering weisen kaum mehr Wohnungsreserven auf, Meidling und Favoriten gar keine. Gleichzeitig steigen die Preise auf den Märkten an. Auf dem Simmeringer Lebensmittelmarkt kann nur mehr unter Polizeischutz verkauft werden. Am 17. September 1911 setzen die Wiener Sozialdemokraten eine Demonstration an. 100.000 Menschen ziehen Richtung Rathaus und Parlament. Als die Polizei den Rathausplatz räumen will, fliegen die ersten Steine. Am Tag danach wird bis zum ersten Stock des Rathauses kein Fenster mehr ganz sein. Schulen werden gestürmt, Geschäfte, Kaffeehäuser geplündert. Von der Innenstadt bis in die Vorstadt zieht sich eine Spur der Verwüstung. "Das Erstaunliche ist, dass trotz all der Spannungen und Konflikte der große Aufstand nicht da war", rätseln die beiden Historiker. "Aber vielleicht liegt das an der Vorstadtmentalität selbst. Man handelt sich lieber etwas aus, bevor man zuhaut." Der Tag der Anarchie blieb also ein einmaliges Ereignis. Und er war auch nicht die größte Demonstration Wiens. Dazu wird - wie könnte es anders sein - eineinhalb Jahre später ein Begräbnis. Sechs schwarze Pferde, 18 Kranzwagen, vier Trauerfourgons, 400 Arbeitersänger, der Posaunenchor der Hofoper sind aufgeboten, um einen Politiker aus den Reihen der Sozialdemokratie zu Grabe zu tragen. Nicht etwa ihren Gründer Victor Adler, sondern Franz Schuhmeier aus Wien-Margareten.

Patrik Volf in FALTER 49/1999 vom 10.12.1999 (S. 78)


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