Die große Rezession
Was zu tun ist, damit die Weltwirtschaft nicht kippt

von Paul Krugman, Heinz Fischer

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Verlag: Campus
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

In seinem Buch "Die Reichtums-Pyramide" stellt sich Thurow die nicht eben leichte Frage, wie langfristig gesamtwirtschaftlicher Reichtum unter den Rahmenbedingungen der durch die Verbreitung neuer Technologien geprägten "Dritten Industriellen Revolution" geschaffen werden kann. Nicht nur für ihn ist Wissen der entscheidende Faktor, der die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und die individuellen Teilhabemöglichkeiten beeinflusst. Bestimmend dabei sind zwei Faktoren: das Unternehmertum, das auf der Suche nach Profiten Altes zerstört und Neues aufbaut, sowie das Bildungssystem, das Produktivitäts- und Einkommenswachstum sowie dessen Verteilung entscheidend bestimmt.
Den USA – in der auch sonst wenig geglückten deutschen Übersetzung notorisch als "Amerika" bezeichnet – sei es laut Thurow bisher am besten gelungen, die Rahmenbedingungen für eine dynamische Unternehmerwirtschaft zu schaffen. Und nachgerade euphorisch bejubelt Thurow – dem Bill Gates als neuer Held gilt – den Reichtum, den einzelne Firmen geschaffen haben. Das Manko der USA sieht der Ökonom hingegen im Bildungssystem, das zwar in der Lage sei, Elitebildung hervorzubringen, nicht jedoch eine akzeptable Grundausbildung. Dies führt einerseits dazu, dass der entstandene Reichtum extrem ungleich verteilt ist – das oberste Prozent besitzt 39 Prozent des Gesamtvermögens der USA, und in den letzten zwei Jahrzehnten sind ausschließlich die Einkommen des obersten Fünftels der Einkommensverteilung gewachsen. Andererseits ist auch in langfristiger Hinsicht Skepsis angebracht: Aufgrund des niedrigen allgemeinen Bildungsniveaus ist das Produktivitätswachstum schwach und beeinträchtigt so das langfristige Wachstumspotenzial.
Europa hat laut Thurow aufgrund seines relativ egalitären Bildungssystems die besseren Ausgangsbedingungen. Notwendig erscheint ihm aber eine höhere unternehmerische Flexibilität und eine Verbilligung des Faktors Arbeit. Während Thurows Buch bezüglich politischer Handlungsanleitungen wenig hergibt, enthält es in der Analyse eine Vielzahl teils interessanter Einzelinformationen. Es gelingt aber nicht, dieses Kaleidoskop an Eindrücken in systematischer Weise darzustellen und bleibt in seiner Analyse oft zu oberflächlich. Von Lester Thurow war in der Vergangenheit schon Besseres zu lesen.Paul Krugmans neues Buch "Die große Rezession" hebt sich davon allein schon aufgrund der systematischeren Darstellung wohltuend ab. Ausgangspunkt sind die Finanz- und Wirtschaftskrisen in Asien, Russland, Lateinamerika, anhand derer gezeigt wird, wie knapp die Weltwirtschaft in den letzten beiden Jahren an einer schweren Depression vorbeigeschrammt ist. Krugman, Professor am Massachusetts Institute of Technology, scheut sich nicht, ein der Strukturierung der Gedanken dienliches einfaches Modell einer Volkswirtschaft einzuführen: Am Beispiel der baby-sitting-economy zeigt er, dass selbst in einem Mikrosystem, in dem die Eltern sich gegenseitig verpflichten, auf ihre Kinder aufzupassen, erhebliche Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage auftreten können.
Solche Störungen können in der Wirtschaft nur vermieden werden, wenn eine gemeinsame Institution eingeführt wird, die eine Stabilisierung des Gesamtwohls im Auge hat. In den letzten Jahrzehnten allerdings passierte das genaue Gegenteil: Im Zuge der Deregulierungseuphorie wurden viele ordnungsstiftende Institutionen abgebaut. Insbesondere die Liberalisierung im Bereich der Finanzmärkte, die am weitesten fortgeschritten ist, stellt ein enormes Problem dar: Während "Wirtschaftswunderländer" in euphorischen Zeiten von Spekulationskapital nahezu überschwemmt werden, kommt es bei Stimmungsumschwüngen zum Fiasko: Vertrauensverluste bei Investoren, Unternehmen, Banken und Haushalten verstärken sich gegenseitig und können Volkswirtschaften in eine tiefe Krise stürzen.
Krugman erachtet vor allem eine rasche Regulierung der Finanzmärkte als zentrale Notwendigkeit für die armen Länder. Ursachen für Probleme – und ihre Lösungen – liegen für den MIT-Ökonomen aber auch in den reichen Volkswirtschaften: In Japan und Europa sieht er das Hauptproblem in deren einseitiger Fixierung auf das Ziel absoluter Preisstabilität, was zu deflationären Tendenzen und Nachfragemangel geführt hat. Das neoliberale Politikmodell, das sich vor allem in Europa in den Neunzigerjahren durchgesetzt hat, ist mit den jüngsten internationalen Finanz- und Wirtschaftskrisen in eine schwere Krise geraten.
Krugman macht klar, dass dafür ein grundsätzlicherer Wandel in den theoretischen und politischen Vorstellungen über eine "richtige" Wirtschaftspolitik notwendig ist. Erst die nächsten Jahre werden zeigen, ob es gelingt, aus diesen Erfahrungen zu lernen und eine pragmatisch ausgerichtete Wirtschaftspolitik zu entwickeln.

Markus Marterbauer in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 26)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Reichtums-Pyramide (Lester Thurow)

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