Der Türke
Die Geschichte des ersten Schachautomaten und seiner abenteuerlichen Reise um die Welt

von Tom Standage, Thomas Wollermann, Thomas Merk

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Campus
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist Tom Standage erzählt gleich spannend wie verlässlich von einer der berühmtesten Maschinen des beginnenden Industriezeitalters: Baron von Kempelens Schachautomaten.

"Dabei ist der Erfinder", notierte die deutsche Schriftstellerin Elise von Recke über Wolfgang von Kempelen, nachdem sie in Leipzig 1784 eine Vorführung seines Schach spielenden Automaten und der Sprechmaschine erlebt hatte, "nichts weniger als ein Charlatan, sondern räsoniert recht angenehm über die Mechanik seiner Maschinen". Auch habe ihr, schreibt sie weiter, der Baron aus Preßburg versichert, dass "er das Geheimnis selbst entdecken würde, und man sich alsdann sehr wundern würde, nicht darauf gefallen zu sein".

Baron von Kempelen (1734-1804) war ein hoher Beamter am Hofe Maria Theresias und Josephs II. und führte eine für die österreichische Aufklärung nicht untypische Doppel- und Mehrfachexistenz. In seinen "Muße- und Nebenstunden", die der habsburgische Leviathan ihm ließ, war Kempelen Dichter und Erfinder, wissenschaftlicher Aufklärer wie Schausteller im rational entertainment seiner Zeit. Seine berühmteste Erfindung ist bis heute der "Türke" geblieben, wie man die vor einem Holzkasten sitzende Puppe aufgrund ihrer orientalischen Tracht nannte.

Kempelens Androide unterschied sich zweifach von den anderen Automaten seiner Zeit. Während Vaucansons künstliche Ente gackerte und der Zeichner, der Schreiber und die Organistin aus der Werkstatt von Jaquet-Droz nur vorgegebene Partituren reproduzierten, hatte der Türke zum einen das schwerste aller Spiele, das Schach, erlernt. Zum anderen war er kein Automat, sondern ein Betrug: In der Maschine war natürlich ein menschlicher Spieler verborgen.

Kempelen hat sich deshalb nicht an sein Versprechen gehalten, das Geheimnis des Türken zu verraten, und so rätselte man, wo immer sein Automat von 1770 bis 1854 auftrat, wie die Täuschung funktionierte. Für einen kurzen historischen Moment schien es manchem Beobachter sogar möglich, dass die leblose Maschine aus Holz, Seilzügen und Rädern tatsächlich Schach spielen könnte. Zwar waren Zweifler wie Friedrich Nicolai in Berlin oder Henri Decremps in Paris stets in der Überzahl - Kempelens Trick war jedoch durch seine Inszenierung einer der charmantesten Bluffs in der Technikgeschichte.

Seit seinem ersten Auftritt ist seine Mensch-Maschine, gerade indem sie "getürkt" war, eine der produktivsten Metaphernmaschinen des Industriezeitalters, die von der Frühromantik bis zur Gegenwart Literatur und Philosophie beschäftigt. Bei E.T.A. Hoffmann und Jean Paul ist der "Türke" ein groteskes wie unheimliches Symbol verfehlten Lebens, Walter Benjamin verwendet das Gleichnis in den Thesen "Über den Begriff der Geschichte" und auch Roy Batty, der nietzscheanische Replikant in Ridley Scotts "Blade Runner", spielt Schach, bevor er vor seinen Schöpfer tritt und ihm das Genick bricht. Selbst Alan Turing, kein großer Geschichtenerzähler, erwähnt den Türken in einem seiner Aufsätze als historische Referenz für den Bau von Schachcomputern.

Die Geschichte des Türken vermag offenbar archetypische narrative und metaphorische Strukturen zu erzeugen, deren Elemente ständig neu codiert und aktualisiert werden können. Mehr als andere Androiden des 18. Jahrhunderts eignet sich Kempelens Maschine daher zur Re- und Dekonstruktion der Kultur technischer Rationalität. Sie repräsentiert einerseits eine nach Disziplin, Kontrolle und Effizienz strebende Lebensform und ist zugleich, da ein Mensch in ihr verborgen ist, die Parodie darauf. Durch diese Ambivalenz kann von der Hybris des Automatenbauers erzählt werden, von den Grenzen der Simulation und nicht zuletzt vom Sieg des Gauklers über eine durch das Glücksversprechen der Technik blind gewordene Öffentlichkeit. Das Wiener Kempelen-Archiv umfasst derzeit fast 1200 Einträge, ein Ende der Kempelen-Rezeption ist nicht abzusehen.

Nun hat sich der englische Wissenschaftsjournalist Tom Standage der Geschichte des Türken angenommen, und er hat sie intelligent, unterhaltsam und verlässlich erzählt. Auf kaum 200 Seiten lässt Standage die wichtigsten Stationen der seltsamen Karriere des Türken und seiner Reisen rund um die Welt Revue passieren: Vom ersten Auftritt 1770, den Tourneen durch Europa und später, als Nepomuk Maelzel nach Kempelens Tod die Vorführungen leitete, durch die USA und Kuba bis zum Ende des mechanischen Schachspielers bei einem Brand in Philadelphia 1854. Breiten Raum widmet Standage den unzähligen Decouvrierungsversuchen, die unternommen wurden, um das Rätsel zu lösen.

Standage orientiert sich vor allem an der angloamerikanischen Tradition der Kempelen-Rezeption und ergänzt die Arbeiten von George Allan, Bradley Ewart und das im Vorjahr erschienene Buch von Gerald Levitt mit eigenen Recherchen im Umfeld. Ungarische und deutschsprachige Quellen werden dagegen eher kursorisch behandelt. Obwohl die Fakten über die Reisen des Türken bekannt sind, gelingt es Standage, sie in einem relativ neuen Kontext zu betrachten: Er erkennt im spätbarocken Schachspieler einen Vorboten der künstlichen Intelligenz und der postindustriellen Revolution. Trotz der Fülle an Forschungen in den letzten 200 Jahren macht Standage sogar einen nicht unbedeutenden Fund in Form eines bislang verborgen gebliebenen Briefes Kempelens aus 1774.

Man mag bei der Einordnung des Türken in die Tradition künstlicher Intelligenz anderer Ansicht als Standage sein, eingefleischte Kempelenianer wüssten auch gerne, wieso Graf Cobenzl der Erste war, der gegen den Türken antrat. Und wer sich über die Automatengeschichte eine Foucault'sche Genealogie von Disziplin und Kontrolle erwartet, ist im falschen Buch, doch Standards Bericht ist flüssig, fast drehbuchartig erzählt. Sein Türken-Buch ist in der Reihe von Wissenschafts- und Technikabenteuerbüchern wie Simon Singhs "Fermats letzter Satz", Dana Sobels "Längengrad" oder Nathaniel Philbricks Moby-Dick-Recherche "Im Herzen der See" zu betrachten. Was früher dem erdschweren historischen Roman vorbehalten war oder hermetischen Arbeiten zur Technikgeschichte, die auch als Schlafmittelersatz gehandelt werden könnten, hat in der Gegenwart ein neues Genre hervorgebracht.

Wie Kempelen selbst bewegt sich Standage im rational entertainment seiner Zeit, ein anspruchsvolles Publikum will heute wie im 18. Jahrhundert durch "spannende" Geschichten unterhalten und informiert werden. Ob es tatsächlich ein Interesse an Wissenschaft ist, das die Menschen und den Buchmarkt bewegt, mag bezweifelt werden, auf alle Fälle ist es ein Interesse an Geschichten. Und wenn sie wahr sind, umso besser.

Man könnte darüber spekulieren, woher die rezente Nachfrage nach (Technik-)Historie kommt. Vielleicht ist es gerade das tausendfach propagierte Ende der Geschichte im Singular, das den Bedarf an Geschichten sprunghaft steigen lässt. Man könnte fragen, wie beides zusammenhängt und welches kulturelle Narrativ hier bedient wird. Für das "angenehme Räsonieren" über Technik, wie es Elise von Recke bei Kempelen lobt, ist Standages Erzählung bestens geeignet: eine ziemlich erstaunliche Geschichte, ebenso verständlich wie verlässlich erzählt.

Ernst Strouhal in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 26)


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