Nymphomanie
Die Geschichte einer Obsession

von Carol Groneman, Sonja Schuhmacher, Rita Seuß

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Campus
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2001

Die Kriminalhistorikerin Carol Groneman hat sich über zehn Jahre lang mit dem Thema "Nymphomanie" beschäftigt.Das brillante Resultat ihrer Studien ist auch ein Buch über Männer und ihre Ängste.

Eine US-amerikanische Talkshow in den Neunzigerjahren. Der sichtlich erschöpfte Hilfssheriff von Broward County, Florida, ist zu Gast und erzählt. "Meine Frau kann nicht genug Sex bekommen. Sie ist unersättlich." Diagnose: Nymphomanie. Auf die Frage aus dem Publikum, wie oft sie denn Sex haben möchte, antwortet er "etwa vier Mal die Woche". Sexsucht, keine Frage.

Dr. Horatio Storer, US-amerikanischer Gynäkologe im 19. Jahrhundert, machte ähnliche Erfahrungen. Mrs. B. suchte ihn auf und klagte über "Lust". Schlimme Sache, aber Horatio Storer wusste, was zu tun ist. Bei der Untersuchung berührte er behutsam Mrs. B.s Klitoris, worauf diese aufkreischte, aber nicht vor Schmerz, sondern vor Erregung. Der Arzt war geschockt. Ohne ärztliche Behandlung, teilte er Mrs. B. mit, würde sie in einer Irrenanstalt landen. Sexuelle Lust als Geisteskrankheit?

Ein kurzer Blick in ein modernes medizinisches Lexikon. Nymphomanie: "Psychosexuelle Störung, bei der eine Frau von einem unstillbaren Verlangen nach sexuellen Aktivitäten mit verschiedenen männlichen Partnern beherrscht wird." Alles klar. Aber die Sache mit der Mannstollheit ist natürlich komplexer und eigentlich ganz anders. Carol Groneman, die an der New Yorker Universität Kriminalgeschichte unterrichtet, hat sich über zehn Jahre lang mit dem Thema befasst. Ihr Buch "Nymphomanie. Die Geschichte einer Obsession" ist dabei auch und vor allem ein Buch über Männer und deren Ängste.

Die klinischen Befunde, die Versuche, das sexuelle Begehren von Frauen in Begriffe und Therapien zu zwängen, ist nämlich ein Paradefall patriarchaler Ordnung. Denn maßgeblich für die Beantwortung der Frage, "wie viel Sex für eine Frau zu viel ist", waren im Laufe der Medizin- und Psychiatriegeschichte bloß die Meinungen von Männern. Nur Ärzte wussten exakte, sprich wissenschaftliche, Antworten. Heute freilich erinnern die wissenschaftlichen Deutungen der Nymphomanie eher an ekstatische Dichtung. Ein Beispiel gefällig?

Aus einem Gynäkologie-Buch aus dem Jahre 1923. Der Wiener Frauenarzt Bernhard Bauer, ansonsten verhaltensunauffällig, schreibt: "Wie bist du, Weib? Kannst du ergründet, kannst du enthüllt werden, du überirdisch-mächtig Wesen? Kann all das mystische Dunkel, das in dir und um dich webt, ergründet werden? Ich weiß die Antwort, gebe sie dir und allen, allen Menschen preis!" Vor allem die Männer sollten vor dem zerstörerischen Sexus der Nymphomanin gewarnt sein: "Wie oft hören wir, dass ein Weib in seiner Unersättlichkeit den Mann vollständig aussaugt! Es ist erwiesen, dass eine unersättliche Frau nicht bloß einen Mann, sondern mehrere vollständig zugrunde zu richten vermag. Ein Kannibalismus im Menschengeschlecht." Also Vorsicht.

Carol Groneman beschreibt anhand von zahlreichen Arzt/Patientinnen-Geschichten die Wandlungen der Nymphomanie im Laufe der letzten zweihundert Jahre. Anfänglich als somatischer Defekt beschrieben, wurde die Sexsucht der Frau durch den Einfluss der Psychoanalyse im zwanzigsten Jahrhundert eher als reine Nervenstörung wahrgenommen. Zuvor war man rasch mit Klitoris- und Ovarentfernung zur Stelle gewesen, um der weiblichen Lust Herr zu werden. Später wurde eher therapiert, aber die operative Verstümmelung der Frau findet sich nach wie vor als medizinische Praxis. Vor dem Hintergrund der keuschen bürgerlichen Frau war eine sexuell aktive Frau per se verdächtig, nymphomanisch veranlagt zu sein.

Die sexuelle Lust der Frauen wurde zunehmend hysterisiert und zu einem psychiatrischen Problem. An vorderster Stelle steht hier Freuds Theorie vom "richtigen Orgasmus". Frauen müssten in ihrer Sexualentwicklung vom ursprünglich klitoralen Orgasmus auf den vaginalen umstellen. Dies nicht zu schaffen, würde zur Frigidität führen, was dann auch zur Ursache der Nymphomanie erklärt wurde. Heute sind diese Mythen zwar überwunden, die Nymphomanie als kultureller Nexus der verschiedensten Fantasien ist aber nach wie vor aktuell.

Das Gegenstück zur Nymphomanie nennt sich übrigens bei Männern Satyriasis. Diese hat jedoch niemals dieselbe medizinische Betreuungsarbeit hervorgerufen wie die Sexsucht bei Frauen. Männer sind eben so, da braucht man keine Therapie. Oder wie es der bereits zitierte Gynäkologe Bauer formulierte: "Der Mann findet immer noch, wenn auch von einem wilden Wirbel der Sexualität erfasst, einen rettenden Ast - seinen Beruf!"

Interessante Überlegungen finden sich auch zur sexuellen Revolution und zur Pornographie. Wer jedoch prickelnde Geschichten erwartet, wird von Gronemans Buch enttäuscht sein. Es bietet eine in jeder Hinsicht emanzipative und mythenzerstörende Lektüre. Und so zeigt sich auch, dass im Zeitalter hedonistischer Lebensentwürfe sexuelle Reglementierungen bisweilen durchbrochen werden. Aktives Begehren bei Frauen ist keine Nervenstörung mehr, doch das sexuelle Verhaltenskorsett wird bei ihnen nach wie vor enger geschnürt als bei den Männern.

Franz Gutsch in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 29)


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